Du betrachtest gerade XXXI: Schreibwerkstatt „Tatort Frankfurt. Welche Rolle spielt die Magie der Musik?“ Uni Campus Westend

Zu unserer Schreibwerkstatt hier im UniWehrsEL hat eine Leserin eine eigene Idee für eine Szene zu unserer Reihe „Tatort Frankfurt. Welche Rolle spielt die Magie der Musik“ entwickelt, die an einem bestimmten Frankfurter Ort spielt. Und dabei hat sie den Schauplatz Uni Campus Westend der Goethe-Universität gewählt. Nicht nur, dass tatsächlich im Sommersemester 26 das Seminar zu „Krise und Hoffnung“ im Seminargebäude stattfindet. Zudem gilt der Campus mit seiner Architektur aus Travertin-Stein und den weiten Parkanlagen als einer der schönsten, aber durch seine NS-Vergangenheit (ehemaliges IG-Farben-Haus) auch als einer der geschichtsträchtigsten Orte Frankfurts. Ihr Beitrag gilt einer Szene, die den Stil von Kommissar Ritter und Opernkenner I. Burn und das Projekt UniWehrsEL aufgreift:

„Das Schweigen der Steine“

Ort: Der IG-Farben-Park hinter dem Poelzig-Bau, spät am Abend. Der Nebel hängt zwischen den Skulpturen.

Handlung: Kommissar Ritter trifft I. Burn am Wasserbecken. Burn starrt auf die beleuchtete Fassade des Hauptgebäudes. Er hält ein zerfleddertes Programmheft der Turandot in der Hand.

Ritter: „In einer der Paternoster-Kabinen des IG-Farben-Hauses wurde eine Nachricht gefunden. Keine Leiche, nur ein seidener Fächer, auf dem in blutroter Tinte das Wort „Lou-Ling“ steht – der Name der Ahnfrau, deren Schicksal Turandots Hass begründete.“

Burn beginnt sofort mit seiner Analyse: „Sehen Sie sich diese Architektur an, Ritter. Das ist Turandots Palast in Frankfurt. Kalt, symmetrisch, abweisend. Der Täter will uns nicht im Opernhaus treffen, er will uns hier, im Zentrum des Wissens, mit der Vergangenheit konfrontieren.

Nach den drei Rätseln, die die Prinzessin Turandot ihren Freiern stellt, ist hier ist das vierte Rätsel. Nach den Lösungen Hoffnung (La Speranza), Blut (Il Sangue) und Turandot gilt es nun die Frage zu beantworten: Wie bricht man ein Schweigen, das Jahrzehnte überdauert hat?“

Ritter: „Ehrlich Burn, ich verstehe mal wieder kein Wort …“

Burn: „Das liegt doch auf der Hand, Ritter!  Die Spur führt zur Norbert-Wollheim-Memorial Gedenkstätte auf dem Campus. Da fühlt sich einer oder eine als der „Regisseur“ und verknüpft die moralische Kälte der Opernprinzessin mit der dunklen Geschichte des Ortes!“

Sie eilen zum Campus-Becken. Ritter fragt sich im Stillen: „Hat der Täter oder die Täterin ein Rätsel hier für uns hinterlassen?“ Und weiter grübelt er: „Welche Frankfurter Persönlichkeit (vielleicht ein Professor oder eine Studentin) könnte in die Rolle der Liù aus „Turandot“ geschlüpft sein, ein Mensch, der seit Jahren ein Geheimnis bewahrt?“

Gedankenverloren blickt Ritter auf das markante Wasserbecken. Es kommt ihm vor, wie ein tiefer unergründlicher Brunnen, direkt auf dem zentralen Platz vor dem IG-Farben-Haus. „Früher sagte man ‚Poelzig-Bau‘, nach seinem Architekten, Hans Poelzig. Dieses Becken bildet das optische Zentrum zwischen der strengen Architektur und der Parkanlage.“

In seine Gedanken dringen die lauten Worte I. Burns, der geheimnisvoll flüstert: „Das 4. Rätsel könnte sein:

„Ich habe kein Gesicht, doch spiegle ich deines. Ich habe keine Stimme, doch wiederhole ich deinen Schrei. Ich bin die Wiege der Hoffnung am Morgen und das Grab der Tränen am Abend. Wer bin ich?“

„Burn, Du liebe Güte, so pathetisch“, seufzt Ritter genervt.

„Mein Lieber!“ Burn dreht sich zu ihm um. „Die Antwort ist „Das Echo im Wasser„. In meiner Welt symbolisiert dies die Selbstreflexion.

Das Rätsel zwingt den Ermittler Ritter (und die Leser), in den ‚tiefen Brunnen‘ zu schauen und sich zu fragen, ob sie nur Zuschauer sind oder bereits Teil der mörderischen Inszenierung geworden sind. Er denkt an Gérômes Bildnis „Die Wahrheit steigt aus dem Brunnen“ und an Lüge und Wahrheit im Kontext von „Halbwahrheiten“. Ritter fragt sich: „Warum wird die Wahrheit in der Form einer nackten Frau dargestellt, und welche Botschaften verbergen sich hinter dieser provokanten Bildsprache?“

Sein Blick schweift über die Figur der nackten Frau am Wasser. Sie sitzt mit überschlagenen Beinen auf der Balustrade vor der Treppenanlage, wendet den Kopf und schaut auf das Wasser, das unter ihr aus einem künstlich angelegten Wasserfall fließt und sich in einem Bassin sammelt. Er kann ihr Gesicht nicht sehen. Aber für ihn symbolisiert die Nacktheit der Frauengestalt Verletzlichkeit und die Offenheit, die mit der Suche nach der Wahrheit einhergeht. Der Brunnen, aus dem sie steigt, kann als Metapher für das Unterbewusstsein interpretiert werden, aus dem die Wahrheit ans Licht kommt.


Als hätte er seine Gedanken gelesen, flüstert I. Burn: „Nichts ist hier zufällig. Weder, dass wir hier stehen, noch die Platzierung der 1930 entstandenen Figur am Wasser. Dieser Frauenkörper präsentiert ein Schönheitsideal und der Künstler Klimsch war im Nationalsozialismus sehr bedeutend.“

Ritter starrt in das Becken: „Burn da spiegelt sich etwas auf dem Grund, … das scheint mir eine weiße Maske zu sein?“

„Genau wie die, die Turandot in der Frankfurter Inszenierung trägt!“ ruft I. Burn laut. „Die Oper zeigt, wie Spiegelungen nicht nur Selbsterkenntnis ermöglichen, sondern auch Abwehrmechanismen sichtbar machen — Eitelkeit als Schutz, Maske als letztes Bollwerk gegen verschollene, verstörende Erinnerung und körperliche Attraktivität als sozial wirkende Projektionsfläche der Männer auf den Besitz der Frau Turandot. …

Die Inszenierung lehrt, dass das Spiegeln nicht neutral ist; es ist ein politischer, psychologischer und ästhetischer Vorgang, der Identität formt, verbarrikadiert und freilegt.“ Er holt kurz Luft: „Dies wäre der Hinweis, dass die ‚Eiseskälte‘ der Prinzessin nun den Campus erreicht hat. Und bedeutet, Verschleierung, Eitelkeit und Macht haben oft dieselben Funktionen; als Schutz gegen Verletzung und Instrument der Kontrolle. Schau in den Spiegel und ich sage dir, wer du bist!“

Burn bückt sich und findet einen Zettel, den ein Stein am Rande des Beckens vor dem Fortfliegen gehindert hat und liest laut vor:

Betreff: Das vierte Rätsel – Eine Nachricht vom Campus Westend

Sehr geehrter Herr Burn,

während Sie in der Oper Frankfurt die Kälte der Andrea-Breth-Inszenierung sezieren, hat sich die Bühne längst in den öffentlichen Raum verlagert. Gestern Abend, amBecken vor dem IG-Farben-Haus, schien das Wasser nicht zu fließen, sondern zu erstarren – ganz so, als hätte die Prinzessin selbst ihren Blick darauf geworfen.

Ich fand dort eine Botschaft, die wie ein viertes Rätsel anmutet. Es richtet sich an alle, die glauben, sie könnten bloße Zuschauer bleiben:

„Ich bin das Auge, das nicht sieht, und doch alles bewahrt.
Ich bin der Spiegel der Macht, im Kalkstein erstarrt.
Wer in mich blickt, sieht nicht sich selbst,
sondern das Echo derer, die du für vergessen hältst.
Wer bin ich?“

Burn wird kreidebleich: „Das ist ja so, als hätte jemand meine Gedanken gelesen … wie kann das sein …?“

Ritter sucht mit den Augen den Boden des Beckens zu ergründen, findet aber nur die Reflexion der Travertin-Fassade des IG-Farbenhauses gespiegelt.

Burn gerät neben ihn in Verzückung: „Ist der Campus nicht selbst ein Palast der Turandot? Ein Ort, an dem das Wissen hinter Masken verborgen wird und das Schweigen zur Kunstform erstarrt?“

Ritter unterbricht ihn: „Burn, ich glaube, die Sklavin Liù wurde heute Morgen in der Bibliothek gesichtet. Sie trug keine Ketten, sondern schwere Bücher über die „Banalität des Bösen“. Wenn es tatsächlich wieder einen Täter geben sollte, dann spielt der nicht mehr nur Puccini – er spielt mit unserer Geschichte.“

Und wie auf Kommando ertönt die leise Melodie, die jeder mitsummen kann: „Nessum dorma“, die Arie des Tatarenprinzen Calaf aus Turandot.  

Herzlichen Dank für das Lesen meines Krimi-Entwurfs! Lassen Sie uns in der nächsten Seminarrunde an der U3L gemeinsam überlegen, wie diese Geschichte weitergehen könnte.

Mit freundlichen Grüßen,
Ein aufmerksamer Gast des UniWehrsEL

(Bilder: Ellen Katusic)