Die Idylle des Comer Sees eröffnet den Film „A Month by the Lake„: mildes, mediterranes Klima, sonnenbeschienene Villenhänge, kleine Dörfer, die ihre Ursprünglichkeit bewahrt haben — ein Ort, an dem die Süße des Augenblicks fast greifbar wird. In dieser scheinbar zeitlosen Kulisse entfaltet sich eine Geschichte von Liebe, Vergänglichkeit und dem Ringen um Lebenskunst. Für das Seminar „Krise und Hoffnung — Über Lebenskunst in bewegten Zeiten“ bietet der Film reiches Material: Er zeigt, wie persönliches Glück und zwischenmenschliche Zuwendung als Gegenmittel gegen existenzielle Unsicherheit wirken können.
Liebe Leser des UniWehrsEL,

Der Film „Ein Sommer am See“ ist eine zarte, komische und zugleich nachdenkliche Erinnerung daran, wie Liebe, Alter, Vergänglichkeit und die Süße des Augenblicks in wechselhaften Zeiten aufeinandertreffen. Miss Bentley, die seit 16 Jahren den April am Comer See (Image by GPoulsen from Pixabay) verbringt, wirkt zunächst als beherrschte, erfahrene Frau, deren Verlust (der Tod ihres Vaters) eine leise Traurigkeit mit sich bringt. In dieser Kulisse der eleganten Hangvilla und der wunderschönen Landschaft entfaltet sich ein feines Beziehungsgeflecht: zwei Frauen — die reifere Miss Bentley und die junge, kokette Miss Beaumont — fühlen sich nacheinander zu Major Wilshaw hingezogen. Aus dieser Dreieckskonstellation entstehen komische Rivalitäten, philosophische Einsichten und die lebenskluge Frage, was Liebe im Alter noch bewirkt.
Der Major – alt aber nicht Weise?
Der Major ist eine Figur der Widersprüche: äußerlich noch die Haltung und die Formen eines einst respektierten Offiziers, innerlich aber mit dem leisen Verlangen, Jugend und Attraktivität zu behaupten. Sein Alter will er sich nicht eingestehen; er hält an Ritualen der Selbstinszenierung fest, an kleinen Machtdemonstrationen und an der Gewissheit, dass seine Stellung, sein Geld und sein Auftreten weiterhin Geltung verschaffen. Gerade deshalb trifft ihn die eigene Verletzlichkeit so tief, wenn diese Fassade brüchig wird.
Seine Verliebtheit in Miss Beaumont ist nicht nur Anziehung, sondern auch ein Versuch, sich über das Spiegelbild jugendlicher Bewunderung zu verjüngen. Ihre kokette Art, die gezielte Geschenke wie die Rose, ihr offener Charme reizen ihn – weil sie ihm Bestätigung bietet und zugleich die Illusion von Unmittelbarkeit und Begehrtheit zurückgibt. Er sucht in ihr eine Bestätigung seiner Attraktivität; sie ist ein Funken, der seine Selbstwahrnehmung kurzzeitig entzündet.
Gleichzeitig besteht zwischen ihm und Miss Bentley eine andere, tiefere Beziehungsebene — Respekt, Vertrautheit, die Würde einer Frau, die ihr Leben in Balance hält. Diese Verbindung wird zur Quelle stummer Konkurrenz, weil Miss Beaumont als jugendliche Aggressorin in dieses Gleichgewicht eindringt.

Die Tennispartie wird zum Sinnbild dieses Konflikts: Als der Major Miss Bentley öffentlich zu einem Tennisdate einlädt, setzt er bewusst auf ihre vermeintliche Unbeholfenheit; das Match soll seine Überlegenheit in Szene setzen und gleichzeitig Miss Beaumont imponieren. Doch als Miss Bentley überraschend siegreich ist, trifft ihn das wie Demütigung. Nicht allein die Niederlage schmerzt ihn, sondern das Gefühl, lächerlich geworden zu sein — die Illusion seiner Unantastbarkeit wird öffentlich infrage gestellt. (Image by OpenClipart-Vectors from Pixabay)
Seine Kränkung verstärkt sich in der Szene mit der Zeichnung: Bei der Zaubervorführung, in der er vorgibt, Gedanken und Sehnsüchte anhand von Zetteln erraten zu können, enthüllt Miss Beaumont durch ihre karikierende Zeichnung das, was er am wenigsten erträgt, seine Steifheit, seine Lächerlichkeit.

Die Darstellung des Majors als steifer Leuchter (Image by Agzam from Pixabay) demütigt ihn, weil sie seine vermeintliche Autorität und seine romantische Fantasie ins Groteske verkehrt. Seine Zaubertricks sind, wie seine Inszenierungen insgesamt, Versuche, Kontrolle und Geheimnis zu behaupten; die Entlarvung durch Miss Beaumont trifft ihn deshalb persönlich und existenziell.
In all dem bleibt der Major ambivalent: Er ist nicht nur eitel, sondern auch verletzlich; hinter der Glätte seines Wohlstandes lauert Unsicherheit. Sein Verhalten gegenüber beiden Frauen, – das offene Werben um Beaumont, das gezielte Bloßstellen Bentleys beim Tennis – offenbart die Verfassung eines Mannes, der zwischen Selbsterhalt, Sehnsucht nach Jugend und dem Bewusstsein des nahenden Vergehens schwankt. Die Szenen, in denen er lächerlich gemacht wird, wirken deshalb nicht nur komisch, sondern sind narrative Schlüssel: sie zeigen, wie Alter, Macht und Verliebtheit kollidieren und wie fragile Selbstbilder in Momenten sozialer Prüfung zerbrechen.
Miss Beaumont: jugendlicher Charme und Ambition
Miss Beaumont ist das Kindermädchen eines reichen italienischen Paares, jung, groß und kokett, mit der Dreistigkeit der Jugend auf ihrer Seite. Sie möchte gesellschaftlich aufsteigen; ihr Verhalten ist geprägt von Ehrgeiz, koketter Provokation und dem Wunsch, dem Dienerinnen-Dasein zu entkommen. In einer frühen Szene überreicht sie dem Major eine Blume, eine subtile Verführung, die an die Rosenszene in der Oper Carmen erinnert, wo die Titelfigur Don José (Carmen – The Flower Song, Jonas Kaufmann) die Rose erhält; der Film spielt diese Anspielung bewusst aus.
Durch ihre Zuwendung sorgt sie dafür, dass der Major seinen Aufenthalt im Hotel verlängert. Sie tanzt ausgelassen mit ihm, zeigt ihm aber gleichzeitig Grenzen: seine Küsse weist sie ab, bleibt ambivalent und behält die Kontrolle. Miss Beaumont verachtet die zwei Mädchen, die ihr von der Familie zugewiesen sind. Nur ihr Aussehen steht ihr als Trumpf in einer von Reichtum bestimmten Welt zur Verfügung. Sie besitzt diese eine rohe Schönheit à la Chance Wayne aus „Süßer Vogel Jugend“ (Tennessee Williams).

Den besprachen wir im gleichnamigen Beitrag: Die Hauptfigur Chance Wayne (Arash Nayebbandi) hat zehn Jahre damit verbracht, berühmt zu werden. Als Star wollte er triumphierend in die triste Kleinstadt in den USA in den Südstaaten zurückkehren. Dazu hat er die einzige Waffe eingesetzt die er hatte, seine Jugend, seine Schönheit und seine sexuelle Anziehungskraft auf Frauen. Nun stellt er fest, dass die Zeit an ihm vorbei gegangen ist. Zehn Jahre älter und er ist immer noch kein landesweiter Star. Kein berühmter Schauspieler, sondern ein Bademeister. Aus seiner Sicht eine Witzfigur und Versager. (http://Image by OpenClipart-Vectors from Pixabay)
Am Ende wählt sie lieber den schönen jungen Italiener Vittorio als Partner, – eine Entscheidung, die ihre Pragmatik und gleichzeitig Ambivalenz zum Streben nach Aufstieg offenbart. In Momenten von Spott macht Uma Thurman als Miss Beaumont den Major wie bereits erwähnt als „steifen Leuchter“ lächerlich, ein bissiger Kommentar auf seine steife Wirkung und gesellschaftliche Rolle.
Vittorio Basari und die politische Bedrohung
Neu hinzu kommt Vittorio Basari (Alessandro Grassmann), ein junger Italiener vom Comer See, der auf ein Abenteuer mit Miss Bentley aus ist. Seine Familie profitiert bereits von der aufkommenden Rüstungsindustrie; Vittorio ahnt, dass dies der letzte Sommer in Frieden sein könnte.

Diese Ahnung wird in einer Szene deutlich, als Soldaten in einem Truck an Miss Bentleys Gesellschaft vorbeifahren, während einige den Sommer genießen, proben andere bereits den Krieg. Bild von OpenClipart-Vectors auf Pixabay)
In einer weiteren, bedrohlichen Sequenz begegnet Miss Bentley einem Zug von Mussolini-Anhängern mit schwenkenden Fahnen; der Moment schlägt in Gefahr um, bis der junge Italiener eingreift und sie rettet. Regisseur John Irvin mischt hier einen prickelnden Leinwandflirt mit unterschwelliger politischer Bedrohung, sodass Hoffnung und historische Unruhe dicht nebeneinander stehen.
Vittorio Basari ist mehr als ein Nebencharakter; er steht für die Ambivalenz einer Region und einer Zeit. Jung, attraktiv und von einer raueren, geerdeten Anziehungskraft, unterscheidet er sich grundlegend von dem eleganten Verführerklischee. Seine Verführungskraft entspringt nicht Kalkül, sondern Präsenz: einem Charme, gepaart mit Risikobereitschaft und der Fähigkeit, Schutz zu bieten. Gleichzeitig ist er ein Kind seiner Verhältnisse, Sohn einer Familie, die bereits wirtschaftlich vom Rüstungsboom profitiert. Dieses ökonomische Interesse verleiht ihm eine doppelbödige Rolle: Sein Interesse an Miss Bentley wirkt teils wie Abenteuerlust, teils wie die Ausnutzung eines letzten friedlichen Sommers, bevor die Welt um sie herum zerbricht. Die Ahnung vom Ende des Friedens, die in Szenen mit vorbeifahrenden Soldaten oder Mussolini-Anhängern aufscheint, liegt wie ein Schatten über Vittorios Handlungen und macht seine Zuwendung zugleich impulsiv und fatal.
Miss Beaumont steht in einem scharfen Kontrast zu ihm. Sie ist Dienerin in einem reichen Haushalt, groß, kokett und von jugendlichem Ehrgeiz getrieben. Ihre Mittel sind Kalkül und Darbietung: die überreichte Blume, die gezielt platzierte Geste, die dafür sorgt, dass der Major seinen Aufenthalt verlängert. Sie handelt mit dem klaren Ziel, das Kindermädchen-Dasein zu überwinden und gesellschaftlich aufzusteigen. Doch hinter der offensiven Koketterie steckt Ambivalenz; sie genießt die Macht über Blicke und Situationen, tanzt ausgelassen, weist Küsse ab und setzt Grenzen, wenn es ihr nützt. In ihrer Mischung aus Provokation und Kalkül finden sich Ähnlichkeiten mit literarischen Figuren, die nur ihre äußere Schönheit als Kapital haben. Am Ende entscheidet sie pragmatisch für den jungen Italiener Vittorio — nicht aus romantischer Bedingungslosigkeit, sondern als Wahl zwischen Möglichkeiten: Schutz, Abenteuer und ein Ausbruch aus der dienenden Rolle.
Die Darstellung der Figuren macht den Reiz des Films aus. Vanessa Redgrave als gealterte Lady zeigt, wie Anziehungskraft und Würde einander nicht ausschließen; Edward Fox als steifer Major bringt mit seiner verschmitzten Zurückhaltung Humor und Verletzlichkeit ins Spiel; Uma Thurman verkörpert jugendliche Verführungskraft, die das Geschehen belebt; Alessandro Grassmann verleiht Vittorio dabei eine ambivalente Energie, charmant, fürsorglich, aber auch ein Produkt seiner Zeit. Die Interaktionen, beim Tennis, auf dem Boot, in kleinen Sticheleien, sind lebendig und zugleich von einer melancholischen Wehmut durchzogen.
Die Figuren finden in kleinen Gesten und in der Entfaltung ihrer Beziehungen Wege, Würde und Lebensfreude zu bewahren, – ein Modell der Lebenskunst in bewegten Zeiten.
Mit freundlichen Grüßen
Elisabeth
