Du betrachtest gerade Philosophie: Hoffnung; Kant einfach erklärt, Kategorischer Imperativ im Alltagsleben des jungen Elias – eine (un-)mögliche Geschichte?

Mit Dank habe ich nicht nur die Gedankenspiele zur Komödie „Nein zum Geld!“, sondern auch den Hinweis auf „Forschung Frankfurt 2021“ gelesen. Dort definiert die Philosophin Claudia Blöser Hoffnung als das Für-möglich-Halten des Guten trotz ungewisser Umstände. Sie unterscheidet Hoffnung vom bloßen Optimismus, beschreibt sie als handlungsleitend gegen Resignation und führt das Konzept der „radikalen Hoffnung“ für Krisenzeiten ein. (Forschung Frankfurt 2021).

Liebe Lesende des UniWehrsEL,

In dem Artikel „Das Gute für möglich halten“ (Forschung Frankfurt 2021) nutzt die Philosophin Claudia Blöser Camus‘ „Mythos des Sisyphos“ als Kontrastfolie, um Hoffnung als bewusste Haltung statt naiver Erwartung zu definieren. Während Camus den „glücklichen Sisyphos“ durch heroische Akzeptanz des Absurden ohne Hoffnung beschreibt, plädiert Blöser für eine „radikale Hoffnung“, die auch in Krisenzeiten das Gute für möglich hält. Übrigens stammt das bekannteste Gemälde von Sisyphos von Tizian.

Blöser beschreibt, der französische Schriftsteller und Nobelpreisträger Albert Camus gehe davon aus, dass der Mensch ohne Hoffnung sogar glücklich sein kann. »Der Kampf, das andauernde Plagen und Bemühen hin zu großen Höhen, reicht aus, ein Menschenherz zu füllen. Weshalb wir uns Sisyphos (Image by xat-ch from Pixabay) am besten glücklich vorstellen«, zitiert sie die Schriftstellerin Anne Weber, die Camus’ Worte in ihrem Buch »Annette, ein Heldinnenepos« übersetzt. Erzählt wird die Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir; ein Roman über Mut, Widerstandskraft und den Kampf um Freiheit. Belohnt wurde der Roman mit dem Deutschen Buchpreis 2020.

Daraus resultiert für Blöser die Frage: „Können wir auch ohne Hoffnung gut leben?“ Phänomenologische Ansätze in der Philosophie würden darauf hinweisen, es gäbe eine »prä-intentionale« Hoffnung, die nicht auf konkrete Objekte gerichtet sei, sondern uns auf „stimmungsmäßige Weise eine Vorstellung von Zukunft vermittelt, die prinzipiell gute Möglichkeiten enthält. Diese Hoffnung ähnelt »radikaler« Hoffnung,
doch hat sie die Form eines existenziellen Gefühls, das nicht unbedingt bewusst sein muss“. Wenn Hoffnung fehle, dann könne es zu Depressionen kommen.

Hier ist nun mein Versuch, mich Kant (1724-1804) und seiner Philosophie zu nähern. Wie kann ich Emanuel Kants Gedanken zur Hoffnung für mich verständlich werden lassen?

Im Zentrum von Immanuel Kants Philosophie steht die Frage: „Was darf ich hoffen?“ Und dazu möchte ich eine einleuchtende Erklärung anstreben, wie Hoffnung und der Kategorische Imperativ zusammenhängen. Mein erster Ansatz gilt der Hoffnung allgemein.

Kant glaubte, dass wir nur dann wirklich motiviert sind moralisch zu handeln, wenn wir hoffen dürfen, dass das Gute am Ende siegt. Da die Welt aber oft ungerecht ist (Gute leiden, Böse sind glücklich), postuliert Kant, dass wir die Existenz Gottes oder ein Leben nach dem Tod nicht beweisen können, aber in der praktischen Vernunft (also in unserem Handeln) als notwendig annehmen dürfen. Ein Glück im ‚Jenseits‘ könnte also durchaus erhofft werden.

Während die Hoffnung das Ziel ist, ist der Kategorische Imperativ die Regel, nach der wir im Hier und Jetzt handeln. Er lautet vereinfacht: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Wie lässt sich das deuten?

Da ist zunächst der Filter-Effekt: Er dient als Lackmustest für unser Gewissen. Bevor wir handeln, fragen wir uns „Wäre es okay, wenn jeder auf der Welt genau so handeln würde wie ich?“ Daraus erwächst Pflicht statt Neigung, was bedeutet, egoistische Wünsche (Lust, Bequemlichkeit) beiseitezuschieben und das zu tun, was objektiv richtig ist.

Im Zusammenspiel sagt der Kategorische Imperativ, wie wir uns als würdig erweisen, glücklich zu sein. Dabei gibt uns die Hoffnung die Zuversicht, dass wir diese Würdigkeit am Ende als nicht umsonst erleben. Deutlicher wird es, wenn wir uns dazu ein Beispiel überlegen, wie ich es hier im UniWehrsEL bereits lesen konnte – danke dafür. Ich möchte nun gerne an die Geschichte von „Nein zum Geld“ anknüpfen und Kants Prinzipien in den Alltag übertragen.

Stellen Sie sich vor, ein junger Mann namens Elias findet auf dem Weg zur Arbeit eine Brieftasche.(Image by stevepb from Pixabay) Darin stecken 500 Euro in bar – kein Ausweis, keine Visitenkarte. Elias hat gerade Mietschulden und das Geld wäre seine Rettung.

Stellen wir nun Überlegungen an zum Kategorischen Imperativ: In seinem Kopf beginnt die Prüfung. Er fragt sich nicht: „Werde ich erwischt?“, sondern er wendet Kants Formel an: „Was wäre, wenn es ein allgemeines Gesetz gäbe, dass jeder gefundene Brieftaschen einfach behält?“
Elias erkennt sofort: Wenn jeder so handelte, bräuchte niemand mehr eine Brieftasche. Das Vertrauen in der Gesellschaft würde kollabieren. Also sagt ihm seine Vernunft: „Es ist deine Pflicht, das Geld abzugeben.“ Daraus erwächst ein Konflikt: Elias gibt die Brieftasche im Fundbüro ab. Als er hinausgeht, regnet es, er ist hungrig und weiß immer noch nicht, wie er seine Miete zahlen soll. In diesem Moment fühlt sich Moral ziemlich leer an. Er hat das Richtige getan, aber er ist unglücklich.

Nun kommt Kants Hoffnung (Der Lichtblick) ins Spiel: Elias denkt nicht: „Ich bin ein Idiot“, sondern er erlaubt sich den Gedanken: „Ich habe mich so verhalten, als ob ich es verdient hätte, glücklich zu sein.“ Er hofft darauf, dass die Welt kein sinnloser Ort ist, an dem nur die Rücksichtslosen gewinnen. Diese Hoffnung gibt ihm den inneren Frieden, erhobenen Hauptes nach Hause zu gehen, auch wenn sein Geldbeutel leer bleibt. Er vertraut darauf, dass moralisches Handeln am Ende sich irgendwie „auszahlt“.

Der Kategorische Imperativ hat Elias daran gehindert, das Geld einzustecken. Die Hoffnung verhindert, dass er an seiner Ehrlichkeit verzweifelt.

Elias geht also im Regen nach Hause, den Kopf voller Gedanken. Er fragt sich, ob seine kleine ehrliche Tat überhaupt einen Unterschied macht, wenn die Welt um ihn herum oft so egoistisch wirkt. An seinem Küchentisch schlägt Elias die Zeitung auf. Er liest von Konflikten zwischen Ländern, von gebrochenen Verträgen und Misstrauen. Er erkennt: Das Problem der Staatschefs ist genau dasselbe wie sein Problem mit der Brieftasche.

Elias denkt nach: „Was wäre, wenn ein Staat einen Friedensvertrag nur unterschreibt, um heimlich aufzurüsten und den anderen später zu überfallen? Wenn das alle täten, wäre ein Vertrag völlig wertlos. Niemand könnte je wieder in Frieden leben.“ Er begreift, dass der Kategorische Imperativ auch für Könige und Präsidenten gilt: Handle so, dass die Regeln deines Landes als Vorbild für eine friedliche Welt dienen könnten. (Image by Mohamed_hassan from Pixabay)

Elias weiß, dass es utopisch klingt. Aber Kant gab ihm ein Werkzeug mit: die Idee zum „Ewigen Frieden“. Elias stellt sich vor, dass die Menschheit wie eine Gruppe Wanderer ist. Sie stolpern oft, schlagen falsche Wege ein, aber langsam bewegen sie sich auf ein Ziel zu. Seine Hoffnung ist jetzt nicht mehr nur privat (dass er für seine Ehrlichkeit belohnt wird), sondern politisch: Er hofft darauf, dass die Vernunft der Menschen am Ende stärker ist als ihr Egoismus. Er glaubt daran, dass durch Handel, Besuche und faire Gesetze die Kriege irgendwann aufhören müssen – schlicht, weil Krieg unvernünftig ist.

Elias schließt die Zeitung. Er merkt: Wenn er will, dass Staaten ehrlich zueinander sind, muss er selbst damit anfangen. Seine Hoffnung ist der „Motor“: Er gibt die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht auf, weil er weiß, dass sie nur entstehen kann, wenn jeder (auch er selbst) so handelt, als wäre der Frieden schon möglich.

Elias fühlt sich jetzt weniger wie ein Verlierer und mehr wie ein Pionier einer besseren Weltordnung. Elias versucht sich in die konkreten Bedingungen einzulesen, die Kant in seiner Geschichte vom „Ewigen Frieden“ aufgestellt hat, damit Staaten aufhören zu kämpfen. Kants Überlegungen resultieren aus der Entdeckung eines Wirtshausschild mit dem Schriftzug „Zum ewigen Frieden“, ironischerweise zeigte der Schriftzug unter dem Bild einen Friedhof. (Image by geralt from Pixabay)

Elias sitzt noch immer am Küchentisch und stellt sich vor, wie seine kleine Entscheidung mit der Brieftasche zum Bauplan für eine ganze Welt ohne Krieg werden könnte. Er erinnert sich an drei „Hausregeln“, die Kant für diesen Weltfrieden aufgestellt hat – und er spinnt die Geschichte in seinem Kopf weiter:

Da wäre als erstes die Freiheit aller (Die Republik). Elias denkt: „In meinem Leben entscheide ich selbst, die Brieftasche abzugeben. Niemand hat mich gezwungen.“ Er überträgt das auf die Welt: Frieden klappt nur, wenn die Menschen in ihren Ländern selbst mitbestimmen dürfen. Wenn ein Volk selbst entscheiden muss, ob es in den Krieg zieht und seine Söhne und sein Geld opfert, wird es fast immer „Nein“ sagen.

Das birgt die Hoffnung in sich: Elias hofft darauf, dass immer mehr Menschen mutig genug werden, ihre Freiheit einzufordern, damit Herrscher nicht mehr einfach über ihre Köpfe hinweg Krieg spielen können. In ihm erwacht der Weltbürger-Gedanke – das Besuchsrecht. Jeder Mensch hat das Recht, ein fremdes Land zu besuchen und sich dort aufzuhalten: So lässt sich ein Kernelement des Weltbürgerrechts als „Besuchsrecht“ nach Immanuel Kant zusammenfassen. Elias stellt sich vor, er würde in ein fremdes Land reisen, ohne Geld (das er ja abgegeben hat).

Was würde Kant dazu sagen? (Image by GDJ from Pixabay) Jeder Mensch hat ein Recht darauf, auf dieser Erde nicht feindselig behandelt zu werden, solange er sich friedlich verhält. Wir sind alle Gäste auf derselben Kugel. Elias überträgt dies auf die Hoffnung. Er stellt sich eine Welt vor, in der Grenzen keine Mauern mehr sind, sondern Türen. Er hofft, dass wir einander irgendwann nicht mehr als „Fremde“, sondern als Mitbewohner des Planeten sehen. Elias träumt von  Transparenz; ohne Geheimverträge.

Elias denkt an seine Ehrlichkeit zurück. Er hat nichts zu verbergen. In der Politik müsste es genauso sein: „Was wäre, wenn alle Verträge öffentlich wären?“ Wenn ein Land heimlich Böses plant, kann es unmöglich wollen, dass es alle wissen. Aber seine Hoffnung wäre, eine Welt der „Ehrlichkeit“, in der Politik nicht mehr hinter verschlossenen Türen mit Lügen gemacht wird.

Elias löscht das Licht. Er hat zwar immer noch kein Geld für die Miete, aber er spürt eine neue Kraft. Er sieht sich nicht mehr als einsames Opfer der Umstände. Er versteht jetzt: Seine Hoffnung ist kein naiver Wunschtraum, sondern eine moralische Pflicht. Indem er heute ehrlich war, hat er einen winzigen Baustein für dieses große Gebäude des Weltfriedens gelegt.

Er schläft ruhig ein, weil er weiß: Wenn jeder so handelt wie er heute, wäre die Welt morgen ein friedlicher Ort. (Image by elbwallker from Pixabay)

Elias wacht am nächsten Morgen auf. Er macht sich Sorgen wegen seiner Miete, aber er erinnert sich an einen seltsamen Gedanken von Kant: Selbst wenn die Menschen keine Engel sind, wird die Welt am Ende friedlich werden. Kant nennt das den „Plan der Natur“.

Gibt es so etwas wie ‚Das egoistische Wunder‘? Elias beobachtet auf dem Weg zum Bäcker das Treiben auf der Straße. Er sieht den Bäcker, der Brot verkauft, und den Kunden, der bezahlt. Keiner von beiden tut das unbedingt aus reiner Nächstenliebe – der Bäcker will Geld, der Kunde will Essen. Beide sind eigentlich „Egoisten“. Aber genau hier liegt der Clou: Damit das Geschäft funktioniert, müssen sie friedlich bleiben und sich an Regeln halten. Der Egoismus zwingt sie dazu, zusammenzuarbeiten, weil Krieg und Streit das Geschäft ruinieren würden.

Kann es eine Hoffnung durch den Handel geben? Elias begreift: Die Hoffnung auf Frieden ruht nicht nur darauf, dass alle Menschen plötzlich „gut“ werden wie er mit seiner Brieftasche. „Es ist“, schreibt Kant 1795, der „Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann, und der sich früher oder später jedes Volkes bemächtigt.“ Staaten sollten irgendwann merken, dass es profitabler ist, Waren auszutauschen als Bomben. Elias hofft darauf, dass die Vernunft der Menschen (und sogar ihre Gier nach Wohlstand) sie dazu bringen wird, den Krieg als zu teuer und unpraktisch abzulehnen.

Kann die Natur zu unserer Lehrmeisterin werden? Elias sieht einen heftigen Regenschauer. Die Natur zwingt die Menschen unter die Unterstände der Bushaltestellen. Elias denkt, was Kant meinen würde: Die Natur treibt uns durch Krisen, Kriege und Not so lange in die Enge, bis wir keine andere Wahl mehr haben, als einen „Völkerbund“ zu gründen.„ Das Völkerrecht soll auf einem Bund freier Staaten gegründet werden .“ … „Die Rechte der Menschen als Weltbürger sollen auf die Bedingungen allgemeiner Gastfreundschaft beschränkt sein.“

Und wieder erkennt Elias die Hoffnung in der Geschichte, in dem er einsieht, dass selbst das Chaos in der Welt einen versteckten Sinn haben könnte. Er hofft, dass die Menschheit aus ihren Fehlern lernt, weil der Schmerz des Krieges irgendwann unerträglich wird.

Eine Geschichte braucht natürlich auch ein Fazit für den Protagonisten: Als Elias an seiner Wohnungstür ankommt, trifft er seinen Vermieter. Elias erklärt ihm ehrlich die Situation mit der Brieftasche. Der Vermieter ist so beeindruckt von dieser Integrität, dass er ihm einen Aufschub gewährt. Elias erkennt: Sein Kategorischer Imperativ (die Ehrlichkeit) und seine Hoffnung (mein Handeln hat einen Sinn) haben sich im Kleinen bereits bewährt. Er vertraut nun darauf, dass die Welt – genau wie sein Vermieter – am Ende die Vernunft dem Konflikt vorziehen wird. (Image by Tumisu from Pixabay)

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie gedanklich meine Geschichte nachvollziehen und weiter ergänzen würden. Bitte schreiben Sie dazu einen Kommentar.