Du betrachtest gerade Filmtipp „Hamnet“ (Drama, 2026) – ein kraftvolles Portrait über Liebe, Verlust, Krise und Hoffnung

Der Film „Hamnet“ von Regisseurin Chloé Zhao basiert auf dem Bestseller von Maggie O’Farrell. Er erzählt die fiktionalisierte, hochemotionale Geschichte hinter der Entstehung von William Shakespeares berühmtestem Werk Hamlet. Im Zentrum des Films steht nicht der Dichter selbst, sondern seine Frau Agnes (gespielt von Jessie Buckley). Die Geschichte zeigt ihr gemeinsames Leben und den verheerenden Verlust ihres elfjährigen Sohnes Hamnet, der an der Pest stirbt. Der Film beleuchtet, wie die Familie mit der unendlichen Trauer umgeht und wie Shakespeare (Paul Mescal) diesen Schmerz schließlich in der Kunst verarbeitet, um das Drama Hamlet zu schreiben. Zu sehen ist ein bildgewaltiges Melodram, das Liebe, Verlust, Krise, Hoffnung und die heilende Kraft der Kunst thematisiert. 

Dieser Film ist zutiefst berührend. Erzählt wird die Geschichte von Agnes und William Shakespeare. Es geht um den frühen Tod ihres Sohnes, das Schlimmste, das Eltern widerfahren kann. Mit dieser unfassbaren Trauer gehen die Eltern und auch die beiden anderen Geschwister unterschiedlich um. Während die Mutter in ihrer Trauer erstarrt, wandelt der Vater dieses persönliche Drama in Kreativität. Es entsteht eines der größten Bühnenwerke des Dichters, sein „Hamlet“.

Begonnen hat alles sehr romantisch. Agnes, die „Kräuterhexe“ verliebt sich in den Lateinlehrer, vom großen Barden ist er noch weit entfernt. Ein Kind entsteht und entgegen dem Willen von Eltern und Stiefmutter von Agnes wird geheiratet. In der freien Natur wird Tochter Susanna geboren. Eingesperrt im Zimmer und gehalten von den sie umgebenden Frauen, bringt sie später ein Zwillingspärchen auf die Welt. Das Mädchen scheint tot geboren, wird aber in ihren Armen wieder ins Leben zurück geführt. Als später die Pest ins Land zieht, das schwächliche Zwillingsmädchen tödlich erkrankt, schenkt ihr der Zwillingsbruder alle seine Kraft und gibt sein Leben für ihres. Ein Moment, der so rührend ist, wie der liebevolle Bruder der sterbenden Zwillingsschwester wieder Leben einhaucht, um selbst qualvoll zu sterben, ist für den Zuschauer schwer aushaltbar. Der Vater, der in London weilt, weil ihn das Landleben erdrückt, eilt zurück, kommt aber zu spät. Er war beim Sterben seines Sohnes nicht dabei, ist froh, die vermeintlich kranke Tochter gesund im Arm zu halten. Er begreift dann, dass er dem Jungen bei seinem Fortgehen die Rolle des „Mannes in der Familie“ zugewiesen hat. Um den Vater nicht zu enttäuschen, aber auch durch den innigen Verbund der Zwillinge, war es dem kleinen Hamnet nicht möglich, ohne seine Schwester weiterzuleben.

Die Mutter Agnes kann nicht verzeihen. In ihren Augen war es für William wichtiger nach London zu gehen, als bei ihr und den Kindern zu bleiben. Die Liebe zwischen dem Ehepaar scheint zu ersticken. Will verlässt die trauernde Familie und geht wieder nach London. Dort wird im dramatischen Finale ein Verstehensprozess eingeleitet.

Mit Hamnet hat die Oscar-Gewinnerin Chloé Zhao ein „großes Kino“ auf die Leinwand gebracht. In der Verfilmung des gefeierten Romans von Maggie O’Farrell, die gemeinsam mit Zhao auch das Drehbuch verfasste, fiebert der Zuschauer mit, bei der dramatischen Geschichte um Shakespeares Leben und der Entstehung des Dramas „Hamlet“. In der elisabethanischen Ära waren die Namen Hamnet und Hamlet tatsächlich austauschbar. Shakespeare lebte zur Zeit des Todes seines Sohnes wahrscheinlich bereits als erfolgreicher Dramatiker in London, während seine Familie in Stratford blieb.

Wie authentisch ist der Film in Bezug auf Shakespeare?

Hamnet (2025/2026) ist historische Fiktion. Er basiert auf belegbaren Fakten, nutzt aber künstlerische Freiheit, um die großen biografischen Lücken im Leben von William Shakespeare und seiner Familie zu füllen. 

Historische Fakten im Film sind die Existenz der Kinder: William Shakespeare und seine Frau hatten tatsächlich drei Kinder: die älteste Tochter Susanna sowie die Zwillinge Hamnet und Judith. Es ist historisch belegt, dass Hamnet 1596 im Alter von nur elf Jahren starb und in Stratford-upon-Avon begraben wurde.

Während Shakespeares Frau heute meist als Anne Hathaway bekannt ist, nennt der Film sie Agnes. Dies basiert auf dem Testament ihres Vaters, in dem sie als Agnes aufgeführt wird.

Fiktionale Elemente und künstlerische Freiheit

Spannend sind Fiktion und Tatsache zur Todesursache: Im Film stirbt Hamnet an der Beulenpest. Historisch ist die Todesursache jedoch völlig unbekannt; es gibt keine Aufzeichnungen über einen Pestausbruch in Stratford im Jahr 1596. Interessant ist auch die Charakterisierung von Agnes: Die Darstellung von Agnes als naturverbundene Heilerin mit fast übernatürlichen Fähigkeiten ist eine reine Erfindung der Romanautorin. Damit wollte sie dem historisch oft negativen Bild von Anne Hathaway entgegenwirken. Bemerkenswert ist die Inspiration für Hamlet: Der Film suggeriert einen direkten emotionalen Zusammenhang zwischen dem Tod des Sohnes und der Entstehung des Stücks Hamlet. Wissenschaftlich lässt sich dieser Zusammenhang nicht beweisen, auch wenn die zeitliche Nähe (das Stück entstand etwa vier Jahre nach dem Tod) viele Forscher zu Spekulationen anregt. 

Der Film erhebt keinen Anspruch auf absolute historische Genauigkeit, sondern nutzt die wenigen bekannten Fakten als „Skelett“, um eine tiefgründige Geschichte über Trauer und die Entstehung von Kunst zu erzählen. 

Schlüsselszenen des Films

In Hamnet von Chloé Zhao werden die Geburt und das Sterben der Zwillinge als hochemotionale, fast gegensätzliche Schlüsselmomente inszeniert. Die Geburt der Zwillinge erscheint als eine Szene oder Moment extremer Anspannung und physischer Rohheit. Im Gegensatz zur Geburt der ersten Tochter Susanna, die Agnes instinktiv und allein im Wald zur Welt brachte, findet die Geburt der Zwillinge im Haus unter der strengen Aufsicht ihrer Schwiegermutter Mary statt. Es entsteht ein doppelter qualvoller Kampf. Agnes ist Naturkind, darf sich nicht gefangen fühlen. Sie hat große Angst, dass sich das Schicksal ihrer eigenen Mutter wiederholt, die bei einer Geburt starb. Die Situation steigert sich in einem kritischen Moment: Als das zweite Kind (Judith) geboren wird, atmet es zunächst nicht. Die Hebamme will das Kind bereits für tot erklären, doch Agnes weigert sich aufzugeben. Sie hält das leblose Baby fest, streichelt es und „ruft“ es ins Leben zurück, bis es schließlich den ersten Atemzug tut.Im Sterben von Hamnet wiederholt sich diese Szene, Agnes will ihren Sohn wieder ins Leben zurückrufen. Der Tod des Sohnes wird zum Akt der Aufopferung und tiefen Verzweiflung.

Es ist kalt und dunkel, William weit fort, als die Krankheit ausbricht. Judith zeigt die typischen Symptome der Pest (Beulen am Hals) und liegt im Sterben. Als die Mutter einmal dem Krankenbett fern ist, kommt es zum Tausch. In einer verzweifelten Geste wünscht sich der junge Hamnet (Jacobi Jupe), den Platz mit seiner geliebten Schwester auf dem Totenbett einzunehmen. Er möchte nicht ohne sie sein. Während Judith sich überraschend erholt, verschlechtert sich Hamnets Zustand rapide. Er stirbt schließlich in den Armen seiner Mutter Agnes. Die Szene gipfelt in einem markerschütternden Schrei von Agnes, der den unerträglichen Schmerz über den Verlust ihres einzigen Sohnes ausdrückt.

Der Film nutzt diese Szenen, um die tiefe Verbindung zwischen Mutter und Kindern sowie die unterschiedliche Art der Trauer von Agnes und William (Paul Mescal) zu verdeutlichen.

1. Die Trauer: Agnes vs. William

Der Film zeigt eine tiefe Entfremdung zwischen den Eltern nach Hamnets Tod: Agnes (Die körperliche Trauer): Für Agnes ist der Verlust physisch und allgegenwärtig. Sie bleibt in Stratford, pflegt das Grab und verfällt in eine Art spirituelle Starre. Sie versteht nicht, wie William nach London zurückkehren und dort „einfach weitermachen“ kann. Für sie wirkt sein Fortgehen wie Verrat am gemeinsamen Schmerz. William (Die schöpferische Flucht): William kann seinen Schmerz nicht in Worte fassen oder zu Hause ertragen. Er flieht in die Arbeit. Während Agnes denkt, er habe den Sohn vergessen, nutzt er das Theater als Ventil. Er schreibt seinen Schmerz in ein Manuskript, das er jahrelang hütet, bis es zu Hamlet wird.

2. Die Schlussszene im Globe Theatre

Diese Szene gilt als der emotionale Höhepunkt des Films, in dem Agnes endlich versteht, was William getan hat. Es kommt zur Konfrontation: Agnes reist nach London, erfüllt von Wut und Unverständnis, weil sie gehört hat, dass William ein Stück mit dem Namen ihres toten Sohnes auf die Bühne bringt. Sie empfindet es zunächst als Sakrileg. Sie setzt sich inkognito ins Publikum. Auf der Bühne erscheint William selbst in der Rolle des Geistes von Hamlets Vater. Der junge Schauspieler, der Hamlet spielt, sieht ihrem verstorbenen Sohn verblüffend ähnlich. Agnes erkennt während der Aufführung, dass William das Stück nicht geschrieben hat, um den Tod auszuschlachten, sondern um Hamnet unsterblich zu machen. In der Fiktion von Hamlet stirbt nicht das Kind, sondern der Vater opfert sich für den Sohn (der Geist des Vaters erscheint dem Sohn). Als William (als Geist) auf der Bühne steht und seinen Sohn anspricht, blicken er und Agnes sich im Publikum direkt an. In diesem Moment heilt ihre Beziehung: Sie begreift, dass das Schreiben seine einzige Art war, den Verlust zu überleben. Der Film endet mit der kraftvollen Botschaft, dass Kunst die einzige Brücke ist, die die Toten und die Lebenden wieder vereinen kann.

Unterschiede zwischen dem Buch und dem Film

Obwohl Maggie O’Farrell am Drehbuch mitgewirkt hat, unterscheidet sich der Film von Chloé Zhao in einigen Punkten. Zunächst geht es um eine andere Erzählstruktur: Das Buch nutzt eine nicht-lineare Struktur, die ständig zwischen der Vergangenheit (dem Kennenlernen von Agnes und William) und der Gegenwart (dem Ausbruch der Krankheit) hin- und herspringt. Der Film erzählt die Geschichte weitgehend linear. Auch die Perspektive auf die Pest ist eine andere. Im Roman gibt es ein berühmtes, fast eigenständiges Kapitel, das den Weg des Flohs (der die Pest überträgt) von einem Schiff bis nach Stratford beschreibt. Im Film wird dies durch ein Schattentheater (bestimmte Lichttechniken) symbolisch und künstlerisch gelöst. Das Buch endet sehr intim mit Agnes‘ Reaktion im Theater. Der Film dehnt diesen emotionalen Höhepunkt aus und zeigt mehr von der tatsächlichen Aufführung des Stücks Hamlet.

Unterschiede gibt es auch in den Charakterbeziehungen. Im Film wird eine größere emotionale Wärme zwischen William und seinen Kindern gezeigt, während William im Buch oft distanzierter wirkt. So mancher Zuschauer wundert sich darüber, dass es zwischen Eltern und Kindern bereits zur Zeit Shakespeares eine solche emotionale Bindung gegeben haben soll.

Man darf den Film Hamnet nicht mit einer Verfilmung des Theaterstücks Hamlet verwechseln. Die Handlungen haben fast nichts gemeinsam, außer der emotionalen Essenz: 

Merkmal Film: HamnetDrama: Hamlet
GenreBiografisches FamiliendramaRachetragödie
ProtagonistAgnes (Shakespeares Frau)Prinz Hamlet von Dänemark
Der GeistSymbol für die Erinnerung an den toten SohnDer Geist des ermordeten Königs (Vaters), der Rache fordert
TodesfallEin Kind stirbt an einer Krankheit (Pest)Ein König wird von seinem Bruder vergiftet
ThemaVerarbeitung von Trauer in einer FamilieWahnsinn, Verrat und moralische Pflicht

Zusammenfassend: Während Hamlet ein fiktives Stück über einen dänischen Prinzen ist, der seinen Vater rächen will, ist Hamnet die Geschichte der realen Familie hinter dem Autor, die versucht, den Tod eines Kindes zu überleben. Der Film nutzt den berühmten Monolog „Sein oder Nichtsein“ sogar zweimal, um Williams inneren Kampf nach dem Tod seines Sohnes zu verdeutlichen. 

Kritiken zu Hamnet (2025/26)

Kritiken zum Film sind überwiegend enthusiastisch, wobei der Film vor allem als visuelles und emotionales Meisterwerk gefeiert wird. Er gilt als einer der bedeutendsten Filme des Jahres und wurde bereits mit dem Golden Globe als bester Film (Drama) und einem Oscar für die Hauptdarstellerin ausgezeichnet. Überwältigend erscheint die Leistung ihrer emotionalen Wandlungsfähigkeit. Auch die übrigen Darsteller überzeugen durch ihre „leise Intensität“. Die Bildsprache von Regisseurin Chloé Zhao ist stärker als Worte. Die „magischen Naturbilder“ und die meditative Atmosphäre kann als einzigartig beschrieben werden. Das Ende im Globe Theatre wird fast durchgehend als „atemberaubend“ und „triumphales Finale“ bezeichnet, das den ganzen Kinosaal zu Tränen rührt. Viele Rezensionen beschreiben den Film nicht nur als traurig, sondern als eine lebensbejahende Erfahrung über die heilende Kraft der Kunst.

Aber es gibt auch kritische Anmerkungen wie fehlende Subtilität: Einige Kritiker bemängeln, dass der Film – im Gegensatz zum Buch – die emotionalen Verbindungen zu deutlich erklärt und stellenweise zu manipulativ wirkt, um Tränen zu erzwingen. Auch die historische Ungenauigkeit ist ein Kritikpunkt: Einigen Rezensenten geht die fiktionale Freiheit zu weit. Sie bezeichnen die direkte Verknüpfung von Hamnets Tod mit dem Stück Hamlet als spekulativ oder gar als „billige Gefühlsduselei“. Auch der Einsatz von Max Richters Musik (speziell „On the Nature of Daylight“) wurde vereinzelt als klischeehaft empfunden, da das Stück bereits in vielen anderen Filmen verwendet wurde. 

Fazit

Der Film wird als „radikal feminin“ und „technisches wie emotionales Fest“ eingeordnet. Trotz kleinerer Abzüge in der B-Note für mangelnde Subtilität überwiegt das Urteil, dass Zhao ein kraftvolles Porträt über Liebe und Verlust,

Krise und Hoffnung (passend auch zu unserem Seminar im SoSe 26), gelungen ist, das noch lange nachhallt.