Du betrachtest gerade Dies irae in Pop-Kultur, Film und Literatur – Beispiele für die Analyse nach Naomi Klein

Wissenschaftliche Analysen beschreiben die ästhetische Wirkung des Dies irae als eine Art spirituellen Doppelgänger-Effekt. Der Gläubige wird im Text mit seinen eigenen Sünden konfrontiert und blickt wie in einen Zerrspiegel: Man sieht gleichzeitig das eigene, verdammte Ich (den Sünder) und das gläubige Ich, das auf Erlösung hofft. Das macht sich die moderne Popkultur zu eigen. In Filmwelt und Musiktheorie werden das Motiv und die Melodie gezielt miteinander verschmolzen, um das Grauen von Doppelgängern zu untermalen. Ein Beispiel dazu ist Jordan Peeles Horrorfilm Wir (Us, 2019).

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In unserem Beitrag Über „algorithmisches Duplikat“ (King); „algorithmische Spiegelwelt“ (Klein) – Strategien und Gegenstrategien hat uns ein Leser sehr viel über Konzepte von Vera King und Naomi Klein wissen lassen. Nun wollen wir hier im Beitrag vertiefen, wie Naomi Klein Literatur und Filme nutzt, um ihre Thesen zu untermauern. Ein Beispiel dazu ist Jordan Peeles Horrorfilm Wir (US, 2019). Sie zieht ihn als modernes Gleichnis für gesellschaftliche und rassistische Spaltungen heran.

Der Film Wir (kino.de) dreht sich vollständig um eine Familie, die von ihren eigenen, bösartigen Doppelgängern terrorisiert wird. Der Komponist Michael Ables verzerrt im Soundtrack bekannte Musikstrukturen zu unheimlichen, sakralen Klängen – ein direktes popkulturelles Zitat der Tradition des Dies irae, um den „Tag des Zorns“ der Doppelgänger musikalisch einzuleiten. 

Aktuelle Beispiele

Dazu ein Wort über Kino-Soundtracks allgemein. Wann immer Filmemacher visuell mit Doppelgängern, Klonen oder schattenhaften Versionen einer Figur arbeiten, greift das Sounddesign instinktiv auf die berühmte Vier-Noten-Sequenz des Dies irae zurück, da diese im kollektiven Gedächtnis sofort die Angst vor dem eigenen Ende triggert. 

Ein Beispiel dazu ist der indische psychologische Horror-Thriller. Diés Iraé erschien am 31. Oktober 2025 (Halloween) und läuft auch in ausgewählten deutschen Kinos (wie CineStar oder Cinemaxx) im Malayalam-Original mit englischen Untertiteln. Der Film wurde von Rahul Sadasivan inszeniert, die Hauptrolle spielt Pranav Mohanlal. Die Handlung greift die namensgebende düstere Symbolik direkt auf: Sie folgt einem wohlhabenden jungen Mann namens Rohan, dessen Leben außer Kontrolle gerät, als er fest davon überzeugt ist, dass ein rachsüchtiges, übernatürliches Wesen in sein Haus eingedrungen ist. Der dazugehörige Soundtrack von Christo Xavier untermalt das Grauen passenderweise mit einem zentralen Titel namens „The Day of Wrath“. 

Immaculate (2024), der psychologische Nonnen-Horrorfilm mit Sydney Sweeney nutzt im Finale extrem düstere, sakrale Musikmotive, die stark an die Tradition des Dies irae angelehnt sind. Auch in Conclave (2024), einemhochgelobter Vatikan-Thriller über eine Papstwahl (unter anderem mit Ralph Fiennes) ist die Musik voller religiöser, spannungsgeladener Choralmotive, die mit dem Motiv des „Tages des Zorns“ spielen. 

Bezug auf Doppelgänger – Identität im Duplikat

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Wenn wir das Thema Doppelgänger strikt als die existenzielle Krise der „Identität im Duplikat“ (vgl. auch Beitrag zur Einführung ins Wintersemester 26/27) betrachten, entfaltet das Dies irae seine tiefste psychologische Wirkung. In diesem speziellen filmischen und literarischen Kontext symbolisiert die Melodie bzw. das Konzept des „Tages des Zorns“ nicht mehr nur den physischen Tod, sondern den Ego-Tod – das unaufhaltsame Auslöschen der eigenen Einzigartigkeit.

Das Zusammenspiel von Dies irae und der Identitätsduplikation lässt sich in drei psychologische Stufen unterteilen:

Das „Dies irae“ als musikalischer Urknall der Ich-Auflösung. In Thrillern, die sich um kopierte Identitäten drehen; hier kündigt die Dies irae-Sequenz (die markanten ersten vier Noten) fast immer den Moment an, in dem das Original begreift, dass es austauschbar ist. 

Wesentlich ist der Verlust der Exklusivität.Wenn eine Figur ihrer exakten Kopie begegnet (wie in Denis Villeneuves Enemy oder Jordan Peeles Wir), bricht das gesamte Fundament des menschlichen Geistes zusammen: der Glaube an das „Ich“ als unteilbares Unikat. Das Dies irae fungiert hier als Requiem für die eigene Identität. Es untermalt nicht das Sterben des Körpers, sondern das Sterben der Individualität, weil das Duplikat beginnt, den Platz des Originals einzunehmen. 

Interessant wird es, wenn das Duplikat zum persönlichen „Richter“ wird, dem Tag des Zorns. Der Text des Dies irae beschreibt den Tag, an dem ein Richter erscheint, der jede verborgene Sünde ans Licht bringt und gnadenlos richtet. Bei einer Identitätsspaltung übernimmt der Doppelgänger exakt diese Rolle. Der Doppelgänger ist in der Kunst selten ein unbeschriebenes Blatt;

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er ist oft die personifizierte Summe aller verdrängten Traumata, Fehler oder unterdrückten Triebe des Originals wie in Dostojewskis Der Doppelgänger (unser Beitrag) oder dem Film The Double, wo sich mit der Ankunft eines neuen Kollegen das Leben eines kleinen Beamten verändert.

Wenn das Duplikat auftaucht, blickt das Original in einen unerbittlichen Richterspiegel. Die Begegnung mit der Kopie wird zum persönlichen „Jüngsten Gericht“ (Dies irae), bei dem man sich selbst nicht mehr entkommen kann. 

Besonders radikal wird die Verknüpfung in modernen Identitäts-Thrillern, in denen das Duplikat das „bessere Ich“ ist – charismatischer, fehlerfreier oder beruflich erfolgreicher. Das Grauen entsteht hier aus dem „Unheimlichen“ (lesen Sie auch zur Psychologie des „Uncanny“ im Film). Die vertraute eigene Identität wird plötzlich von außen betrachtet und fühlt sich fremd an;

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zum Beispiel in „Die Frauen von Stepford“ unser Beitrag 2025 am Staatstheater Darmstadt). Da geht es um die Vermengung von Menschlichkeit und Technologie.

Das Dies irae (BR klassik) liefert dazu die perfekte mathematisch-musikalische Struktur: Es ist eine der starrsten, am häufigsten kopierten und zitierten Melodien der Menschheitsgeschichte. Es ist selbst ein „musikalisches Duplikat“, das in hunderten Kunstwerken exakt wiederholt wird – ein strukturelles Echo genau jener unheimlichen, endlosen Vervielfältigung, die das Original seiner Identität beraubt. Dies irae vertont in diesen Geschichten also das finale Urteil: „Du bist nicht mehr du selbst – du wurdest kopiert und ersetzt.“ 

Naomi Klein nutzt weitere berühmte literarische Werke und Filme

Um das Phänomen der unheimlichen Verdopplung analytisch zu greifen, nutzt Naomi Klein Beispiele wie den Schlüsselroman Operation Shylock von Philip Roth (1993). Im Roman reist der Protagonist (der ebenfalls Philip Roth heißt) nach Israel und stellt fest, dass dort ein zweiter Philip Roth existiert. Dieser Doppelgänger sieht genauso aus wie er, nutzt seinen Ruhm, verbreitet unter seinem Namen jedoch bizarre, radikale politische Theorien (er fordert die europäischen Juden auf, Israel zu verlassen und nach Europa zurückzukehren – Besprechung Dieter Wunderlich).

Klein nutzt diesen Roman als exakte Schablone für ihre eigene Erfahrung mit Naomi Wolf. Roths Verzweiflung darüber, dass eine Kopie die Kontrolle über den eigenen Namen und die eigene politische Identität übernimmt, spiegelt Kleins eigenen Kampf in der digitalen Welt wider.

Auf filmischer Ebene nutzt Klein intensiv Chaplins Meisterwerk, um die politische Dimension von Doppelgängern zu verdeutlichen: In Der große Diktator (1940) (Kinofenster.de) spielt Charlie Chaplin in einer Doppelrolle sowohl den brutalen, größenwahnsinnigen Diktator Adenoid Hynkel (eine Parodie auf Adolf Hitler) als auch einen unschuldigen, jüdischen Barbier, der dem Diktator ähnlich sieht.

Klein zeigt damit, dass Doppelgänger-Geschichten im Kino schon immer genutzt wurden, um politische Systeme und die Fragilität von Macht zu spiegeln. In einer polarisierten Welt kann die exakt gleiche Oberfläche (das Aussehen, die Sprache) für zwei völlig entgegengesetzte Ideologien stehen. Am Ende kommt es zur Verwechslung: Der Barbier wird für den Diktator gehalten und nutzt die Bühne, um eine der berühmtesten humanistischen, antifaschistischen Reden der Filmgeschichte zu halten.

Neben diesen Hauptreferenzen webt Klein ein ganzes Netz aus bekannten Doppelgänger-Erzählungen ein, um die verschiedenen Facetten der Identitätskrise zu beleuchten wie etwa Ursula K. Le Guins Erdsee-Saga: Um das Konzept des „Schatten-Ichs“ zu erklären – das Abspalten und Bekämpfen der eigenen dunklen Anteile.

(interessant dazu auch unser Beitrag “Der Sandmann” E.T.A. Hoffmann, mit Bezügen zu C. G. Jungs: „Schatten“ und „Doppelgänger“)

Auch Alfred Hitchcocks Vertigo (1958) ist eine Vorlage, um die obsessive Fixierung auf ein konstruiertes, künstliches Abbild eines Menschen zu verdeutlichen.

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Wir besprachen diesen Film zum Thema „Extremsituationen„.

Klein beweist damit, dass das, was wir heute als „digitalen Kontrollverlust durch Algorithmen“ erleben, ein uraltes menschliches Ur-Grauen ist, das die Kunst schon vor Jahrhunderten vorausgeahnt hat.