Du betrachtest gerade Theresia Walsers „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ – Wechselspiel Selbstbild/Abbild von Diktatoren-Ladies

Wenn ein Seminar wie „Unter Spiegeln – Kultur, Geschichte, Metaphorik des Spiegelns“, das heute übrigens seinen Abschluss findet, sich mit dem Wechselspiel von Abbild und Selbstbild beschäftigt, dann ist Theresia Walsers „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ fast zwangsläufig ein Schlüsseltext. Denn hier wird das Spiegeln nicht als hübsche Idee verhandelt, sondern als Technik der Selbstbehauptung. In der grotesken Wartesituation vor der Pressekonferenz treffen drei ehemalige First Ladies aufeinander: Noch bevor die perfekte Darstellung „gesetzt“ ist, zeigt sich der Kampf um Deutungshoheit. Wer im Spiegel erscheint, will nicht verstehen – sondern bestehen.

Zunächst stellt sich für mich die Frage: Welches Gesicht hat das Böse?

Die Autorin Theresia Walser macht in ihrem Stück „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ das Böse nicht zum „Monster weit weg“, sondern verhandelt es über eine grotesk zugespitzte Situation: Frau Margot (Nicole Kersten), Frau Imelda (Karin Klein) und Frau Leila (Gabriele Drechsel) sollen gemeinsam bei einer Pressekonferenz darüber sprechen, wie sie sich die jeweilige Verfilmung ihres Lebens vorstellen. Dass die Zuschauer den drei Selbstdarstellerinnen dabei noch vor dem Auftritt begegnen, ist entscheidend. Die perfekte Fassade steht noch nicht. Damit wird auch die Macht der Selbstdarstellung sichtbar, aus welcher Selbsterkenntnis normalerweise herausgehalten wird: Ausweichmanöver, Machtphantasie, das Bedürfnis, nicht gehört zu werden, sondern zu „verführen“.

Die Gespräche kippen – nicht in Erkenntnis, sondern in harten, selbstgewissen Streit. Nicht die Frage „Wie war es?“ steht im Zentrum, sondern „Wie wird es behauptet?“. Schon hier funktioniert das Spiegeln: Die Figuren betrachten sich im Publikum, und das Publikum spiegelt zurück, was es von ihnen erwartet. Walser fragt nach dem Bösen anhand der Mechanik von Darstellung, Macht und Schönheit. Ausgelöst ist diese Beschäftigung durch die Frage, wie eine Gleichheit behauptet werden kann

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(„Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“), wenn im Inneren doch Kränkung, Überlegenheit und Selbstbestätigung regieren.

Und wie ist die Reaktion auf Selbstdarstellung von Politikerinnen?

Gerade deshalb wirkt die Aufführung heute so politisch, wenn auch indirekt: Dass das Stück „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ nach seiner Zeit am Staatstheater Darmstadt Premiere war im Dezember 2008 nun wieder in Meiningen und am Schauspiel Frankfurt zu sehen ist, lässt sich auch als Reaktion auf die sich neue zweite Amtszeit Donald Trumps lesen.

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Die Darmstädter Premiere dagegen fiel in die erste Amtszeit von Donald Trump und spielte sicherlich auch auf seine First Lady Melania an.  Als die Meldung von Donald Trumps Aufstieg 2016 noch frisch und brennend war, brauchte es nicht nur Bühnen, sondern auch das Fernsehen: Carolin Kebekus schlüpfte in ihrer „Melania“-Parodie „PussyTerror TV“ (ursprünglich Dezember 2016) in die Rolle der künftigen First Lady und machte gerade aus dem Glanz eine Art Sprechblase – lässig, geschniegelt, im Kern aber sinnentleert, um entlarvt zu werden.

Genau in dieser Spannung zwischen Oberfläche und Inhalt liegt der gemeinsame Fluchtpunkt zu Theresia Walsers „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“: Die Frage, wie Öffentlichkeit sich selbst spiegelt, wie Schönheit zur Argumentationsform wird und wie leicht aus Selbstdarstellung ein Zwang zur Selbstbestätigung entsteht. Vor diesem Hintergrund gewinnt auch das Seminar „Spiegeln – Kultur, Geschichte Metaphorik des Spiegelns“ an Schärfe: Spiegeln ist hier nicht nur Darstellung, sondern Deutungshoheit – und damit Macht.

Wenn das Stück nun erneut auf den großen Bühnen Einzug hält am Theater Meiningen und am Schauspiel Frankfurt, wirkt es wie eine konsequente Fortsetzung dessen, was die Parodie damals verkürzt und zugespitzt hat: nicht nur darüber zu lachen, was glänzend präsentiert wird, sondern darüber, wie diese Inszenierung die Realität aktiv zum Schweigen bringt und jede echte Gegenrede als Störung behandelt.

Figurendeutung

Genau daran knüpft sich für mich die Verbindung zu dem Seminar „Spiegeln – Kultur, Geschichte, Metaphorik des Spiegelns“: Spiegelbilder sind nie nur Abbild, sondern Machtinstrument. Walser lässt die Damen wie Lautsprecher zur Welt sprechen – wenig Zuhören, kaum Verstehen, dafür permanente Korrektur der Wirklichkeit. Der Übersetzer Gottfried wird zum Gegenpol: Er versucht zunächst, wirklich zu übersetzen, also zu hören. Später rettet er mit Falschübersetzungen, was nur noch zu retten ist. In dieser Dynamik liegt der Kern der Selbsterkenntnis: Wer hören will, verändert sich. Wer nur sendet, bleibt sich – und damit dem Spiegel – ausgeliefert.

Frau Margot (Nicole Kersten) erscheint als Frau, die ihre Disziplin noch immer aus einem Pflichtgefühl heraus verteidigt: kontrolliert, spitz im Ton und dennoch sichtbar getrieben von Kränkung. Sie spricht, um zu korrigieren – und nicht, um sich korrigieren zu lassen. Frau Imelda (Karin Klein) setzt dagegen auf Glanz als Methode. Ihre Selbstdarstellung ist glänzend und pointiert, fast performativ, als müsse jede Aussage zugleich visuell „stimmen“. Doch wenn die Bühne den Widerspruch nicht tilgt, kippt das Selbstvertrauen in harsche Selbstbehauptung. Frau Leila (Gabriele Drechsel) treibt diesen Anspruch an Schönheit und Erhabenheit bis an die Grenze: Poesie wird zur Forderung, Abweichung zur Störung, und am Ende entlarvt sich das Überlegenheitsgefühl als Abwehr – gegen Zweifel, gegen Unsicherheit, gegen das Unplanbare.

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Damit wird auch die Rolle von Gottfried (Mathias Znidarec) zum Schlüssel: Als Übersetzer steht er zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gemeint ist. Anfangs versucht er wirklich zu verstehen; später versucht er mit Falschübersetzungen zu retten, was längst nicht mehr gerettet werden kann. So wird in dieser grotesken Pressekonferenz sichtbar, was das Stück über Spiegeln sagt: Spiegeln kann Erkenntnis ermöglichen; es kann aber auch Eitelkeit stabilisieren, weil der Blick zurück nur bestätigt, was man ohnehin sehen will.

Neueste Entwicklung der Selbstvermarktung Dokumentation Melania?

Das „Spiegeln“ bekommt für mich zusätzlich Gewicht, wenn man die aktuelle Dokumentation „Melania“ (2026) als zusätzliches mediales Spektakel heranzieht. Während professionelle Filmkritik den Streifen häufig als inhaltsleeren, glorifizierenden Imagefilm abtut, zeigen sich Anhänger äußerst begeistert. Die Stimmenkluft ist dabei so deutlich, dass sie fast schon wie ein Symptom gelesen werden muss: Ein Teil der Zuschauer sieht Schönheit und Inszenierung, ein anderer erkennt die Leerstelle. Bei Rotten Tomatoes etwa liegt der Konsens der Kritiker drastisch niedriger, während die verifizierten Publikumsbewertungen extrem hoch ausfallen.

Walser liefert dafür eine literarische Erzählform. „Schönheit“ ist in ihrem Stück nicht nur ein Thema – sie ist Strategie. Die Damen benutzen Glamour als Schutzschild, als Begründungsmaschine und als Ersatzerzählung für Verantwortung. Doch auf der Bühne fällt dieses Schild in der Wartesituation, in den fehlenden Blumen, in dem plötzlichen Ungenügen der Welt, die nicht nach Plan funktioniert. Was bleibt, ist die Eitelkeit als Motor: nicht die Frage, was richtig ist, sondern die, was „richtig aussieht“. Und damit wird der Spiegel unangenehm ehrlich.

Denn Walsers größter Stich geht dahin, dass „darstellungswürdig“ nicht dasselbe ist wie „verständlich“. Gottfrieds Existenz zeigt außerdem, wie teuer uneingeschränkte Herrschaft ist: Sie braucht Mitspieler, die einander nicht wirklich begegnen. Wer Macht will, braucht eine Welt, in der man nie widersprochen bekommt. Walser entlarvt dieses Modell als narzisstisches Sender-Sein – als Bedürfnis nach Redezeit, Applaus und Bestätigung, das auch dann nicht verschwindet, wenn die Bühne längst zur Warteschleife geworden ist. So wird „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ zu einer entlarvenden Parabel: Das gefährliche Versprechen der Gleichheit wird zum hübschen Etikett für das eigene Überlegenheitsgefühl.

Am Ende bleibt die entscheidende Wirkung: Das Stück macht sich nicht nur über Macht lustig; es zwingt dazu, das eigene Verhältnis zu Medien, Machtstrukturen und Selbstdarstellung zu reflektieren. Wie oft sehen wir bei Berufspolitikern nicht Selbsterkenntnis in einer Pressekonferenz, sondern nur die nächste, besser inszenierte Pose? Wie leicht suchen wir das „Monster“, das angeblich weit weg ist, statt nach den Gottfrieds und Margots in uns und um uns herum zu fragen?

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Wenn „Spiegeln“ hier etwas Metaphorisches meint, dann: Die Bühne zeigt dem Zuschauer nicht nur fiktionale Figuren, sondern schärft unseren Blick auf die Mechanismen der Selbstinszenierung – und damit auch das Begehren des Volkes, entweder einen Politiker schnell zu verurteilen oder zu bewundern, ohne sein Inszenierungstalent zu hinterfragen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL

Lieber Kulturbotschafter!

Wieder geht ein Seminar zu Ende und ich danke Dir stellvertretend für alle Schreibenden und Lesenden des UniWehrsEL, den Unterstützenden der Schreibwerkstatt und natürlich denen, die uns mit Bildern (Danke an Pixabay) nochmals halfen, unsere Beiträge abwechslungsreicher zu gestalten! Ich hoffe, dass Ihr/Sie uns auch im Wintersemester 2026/27 weiterhin mit den Beiträgen zur Seite steht.

Selbstverständlich freuen wir uns auch auf Bilder und Beiträge in den Semesterferien!

Beste Grüße vom UniWehrsEL (Elke Wehrs)

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:15. Juli 2026
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