Oper Frankfurt: „L’Italiana in Londra“, Domenico Cimarosa – wenn Monty Python auf Oper trifft und Humor zur Überlebenskunst wird
Zum Seminar „Krise und Hoffnung — Über Lebenskunst in bewegten Zeiten“ passt der Theaterabend „Die Italienerin in London“ von Domenico Cimarosa an der Oper Frankfurt vorzüglich: Er zeigt, wie Kultur in bewegten Zeiten Trost spendet, Humor als Überlebenskunst fungiert und alte Werke in neuem Gewand Hoffnung stiften können. Die Aufführung macht lebenspraktische Reflexionen erlebbar — durch gemeinschaftliche Erfahrung, Lachen und die Auseinandersetzung mit menschlichen Verwicklungen; Teilnehmerinnen und Teilnehmer unseres Seminars finden hier reichlich Anschauungsmaterial dafür, wie man mit Krisen umgeht und trotzdem Hoffnung gestaltet.
Die Handlung von Die Italienerin in London bietet ein Lehrstück darüber, wie Menschen zu Überlebenskünstlern werden. Livia, die sich aus Angst vor vergangener Verletzung neu erfindet — aus der Italienerin wird eine Französin — demonstriert, wie Identität zur Schutzstrategie werden kann: Wer Schmerzen erfahren hat, schafft sich eine neue Rolle, um sich neu zu positionieren und Kontrolle zurückzugewinnen. Diese Form der Anpassung ist ambivalent, denn sie bewahrt vor unmittelbarer Verletzung, kann aber Selbstentfremdung und Einsamkeit nach sich ziehen. Madame Brilliante hingegen repräsentiert eine andere Form des Überlebens: Pragmatismus und Handlungsfähigkeit. Als lebenspraktische Wirtin, die trotz gebrochenen Herzens weiterarbeitet, zeigt sie, dass Stabilität oft aus kleinen, alltäglichen Verrichtungen erwächst. Ihr Humor und ihre Tatkraft machen sie zur identifikationsstarken Figur — nicht durch Pathos, sondern durch gelebte Resilienz. (Image by ElisaRiva from Pixabay)
Don Polidoro verkörpert eine dritte Lektion: Reichtum und Unabhängigkeit ersetzen nicht die Notwendigkeit sozialer Fähigkeiten. Seine Einsamkeit verweist darauf, dass echte Resilienz soziale Intelligenz und Nähe benötigt; materieller Besitz bleibt wirkungslos, wenn er nicht mit Empathie und Verbindung einhergeht. Insgesamt zeigt die Szene im Gasthof, wie Menschen in enger Begegnung ihre Ressourcen ausloten, Fehlverhalten korrigieren und durch Begegnung Heilung finden — auch wenn die Handlung dramaturgisch auf einfache Auflösungen setzt.
Die Regie von R. B. Schlather verwandelt diese menschlichen Strategien in eine kollektive Erfahrung, indem sie Monty-Python-Humor einfließen lässt. Der absurde, spielerische Umgang mit Situationen — Ritterrüstungen, Telefonzellen im Gasthaus, Türen, die ins Nichts führen — schafft eine Distanz, die es dem Publikum erlaubt, schmerzvolle Themen leichter auszuhalten. Lachen wird so selbst zur Überlebenspraxis: Es bricht Spannung, ermöglicht Perspektivwechsel und macht Aushalten erträglicher. Diese komische Haltung wirkt wie ein kulturelles Heilmittel, das nicht die Probleme wegzaubert, aber ihre Schwere mildert und Raum für neue Sichtweisen eröffnet. (Image by RyanMcGuire from Pixabay)
Schließlich ist die Wiederentdeckung Cimarosas selbst ein Beispiel kultureller Resilienz. Dass ein fast Vergessenes wieder sichtbar und wirksam wird, zeigt, wie Gemeinschaften durch Erinnerung und Neuinterpretation Identität stabilisieren und Hoffnung generieren. Die Aufführung demonstriert, dass Lebenskunst nicht nur in abstrakten Regeln besteht, sondern in konkreten Praktiken: Identitätsflexibilität, pragmatische Handlungsfähigkeit, soziale Vernetzung und die heilsame Kraft des Humors. Wer diese Oper erlebt, sieht, wie aus schlichten menschlichen Strategien – Anpassung, Tatkraft, Nähe und Lachen — lebendige Wege erwachsen, mit Krisen umzugehen und in bewegten Zeiten Hoffnung zu gestalten.
Stellen Sie sich vor, Sie gehen in eine Ihnen ganz unbekannte Oper von einem Komponisten, von dem Sie noch nie in Ihrem Leben gehört haben. So ging es sicher vielen Zuschauern der Oper Frankfurt, die am 10.04. den ersten Kontakt mit der Oper Die Italienerin in London von Domenico Cimarosa erfahren haben.
Domenico Cimarosa — noch nie gehört? Er war der Sohn eines Maurers und einer Wäscherin. Ausgebildet wurde er am angesehenen Konservatorium Santa Maria di Loreto in Neapel 1761. Nach kleinen Aufträgen als Komponist war 1779 die Oper Italienerin in London in Rom sein internationaler Durchbruch innerhalb und außerhalb von Italien. Die Oper schaffte es nach Mailand, Wien, Madrid, Weimar, Versailles, Lissabon und Paris. Cimarosa starb in Venedig mit noch nicht 52 Jahren.
Warum geriet der Komponist so in Vergessenheit? Cimarosa hatte das Pech, dass auf ihn der heute berühmte Komponist Mozart folgte, der Cimarosa von den Spielplänen der Opernhäuser vollständig verdrängt hat. Dabei kann der kundige Opernfreund im Finale des ersten Teils sogar die Zauberflöte von Mozart hören, wenn er die Augen schließt. (Image by OpenClipart-Vectors from Pixabay)
So kündigt es zumindest der Trailer zur Oper Italienerin in London freimütig an. Das soll dem Gast die Angst nehmen, er lande in einer unglaublich öden Oper — immerhin ca. 3 Stunden mit einer kleinen Pause — dabei klingt jeder Ton dieser Oper so, als hätte der Opernfreund sie bereits 1.000 Mal auf CD abgerufen. Das ist aber genau das Problem dieser Oper. Sie ist unglaublich austauschbar und hat keinen Wiedererkennungswert.
Zum Inhalt: fünf Personen treffen in einem Gasthof aufeinander. Der Gasthof liegt in London. Auf den ersten Blick fällt dem Zuschauer auf: fünf Personen können keine zwei Pärchen bilden oder bekommen. Eine Person bleibt übrig. Diese Person ist der italienische Tourist Don Polidoro. Er ist reich und unabhängig, aber auch sehr einsam. Er sucht zwar die Gesellschaft der zwei Paare, ist aber zu linkisch, um bei einer der zwei Frauen — Livia, der Italienerin in London, namensgebend für die Oper — oder der lebenspraktischen Wirtin Madame Brilliante zu landen.
Madame Brilliante leidet unter gebrochenem Herzen und ist deshalb zur Männerhasserin unfreiwillig geworden. Livia ist Dauergast bei Madame Brilliante. Sie floh als Italienerin nach London ebenfalls wegen eines gebrochenen Herzens. Damit der Liebesschuft sie nicht findet, hat sie ihre Identität neu erfunden: aus der Italienerin wurde eine Französin. Natürlich tritt Livia auf ihren Exlover, der sich auf die zweijährige Suche nach der Italienerin in London macht. Logisch, dass Livia und ihr Ex einander wiedersehen und alle Probleme sich in Luft auflösen bzw. auf Missverständnisse zurückgehen. Auch Brilliante findet schließlich den Partner fürs Leben.
Wie kann ein Regisseur in so eine vorhersehbare Story etwas Schwung bringen? Mit ganz viel Humor!
Da der Regisseur R. B. Schlather die Sendung von Monty Python geliebt hat, kam ihm die Idee, die seltsamen Verwicklungen der Oper mit dem besonderen Charme von Monty Python zu verbinden. Das führt zu teilweise absurden Situationen, wie wenn ein Typ in Ritterrüstung aus dem Nichts durchs Bild wackelt. Mitten im Gasthaus steht eine englische Telefonzelle. Dort ruft ein Geist an. Livia tritt im ersten Moment in der Flagge von Großbritannien auf und spielt dann eine verrückt sympathische Französin in einem seltsamen Kleid. Madame Brilliante ist blond und sitzt an der Bar des Gasthofs, welches auch ein Hotel sein könnte. Türen der Gaststätte führen ins Nichts und werden auf dem Rücken weggeräumt. https://pixabay.com/images/search/englische%20telefonzelle/
Mein Fazit: Wer den britischen Humor und die Gruppe Monty Python liebt, sollte sich diesen kreativen Theaterabend nicht entgehen lassen. Ich glaube, der König von Großbritannien wäre über diese dreistündige liebevolle Huldigung der Engländer sehr erfreut. Wie heißt es so schön bei Monty Python: Leben des Brian — „Always look on the bright side of life“...
Wer gerade nicht nach England kommt, sollte sich die DVD an der Oper Frankfurt besorgen. Schließlich hat der Intendant der Oper Frankfurt gerade den hessischen Kulturpreis gewonnen dafür, dass die Oper Frankfurt solche Opern wie die Italienerin in London ausgräbt und das Publikum neue Impulse von Opern bekommt.
Als Ergänzung zur Italienerin in London ist mir ein Vergleich zwischen Mozart und Cimarosa eingefallen. In der Italienerin in London gibt es die Figur der Madame Brilliante. Sie ähnelt in ihrem Verhalten der Despina aus Mozarts Cosi fan tutte unser Beitrag im UniWehrsEL). Beide Figuren erobern das Herz des Zuschauers im Sturm. Brilliante ist die fröhliche Gastwirtin. (http://Image by ohalek00 from Pixabay)
Despina, die Hausangestellte zweier reicher Damen. Beide Figuren sind praktisch veranlagt. Sie schimpfen über die Männer und deren Verhalten. Zwar gelingt es Brilliante am Ende selbst, einen Partner zu finden. Jedoch war dies nie das Bestreben von Despina. Sie verkuppelt die feinen Damen und verdient sich nebenbei ein Zubrot. Einen Partner sucht Despina nicht. Beide Figuren schaffen eine Verbindung zwischen sich und dem Publikum. So bleiben sowohl Brilliante als auch Despina dem Publikum eher im Gedächtnis haften als die edle Livia oder die feinen Damen aus Mozarts Cosi fan tutte.
Es ist sicherlich kein Zufall, gehen doch Frauenrollen auf die Commedia dell’arte zurück. Diese wurden in Italien auf öffentlichen Plätzen von Gauklern aufgeführt und müssen deshalb sehr schnell das Publikum für sich gewinnen. Sonst wäre das Publikum auf und davon. Diese Rollen wurden aus dem Schauspiel in die Oper adaptiert.
Die Italienerin in London hatte bereits Premiere in 2021. In 2024 war die Wiederaufnahme, weil die Oper 2021 zu einem Überraschungserfolg für die Oper Frankfurt wurde.
Wer es nicht bis Mai 2026 in die Vorstellung geschafft hat, kann sich auch die DVD bestellen. Mittlerweile liegt auch eine CD der Italienerin in London vor. Allerdings ist die CD nicht von der Oper Frankfurt.
Herzlichen Dank für Ihren erfrischenden Beitrag, liebe Izzi Neven!
Wir verwenden Cookies, um unsere Website und unseren Service zu optimieren.
Funktional
Immer aktiv
Die technische Speicherung oder der Zugang ist unbedingt erforderlich für den rechtmäßigen Zweck, die Nutzung eines bestimmten Dienstes zu ermöglichen, der vom Teilnehmer oder Nutzer ausdrücklich gewünscht wird, oder für den alleinigen Zweck, die Übertragung einer Nachricht über ein elektronisches Kommunikationsnetz durchzuführen.
Präferenzen
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist für den rechtmäßigen Zweck der Speicherung von Präferenzen erforderlich, die nicht vom Abonnenten oder Benutzer angefordert wurden.
Statistiken
Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu statistischen Zwecken erfolgt.Die technische Speicherung oder der Zugriff, der ausschließlich zu anonymen statistischen Zwecken verwendet wird. Ohne eine Vorladung, die freiwillige Zustimmung deines Internetdienstanbieters oder zusätzliche Aufzeichnungen von Dritten können die zu diesem Zweck gespeicherten oder abgerufenen Informationen allein in der Regel nicht dazu verwendet werden, dich zu identifizieren.
Marketing
Die technische Speicherung oder der Zugriff ist erforderlich, um Nutzerprofile zu erstellen, um Werbung zu versenden oder um den Nutzer auf einer Website oder über mehrere Websites hinweg zu ähnlichen Marketingzwecken zu verfolgen.