Eine besondere Ankündigung hat den Kulturbotschafter des UniWehrsEL nach Mainz gelockt und zu eigenen Gedanken angeregt: „Die Sommerausstellung im Grafischen Kabinett vom 17.06. bis 13.09.2026 bringt den Zauber Italiens nach Mainz und richtet den Blick auf die Ewige Stadt. Seit dem späten 15. Jahrhundert zog es Generationen von Kunstschaffenden über die Alpen nach Italien. Manche blieben nur wenige Tage oder Wochen, andere ließen sich für Jahre nieder. Bis heute übt Rom mit seiner einzigartigen Verbindung aus Kunst und Kultur der Antike, der Renaissance und des Barock, seinem mediterranen Klima und der facettenreichen Natur eine ungebrochene Anziehungskraft aus.“
Sehr geehrte Leserschaft des UniWehrsEL,

„Viele Wege führen nach Rom“ – dieses Sprichwort bekam für mich eine ganz neue Bedeutung, als ich die Sonderausstellung „Reise nach … Rom! Die Ewige Stadt auf Papier“ im Landesmuseum Mainz am 18.08.2026 besuchte. Natürlich führte mich kein wirklicher Weg in die Ewige Stadt. Und doch hatte ich beim Betrachten der Zeichnungen, Druckgrafiken und Architekturmodelle das Gefühl, Rom Schritt für Schritt zu betreten. Das Museum wurde für mich zu einem Ort, an dem eine Reise möglich war, ohne dass ich Deutschland verlassen musste: eine Reise nach Rom im Duplikat.
Es ist mir schon klar, dass der Gdanke an ein „Duplikat“ die Sache nicht so ganz trifft, denn in der Kunstgeschichte nutzt man hier ganz andere, faszinierende Begriffe! Da es sich bei dieser Ausstellung ausschließlich um Arbeiten auf Papier (Zeichnungen, Skizzen, Kupferstiche und Radierungen) handelt, greift man je nach Absicht der Künstler zu folgenden Fachbegriffen:
1. Druckgrafische Abzüge (statt „Duplikat“): Wenn man vor den berühmten Stadtansichten (Veduten) von Künstlern wie Giovanni Battista Piranesi stehst, handelt es sich um Abzüge von einer originalen Druckplatte (Kupferstich oder Radierung). Warum kein Duplikat, werden Sie fragen. Einfach, weil es kein einzelnes „Original-Papier“ gibt, das kopiert wurde. Die geritzte Metallplatte ist die Matrix, und jeder gedruckte Bogen Papier ist ein eigenständiges, originales Kunstwerk. Man spricht hier schlicht von einer Grafik oder einem Abzug.
2. Die „römische Kopie“ als Motiv: Viele der Künstler (wie Hendrick Goltzius oder Max Liebermann), deren Werke dort gezeigt werden, reisten nach Rom, um antike Statuen abzuzeichnen. Hier begegnet uns ein kunsthistorisches Phänomen: Die Marmorstatuen, die die Künstler in Rom als Vorlage nutzten, waren oft selbst schon römische Kopien oder Repliken von noch älteren, verloren gegangenen griechischen Bronze-Originalen! Wenn ein Künstler diese gezeichnet hat,sieht man also die „Zeichnung einer Kopie“.
3. Studien, Skizzen und Veduten: Die Zeichnungen, die mit Stift, Feder oder Pinsel vor Ort entstanden sind, nennt man: Studie / Skizze: Wenn die Künstler ein Bauwerk oder eine Ruine als „Motivvorrat“ oder zur Dokumentation schnell festgehalten haben. Vedute: Eine kunstvolle, oft perspektivisch übersteigerte Stadtansicht (wie das Kolosseum), die den Daheimgebliebenen als „Reisefoto“ diente..
Kurz und gut, ganz präzise gesagt, wenn ich durch diese Mainzer Ausstellung gehet, schaue ich nicht auf gedankliche Duplikate, sondern auf Druckgrafiken (Abzüge), die Rom vervielfältigten, und auf Studienblätter, die den ganz persönlichen Blick der Künstler auf Papier bannten.
Das hat mich fasziniert! Die Künstler kopieren nicht einfach nur das Original. Sie übersetzen es in ihre eigene Bildsprache. Vielleicht kommen daher meine Assoziationen zum Seminar über Doppelgänger im Duplikat.

Besonders schön fand ich, dass das Landesmuseum Mainz an diesem Tag unter dem Motto „All inclusive“ seine Türen von 10 bis 20 Uhr öffnet. Es war also genug Zeit vorhanden, um das Museum kostenlos zu erkunden. Dadurch wird die Ausstellung für viele Menschen zugänglich. Man braucht kein Flugticket, kein großes Reisebudget und keine besondere Vorbereitung. Ein Besuch in Mainz genügt, um sich für einige Stunden in die Welt Roms zu versetzen.
Die Sonderausstellung folgt Künstlerinnen und Künstlern aus Deutschland, den Niederlanden und Frankreich, die in den vergangenen 400 Jahren nach Rom reisten. Zugleich zeigt sie, wie italienische Künstlerinnen und Künstler ihre eigene Stadt betrachteten. Zeichnungen, Radierungen und Kupferstiche machten Rom in ganz Europa bekannt. Sie hielten antike Ruinen, Landschaften und Bauwerke fest, waren aber zugleich von Fantasie und persönlichen Vorstellungen geprägt. So entstand ein Rom zwischen Wirklichkeit und Sehnsucht.
Ansicht des Kolosseums
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel aus der Sonderausstellung ist Giovanni Battista Piranesis Radierung „Ansicht des Kolosseums“ (Veduta dell’Anfiteatro Flavio detto il Colosseo) aus der Zeit um 1776. Das Blatt gehört zu Piranesis berühmter Serie „Vedute di Roma“, die zwischen 1745/48 und 1778 entstand und insgesamt 135 Radierungen umfasst. Sie richtete sich vor allem an bildungs- und kunsthungrige Reisende, die Rom nicht nur besuchen, sondern auch in Bildern mit nach Hause nehmen wollten.
Im Städelmuseum in Frankfurt kann man 3 Werke von Giovanni Battista Piranesi bewundern.
Auf Piranesis Darstellung in der Mainzer Ausstellung erscheint das Kolosseum zugleich monumental und vom Verfall gezeichnet. Besonders beeindruckend ist die ungewöhnliche Perspektive: Aus einem erhöhten Blickwinkel zeigt Piranesi gleichzeitig das Innere und das Äußere des Amphitheaters, die Fassade, die Zuschauerplätze und die Arena. Das gewaltige Queroval füllt beinahe die gesamte Bildfläche. Dadurch werden die Dimensionen des Bauwerks unmittelbar spürbar. Auch das große Kreuz im Zentrum des Monumentalbaus zieht den Blick auf sich. Es wurde 1675 errichtet und machte das Kolosseum zu einem Ziel von Pilgerströmen, da die imposante Halbruine dem Andenken an die christlichen Märtyrer geweiht war. Piranesi verbindet dadurch die antike Geschichte des Ortes mit seiner späteren religiösen Bedeutung.
Beim Betrachten der Radierung fragte ich mich, ob ich hier wirklich das Kolosseum sehe – oder bereits Piranesis ganz persönliche Vorstellung davon. Seine Darstellung ist zwar topografisch genau, aber zugleich voller Bildfantasie und dramatischer Wirkung. In haarfeinen grauen Linien, tiefen Furchen und starken Hell-Dunkel-Kontrasten lässt er die Ruinen gewaltig, geheimnisvoll und beinahe lebendig erscheinen. Das Kolosseum wird dadurch nicht nur abgebildet, sondern neu interpretiert.
Korkmodell des Pantheons des Hessischen Landesmuseums Darmstadt
Im Nachgang zu der schönen Sonderausstellung dachte ich darüber nach, wo es noch „Rom im Duplikat“ zu sehen gibt. Dabei fiel mir das historische Korkmodell des Pantheons aus der Sammlung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt ein. Angefertigt wurde es von Antonio Chichi, einem römischen Architekten, der um 1790/91 mehrere detailgetreue Modelle antiker römischer Bauwerke aus Kork herstellte. Diese Modelle wurden anschließend für den landgräflichen Hof erworben. Das Pantheon-Modell selbst entstand bereits 1782 und gelangte um 1790 an den Darmstädter Hof.
Roms Pantheon findet man auch im Städelmusum in Frankfurt als Fotografie. Es steht exemplarisch für diese besondere Stellung der „ewigen Stadt“ Rom und gilt als das am besten erhaltene Bauwerk der römischen Antike, das im Jahre 609 n. Chr. in eine christliche Kirche umgewandelt wurde.
Das etwa 112 × 78 × 65 Zentimeter große Darmstädter Modell ist eine verkleinerte Nachbildung des antiken Bauwerks. Trotzdem vermittelt es eine starke Vorstellung von der Größe und Bedeutung des Originals. Seine Arbeit ist deshalb weit mehr als eine einfache Kopie: Das Korkmodell macht das antike Gebäude anschaulich und greifbar, bleibt aber zugleich ein Duplikat. Es ist nicht das Pantheon selbst, sondern eine kunstvolle Erinnerung an dieses beeindruckende Bauwerk.
Heute ist das Kork-Pantheon außerdem ein beliebtes Motiv für Menschen, die das Zeichnen lernen. Sie sitzen davor, betrachten die Kuppel, die Säulen und die klaren geometrischen Formen und versuchen, das Bauwerk mit wenigen Linien auf Papier festzuhalten. Das Pantheon ist dabei nicht nur ein Bauwerk, sondern ein Beispiel dafür, wie Identität durch Wiederholung verändert wird. Das antike Original wird zum Korkmodell, das Korkmodell zum Zeichenmotiv und die Zeichnung schließlich zu einem persönlichen Abbild. Mit jeder neuen Darstellung geht etwas verloren, gleichzeitig entsteht aber auch etwas Eigenständiges. Das Duplikat bewahrt die Verbindung zum Original und entwickelt doch eine eigene Identität.
Vielleicht entdecken die Zeichnenden im Kork-Pantheon deshalb nicht nur Rom, sondern auch sich selbst. Während sie versuchen, die Form möglichst genau zu erfassen, treffen sie Entscheidungen: Was wird betont, was wird weggelassen, aus welchem Blickwinkel wird das Modell dargestellt? Ihre Zeichnung wird dadurch zu einem Spiegel ihrer eigenen Wahrnehmung.
Ich weiß, das auch hier die Bezeichnung „Duplikat“ nicht zutreffend ist, obwohl es eine dreidimensionale und extrem detailgetreue Nachbildung des echten Pantheons in Rom ist. Genauer treffen die Begriffe Phelloplastik, Architekturmodell oder wissenschaftliche Rekonstruktion seine Bedeutung. Die Korkbildnerei (Fachbegriff: Phelloplastik, von griechisch phellos für Kork) war im späten 18. Jahrhundert eine hochgeschätzte, eigenständige Kunstform. Antonio Chichi hat das Gebäude nicht einfach stumpf kopiert, sondern die raue, poröse Textur des Korks ganz bewusst gewählt, um den verwitterten, antiken Charakter des römischen Mauerwerks und des Tuffs täuschend echt nachzuahmen. Es ist somit ein eigenständiges Kunstobjekt aus einem völlig anderen Material als das Original.
Ein „Duplikat“ müsste den exakten Ist-Zustand des Pantheons zum Zeitpunkt des Baus (1782) abbilden. Chichi arbeitete jedoch mit einem hohen archäologischen und wissenschaftlichen Anspruch: Er vermaß die antiken Ruinen mit Senklot und Lineal und ließ spätere, barocke Umbauten (wie die damals noch existierenden, im Volksmund „Eselsohren“ genannten Glockentürme von Bernini) im Modell weg. Damit rekonstruierte im Modell stattdessen den Zustand der römischen Kaiserzeit.
Für die Landgrafen in Darmstadt (die die ersten Modelle 1790 erwarben) erfüllte das Modell die Funktion eines didaktischen Lehrmodells und eines exklusiven Souvenirs der „Grand Tour“. Da man damals nicht einfach nach Rom fliegen oder Fotos ansehen konnte, holte man sich mit Chichis detailgetreuen Miniaturen die Architektur im Maßstab (oft um 1:25 bis 1:28) direkt an den Hof, um Proportionen im Raum zu studieren.
Goethe und das Städel: Eine weitere Station meiner imaginären Reise
Auf meiner imaginären Reise nach Rom führte mich ein weiterer Weg ins Städel Museum nach Frankfurt. Dort begegnete mir Johann Wolfgang Goethe in Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins berühmtem Gemälde „Goethe in der römischen Campagna“. Obwohl ich mich nicht wirklich in Rom befand, hatte ich beim Betrachten des Bildes das Gefühl, gemeinsam mit Goethe durch die antike Landschaft zu reisen. Die Ruinen im Hintergrund, die warme Farbigkeit und Goethes ruhige Haltung vermittelten mir einen Eindruck von jener Freiheit, die der Dichter während seiner Italienischen Reise suchte.
Goethe war 1786 heimlich aus Weimar aufgebrochen, um einer Lebens- und Schaffenskrise zu entkommen. In Rom fand er neue Inspiration und eine bisher unbekannte persönliche Freiheit. Er wohnte bei seinem Malerfreund Tischbein, der ihn schließlich in der römischen Campagna porträtierte. Auf dem Gemälde liegt Goethe entspannt vor den antiken Ruinen. Er wirkt selbstbewusst und beinahe zeitlos, als hätte er an diesem Ort zu sich selbst gefunden.
Bei genauerem Hinsehen erscheint das Bild jedoch nicht vollkommen wirklichkeitsgetreu. Goethes Kopf ist deutlich detaillierter ausgearbeitet als der übrige Körper, und auch die rätselhaften zwei linken Füße fallen auf. Dadurch wird sichtbar, dass Tischbein nicht einfach nur einen Menschen abbildete. Er schuf vielmehr eine bestimmte Vorstellung von Goethe: den gebildeten, freien und mit der Antike verbundenen Dichter. Das Gemälde zeigt also nicht nur Goethe, sondern auch das Bild, das Tischbein von ihm entwerfen wollte.

Spontan erinnere ich mich dabei auch an unsere Führung von Pfarrer Schnell im Frankfurter Städel Museum zum Abschluss des SoSe 2025. Johann Heinrich Wilhelm Tischbein (1751-1829) malte das berühmte „Goethe in der römischen Campagna“ 1787. Das Bild Tischbeins über den „großen Goethe“, so könnte man laut Pfarrer Schnell sagen, präsentiert ihn als „Mann zwischen den Epochen“, „zwischen der Antike und seiner eigenen Zeit“.
Hier schließt sich für mich die Verbindung zu unserem Seminar „Doppelgänger: Identität im Duplikat – von der literarischen Romantik zur digitalen Spiegelwelt“. Während Antonio Chichis Korkmodell das Pantheon als verkleinertes Abbild bewahrt, wird Goethe in Tischbeins Gemälde zu einem künstlerischen Duplikat seiner selbst. Das Bild ist nicht der wirkliche Goethe, genauso wenig wie das Korkmodell das echte Pantheon ist. Dennoch prägt es bis heute unsere Vorstellung von ihm. Durch das Gemälde wird Goethe zu einer Figur, die zwischen Mensch, Dichter und idealisiertem Doppelgänger steht.
So führte meine imaginäre Reise von Mainz über das Kork-Pantheon bis ins Städel Museum und weiter in die römische Campagna. Die verschiedenen Abbilder ersetzten einen Besuch der tatsächlichen Stadt Rom nicht vollständig, aber sie öffneten einen inneren Raum, in dem die Stadt, Goethe und seine Zeit lebendig werden. Gerade darin liegt die besondere Kraft meiner Vorstellung des „Duplikats“: Es wiederholt das Original nicht einfach, sondern lässt es in einer neuen, persönlichen und manchmal sogar überraschenden Form weiterleben.
Beim Rundgang durch die Ausstellung fühlte ich mich deshalb wie auf einer Reise zwischen Wirklichkeit und Spiegelbild. Ich sah Rom nicht unmittelbar, sondern durch die Augen anderer Menschen. Ihre Bilder zeigten die Stadt als Zentrum der Antike, als Sehnsuchtsort und als Bühne für die eigene Identität. Die Künstler reisten nach Rom, um dort etwas über die Welt und vielleicht auch über sich selbst zu erfahren. Ich reiste durch ihre vorgestellten Bilder – und begann dabei ebenfalls, über meine eigene Wahrnehmung nachzudenken.
Auch unsere heutige digitale Welt ist voller Duplikate. Wir begegnen anderen Menschen über Fotos, Profile und künstlich bearbeitete Bilder. Oft zeigen diese Darstellungen nicht die ganze Wirklichkeit, sondern eine ausgewählte Version der eigenen Person. Ähnlich wie Goethe auf Tischbeins Gemälde kann sich der Betrachter in einem Bild wiedererkennen und zugleich fremd fühlen.
Mein Besuch der Sonderausstellung im Landesmuseum Mainz wurde dadurch zu einer emotionalen Reise. Ich stand nicht in der realen Welt unter der Kuppel des Pantheons und wanderte nicht tatsächlich durch die römische Campagna. Trotzdem glaubte ich, den Zauber der Ewigen Stadt zu spüren. Zwischen Zeichnungen, Druckgrafiken, Modellen und Geschichten wurde Rom für mich lebendig.
Vielleicht führen tatsächlich viele Wege nach Rom. Einer dieser Wege führt durch ein Museum, ein anderer durch ein Gemälde und ein weiterer durch die eigene Fantasie.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL



