Du betrachtest gerade Kultur: Die japanische Philosophie des Wabi Sabi und die Verbindung zu Chronos, Kairos und Aion

Vor einiger Zeit präsentierte uns der Fotograph Winfried Heyland im Rahmen des Seminars „Storytelling“ einige seiner Bilder zu „Wabi-Sabi“. Es ist eine ganz besondere Kunst, auch im Alltäglichen, im Altern oder im Zerbrochenen das Besondere zu entdecken. Dahinter steht die japanische Philosophie „wabi sabi“, die davon ausgeht, dass nichts vollkommen und nichts für immer ist, denn nichts steht still. Wabi-Sabi verbindet sich auch mit den griechischen Zeitbegriffen Chronos, Kairos und Aion, da die japanische Ästhetik des Vergänglichen tiefe Dimensionen von Zeitlichkeit berührt.

Wir leben in einer Epoche, die ihre eigene Endlichkeit so präzise misst wie keine Kultur vor ihr. Unsere Smartphones zählen Schritte, Kalorien und Schlafeffizienz; die Finanzmärkte agieren in Nanosekunden, und der Alltag moderner Menschen gleicht einem logistischen Meisterwerk. Wir haben die Zeit domestiziert, sie in exakte, gleichförmige Intervalle zerlegt. Doch je perfekter wir die Zeit messen, desto mehr scheint sie uns zu entgleiten. Das Ergebnis ist eine kollektive Erschöpfung, eine chronische Kulturkrankheit. Im Spiegel der Zeitphilosophie – von den griechischen Begriffen Chronos und Kairos bis zur niederländischen Philosophin Joke Hermsen und der japanischen Ästhetik des Wabi-Sabi – zeigt sich: Unser Wohlbefinden entscheidet sich nicht daran, wie viel Zeit wir haben, sondern in welcher Dimension von Zeit wir existieren.

Schauen wir zunächst auf die Verbindung zwischen Wabi-Sabi und Chronos, der linearen Zeit. Chronos ist die messbare, ablaufende und quantitative Zeit, die sich in der Uhrzeit oder dem Altern von Material manifestiert. Verbinden wir es mit der Philosophie des Wabi-Sabi zeigt sich, der Teilaspekt Sabi in Wabi-Sabi ist direkt an Chronos gekoppelt; erkennbar in der Patina, dem Rost, den Rissen in einer Teeschale oder dem Verblassen von Holz. Es ist das sichtbare Zeugnis davon, dass Chronos unerbittlich voranschreitet und Spuren hinterlässt.

Image Winfried Heyland

Nun verbinden wir Wabi-Sabi und Kairos, dem „rechten Augenblick“. Kairos ist der qualitative, gefühlte Augenblick – der „günstige Moment“ für eine Erkenntnis oder das Erleben des Jetzt. Wabi-Sabi ist eine Praxis der Achtsamkeit. Um die stille Schönheit eines unvollkommenen, im Wind zitternden Blattes oder auch dem Sprung in einem Gefäß wahrzunehmen, braucht es den Sinn für Kairos. Es ist das Innehalten im Moment, das den Wert des unperfekten Gegenstands im „Hier und Jetzt“ enthüllt.

Wabi-Sabi verbindet sich mit Aion, der „Ewigkeit“. Aion ist die unendliche, ewige, zeitlose Zeit – das Sein an sich, der Kosmos ohne Anfang und Ende. Im Zen-Buddhismus, der Wabi-Sabi prägt, spiegelt sich im Vergänglichen (Sabi) immer auch das Unveränderliche wider. Das Vergehen der Form ist Teil eines ewigen kosmischen Kreislaufs. Wabi-Sabi verweist somit auf Aion, indem es im hinfälligen, sterblichen Gegenstand eine zeitlose, universelle Wahrheit berührt.

Schauen wir uns die Wabi-Sabi-Verbindung unter den Aspekten der  Entschleunigung, dem Widerstand gegen das Diktat des Chronos an. Nutzen wir den  „kairotische Moment“ in Kunst und Alltäglichem. Wenden wir uns der schöpferischen Melancholie und der Akzeptanz der Vergänglichkeit zu.

Image by jstarj from Pixabay zu großen Denkern

Für die Philosophin Joke Hermsen (unser Beitrag zu ihrer Philosophie, die auf die großen Denker zurückgreift) ist „Kairos“ die Zeit, in der wir die Uhrenzeit vergessen. Dieser Moment bricht die Linearität auf und schenkt uns eine tiefere Verbindung zur Welt. Sie betont, dass vor allem Kunst, Musik und Literatur solche kairotischen Durchbrüche auslösen können.

Foto W. H.

Darin liegt die Wabi-Sabi-Verbindung, denn Wabi-Sabi institutionalisiert diesen kairotischen Moment im Alltag – beispielsweise in der Teezeremonie (Chado). Wenn man die Vergänglichkeit eines herbstlichen Blattes oder den Riss in einer Keramik bewusst wahrnimmt und darin Schönheit erkennt, erlebt man genau das, was Hermsen als einen „qualitativen Augenblick der Einsicht und Verbundenheit“ beschreibt.

In „Melancholie in unsicheren Zeiten“ (dazu auch der Beitrag Melancholie in der Poesie – Nahid Ensafpour) grenzt Hermsen die gesunde Melancholie strikt von der klinischen Depression ab. Melancholie entsteht laut ihr aus dem Bewusstsein unserer Vergänglichkeit und dem Verlust des „kindlichen Einsseins mit der Welt“. Wenn wir diese Traurigkeit jedoch annehmen, wird sie zu einer schöpferischen und hoffnungsvollen Kraft. Darin liegt die Wabi-Sabi-Verbindung. Denn es ist die exakte Definition von Sabi. Im Japanischen beschreibt Sabi eine sanfte, bittersüße Melancholie angesichts des Vergehens der Zeit.

Foto W. H.

Wabi-Sabi verdrängt den Verfall nicht (wie es unsere Chronos-optimierte Welt tut), sondern integriert ihn. Es transformiert die Traurigkeit über das Altern in eine ästhetische Wertschätzung. Es ist die Akzeptanz der „Scherben“, die das Leben lebenswert macht.

Foto W. H.

Diese Einsicht gipfelt im „Glück des Zeitlosen“, im Aion. Hermsen spricht davon, dass eine produktiv gelebte Melancholie uns das kindliche „Glück des Zeitlosen“ zurückgeben kann. Dies ist der Zustand, in dem wir ganz im Sein verankert sind. Und wieder lässt sich die Wabi-Sabi-Verbindung herstellen. Im Zen-Buddhismus führt der Blick auf das Vergängliche (Wabi-Sabi) direkt in die Erfahrung der Leere und des zeitlosen Raums (Aion). Wer die Unvollkommenheit akzeptiert, hört auf, der Zukunft hinterherzujagen, und dockt an das zeitlose Sein an.

Man könnte sagen: Wabi-Sabi könnte als die angewandte, materielle Praxis von Joke Hermsens Zeitphilosophie verstanden werden. Hermsen liefert die Sehnsucht nach dem Ausbruch aus Chronos – Wabi-Sabi bietet das konkrete Objekt; das Innehalten und Verzaubertsein von einem kairotischen Moment, an dem dieser Ausbruch im Hier und Jetzt gelingt.