Du betrachtest gerade Teil 2 Krieg, Hoffnung, Krise; Paul Klees „Angelus Novus“ und Walter Benjamins Interpretation „Der Engel der Geschichte“

Der Angelus Novus (Lateinisch für „Neuer Engel“) ist eine 1920 entstandene, kleinformatige aquarellierte Zeichnung (31,8 × 24,2 cm) von Paul Klee – bitte beachten Sie dazu auch Teil 1). Es gilt heute als eines der faszinierendsten und einflussreichsten Kunstwerke des 20. Jahrhunderts. Die enorme kunsthistorische Bedeutung verdankt das Bild vor allem seinem ersten Besitzer, dem jüdischen Philosophen Walter Benjamin, der es 1921 für wenige Mark erwarb. Er machte die Zeichnung in seinen geschichtsphilosophischen Thesen zum unsterblichen Sinnbild des „Engels der Geschichte“. Heute befindet sich das hochempfindliche Werk auf Papier im Israel-Museum in Jerusalem.


Visuelle Beschreibung des Bildes

Paul Klee schuf die Zeichnung in einem von ihm selbst entwickelten Verfahren, der Ölpaustechnik: Er übertrug eine Bleistiftzeichnung mithilfe einer öligen Farbschicht auf das Papier, wodurch die charakteristischen, leicht verschwommenen schwarzen Flecken und Linien entstanden. Die Figur: Dargestellt ist ein fast kindliches, vogelartiges Wesen mit großen, lockenartigen Haaren. Die Haltung: Der Engel hat seine zarten Arme/Flügel weit ausgespannt. Seine Füße deuten eine schwebende oder rückwärtsgewandte Bewegung an. Das Gesicht: Die Augen sind weit und starr aufgerissen, der Mund steht offen, als wolle er schreien oder sei in tiefem Entsetzen erstarrt.


Walter Benjamins Interpretation: Der „Engel der Geschichte“

Im Jahr 1940 – auf der Flucht vor den Nationalsozialisten und kurz vor seinem Suizid – verfasste Benjamin seine berühmten Thesen Über den Begriff der Geschichte. Der Angelus Novus bildet darin das Herzstück seiner Fortschrittskritik: Der rückwärtsgewandte Blick: Wo wir Menschen eine logische Kette von historischen Ereignissen und stetigen Fortschritt sehen, da sieht der Engel eine einzige, unaufhaltsame Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Die Ohnmacht: Der Engel starrt entsetzt auf diese Ruinen der Vergangenheit. Er möchte am liebsten verweilen, das Zerschlagene zusammenfügen und die Toten wieder wecken. Er ist jedoch völlig gelähmt und handlungsunfähig. Der Sturm des Fortschritts: Aus dem Paradies weht ein gewaltiger Sturm, der sich in den geöffneten Flügeln des Engels verfangen hat. Der Sturm ist so stark, dass der Engel seine Flügel nicht mehr schließen kann. Er wird von ihm unaufhaltsam und rückwärts in die Zukunft getrieben, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen der Vergangenheit vor ihm bis zum Himmel wächst.

Das kleine Bild Angelus Novus reflektiert in seiner Besitzgeschichte die Tragödie des jüdischen Intellektuellentums im 20. Jahrhundert: 1921: Walter Benjamin kauft das Aquarell in München. Es begleitet ihn an all seinen Wohnorten. 1933: Bei seiner Flucht aus Nazi-Deutschland muss er das Bild in Berlin zurücklassen. Freunde schmuggeln es ihm später nach Paris nach. 1940: Vor seiner Flucht aus Paris versteckt der Philosoph Georges Bataille das Bild in der Bibliothèque nationale. Nach Benjamins Tod gelangt es über Umwege an dessen Freund, den Religionsphilosophen Gershom Scholem, nach Jerusalem. 1989: Nach dem Tod von Scholems Witwe geht das Bild als Schenkung an das Israel-Museum über.

Hier sind die tieferen Einblicke in die beiden faszinierenden Facetten des Angelus Novus: Paul Klees eigene Engels-Philosophie im Spätwerk und die jüdisch-mystischen (kabbalistischen) Einflüsse auf Walter Benjamins Interpretation.


1. Boten der Zwischenwelt: Was Engel für Paul Klee bedeuteten

Engel (odel Symbole für Leid und Opfertod wie das „Agnus Dei“ – Lamm Gottes) ziehen sich durch Paul Klees gesamtes Leben. Sie waren für ihn jedoch keine religiösen Kitschfiguren oder perfekten biblischen Geistwesen. Klee verstand Engel als Wesen einer Zwischenwelt – angesiedelt genau auf der Schwelle zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen, dem Diesseits und dem Jenseits. Besonders in seinem Spätwerk (1939–1940), als er schwer an Sklerodermie erkrankt war und im Schweizer Exil lebte, schuf er in einer wahren Obsession über 50 Engelszeichnungen.

Seine Engel sind durchgehend von einer tiefen Tragikomik und Unvollkommenheit geprägt: Der unfertige Engel: Viele seiner Figuren tragen Titel wie „Unfertiger Engel“ oder „Ein Engel, der noch nicht fliegen kann“. Sie besitzen menschliche Schwächen, sind oft tollpatschig, weinerlich, zweifelnd oder gar boshaft. Menschliches Werden: Klee war fasziniert vom Prozess des Werdens. Ein Engel war für ihn ein Mensch, der sich spirituell weiterentwickelt, aber seine irdischen Fehler noch nicht ganz abgelegt hat. Der Angelus Novus (1920) steht ganz am Anfang dieser Entwicklung: Er ist der „Neue Engel“, der frisch in die Existenz geworfen wurde und dem die Schrecken der Welt noch völlig fremd sind. Seine aufgerissenen Augen zeugen vom ersten, schockhaften Blick auf die Realität.


2. Die Kabbala und das Zerschlagene: Walter Benjamins jüdisch-mystische Einflüsse

Walter Benjamin war zeitlebens tief von der jüdischen Mystik und der Kabbala fasziniert. Dieser Einfluss wurde maßgeblich durch seine lebenslange, enge Freundschaft mit Gershom Scholem geprägt – dem Mann, der die wissenschaftliche Erforschung der Kabbala im 20. Jahrhundert überhaupt erst begründete. Als Benjamin den Angelus Novus 1921 kaufte, diskutierten er und Scholem intensiv über die jüdische Angelologie (Engellehre). Zwei fundamentale kabbalistische Motive prägen Benjamins spätere Interpretation von 1940:

Das Konzept der „Augenblicks-Engel“

Nach einer talmudischen und kabbalistischen Überlieferung schafft Gott in jedem winzigen Moment (Nu) unzählige neue Heerscharen von Engeln. Diese Engel haben nur eine einzige Aufgabe: Sie entstehen, singen vor Gottes Thron ein kurzes Loblied und vergehen sofort wieder im Nichts.

  • Der Bezug zum Bild: Benjamin sah im Angelus Novus genau einen dieser „Neuen Engel“. Das Bild fängt den tragischen Moment ein, in dem der Engel gerade erst entstanden ist, sich aber bereits wieder von Gott entfernen und ins Nichts stürzen muss.

Das Tikkun Olam (Die Reparatur der Welt) und das Schewirat ha-Kelim

Ein zentraler Eckpfeiler der kabbalistischen Schöpfungsgeschichte (nach Isaac Luria) besagt, dass bei der Schöpfung der Welt das göttliche Licht so stark war, dass die irdischen Gefäße, die es auffangen sollten, zerbrachen (Das Zerbrechen der Gefäße“ / Schewirat ha-Kelim, bekannt dazu ist die Installation von Anselm Kiefer in Berlin). Seitdem ist die Welt spirituell zersplittert, voller Trümmer und Funken des Göttlichen. Die Aufgabe der Schöpfung ist das Tikkun – die kosmische Heilung und das Zusammenfügen des Zerschlagenen.

  • Der Bezug zum Bild: In Benjamins Text möchte der Engel genau diese kabbalistische Pflicht erfüllen: Er will „verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen“. Doch der „Sturm vom Paradiese“ (die Vertreibung des Menschen aus der göttlichen Ordnung) verwehrt ihm die Heilung der Welt. Er bleibt ohnmächtig.

Synthese: Politischer Marxismus trifft jüdische Mystik

Das Geniale an Benjamins Interpretation ist, dass er seine linken, marxistischen Gesellschaftstheorien (Kritik am Kapitalismus und technischem Fortschritt) mit dieser jüdischen Mystik verschmolz. Der „Fortschritt“ ist für ihn kein linearer Weg nach oben, sondern die Fortsetzung des Sündenfalls – ein kosmischer Trümmerhaufen, den erst eine radikale, messianische Unterbrechung (eine Revolution als „Notbremse“) stoppen kann.

Das Zusammenspiel von Walter Benjamin und dem Angelus Novus mündete in einer der wirkungsmächtigsten Textpassagen der modernen Philosophie. Es handelt sich dabei um die neunte These aus Benjamins geschichtsphilosophischem Testament „Über den Begriff der Geschichte“, das er im Frühjahr 1940 im französischen Exil verfasste.

Kernpunkte zu Walter Benjamins „Angelus Novus“ (These IX)

In seiner neunten These aus „Über den Begriff der Geschichte“ interpretiert Benjamin das Gemälde von Paul Klee als den „Engel der Geschichte“.

  • Blick zurück auf Katastrophen: Der Engel schaut auf die Vergangenheit, sieht jedoch keine lineare Entwicklung, sondern eine einzige, wachsende Katastrophe und Trümmer.
  • Der Sturm des Fortschritts: Ein vom Paradies kommender Sturm, den Benjamin als „Fortschritt“ bezeichnet, treibt den Engel unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt.
  • Wirkungsmächtige Kritik: Damit bricht Benjamin radikal mit dem Fortschrittsglauben seiner Zeit, indem er den geschichtlichen Prozess aus der Perspektive der Opfer als Zerstörung darstellt.

Weitere Informationen finden Sie auch im Text von Jonas Engelmann Er möchte wohl verweilen“ Paul Klee, Walter Benjamin und ihr Angelus Novus


Die drei radikalen Brüche in Benjamins Deutung

Mit dieser Interpretation stellt sich Benjamin frontal gegen das vorherrschende Denken seiner Zeit: Zertrümmerung des Fortschrittsglaubens: Der Mainstream sieht Geschichte als lineare Entwicklung. Benjamin entlarvt den „Fortschritt“ als zerstörerischen, blinden Orkan, der Verwüstung hinterlässt. Die Perspektive der Opfer: Während die Geschichtsschreibung oft die Chronik der Sieger erzählt, blickt der Engel aus der Sicht der Unterdrückten zurück auf die „eine einzige Katastrophe“. Die gelähmte Sehnsucht nach Erlösung: Der Engel besitzt einen empathischen Impuls – er will heilen und retten. Doch die dialektische Tragik liegt darin, dass er durch die Wucht der vorwärtsdrängenden Zeit handlungsunfähig bleibt.

Im Städelmuseum findet sich Paul Klees »Die Würfel sind gefallen (1940)«. Wie stets mit einem poetischen Titel unterzeichnet, erinnert das von Klee zitierte lateinische »alea jacta« an den von Sueton überlieferten Ausspruch Caesars beim Überschreiten des Rubikon (auch Beitrag im UniWehrsEL zu Wilhelm Trübner).

Fortsetzung Teil 3