Oper und Psalm: „Kain und Abel – Aus der Tiefe“ „Du fond de l’abîme“: Psalm von Lili Boulanger
Im Kontext unseres in der nächsten Woche beginnenden Seminars „Unter Spiegeln“ (U3L-Vorlesungsverzeichnis 2026, S. 63) erscheint der Abend am Staatstheater Darmstadt vergleichbar eines beklemmenden Spiegelkabinets. Felix Weingartners klanggewaltiger Einakter „Kain und Abel“ kommt in einem Doppelabend zusammen mit Lili Boulangers Chorkomposition „Psalm 130 – De profundis“ auf die Bühne. Lili Boulanger vollendete die Vertonung des Bußpsalms 130 „Du fond de l’abîme“ („Aus der Tiefe des Abgrunds schreie ich zu dir, oh Herr“) 1917 nach fast acht Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg.
Sehr geehrte Lesende des UniWehrsEL,
Regisseur Kerem Hillel entfaltet die Uraufführungsgeschichte, die historischen Brüche und die inneren Risse der Figuren zu einem Konzept, das Spiegeln nicht nur als Bild, sondern als psychische Bedingung begreift: Spiegelungen, Verdopplungen, gebrochene Identitäten. Anders als in der Bibel, ist Kain hier das einzige Kind Adams mit seiner zweiten Frau Eva; die Patchworkfamilie bildet den Ausgangspunkt des Dramas. Kain hat Ada mit Gewalt zu seiner Frau gemacht — er vergewaltigte sie, Abel floh. Ada wird so zum Zentrum des Konflikts zwischen den Brüdern. Als Abel zurückkehrt, um Ada mitzunehmen, überrascht Kain ihn und tötet ihn. Im Zentrum der Oper stehen Adam und Eva, die versuchen, den Mord ihres Sohnes zu begreifen.
Spiegel als Metapher durchziehen die Aufführung: Adam blickt zurück auf ein verlorenes Vorher‑Ich — die paradiesische Zeit mit Lilith — und sieht in seinen Kindern zugleich Selbstbilder und Fremdkörper. Kain ist das verachtete Spiegelbild, in dem sich Adams verdrängte Eitelkeit, seine nostalgische Sehnsucht und schließlich seine Schuldgefühle bündeln. Ada und Abel erscheinen als Zerrspiegel, in dem nicht nur familiäre Bindungen, sondern auch verdrängte Begehren und Rivalitäten sich entzünden. Der Moment, in dem Kain seine Halbschwester mit Abel „erwischt“, liest sich in Hillels Deutung wie der Zusammenbruch einer Selbstwahrnehmung: Das Gesicht im Spiegel zeigt nicht mehr das vertraute Ich, sondern einen Feind, dessen Existenz die eigene Kohärenz zerstört.
Die Inszenierung zeichnet zudem ein verstörendes Bild toxischer Beziehungen. Gewalt, Besitzdenken und instrumentalisierte Nähe — vor allem Kains Zwang gegenüber Ada — erzeugen ein Klima, in dem Liebe zur Waffe wird. Bruderliebe erscheint hier ambivalent: sie trägt Züge von Fürsorge, aber führt zugleich in zerstörerische Konkurrenz. Abels Flucht und sein Versuch, Ada zu befreien, werden als Akt brüderlicher Solidarität und als Bedrohung für Kains Anspruch auf Macht gelesen. Die Konkurrenz der Brüder ist weniger eine spielerische Rivalität denn ein existenzieller Kampf um Anerkennung, Besitz und Selbstwert — ein Konflikt, der am Ende der Oper in blinder Gewalt eskaliert.
Psychologisch ist die Inszenierung stark: Weingartners Kammerspiel in seiner dramatische Anlage eignet sich hervorragend, um innere Zustände nach außen zu kehren. Die Bühnenreaktion auf das Verbrechen — das abrupte, brutale Ende — wirkt weniger als finale Handlung denn als Seismograph eines langen inneren Prozesses. Die Eltern als Beobachter und zugleich als zerbrechende Spiegelungen: Wie lebt ein Paar weiter, das weiß, dass eines seiner Kinder das andere getötet hat? Hillel beantwortet diese Frage nicht mit moralischer Erklärung, sondern mit Stille, mit Wiederholung, mit dem steten Zurückblicken auf ein Anderes, das nicht mehr ist — eine Methode, die psychologisch die Sprachlosigkeit und das traumatische Nachhallen einer Katastrophe einfängt. (Image by darksouls1 from Pixabay)
Die Programmierung des Abends, den familiären Alptraum auf Boulangers Psalm folgen zu lassen, ist dramaturgisch und inhaltlich überzeugend. Boulangers Aus der Tiefe erweitert die Spiegelmetaphorik gesellschaftlich: Wo Weingartner das intime, zerklüftete Gefüge einer Familie seziert, legt der Psalm die getrennten Stimmen einer Gemeinschaft übereinander. Die echohafte Chorsprache Boulangers kehrt das Individuum in ein kollektives Reflektieren um — die Suche nach Vergebung, nach Antwort in der Tiefe wird zum öffentlichen Spiegel, in dem eine ganze Gesellschaft ihr Antlitz sucht. Dass Boulangers Werk, wie Weingartners, im Schatten des Ersten Weltkriegs entstand, verstärkt die Parallele: Individuelle Schuld und kollektive Verlorenheit spiegeln einander.
Besonders gelungen finde ich, wie musikalische und szenische Mittel das Motiv der Eitelkeit und der Selbsterkenntnis verknüpfen. Eitelkeit hier ist nicht nur Narzissmus im klassischen Sinn, sondern das Ringen um Anerkennung, um die Bestätigung des eigenen Platzes — ein Motiv, das Kain in blinder Raserei zerstört. Selbsterkenntnis bleibt in dieser Lesart eine leidvolle Erfahrung: Spiegel zeigen nicht nur Identität, sondern auch die Brüche, die man lieber übersehen würde. Die Inszenierung macht diese Ambivalenz sichtbar: Erkenntnis wird zur Qual; die Einsicht in das eigene Scheitern führt nicht zur Erlösung, sondern zur Verschärfung des Leids.
Aus psychologischer Sicht überzeugt auch die Entscheidung, die Handlung rückblickend zu erzählen. Die Perspektive des Erinnerns bringt Unsicherheit, Verzerrung und Verdrängung mit sich — typische Phänomene traumatischer Verarbeitung. Hillels Konzept nutzt diese Mechanismen, um die Zuschauer in den Raum zwischen Ereignis und Deutung zu führen: Wir sehen keine objektive Tat, sondern die Nachwirkungen in Psychen, in Blicken, in fragmentarischen Erinnerungen. Das ist eine starke theatralische Analogie zur Funktionsweise des Spiegels: Er zeigt zwar ein Bild, doch das Bild ist abhängig von Licht, Brechung und dem Blickwinkel des Betrachters.
Insgesamt ist der Abend eine scharfsinnige Auseinandersetzung mit Schuld, Identität und kollektiver Suche nach Bedeutung. Weingartners vergessen geglaubtes Kammerspiel gewinnt in Hillels Lesart an Dringlichkeit; Boulangers Psalm bietet eine musikalische Transzendenz, die das Private ins Allgemeine hebt. Die Spiegelmetaphorik bleibt dabei der Leitfaden: Sie funktioniert als ästhetisches Prinzip und als psychologische Kategorie zugleich — ein treffendes Gerüst für die Frage, wie Menschen mit Unfassbarem leben und wie sie in den gebrochenen Spiegeln ihrer Welt nach sich selbst suchen. (Image by Tama66 from Pixabay)
Die Oper mahnt den Zuschauer als Gesellschaft zur offenen Auseinandersetzung mit den Mechanismen von Gewalt und Verdrängung. Schweigen und Vertuschung schaffen Räume, in denen Machtmissbrauch und toxische Beziehungen wachsen; nur durch transparente Institutionen, Gesprächsangebote und niedrigschwellige Hilfen lassen sich solche Dynamiken frühzeitig unterbrechen. Traumata enden nicht mit juristischen Urteilen: Langfristige psychologische Begleitung und soziale Unterstützung sind nötig, um Betroffene und Angehörige wieder handlungsfähig zu machen.
Die Darstellung brüderlicher Konkurrenz zeigt, wie Anerkennung‑ und Eitelkeitsdynamiken in zerstörerische Gewalt umschlagen können; das ist eine Warnung an eine Gesellschaft, die Leistungsdruck und ungleiche Machtverhältnisse nicht hinterfragt. Prävention bedeutet hier, Empathie zu fördern, gewaltfreie Konfliktlösung zu lehren und soziale Bedingungen zu schaffen, die nicht permanent um Status und Besitz kämpfen lassen.
Boulangers Psalm erinnert daran, dass es bei kollektiven Katastrophen nicht nur um individuelle Schuld, sondern um gemeinschaftliche Sinnsuche und Verantwortung geht. Gesellschaftliche Trauerarbeit, Räume für öffentliche Reflexion und die Bereitschaft zur Veränderung sind notwendig, um aus Bruchlinien neue Solidarität zu formen.
Die Inszenierung macht deutlich, dass es nicht um eine Rückkehr zum Vorher geht, sondern um das Lernen des Weiterlebens. Gesellschaftlich bedeutet das: Schweigen brechen, Traumata ernst nehmen, Strukturen der Gewalt benennen und ändern sowie kollektive Selbstreflexion ermöglichen — nur so kann Anerkennungskonkurrenz in solidarisches Miteinander verwandelt werden.
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