Hans Magnus Enzensberger (1929 – 2022) zählt weltweit zu den bekanntesten deutschen Intellektuellen. Er machte sich sowohl als Lyriker, Essayist, Biograph, Herausgeber und Übersetzer einen Namen. Bekannt ist von Enzensberger unter anderem „Der Untergang der Titanic“, den der Spiegel 1978 als „Riß im Rumpf des Fortschritts“ bezeichnete. Untertitelt mit „Eine Komödie“ stellt Enzensberger in dreiunddreißig Gesängen die Katastrophe dar, die am 15. April 1912 die Welt bewegte.
Beschrieben wird der Untergang der Titanic „mit allen Einzelheiten, mit der Mannschaft und den Passagieren, den Toten und den Überlebenden, der gesellschaftlichen Hierarchie des Schiffs, seinen Salongemälden, dem First-Class-Dinner, den Zeitangaben, Temperaturen und Geräuschen.“
Der katastrophale Untergang einer Legende steht als „Metapher für die Verwundbarkeit technischen Fortschritts“ wie es Mathias Schulenberg 2012 im Deutschlandfunk Kultur beschreibt. Von den 2.224 Passagieren auf dem Schiff, das sich auf seiner Jungfernfahrt befand, von Southampton nach New York, kann man heute noch vieles nachlesen. Denn es waren viele Prominente darunter wie etwa Benjamin Guggenheim; der Besitzer des Kaufhauses Macy’s und ehemalige Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses, Isidor Straus, und seine Frau Ida; George Dennick Wick, Gründer und Präsident der Youngstown Sheet and Tube Company.
Molly Brown gehört zu den wenigen Überlebende der Katastrophe, bei der 1517 Menschen ums Leben kamen. Immer wiederwird danach gefragt, ob dieser Untergang nicht vermeidbar gewesen sei. Gab es doch schon vor Reiseantritt Eiswarnungen. Auch die Geschwindigkeit wurde kaum gedrosselt bis das Schiff von einem Eisberg steuerboards getroffen wurde.
Es sank schnell, nach zweieinhalb Stunden versank der Mythos der Unsinkbarkeit im Meer. Begleitet von einer Bordkapelle, die ihren Ragtime bis zur bitteren Neige durchhielt. Menschen in die rettenden Boote zu holen, gelang völlig unzureichend.
Die Rettungsaktion war, im wahrsten Sinne des Wortes „Aus dem Ruder gelaufen“! Es wurden „Entscheidungsfehler“ gemacht. Und da landen wir bei der Psychologin Vera Kattermann und ihrem Sachbuch „Auf dem Sonnendeck der Titanic -Nachdenken über gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit“. Einer der grundlegende Entscheidungsfehler des sinkenden Luxusliners unterlag der Legende nach bei einem Steward, dessen Hauptanliegen die „Optimierung der Deckstühle auf dem Sonnendeck der Titanic“ war. Ein Entscheidungsfehler ist also eine Aktivität ohne nachhaltigen Wert, die keinerlei Nutzen stiftet (vgl. Haufe HR Management).
Kattermann wagt nun ein Gedankenexperiment, sie überträgt die gesellschaftliche Krisensituation, in der wir uns aktuell befinden, auf die Situation der Passagiere auf der Titanic. Stellen wir uns also bildhaft vor, wir wären beispielsweise an Stelle des Liegestühle ordnenden Stewards. Stellen wir uns weiter bildlich vor, was wir tun könnten, um drohende Gefahren abzuwenden, um im Beispiel Kattermanns zu bleiben „die Abläufe an Bord neu zu regeln, und trotz Krisengefühlen Transformation zu wagen.“
Es geht Kattermann darum, eine neue Form der gemeinschaftlichen Zukunfts- und Hoffnungsarbeit zu leisten, die nach Möglichkeiten fragt, um sich kritisch den bewussten und unbewussten Hindernissen zu stellen und in Aussicht stellt, es gäbe auch für düstere Szenarien immer ein Danach, eine dann neu zu gestaltende Welt.“
Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1978
Aus: Der Untergang der Titanic. Eine Komödie
Der Untergang der Titanic – Erster Gesang
Einer horcht. Er wartet. Er hält
den Atem an, ganz in der Nähe,
hier. Ersagt: Der da spricht, das bin ich.
Nie wieder, sagt er,
wird es so ruhig sein,
so trocken und warm wie jetzt.
Er hört sich
in seinem rauschenden Kopf.
Es ist niemand da außer dem,
der da sagt: Das muß ich sein.
Ich warte, halte den Atem an,
lausche. Das ferne Geräusch
in den Ohren, diesen Antennen
aus weichem Fleisch, bedeutet nichts.
Es ist nur das Blut,
das in der Ader schlägt.
Ich habe lang gewartet,
mit angehaltenem Atem.
Weißes Rauschen im Kopfhörer
meiner Zeitmaschine.
Stummer kosmischer Lärm.
Kein Klopfzeichen. Kein Hilfeschrei.
Funkstille.
Entweder ist es aus,
sage ich mir, oder es hat
noch nicht angefangen.
Jetzt aber! Jetzt:
Ein Knirschen. Ein Scharren. Ein Riß.
Das ist es. Ein eisiger Fingernagel,
der an der Tür kratzt und stockt.
Etwas reißt.
Eine endlose Segeltuchbahn,
ein schneeweißer Leinwandstreifen,
der erst langsam,
dann rascher und immer rascher
und fauchend entzweireißt.
Das ist der Anfang.
Hört ihr? Hört ihr es nicht?
Haltet euch fest!
Dann wird es wieder still.
Nur in der Wand klirrt
etwas Dünngeschliffenes nach,
ein kristallenes Zittern,
das schwächer wird
und vergeht.
Das war es.
War es das? Ja,
das muß es gewesen sein.
Das war der Anfang.
Der Anfang vom Ende
ist immer diskret.
Es ist elf Uhr vierzig
an Bord. Die stählerne Haut
unter der Wasserlinie klafft,
zweihundert Meter lang,
aufgeschlitzt
von einem unvorstellbaren Messer.
Das Wasser schießt in die Schotten.
An dem leuchtenden Rumpf
gleitet, dreißig Meter hoch
über dem Meeresspiegel, schwarz
und lautlos der Eisberg vorbei
und bleibt zurück in der Dunkelheit.


