Goldie baut mit großer Hingabe und ungewöhnlicher Energie ihr Haus um; auch wenn sie schwer krank ist. Ihr Kater Apollo schnurrt dabei, und Goldie bringt Dinge zur Sprache, die man sonst kaum ausspricht. Als es plötzlich klingelt, steht ihr frisch verliebter Vater mit seiner Geliebten vor der Tür. Voller Glück landet er ausgerechnet am Sterbebett seiner Tochter und begreift erst nach und nach die Lage. Eine Leserin des UniWehrsEL hat sich „Tanzende Idioten“ im Schauspiel Frankfurt angesehen.
Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,
Bei über 40 Grad fand ich am 28.06. ein erstaunlich gut klimatisiertes Plätzchen im Schauspiel Frankfurt – und zwar genau rechtzeitig, um mir „Tanzende Idioten“ von Thorsten Lensing (auch zu bestaunen beim asphalt Festival in Düsseldorf) anzuschauen. Während draußen die Hitze vibrierte, wurde ich drinnen mit der Frage: Was bleibt von uns, wenn die Welt kippt, und wie wird aus dem bloßen Weiterleben eine echte Entscheidung für das eigene Leben? konfrontiert.
Der Abend nähert sich dieser Fragestellung wie bei der ersten „Mondlandung“ nicht über Pathos, sondern über Material: Lensing lässt Goldies kosmische Reise größtenteils auf originalen NASA-Zitaten basieren. Damit kippt das Heroische ins Komische und ins Menschlich-Fehlbare. Die ersten Astronauten waren Anfänger – wie jeder Sterbliche. Beide sind dem Unbekannten ausgesetzt und in jedem Moment auf Hilfe angewiesen.
Überlebenskunst ist hier also nicht „Heldentum“, sondern das Erlernen von einer neuen Reise ins Ungewisse. Im Verlauf von „Tanzende Idioten“ teilt das Publikum mit Goldie Abschied und Gegenwart zugleich: von wilden Kajakfahrten über ausartende Saunabesuche bis zu tanzenden Menschen, dem Geruch von frischem Holz und den verschwommenen, wiederkehrenden Erinnerungen an das Baby-Leben.
Im Schauspiel Frankfurt trifft „Tanzende Idioten“ den Nerv dessen, was im Seminar „Überlebenskunst in bewegten Zeiten“ verhandelt wird: nicht das reine Durchhalten, sondern die Frage, wie Menschen im Taumel von Verlust, Angst und Chaos noch Handlungsfähigkeit finden; und sich selbst dabei nicht verlieren.
Der Kater
Der Kater kommt nicht als „Symbol“, sondern als eigenständiger Blick auf das Gesehen. Sebastian Blomberg sitzt auf allen vieren, trägt eine eigene Stille mit sich, sieht, was wir nicht sehen, hört, was unsere Ohren auslassen. Er beurteilt nicht, erwartet keine Antwort, zurückzukehren braucht er schon gar nicht. Für diesen Abend ist das fast wie eine Schule der Überlebenskunst: nicht alles ins Menschliche übersetzen, nicht sofort Sinn erzwingen, sondern den Raum des Anderen wahrnehmen und darin zugleich lernen, dass Leben mehr umfasst als eine Geschichte.
Und dann wird es hart und zugleich behutsam: Nahrung, Verschlingen, das unmittelbare Zusammenspiel von Leben und Tod. Im offenen Mund des Katers erscheinen Reste des Fisches und damit ein Bild, das „Überlebenskunst“ nicht romantisiert: Was Nahrung ist, ist beim Raub zugleich der Tod des anderen. In „Tanzende Idioten“ schließen sich Liebenswürdigkeit und Gefährlichkeit nie aus, sondern treten im schnellen Wechsel nebeneinander.
Gerade weil die erste und letzte Figur des Abends ein Kater ist, bleibt der menschliche Raum von Anfang an entlastet: Theater ohne Tiere wäre nur eine menschliche Leerstelle. Hier dagegen werden die Figuren nicht nur durch Worte erzählt, sondern durch Körperzustände. Goldie lebt in einem Körper voller Kraft, der Schritt für Schritt abnimmt, bis Bewegungslosigkeit bleibt. Apollo lebt als Kater in einer anderen Physiologie. Tony und Vivian tragen Altersspuren wie Erfahrungsberichte: Narben, Einschusslöcher, Eheringe; Zeichen davon, wer sie waren und dass sie lange überlebt haben.
Überlebenskunst ist keine Metapher. Sie ist nicht „jung bleiben“, nicht „durchhalten müssen“, sondern Lebenslust auch im Alter – und zwar ohne sich mit weniger zufrieden zu geben. In Goldies Zimmer wird Kajakfahren simuliert; für eine Weile gelingt schwereloses Gleiten, ein Happy End inmitten des ungewissen Ausgangs. Doch die Zukunft ist gefährdet. Die Geschichte führt hin zu dem, was man sonst nicht gern ausspricht: dass wir „alle auf einer Baustelle“ sterben. Goldie baut ihr Haus um, als könnte sie damit das Sterben leichter machen. Die Baustelle ist ein Sinnbild für das Leben. Es ist nie fertig, sondern es kommen immer neue Teile hinzu die aus einem Leben eine Baustelle machen.
Ein lebloser Körper ist kalt. Kurz vor ihrem Ende aber spürt Goldie noch einmal Wärme; in Sauna, Tanz, im Heizen des Körpers. Ihr letzter Tanz ist Abschied und Erinnerung an Intensität zugleich: nicht die Illusion, dass alles gut ausgeht, sondern die Kunst, im letzten Raum noch einmal zu bewohnen, was Leben ausmacht. Und schließlich die Logik des Theaters selbst: Goldie „stirbt“ nicht erst, wenn der Abend endet, sondern in dem Moment, in dem Ursina Lardi aufhört, Figur zu sein. Am Ende bleibt der Kater allein – und wartet.
Überlebenskunst hat viele Gesichter – Minaturdialoge
Thorsten Lensing nimmt dafür nicht einfach einen ganzen Text, sondern macht aus Denis Johnsons Geschichten etwas Essenzielles:: herbe Lakonie, Dringlichkeit, ungeschminkte Wahrheit. Und genau dort setzt „Überlebenskunst“ an. Nicht als Lösung, nicht als Moralpredigt, sondern als Praxis: als Fähigkeit, inmitten von Schmerz, Schuld, Verlust und Vereinzelung eine Haltung zu finden. Der Abend zeigt Überlebenskunst in vielen Gesichtern: als hektische Wärme gegen Erstarrung, als Witz gegen das Endgültige, als Zärtlichkeit gegen die Kälte dessen, was „Tod“ heißt. Goldie, grandios vital trotz brüchiger Existenz, macht dabei vor, wie selbst der körperliche Verfall nicht nur traurig ist, sondern ein Teil des Lebenswegs den ein Mensch gehen muss.
Auch das Verhältnis von Tony/Hunter und den Zärtlichkeiten, die zwischen Menschen möglich sind, bleibt im Zentrum. Die Figuren tragen Fragen, die man nicht wegdiskutieren kann: Was formt das Geschenk des Lebens, bevor man sich selbst erinnern kann? Wie findet man die Sprache wieder, wenn „man im Schmerz allein“ ist? Lensing lässt diese Fragen nicht stehen – er sorgt für Rührung. Und das gelingt über den Wechsel von Miniaturdialogen und scharfen Schnitten. Es gelingt mit kleinen theatralischen Gesten, die das Innere sichtbar machen.
NASA-Protokolle als Sprachstil
Besonders eindrücklich ist dabei die Sprache des Ganzen, die in diesem Abend mitschwingt: Wenn Neil Armstrong aus NASA-Protokollen zitiert wird und „hochgerüstete Affen“ sagt, dann wird Größe entzaubert und zugleich neu geerdet. Der Blick aufs All macht den Menschen nicht klein, sondern wahr: existenziell, fehlbar, lebendig. Überlebenskunst ist dann nichts anderes als das Beharren auf Wahrhaftigkeit.
Natürlich endet der Abend nicht mit Triumph. „Mit jedem Tod stürzt eine Welt ein“; und doch bleibt das Entscheidende: dass diese Welten noch einmal sichtbar gemacht werden, gerade bevor sie zerbrechen. Der letzte Moment ist nicht nur Trauer, sondern Beweis für die Existenz der verstorbenen Person. Überlebenskunst betrifft hier auch die Angehörigen, die ihre Gefühle zum Verstorbenen nicht verdrängen; dass man hinschaut. Dass man dem Leben, auch wenn es bricht, die Würde lässt, noch einmal ganz da gewesen zu sein.
Genau deshalb berührt „Tanzende Idioten“ die Zuschauer. Es erzählt nicht vom Kampf gegen das Schicksal als Heldenstory, sondern vom Finden von Wegen, weiterzuleben; durch Lachen, durch Zärtlichkeit, durch unvernünftige Hoffnung, durch den Mut, das eigene Innere nicht aufzugeben.
Liebe Grüße
Simon Syntax



