Du betrachtest gerade Geschlechterrollen: „Iphis“ – Über weibliches Empowerment und Umformung von Männlichkeit

Im UniWehrsEL freuen wir uns immer wieder darüber, wenn ein Beitrag besondere Aufmerksamkeit erlangt und einen Schreibenden dazu anregt, eigene Gedanken zum Beitrag zu entwickeln. Dies ist geschehen im Kontext der Jugendoper „Iphis“. Es ging in der Inszenierung, die sich auf die Metamorphosen von Ovid stützt, um Themen von gleichgeschlechtlicher Liebe und der Zuschreibung eines Mädchens als Jungen, um falsches Verständnis von Traditionen und gesellschaftliche Erwartungen. Dazu hier der Beitrag einer Schreiberin als Antwort auf „Iphis“.

Lieber Herr Esser,

gerne möchte ich mich bei Ihnen für den Beitrag zur Jugendoper „Iphis“ am Staatstheater Darmstadt bedanken. Angeregt durch Ihre Lust zur Thematik von Gender und Geschlechterrollen in der heutigen Gesellschaft zu schreiben, teile ich Ihnen gerne meine Gedanken dazu mit.

Die Frage „Wann ist ein Mann ein Mann?“ stellte sich bereits Herbert Grönemeyer in seinem berühmten Song. Allerdings spielte die Thematik der Armut, die in der Oper „Iphis“ angesprochen wird, in seinem Lied keine Rolle. Grönemeyer amüsierte sich darüber, dass auch Männer zärtlich und liebevoll sein können, auch wenn dies in der Gesellschaft als ‚unmännlich‘ gilt.

Herbert Grönemeyers 1984 gestellte Frage nutzten wir schon einmal im Kontext von „Don Quichotte, Spiderman etc.“. Auch dieses Stück im Staatstheater Darmstadt brach zu Beginn mit Erwartungen: Ein ironisch-glänzender Werbespot von Gillette fragte in Großaufnahme: Wann ist ein Mann ein Mann? Diese Reklame, perfekt inszeniert als provokanter Kommentar, führte den Zuschauer ebenfalls in ein Diskursfeld über Rollenbilder und Leistungsdruck.

Anders der Vater Ligdus (genial verkörpert durch Christopher Willoughby) in der Oper Iphis. Der erklärt seiner Frau Telethusa, dass sie sich kein Mädchen leisten können – „das Leben ist teuer“ und „Rechnungen müssen bezahlt werden“. Er hofft auf einen Sohn, so wie es früher in traditionellen Gesellschaften Usus war, weil dies ihn vor Altersarmut bewahren soll.

In einer moderneren Form dieses Schlagers könnte man auch sarkastisch danach fragen: Warum Männer ‚kein Mädchen‘ sein sollen? Erstens gibt es ja bekanntlich schon genügend davon und zweitens, Mädchen sind bekannt als ‚Heulsusen“, und wer will schon als ‚echter Mann‘ selbst zu dieser Spezis gehören? Schließlich wäre der ‚echte Kerl‘ dann in der Minderheit und zu viel Frauenpower ist allemal heutzutage mehr als problematisch.

Lassen Sie uns noch ein wenig bösartig sein und das Libretto von Richard Toop, basierend auf den Metamorphosen von Ovid, als nur so vor Männlichkeit strotzend, interpretieren. Christopher Willoughby spielt seine Rolle als Macho-Mann total überzeugend: Da mag die Mutter noch so schreiend in den Wehen liegen – einen echten Kerl juckt das nicht. Aber sobald er nur ein Tröpfchen Blut auf einem Laken sieht, dann kippt er um – es ist vorbei mit der Männlichkeit.

Sie schrieben, lieber Herr Esser, die Oper handele von der Tochter Iphis, die Theletusa mit Schmerzen auf die Welt gebracht hat. Deren Name sei, durch die List der Götter, von Beginn an geschlechtsneutral, es könnte also durchaus auch ein Junge sein. Iphis und deren Geschlechterzuweisung spielt, so wie ich es sehe, zunächst eine Nebenrolle.

Der eigentliche Kernpunkt der Geschichte ist der Ehestreit, so wie wir ihn tagtäglich erleben. Telethusa, gespielt von Karin Gerstenberger, ist hochschwanger und aus Sicht des ‚überlegenen‘ Mannes schwer übellaunig. Also, warum sollte er sich in aller Welt ein Mädchen als Kind wünschen? Da wäre er als Mann ganz schön angeschmiert, denn Mädchen sind doch bekanntermaßen häufig ‚zickig‘.

Dass gerade die zwei hinzugezogenen Götter, gespielt von Marco Montragon und Jared Ice, sich auf die Seite der Mutter stellen, ist geradezu ein Verrat am männlichen Geschlecht. Diese raten der Mutter einfach in der Frage der Geschlechterzugehörigkeit zu lügen.

Die Götter verkünden, es sei ein Sohn, auch wenn es ein Mädchen ist. Der Vater kommt gar nicht auf die Idee, die Lüge in Frage zu stellen. Sein Ego lässt es nicht zu. Schließlich ist er der ‚Macho-Man‘, einer, der gerne „den dicken Max“ macht. Die zwei Götter sind gleichzeitig auch Hebammen für das Kind, das würde nun zum Grönemeyer-Song passen – „außen hart und innen ganz weich“. Zwar ist der Vater bei der Geburt anwesend (!), aber wie gesagt, etwas willensschwach, da er kein Blut sehen kann.

Iphis, die Tochter, taucht als genervte Schülerin auf. Sie sammelt beim jungen Publikum Pluspunkte, indem sie nicht fleißig lernt, sondern eher stört und gelangweilt ist. Der Vater hat die Lehrer eigens bestochen – er erkennt nicht, dass es sich wieder um die zwei Götter handelt, die ihren Schabernack mit dem Vater treiben. Diese Szene ist eine Parodie auf das sogenannte „Bulimielernen“, also das schnelle Aneignen von Wissen für eine Prüfung, um es dann schnell wieder zu vergessen. Wer kann Iphis schon verdenken, wenn sie, das Klischee grüßt, allerlei schwierige Fächer wie Mathematik oder Biologie lernen soll? Beim Biologieunterricht erfährt Iphis übrigens, dass sie ein Mädchen ist. Sie erkennt das an einer Zeichnung.

Iphis setzt ihre Hoffnung auf die bestandene Prüfung. Sie möchte den Vater befriedigen, seine Ansprüche erfüllen. Doch nach der Schule kommt gleich die nächste Prüfung auf Iphis zu – heiraten. Echte Kerle sind nach Ansicht des Vaters stets verheiratet, obgleich die Frau die schwerste aller Prüfungen für den Mann ist. Eigentlich unbegreiflich, dass Iphis, die wohl am männlichen Ideal gemessen sein will, in den Genuss einer nörgelnden Frau kommen soll?

Ganz unbedarft wird Iphis dem Mädchen Ianthe, gespielt von Valerie Haunz, vorgestellt. Beide sind schüchtern und von den Erwartungen des Vaters eingeschüchtert. Dieser lauert vor der Tür auf den Antrag, den Iphis dem Mädchen machen soll. Die Hochzeit ist ein Wunsch des Vaters. Doch Iphis hat Zweifel an der Sache mit der Heirat. Zweifel sind einem echten Kerl jedoch ganz fremd, findet der Vater.

In den Augen des Vaters macht sich Iphis viel zu viele Gedanken um eine Frau. Warum muss das sein? Der Vater ist enttäuscht, dass der vermeintliche Sohn nicht begeistert von der Hochzeit ist und lieber mit seiner Mutter über die Hochzeit reden will. Männlich ist das Verhalten des Sohnes aus Sicht des Vaters nicht. Nun steuert alles auf den Höhepunkt hin: die Hochzeit. Eingeladen sind die Götter in Verkleidung. Warum sollte ich heiraten, fragt sich Iphis und das wirft die Frage auf: wie wichtig sind eigentlich Traditionen?

So kommt es zum Streit zwischen dem Vater, Iphis, Mutter Telethusa und den Göttern. Die Götter stellen sich auf die Seite der Tradition, die Mutter auf die Seite der Tochter. Die Szene könnte wie ein Handgemenge auf dem Schulhof enden. Doch Iphis weiß sich zu befreien. Der Vater küsst die Braut stellvertretend für den männlichen Besitzanspruch. Die Braut findet das Verhalten des Vaters ekelhaft. Sie will nie mehr einen Mann küssen. Nur gut, dass Iphis in Wirklichkeit kein echter Mann ist, sondern eine Frau.

Am Ende tun sich Iphis und Ianthe zusammen. Der Vater ist verblüfft, als er erkennt, dass Iphis ein Mädchen ist. Auch die Götter haben genug von Iphis und verlassen beleidigt die Szene. Ist das ein Happy End?

Analyse des Opernstoffs von Iphis

Der Operntext von Iphis beleuchtet die komplexen Fragestellungen rund um Geschlechteridentität, Männlichkeit und Erwartungen an die Rolle des Mannes in der Gesellschaft. Die zentrale Frage, „Wann ist ein Mann ein Mann?“ durchzieht die gesamte Handlung und spiegelt sich sowohl in den Charakteren als auch in den Konflikten wider.

Männlichkeit und Erwartungen

Die Figur des Vaters wird als das klischeehafte „Macho“-Ideal dargestellt. Er verkörpert eine überholte Vorstellung von Männlichkeit, die sich stark durch äußere Merkmale und gesellschaftliche Erwartungen definiert. Der Wunsch nach einem Sohn und die Abneigung gegen eine Tochter zeigen, wie stark patriarchale Werte in seinem Denken verankert sind. Dies führt dazu, dass er die Entstehung des Lebens und die Geburt als eine Art Bedrohung wahrnimmt. Stellt sie durch die Leistung der Frau den männlichen Machtanspruch infrage?

Der Einfluss der Götter

Die Götter im Stück symbolisieren die Einflüsse, die das Leben der Menschen steuern. In diesem Fall fungieren sie als Vermittler zwischen den Geschlechtern. Ihr Rat, zu lügen und das Geschlecht des Kindes zu fälschen, erlaubt es der Mutter, die patriarchalen Strukturen zu umgehen. Dies ist eine interessante Wendung. Die Götter unterstützen zwar Traditionen, halten damit im Kern auch an Wahrheiten fest, unterwandern sie aber gleichzeitig. Mit der Übernahme der Rolle als Hebamme offenbaren sie potentielle Unsicherheiten der Geschlechterrollen.

Identität und Prüfungen

Iphis selbst steht für die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität. Sie wird als Schülerin dargestellt, die nicht den Erwartungen des Vaters entspricht und ihren eigenen Weg finden möchte. Ihr Schrecken über die Entdeckung, dass sie ein Mädchen ist, zeigt, wie sehr das Umfeld und die sozialen Normen sie beeinflussen. Die Vorstellung, dass das Heiraten eine Prüfung für einen „echten Kerl“ ist, verstärkt das Gefühl von Druck, das auf den Schultern beider Geschlechter lastet. Iphis’ Zweifel verdeutlichen eine gesunde Skepsis gegenüber traditionellen Rollenbildern.

Kollision der Werte

Der Konflikt zwischen den Charakteren mündet in einem Streit, der die unterschiedlichen Ansichten über Männlichkeit und Identität in die Höhe treibt. Während der Vater an den Traditionen festhält, suchen Iphis und ihre Mutter nach einem neuen Weg, der individuelle Wünsche und Gefühle beachtet. Der Abschluss der Oper, in dem sich Iphis und Ianthe vereinen, ist einerseits eine Befreiung von den Erwartungen des Vaters und andererseits eine subtile Kritik an der herkömmlichen Geschlechterordnung.

Fazit

Insgesamt führt die Oper Iphis eine tiefgründige Diskussion über Geschlechteridentität, familiäre Erwartungen und die gesellschaftlichen Normen, die uns prägen. Durch die Charaktere und ihre Konflikte wird sichtbar, wie stark Männlichkeit und Weiblichkeit gesellschaftlich konstruiert sind und wie wichtig es ist, diese vorgegebenen Rollen zu hinterfragen. Öffnet der Ausgang der Geschichte Türen für neue, gleichberechtigte Wege der Selbstbestimmung?

Liebe Grüße

Izzi Neven

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:21. März 2026
  • Lesedauer:8 Min. Lesezeit