Nach meinem letzten Eintrag über die Monumentalskulptur „Die Doppelgängerin“ von VALIE EXPORT in Bingen ließen mir die eiserne Riesen und ihre Klingen keine Ruhe. Ich ertappte mich dabei, wie ich zu Hause in meinen Bücherregalen wühlte. Wenn Kunst uns aufwühlt, reicht die bloße Ästhetik oft nicht aus – wir müssen die Psychologie und die Literatur bemühen, um den Schmerz zu verstehen, den der „Schnitt“ verursacht. Ich stieß auf zwei Denkerinnen, die mir halfen, das Scherenballett am Rhein völlig neu zu lesen. Da wäre die Frankfurter Sozialpsychologin Vera King (unter anderem erwähnt in unserem Beitrag zu „Healthy Twins„). Und dann auch die ungezähmte Heldin aus Dai Sijies wunderbarem Roman Balzac und die kleine chinesische Schneiderin (Besprechung DLF 2002).
Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,
was passiert hier eigentlich psychologisch, wenn zwei Scheren sich ineinander verbeißen?
Wenden wir uns zunächst Vera King und dem Dilemma zwischen Anpassung und Aufbegehren zu. Die Psychoanalytikerin Vera King erforscht am Sigmund-Freud-Institut intensiv die Dynamiken unserer modernen Optimierungsgesellschaft. Sie schreibt brillant über das Spannungsfeld von „verkehrter Widerstandigkeit“, Anpassung und echtem Aufbegehren. King seziert, wie das Individuum sich heute permanent selbst optimieren, sich passend zurechtschneiden muss, um den gesellschaftlichen Erwartungen zu genügen. Ein falsches Lächeln hier, eine wegzensierte Schwäche dort.

Als ich King las, verstand ich EXPORTs Skulptur sofort als eine psychologische Kampfzone. Diese vier Meter hohen Stahlscheren sind kein harmonisches Miteinander. Sie zeigen das Ringen zwischen dem angepassten Über-Ich und dem rebellischen Es.
Vera King spricht in ihren jüngsten Vorträgen oft über „Eros und Thanatos – das unstillbare Verlangen im Kampf gegen die Endlichkeit“.
Wir griffen diese Begriffe auch im Beitrag „Nachdenken über Liebe und Tod“ auf. Beim Thema des Nachdenkens taucht eine Figur auf, die heute als Der Denker bekannt ist. Auguste Rodin (1840–1917) entwarf sie 1880 als Element einer weit größeren Arbeit: der Höllenpforte, einer Bronzetür nach Motiven aus Dantes Göttlicher Komödie.
Eros und Thanatos sehen wir auch am Binger Ufer:
Eros: Die Scheren umschlingen sich, suchen die Nähe, die Verschmelzung, den Tanz. Thanatos: Gleichzeitig drohen sie, sich gegenseitig zu zertrennen. Es ist die Angst vor dem Beziehungs- und Identitätsverlust, die jede Frau kennt, die versucht hat, sich in einer patriarchalen Welt zu behaupten, ohne sich selbst zu beschneiden.
Meine weiteren Gedankengänge gelten dem Befreiungsschnitt, und da denke ich spontan an die kleine chinesische Schneiderin. Dieses psychologische Ringen führt mich direkt zu einem meiner Lieblingsbücher: Balzac und die kleine chinesische Schneiderin (dazu auch der Film von 2002). Inmitten der brutalen Tyrannei der chinesischen Kulturrevolution werden zwei jugendliche Intellektuelle zur Umerziehung in ein Bergdorf geschickt. Sie entdecken einen geheimen Koffer voller verbotener westlicher Weltliteratur – allen voran Balzac. Sie lesen diese Geschichten der „kleinen Schneiderin“ des Dorfes vor, um sie zu kultivieren.
Die Schneiderin nutzt ihre Schere tagein, tagaus, um die einförmige, graue Kleidung der maoistischen Diktatur zu nähen. Sie ist gefangen in der totalen Anpassung. Doch die Literatur infiziert ihren Geist mit dem Virus der Individualität.
Und was tut sie am Ende? Sie nutzt die Schere nicht mehr, um die Norm zu reproduzieren. Sie schneidet sich ein modernes, westlich inspiriertes Kleid. Und dann tut sie etwas Radikales: Sie verlässt das Dorf, ihre Liebe, ihre Heimat. Als Luo sie fragt, warum, antwortet sie sinngemäß, Balzac habe ihr eines beigebracht: Dass die Schönheit einer Frau ein Schatz von unschätzbarem Wert ist. Die Schere der Schneiderin wird vom Werkzeug der Unterdrückung zum Instrument der Emanzipation. Sie vollzieht den ultimativen Schnitt – sie trennt sich von ihrer eigenen Vergangenheit, um frei zu sein.
Diese Erkenntnis verwundert wenig, wenn man in der WELT („Nur die Frauen können uns retten„) liest „Für Honoré Balzac, den wuchtigen Schöpfer des modernen Romans, gab es in dieser Welt nur einen Lichtblick: Engelsgleiche Frauengestalten wie Ursule Mirouet, die Titelheldin seines Romans“. Der spielt im bunten Provinzalltag der Kleinstadt Nemours und es geht um eine Protagonistin, die sich gegen die Machenschaften ihrer Sippe zu wehren weiß.
Lassen Sie mich bitte daraus eine Lehre ziehen. Wenn ich nun Vera Kings Analysen über unseren Zwang zur Anpassung mit der Flucht der kleinen Schneiderin und VALIE EXPORTs Monumentalwerk kreuze, schließt sich der Kreis. Die Skulptur in Bingen zeigt uns, dass der Schnitt wehtut. Identität zu finden bedeutet immer auch, Anteile von sich zu opfern, Bindungen zu kappen, das Risiko des Alleinseins einzugehen. Die „Doppelgängerin“ ist die Manifestation unseres inneren Konflikts: Bleiben wir das brave Mädchen an der Nähmaschine, das sich anpasst, bis es unsichtbar wird? Oder wagen wir den radikalen Schnitt von VALIE EXPORT und der kleinen Schneiderin?
Das Alter hat mir gezeigt: Man muss keine Angst vor der Schere haben. Man muss nur lernen, sie selbst in die Hand zu nehmen.
Ich erwache aus meiner kurzen Phantasiereise und sitze wieder in meinem Sessel in meiner Frankfurter Wohnung. Nun, meine lieben Leser und Leserinnen des UniWehrsEL, man kann solche Gedanken wunderbar abstrakt hin zum windigen Rheinufer in Bingen spinnen. Aber die wahre Prüfung der Kunst wartet dort, wo der Alltag uns wieder einholt. Für mich ist das Frankfurt am Main. Eine Stadt, in der ich seit Jahrzehnten lebe, die ich liebe, und in der ich mich dennoch in den letzten Jahren auf eine ganz neue Weise einsam fühle.
Wenn ich abends alleine durch die Frankfurter Altstadt spaziere und an der „Goldenen Schere“ vorbei gehe –

ob früherer Schneider oder Friseur, man weiß es nicht – spüre ich die Theorien von Vera King am eigenen Leib. Sie schreibt so treffend über die Anonymisierung und den beschleunigten Takt der Großstadt, in der alles auf Funktionalität und Sichtbarkeit getrimmt ist. Im Frankfurter Stadtbild muss alles glänzen, alles muss effizient sein, aber altes wird in zunehmendem Maße mit Neuem verbunden. Und mittendrin ich: eine ältere, alleinstehende Frau. Eine zukünftige Pensionärin, die aus dem Getriebe der Leistungsgesellschaft, aus dem Takt der Schule, herausgefallen sein wird.
In Frankfurt erlebe ich meinen ganz persönlichen Doppelgänger-Effekt. Da ist die Ellen, die tagsüber mit erhobenem Haupt in die Stadtbibliothek geht, die im Café liest und den Kellnern ein weises, souveränes Lächeln schenkt. Und da ist die andere Ellen. Die, die abends in ihrer Wohnung sitzt und merkt, wie still es geworden ist. Die spürt, wie die Stadt an ihr vorbeirauscht, ohne sie noch wahrzunehmen. Im Alter wird man für die Welt oft unsichtbar – ein schleichender, unaufgeforderter Schnitt, den die Gesellschaft an uns vollzieht.
Letzten Dienstag stand ich am Frankfurter Mainufer und blickte auf die Skyline. Plötzlich hatte ich wieder VALIE EXPORTs Schere vor Augen. Ich begriff: Mein Alleingang in dieser Stadt ist kein bloßes Schicksal, das ich erleiden muss. Es ist das Resultat all der Schnitte, die ich in meinem Leben selbst gesetzt habe. Ich habe mich im Laufe meines Lebens von Erwartungen getrennt, ich habe Bindungen gelöst, die mich erstickten – genau wie die kleine chinesische Schneiderin.
Die Einsamkeit in der Großstadt ist oft der Preis für die eigene Freiheit. Die Schere schneidet eben in beide Richtungen: Sie befreit uns von der Last der Anpassung, aber sie trennt uns auch von der wärmenden, manchmal einengenden Masse.
Ich bin alleine in Frankfurt, ja. Aber wenn ich das nächste Mal durch die Wallanlagen gehe (erwähnt auch in unserem Beitrag „Stadtansichten“) und mich der kalte Wind der Hochhäuser anweht, werde ich nicht den Kopf senken. Ich werde an die vier Meter hohe Stahlskulptur in Bingen denken. Ich bin nicht einfach nur isoliert. Ich stehe aufrecht im Raum, den ich mir selbst freigeschnitten habe.
Eure Ellen



