Nolans Odysseus und Luigi Dallapiccolas Ullise, beides erzählt die Geschichte aus Sicht der männlichen Perspektive. Über die Abenteuer des listenreichen Odysseus sind in der Literatur, im Theater und in den Künsten unzählige Überlegungen entstanden. Seine Lebensgeschichte inspirierte zahllose Romane, Theaterstücke, Filme und Opern. Dabei vermisst unser Kulturbotschafter des UniWehrsEL jedoch den weiblichen Blick auf den Helden Odysseus. Diese Chance nutzt der Komponist Gabriel Fauré mit seiner Oper „Penelope“. Die Oper Frankfurt hat Penelope im Januar 2019 auf die Bühne gebracht.
Liebe Leser des UniWehrsEL,

Für mich geht es im Sinne des für das Wintersemester 26/27 angekündigten Seminars „Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit“ nicht nur um die Länge der Zeit (Chronos), sondern um die entscheidenden Momente und Möglichkeiten, in denen Handlungsfähigkeit entsteht (Kairos). Penelopes List, ihre Aushandlung von Zeit und ihr Ringen um ein würdevolles Maß an Selbstbestimmung machen sichtbar, wie eng kulturelle Bilder von Rollen und Erwartung mit dem subjektiven Erleben von Zeit und damit auch mit Wohlbefinden verbunden sind.
Penelope als Hoffnung auf die treue Frau
Penelope steht für die treue Frau – für die Hoffnung jedes Mannes, der seine Frau verlassen muss, um in den Krieg zu ziehen. Sie bleibt ihm zwar treu, doch ihr Warten ist nicht bloß Handlungsmotor, sondern existenzieller Zeiterfahrungskonflikt: Es geht um das Aushalten von „Chronos“, also der Zeit als Abfolge, als Dauer, als schlichtem Vergehen. Die Oper erzählt ihre Geschichte aus einem Blickwinkel, der üblicherweise fehlt, und verlagert damit den Fokus vom männlichen Abenteuer zur weiblichen Bedeutung von Zeit.
Sie bleibt ihm stets treu, aber ihr Warten ist keine romantische Folie, sondern ein existenzieller Zustand: Die Oper erzählt ihre Geschichte. Penelope wartet unbeirrbar auf die Rückkehr ihres Mannes.

Auch in Dallapiccolas „Ullisse“ kommt diese Szene vor; doch dort wird sie aus Sicht des männlichen Helden geschildert. Der Mann fragt, ob ihm seine Frau und seine Dienerschaft nach zwanzig Jahren noch loyal ergeben sind. Aus Penelopes Sicht stellt sich die Lage jedoch ganz anders dar. Als schutzlose Frau gefangen in den patriarchalen Strukturen ihrer Zeit ist Penelope zwar Königin dem Titel nach – aber ohne einen König bleibt sie ohne Macht und Handlungsperspektive.
Die doppelte Funktion des Wartens (zum Beispiel an den Figuren Estragon und Wadimir, beschrieben in der Zeitschrift „Psyche„)
Beim Wort ‚Warten‘ kommt dem theateraffinen Leser sofort Samuel Becketts „Warten auf Godot“ in den Sinn. In diesem Stück wird das Warten selbst zum zentralen Motiv, thematisiert es doch die Absurdität des Lebens und die Ungewissheit über den eigenen Todeszeitpunkt. Wladimir und Estragon warten vergeblich auf Godot, der nie erscheint.Auszug aus unserem Beitrag „Todessehnsucht als zentrales Motiv – nicht nur bei Klaus Mann oder Thomas Mann“
Die doppelte Funktion des Wartens liegt darin, dass das Warten auf ein zukünftiges Ereignis nicht aktiv (passiv) von dem Wartenden herbeigeführt werden kann; andererseits das Warten, als eine aktive Strategie. Dies ist mit der Fähigkeit verbunden, eine Verzögerung, einen Aufschub vor einer Entscheidung zu erwirken.
Das Warten ist ein wichtiger Teil der Welt. Warten lädt zum Reflektieren ein und erfährt eine Bedeutungsverschiebung. Das lässt sich mit Walter Benjamin verdeutlichen. Walther Benjamin hat sich explizit auf Penelope bezogen. In seinem berühmten Essay: Zum Bilde Prousts“ (1929 nutzt er den Penelope-Mythos als zentrale philosophische Metapher, um das Wesen von Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen zu beschreiben. Er prägte den Begriff des „Penelopewerks des Vergssens“ (Walter Benjamin, Zum Bilde Prousts, 1972).
In seiner Analyse über Marcel Prousts Monumentalwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit argumentiert Benjamin, dass wahre Erinnerung (mémoire involontaire) nicht einfach das chronologische Festhalten von Erlebtem ist. Stattdessen vertauscht er die Struktur des antiken Mythos auf paradoxe Weise. Einmal als das Gewebe als Zusammenspiel von Erinnern und Vergessen: Bei Homer webt Penelope am Tag und trennt das Tuch in der Nacht wieder auf. Bei Benjamin wird das menschliche Gedächtnis zu diesem Webstuhl. Der Tag löst auf, was die Nacht gewirkt hat. Er schreibt:„Denn hier spielt für den erinnernden Autor die Hauptrolle gar nicht, was er erlebt hat, sondern das Weben seiner Erinnerung, die Penelopearbeit des Eingedenkens. Oder sollte man nicht besser von einem Penelopewerk des Vergessens reden?“
Zum anderen kommt für Benjamin die Erkenntnis, der Tag zerstöre die Erinnerung: Wenn wir morgens erwachen, halten wir laut Benjamin nur noch lose Fäden des gelebten Lebens in der Hand, die uns das Vergessen in der Nacht zusammengewebt hat. Unser zweckgerichtetes Handeln und das „absichtliche“ Erinnern am Tag reißen dieses feine, unbewusste Gewebe der Nacht jedoch wieder auseinander.
Was will Penelope in der gleichnamigen Oper?
Ein neuer Anfang scheint undenkbar. In der täglichen Wiederholung des gleichen Vorgangs des Auftrennens des Leichentuchs ergibt sich keine neue Situation.
Das Weben selbst wird zur aktiven Tätigkeit. Was will Penelope? Das ist die Kernfrage der Oper Penelope. In der Inszenierung trägt Penelope selbst das Leichentuch. Sie ist also symbolisch bereits lebendig begraben. Steht das Begraben sein für das Ende ihrer Liebe? Das Weben ist laut Regisseurin Corinna Tetzel sehr eng mit Penelope selbst verknüpft. Deshalb lässt Tetzel die Figur Penelope das Leichengewandt des Odysseus selbst tragen. Sie erwartet, dass sie sich am Ende der Gewalt eines der Freier fügen muss. In der Inszenierung tägt sie selbst aus Widerstand einen Hosenanzug. Das steht dafür, dass sie bereit ist für sich selbst einzustehen. Kein Mann kann das für sie. Mit dem Hosenanzug zeigt sie den Freiern ich bin ein Teil der Gesellschaft und du kannst meinen Willen nicht einfach übergehen. In der Odyssee wird nicht verschwiegen, dass Penelope mit den Freiern einen Deal abschließen muss. Aus ihrer Lage heraus muss sie ein Zugeständnis an die Freier machen, sonst könnte sie die Situation nicht überleben. Gleichzeitig ist Penelope in der Oper von Fauré eine Träumerin, Sehnsüchtige und Trauernde. Sie lebt von den Erinnerungen. Und hört auf einmal eine Stimme, die sie an Odysseus erinnert. Das lässt sie neuen Mut schöpfen der verfahrenen Situation zu entkommen.
Damit wird Penelope zur Figur, an der sich im Sinne des Seminars „Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit“ besonders gut zeigen lässt, wie Kultur Erwartungen an Rollen knüpft und wie daraus eine konkrete (Zeit-)not entsteht. Deshalb muss sie den Freiern versprechen, einen von ihnen zu heiraten. Sie lebt also unter einem kulturell vorgegebenen Zeitdruck: Entscheidungen müssen fallen, obwohl sie sie innerlich nicht treffen kann. Ihre List ist dann nicht nur Strategie, sondern gezielte Gestaltung eines „Kairos“ – des richtigen, entscheidenden Moments.
Frau kann in höchster Not zur List greifen
Das zeigt nicht nur, dass Männer listig sein können, sondern auch, dass Frauen in größter Not zu einer List greifen, wenn ihnen andere Wege versperrt sind. In Faurés Oper trägt Penelope ein Leichenhemd. Das deutet eine Todessehnsucht an. Sie trennt das Leichenhemd jeden Nacht neu, um eine neue Heirat zu verhindern und die Entscheidung über den nächsten Ehemann weiter hinauszuschieben. Damit wird die Abfolge von Nächten zum sichtbaren Experiment: Chronos wird unterbrochen, Kairos wird vorbereitet. Penelope schafft immer wieder Momente, in denen sie selbstbestimmt agieren kann – und genau das ist für das Seminar zentral: Wohlbefinden entsteht nicht allein aus Zeitdauer, sondern aus Möglichkeiten, Zeiten zu deuten, zu nutzen und zu gestalten.
„Penelope“ war beim Publikum lange vergessen. In Deutschland wurde sie erstmals 2002 uraufgeführt. In der ersten Inszenierung an der Oper Frankfurt verlegt die Regisseurin Corinna Tetzel die Handlung in die Gegenwart. Das Bühnenbild erinnert an eine Dachterrasse eines modernen Gebäudes. Penelope kämpft mit sich selbst: Sie hat schon lange nichts mehr von Odysseus gehört.

Ihr Reich ist am Verfallen – das wird durch eine verrostete Satellitenschüssel und wahllos platzierte Stühle sichtbar. Es ist ein tristes Leben. Penelope zeichnet eine Frau nach, die zwischen Selbstbestimmung und Selbstaufgabe steht. Sie lebt in tiefer Trauer. Das Warten auf Odysseus’ Rückkehr hat ihn in ihrer Erinnerung idealisiert. Ihre Weigerung, einen Freier zu heiraten, ist zugleich Emanzipation – und verhindert doch, dass sie ein neues Leben beginnt. Gerade diese Spannung lässt sich im Seminar „Chronos, Kairos und Kultur“ gut einordnen: Penelope versucht, den eigenen Wohlbefindensraum gegen kulturelle Zeitzwänge zu verteidigen. Doch sie bezahlt dafür einen Preis, weil ihr die gesellschaftlichen Strukturen Handlungsoptionen nehmen.
Odysseus Rückkehr – Penelopes geniale Idee des Bogenwettstreits

Odysseus kehrt als Bettler nach rund zwanzig Jahren heim. Er sondiert die Lage und prüft, ob seine Frau ihm die Treue gehalten hat. Die Idee mit dem Bogen ist der entscheidende Wendepunkt in der „Odyssee“. Bei seiner Heimkehr nach Ithaka nutzt Odysseus diesen Bogenwettkampf als strategische Falle, um sich maskiert an den Freiern zu rächen. Im antiken Mythos geht die Idee des Bogenwettstreits von Penelope aus. Weibliche Intuition, göttliche Eingebung? Odysseus jedenfalls ergreift den Kairos.
Die Idee mit dem Bogen verschafft Penelope neue Zeit, nachdem das Aufknüpfen des Trauerhemds entdeckt worden ist. Sie verkündet selbstbestimmt, dass sie nur denjenigen zum Mann nehmen wird, der den Bogen des Odysseus spannen kann. Die Freier scheitern beim Versuch – denn den Bogen kann man nur mit einem Trick bezwingen. Das wird zur Symbolik für die Stärke der Ehefrau: Sie lässt sich nicht einfach bezwingen.
Damit verschiebt sie erneut den Fokus: Nicht das brutale Vergehen der Zeit entscheidet, sondern der richtige Moment – Kairos. Nur der Bettler schafft das Unmögliche, weil er der richtige Mann ist – nämlich Odysseus. Er rächt sich an den Freiern.
Doch was wird geschehen, wenn die Euphorie über die besiegten Freier verflogen ist? Wie macht das Ehepaar weiter? Gibt es noch ein Liebespaar nach zwanzig Jahren? Diese Fragen stellt die Regie der Oper und beantwortet sie am Ende nicht. Es bleibt ein melancholisches Erlebnis. Mich erinnert das an Erich Kästners Sachliche Romanze (gelesen von Konstantin Wecker).
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL


