Du betrachtest gerade Führung durch die Deutsche Nationalbibliothek – Ute Schwens öffnet für Studierende verschlossene Türen

Ein besonderes Highlight konnten wir – Studierende an der U3L – am 24.09.26 erleben. Ute Schwens, die über Jahrzehnte hinweg die DNB geprägt hat, bot uns eine Führung an. Die Deutsche Nationalbibliothek ist eine ganz besondere Institution – sie ist keine normale Stadt- oder Universitätsbibliothek, sondern die zentrale Archivbibliothek der Bundesrepublik Deutschland. Dort lagern Millionen Medien in klimatisierten unterirdischen Magazinen, die durch vollautomatische Schienensysteme mit den Lesesälen verbunden sind. Zudem bietet die Dauerausstellung „Exil. Erfahrung und Zeugnis“ des Deutschen Exilarchivs der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) Raum für zahlreiche berühmte Persönlichkeiten sowie berührende Alltagsgegenstände. Dazu ein Leserbrief mit herzlichem Dank!

hinter Stahltüren Image E. W.

Frau Schwens übermittelte uns in dieser interessanten Führung ein Gesamtbild der Kernaufgaben der DNB. Seit 1913 hat die DNB den gesetzlichen Auftrag, gedruckte und digitale Medien in deutscher Sprache (oder über Deutschland) die mindestens 25 Exemplare aufweisen, lückenlos zu sammeln, dauerhaft zu archivieren und der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Dazu gehören Bücher, Zeitschriften, Karten, Noten und seit einigen Jahren auch E-Books, Websites und wissenschaftliche PDFs.

Geschichtsträchtige Orte Image E. W.

Die DNB teilt sich auf zwei geschichtsträchtige Standorte auf:

  • Leipzig: Der Gründungsstandort (1912 als Deutsche Bücherei eröffnet).
  • Frankfurt am Main: Gegründet 1946 (als Folge der deutschen Teilung). Das markante, moderne Gebäude an der Adickesallee wurde 1997 bezogen.
auf geht es zu den Lesesälen Foto E. W.

Die DNB ist eine Präsenzbibliothek – Kein Verleih.  Man kann die Millionen von Büchern nicht mit nach Hause nehmen. Die DNB ist eine reine Präsenzbibliothek. Die Medien werden in riesigen unterirdischen Magazinen gelagert und müssen zur Nutzung in die Lesesäle bestellt werden.

Für uns besonders interessant, schloss sich ein Besuch des Deutschen Exilarchiv (1933–1945) an. Es ist als Spezialarchiv direkt in die DNB in Frankfurt integriert. Es sammelt nicht nur gedruckte Werke von Exilant*innen, sondern auch persönliche Nachlässe (Briefe, Notizen, Nachlasse von Institutionen), um die Erinnerung an die Vertriebenen des NS-Regimes lebendig zu halten. Gezeigt werden zudem interaktive 3D-Zeitzeugeninterviews mit Holocaust-Überlebenden wie Inge Auerbacher und Kurt S. Maier. Besucher können die Angebote der Deutschen Nationalbibliothek nutzen.

In der Dauerausstellung „Exil. Erfahrung und Zeugnis“ des Deutschen Exilarchivs der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) sind zahlreiche berühmte Persönlichkeiten sowie berührende Alltagsgegenstände vertreten. Es finden sich bedeutende Zeitzeugen und prominente Namen wie etwa Thomas Mann. Der Schriftsteller und Nobelpreisträger ist ein zentraler Bestandteil der Ausstellung. Gezeigt wird unter anderem, wie er von New York aus Radioansprachen an die Deutschen hielt („Deutsche Hörer!“).

Neben ihm beeindruckten uns andere Autoren wie etwa Joseph Roth oder Soma Morgenstern. Die spezifische Wechselausstellung über Joseph Roth und Soma Morgenstern ist im Original nicht mehr in der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) zu besichtigen. Sie war eine temporäre Wechselausstellung, die planmäßig im Januar 2013 endete. Man kann Joseph Roth und das Thema Exil aber auch heute noch auf zwei Wegen in der DNB in Frankfurt am Main erleben; in der großen Dauerausstellung des Exilarchivs und im Ausstellungskatalog im Lesesaal. Im Ausstellungskatalog im Lesesaal findet sich auch der gedruckte Begleitband „So wurde ihnen die Flucht zur Heimat“ als fester Bestandteil des DNB-Bücherbestandes.

traurige Schicksale Foto E. W.

Wir begegneten den Schicksalen vieler weiterer bedeutender Persönlichkeiten des Exils, darunter Schriftsteller*innen wie Anna Seghers, Stefan Zweig, Vicki Baum, Gina Kaus, Maria Leitner und Thomas Manns Tochter Erika Mann.

Auch Wissenschaftler und Denker lassen sich im „Exil“ finden.  Berühmtheiten wie der Physiker Albert Einstein und der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud sind ebenfalls durch ausgewählte Objekte oder Dokumente in den Archiven und Sammlungen präsent.

Ein Exponat zog besondere Blicke auf sich und wir fragten: Was hat es mit der bestickten/genähten Tasche auf sich?

Bei dem markanten Exponat handelt es sich um die Tasche von Irma Lange. Sie gehört zu den berührendsten und am häufigsten hervorgehobenen Objekten der gesamten Ausstellung, weil sie ein extrem persönliches Zeugnis des Überlebenswillens und des Lageralltags ist: Die Entstehung: Irma Lange nähte und bestickte diese Tasche unter widrigsten Bedingungen in einem Internierungslager. Die weiteren Recherchen dazu ergaben:

Eine handgefertigte Tasche Foto E. W.

Sie fertigte die Tasche ganz praktisch für ihren Sohn Hanns an. Solche handgearbeiteten Alltagsgegenstände waren im Lager extrem wertvoll, um die wenigen Habseligkeiten zu transportieren und zu schützen. Die Tasche symbolisiert die fundamentale Erfahrung von Verlust, den kargen Lageralltag und gleichzeitig die mütterliche Fürsorge und den Versuch, inmitten der Unmenschlichkeit der Internierung ein Stück Normalität und Würde zu bewahren. Das Objekt ist so detailreich und symbolträchtig, dass das ZDF im Rahmen eines Kooperationsprojekts („Leben im Exil“) eine hochauflösende 3D-Fotogrammetrie dieser Tasche angefertigt hat, damit man ihre Textur und jede einzelne Naht digital aus allernächster Nähe betrachten kann.

Dass über Hanns vor Ort nichts aktiv erzählt wurde, hat nach meinen Recherchen einen ganz bestimmten Grund: Die DNB bewahrt den historischen Nachlass der Familie zwar auf, aber die tiefere, persönliche Geschichte der beiden wurde vor allem für das große digitale Projekt „Leben im Exil“ aufbereitet, das die Bibliothek gemeinsam mit ZDFkultur umgesetzt hat.

Um das nachzuholen, was mir heute vor Ort entgangen zu sein scheint, ist hier die bewegende Geschichte von Hanns und seiner Mutter Irma:

Hanns war noch ein junger Mann, als er gemeinsam mit seiner jüdischen Mutter Irma Lange wegen der Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen musste. Ihre Flucht führte sie nach Großbritannien. Dort kam es zur Internierung auf der Isle of Man. Doch anstatt dort in Freiheit leben zu können, passierte ihnen das, was damals vielen deutschen Geflüchteten in England geschah: Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurden sie von den britischen Behörden als „feindliche Ausländer“ (Enemy Aliens) eingestuft und interniert. Mutter und Sohn wurden in die berüchtigten Lager auf der Isle of Man gebracht. Die Tasche geriet zum Überlebenszeugnis. Genau dort, in der Gefangenschaft zwischen 1940 und 1942, entstand die berühmte bestickte Tasche. Irma fertigte sie aus kargen Stoffresten für ihren Sohn Hanns an, um ihm inmitten des grauen, beklemmenden Lageralltags eine Freude zu machen und etwas Praktisches für seine wenigen Habseligkeiten zu geben.

Was von Hanns bleibt? Hanns W. Lange hat die Zeit überlebt und später die Erinnerungen an seine Mutter sorgfältig bewahrt. Zu dem Teilnachlass, den das Deutsche Exilarchiv heute in Frankfurt hütet, gehören neben der berühmten Tasche auch Briefe, persönliche Dokumente, Tagebücher und eine unveröffentlichte Autobiografie seiner Mutter mit dem zutiefst symbolischen Titel „Ein Blatt im Wind“. Die Tasche im Exilarchiv ist also das direkte, greifbare Band einer Mutter zu ihrem Sohn Hanns, während sie beide unschuldig hinter Stacheldraht saßen.

Ein weiteres Kunstwerk zog unsere Blicke auf sich. Es steht ebenfalls im Zentrum der erweiterten Dauerausstellung „Exil. Erfahrung und Zeugnis“. Es handelt sich dabei um die interaktive Medieninstallation „Was bleibt“ („What’s left“) des deutsch-israelischen Künstler-Duos Yael Reuveny und Clemens Walter. Das Werk schlägt die Brücke vom historischen Exil der NS-Zeit zur Gegenwart. Auffällig ist das „Becken“ (Der Tisch).  Das runde Element in der Mitte des Raumes fungiert als eine Art interaktiver Projektionstisch bzw. Sammelbecken. Wenn man davorsteht, sieht man eine kunstvolle Komposition aus bewegten Bildern, Projektionen und Gesichtern. Es finden sich Menschen aus aller Welt. Die Installation lässt die Erinnerungen und Stimmen von zeitgenössischen Künstler*innen und Intellektuellen einfließen, die aus ihren Heimatländern fliehen mussten – darunter Menschen aus Belarus, Afghanistan, Eritrea, Iran, Russland und China. Sie erzählen audiovisuell von Verlust, Neuanfang und dem, was innerlich bleibt, wenn man alles zurücklassen muss.

die silberne Wellt Foto E. W.

Beeindruckend ist die darüber schwebende „silberne Welle“. Die geschwungene Metallkonstruktion darüber symbolisiert die Dynamik von Bewegung, das Ungewisse, den Ozean und die geografische Überbrückung der Fluchtwege. Sie bündelt den Raum optisch und lenkt den Fokus auf die Projektionen darunter, während im Hintergrund ein Teppich aus Klängen und Stimmen läuft. Die Installation wurde mit der großen Modernisierung und Erweiterung des Exilarchivs fest in die Mitte des Raumes integriert, um zu zeigen, dass das Thema Flucht und Exil leider eine zeitlose, weltweite Realität bleibt.

Wesentlich sind die Leitfragen des Exils, denn die Ausstellung ist entlang von zentralen, existenziellen Fragen des Exils aufgebaut:

  • Was bedeutet es, ins Exil gehen zu müssen? (Flucht, Bürokratie, Abschied)
  • Was erlebt man dort? (Sprachlosigkeit, Geldsorgen, Neuanfang)
  • Gibt es ein Ende des Exils? (Fragen zur Rückkehr oder zum Bleiben)
  • Was bleibt vom Exil? (Generationenübergreifende Spuren)

Moderne Audio- und Video-Zugänge ermöglichen seit der umfassenden Modernisierung und Erweiterung Ende 2024 das Nacherleben durch interaktive Stationen. In Kurzfilmen und Videointerviews erzählen Betroffene und deren Nachfahren, wie sehr das Exil ihre Familiengeschichten bis heute prägt.

„Frag nach!“ Foto E. W.

Last but not least gibt es eine interaktive Ausstellung „Frag nach!“.  Ein besonderes Highlight im verdunkelten Raum hinter einem Vorhang sind die beiden lebensgroßen, digitalen 3D-Interviews mit den Zeitzeugen Inge Auerbacher und Kurt S. Maier. Hier können Besucher per Spracheingabe direkt Fragen an die Projektionen der Zeitzeugen richten, um mehr über ihre Flucht in die USA zu erfahren.

Quellen:

https://www.dnb.de/DE/Ueber-uns/DEA/dea_node.html

https://www.dnb.de/DE/Ueber-uns/Presse/ArchivPM2021/20210729Lebenimexil.html