Du betrachtest gerade Pop Geplauder: Musikvideo „Petal“ von Ariana Grande – heimliche Botschaft oder nur ein Retro-Trend?

Cat Valentine in den Nickelodeon-Serien Victorious und deren Ableger Sam & Cat machte sie bekannt bekannt. Als Sängerin hatte Ariana Grande 2013 ihren ersten Erfolg mit dem Studioalbum Yours Truly. Mit ihrem zweiten Album My Everything gelang ihr 2014 der internationale Durchbruch. Inzwischen kann sie äußerlich als Audrey-Hepburn-Double auftreten, mit ihren Rehaugen und dem offensichtlichen Untergewicht. Dass sie deren Stil inspiriert zeigt sich auf ihrem neuen  Video „Petal“ (Blütenblatt). Es weckt nicht nur bei  der Sängerin selbst Assoziationen an eine zarte Blume, die sich ihren Weg durch Risse im Beton bohrt.

Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,

Retro liegt im Trend (DLF 2025), auf Leinwänden, Bildschirmen, TV und Kino. Remakes alter Filmklassiker haben Hochkonjunktur.

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Schon der Name Cat Valentine könnte eine Referenz an die Sängerin Catharina Valente (laut.de) sein. Aktuell gehören die entsprechenden Stilikonen wie Audrey Hepburn in Frisur und Mode dazu. Eine entsprechende singende und tanzende Kopie klappt natürlich nur mit der Kleidergröße 34.

Seit Jahren gibt es Spekulationen über den Gesundheitszustand von Ariana Grande; und zuletzt wurden diese wieder massiv angefacht. Für mich gehört die Spekulation über den Gesundheitszustand eines Popstars zum Werbegeschäft. Nur wer öffentlich sichtbar ist und im Gespräch bleibt kann seine Musik bewerben und verkaufen.

Und genau wegen der Schlagzeilen habe ich „Petal“ überhaupt erst wahrgenommen. Ohne die Berichterstattung über ihren angeblichen Gesundheitszustand wäre ich vermutlich gar nicht auf das Video aufmerksam geworden und hätte womöglich auch die eigentliche Verstörung darin übersehen: die Titelfigur scheint unter demselben Blickdruck zu stehen, unter dem offenbar auch Ariana Grande steht.

Das passt für mich erschreckend gut in das Seminar zu „Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit„: Wie verändert sich das Wohlbefinden, wenn Zeit zu Druck wird (Chronos), wenn ein „richtiger“ Moment gesucht wird, der alles sofort retten soll (Kairos) – und wenn Kultur daraus eine Bühne macht, auf der Authentizität permanent bewertet werden muss. In „Petal“ wirkt es, als würde dieser Blick von außen nicht nur beobachtet, sondern Besitz ergreifen.

Die Titelfigur befindet sich darin eindeutig in einer Identitätskrise. Als Schauspielerin muss sie sich immer wieder neu von anderen Menschen bewerten lassen. In ihrem Beruf ist es selbstverständlich, Castings zu durchlaufen; doch sie wird immer wieder zum Casting eingeladen und erhält dabei stets dieselbe Botschaft: Sie sei nicht gut genug.

Erinnerung an Frauen von Stepford werden wach

Dieses Gefühl kennen viele. Gleichzeitig ist dem Betrachter auffällig, dass die Casting Situation nicht in einer realistischen Gegenwart stattfindet, sondern in einem fiktiven Setting.

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Das erinnert mich an die „Frauen von Stepford“ (unser Beitrag zu Ira Levin und der Rolle der Frau), die bereits in den 1970er-Jahren eine ähnliche Grundhaltung zeigte: Dort wirken Frauen perfekt – wunderschön, höflich, freundlich, wohlerzogen. Die eigentliche Tragik besteht jedoch darin, dass sie nicht wirklich echt sind. Ihre Gefühle werden gesteuert, sie sind keine Menschen mit widersprüchlichen Empfindungen, sondern ferngesteuerte Traumbilder von Frauen, wie sie für Männer „nützlich“ sein sollen: ideal, gleichförmig, austauschbar.

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Zurück zu Ariana Grande: Auch in „Petal“ schleicht sich diese Anmutung von Perfektion ein. Die Frauen im Wartesaal der Casting Agentur wirken alle nahezu identisch – ordentlich, professionell organisiert, beeindruckend kontrolliert. Doch gerade diese Perfektion macht sie für die Casting Direktion austauschbar. Wenn alle gleich wirken, wenn alle ihr Inneres verbergen und nach außen dieselbe Haltung zeigen, wie sollte ein Casting Chef überhaupt etwas über den Menschen erfahren? Es erscheint folgerichtig, dass die Titelfigur vom System den Rat bekommt, beim nächsten Mal „authentischer“ zu sein, um in Hollywoods Walk of Fame zu gelangen (über den läuft Ariana Grande im Video, was ihre Wunschträume symbolisiert).

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Und genau an dieser Stelle kippt das Video: Die Titelfigur zeigt ihre wahren Gefühle nicht nur, sie schreitet zur Tat. In einer fast filmischen Überhöhung – wie in einem Horrorfilm – zückt sie eine Kettensäge und „bemächtigt“ sich der Kritiker. In einer theatralischen Szene werden die Betroffenen ermordet. Was in der Realität sofort Abscheu auslösen würde, wird im künstlichen Kosmos des Musikvideos zum Befreiungsschlag.

Mit der Axt zum Befreiungsschlag wie im Jobkiller von 2005?

Damit stellt sich für mich eine unbequeme Frage: Ist die Lösung für Frustration nun nicht mehr das Ansprechen von Problemen, sondern das Töten der eigenen Kritiker; der Karrierezerstörer, ‚Träume Vernichter‘? Ähnlich düster und satirisch wurde diese Logik bereits in die Axt oder „Jobkiller – Eine mörderische Karriere“ (2005) von Costa-Gavras aufgegriffen: Dort greift ein arbeitslos gewordener Chemiker zur Axt, schaltet Stellenanzeigen und bringt potenzielle Mitbewerber um, um die Stelle zu bekommen. Seine Verzweiflung wirkt echt, auch wenn seine Handlung unsolidarisch und brutal ist.

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Auch der Film „No other choice“, 2025 (Besprechung im UniWehrsEL) basierend auf dem Kriminalroman The Ax von Donald E. Westlake dreht sich um den Verlust eines Jobs, der für den Protagonisten identitätsbildend war. Mit der Krisensituation entdeckt Man-soo für sich das alles rechtfertigende Mantra „Keine andere Wahl“.

„Petal“ bringt nicht die anderen Casting Teilnehmer um, sondern richtet die Gewalt symbolisch gegen das System; konkret gegen die alten, weißen Casting Chefs. Die Titelfigur bekommt dafür nicht Bestrafung, sondern sogar Zustimmung. Sie wird von den anderen Mitbewerberinnen beklatscht. Das Video macht daraus eine Art moralische Erleichterung: „Du hast es dem bösen Castingsystem gezeigt.“

Mörderin auf dem Filmset nicht in der Realität

Doch das ist nicht das letzte Kapitel. Anstatt bei dieser Durchbrechung stehenzubleiben, wandelt die Inszenierung die Szene wieder in eine Art Bühnenwelt um: Alles soll „normal“ werden, so wie immer. Im Film ist es offenbar okay, Kritiker umzubringen, in der Realität soll die Botschaft aber wieder in Richtung Angepasstheit kippen: freundlich, nett, austauschbar bleiben. Genau hier scheint das Video eine widersprüchliche Haltung zu vermitteln: Befreiung wird gezeigt, aber letztlich nicht wirklich als neue Lebensrealität angeboten.

Auch mit dem Ende des Videos wirkt die Richtung wieder klar: Es bleibt nicht bei der Gewaltfantasie, sondern es mündet in den Starkult um Ariana Grande. Ganz im Sinne einer Denkweise, die man aus selbstverliebten Kontexten kennt („Ich bin beliebt, also dürfen sich Leute an mir ausrichten“ oder mit Falko ausgedrückt: „Die ganze Welt dreht sich nur um mich, denn ich bin nur ein Egoist“, fordert auch das Video Beifall haschende Zustimmung—nicht nur von den anderen Mitbewerbern im Film, sondern von den Zuschauern. Die Botschaft verschiebt sich: nicht „Du bist ernst zu nehmen, weil du eine eigene Persöhnlichkeit hast“, sondern „Ich bin wichtig, weil ich Ariana Grande bin und deshalb könnte ich theoretisch auch einen Mord begehen um ihr würdet mich noch beklatschen.“ Der Zuschauer und Arinna Grand sind also nicht gleich. Sie fordert eine Sonderbehandlung ein.

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Das weckt wieder Assoziationen zu Schönheitswahn, Optimierungssucht und menschlichen Barbies wie in unserem Beitrag „Sanatorium zur Gänsehaut„.

Für mich ist zudem der Bezug zum Zeiterleben zentral; Stichwort Chronos, Kairos und Kultur. Die Titelfigur hat ein verzerrtes Zeitempfinden: Sie hofft auf einen schnellen Durchbruch im Castingsystem. Dabei wiederholt sie permanent denselben Vorgang in der Hoffnung auf ein anderes Ergebnis. Sie versucht, ihr Gegenüber nicht zu überzeugen, sondern sich selbst „zu optimieren“; sich anzupassen, sich zu verändern, ihre Persönlichkeit so zu formen, dass sie besser ins Raster passt. Dadurch wird sie schrittweise zur austauschbaren Version ihrer selbst. Das erzeugt ein miserables Wohlbefinden, bis es schließlich in die Mordtat mündet.

Wichtig ist dabei: Der Mord bringt der Hauptperson keinen wirklichen Vorteil. Sie verbessert ihre reale Lage nicht. Der Ausbruch bleibt im Rahmen der Filmszene als Fantasie bestehen.

Ariana Grande ist in dem Kontext keine Anfängerin. Das macht die wiederholte Castingsituation für den Zuschauer eher zu einer bewusst konstruierten Geschichte. Sie spielt schließlich zuvor bereits die Fee „Glinda“; eine Figur, die sympathisch, brav und nett ist. Die „Mörderin“ ist also die radikal gegenteilige Rolle: „Ich kann auch böse, wenn ich will. Ich bin keine Puppe,“ so die indirekte Botschaft.

Doch auch da bleibt für mich ein schmaler Grad: zwischen der netten Fee im rosa Kleid und einer Figur, die mit sehr viel Kunstblut böse, „garstige“ Männer tötet, die die Machtgrenzen überschritten haben. So flexibel das Gesicht des Bösen sein soll, so flexibel bleibt auch die Logik der Inszenierung: Das System wird bekämpft, aber nicht in dem Sinne, dass es dauerhaft verändert wird, sondern in dem Sinne, dass es einmal kurz „besiegt“ werden darf, während am Ende wieder dieselbe Ordnung zurückkehrt.

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Der Songtitel „Petal“-„Blütenblatt“- passt für mich in dieses Bild: Etwas Zartes, Schönes, das dennoch gepresst, zurechtgestutzt und benutzt werden kann. Wie viele sollen in diesem System überhaupt „echt“ sein dürfen, ohne dafür sofort bestraft zu werden? Und wie viel Authentizität wird überhaupt zugelassen, wenn die einzige akzeptierte Variante am Ende doch wieder die austauschbare Perfektion ist?

Ich habe beim Zuschauen ein ambivalentes Gefühl behalten: Einerseits spiegelt das Video Frust und den Druck, der in Casting Logiken steckt. Andererseits bleibt die erlösende Handlung ohne realen Nutzen und kippt in eine ästhetisierte Fantasie, die am Ende wieder in Starkult um Ariana Grande führt. Sie ist eben kein Normalo wie ‚Bruno‘, sondern bleibt ein Star der eine Krise spielt – nicht jemand der eine echte Krise durchlebt.  Genau diese Spannung zwischen Aufbruch und Rückkehr, zwischen Befreiung und Anpassungszwang. macht „Petal“ für mich weniger provokant als ein austauschbares Produkt. Letztendlich spielt Ariana Grande wieder die Rolle der netten Fee, die einen Befreiungsschlag nur vortäuscht.

Mit freundlichen Grüßen

Izzi Neven

  • Beitrags-Kategorie:Alltagskultur / Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:5. August 2026
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