In Folge 48 steht das musikalische Panlindrom im Mittelpunkt der Ermittlungen von Kommissar Ritter. Er konfrontiert den Opernkenner I. Burn damit. Um das Palindrom zu entschlüsseln, bittet Ritter in dieser Folge die Literaturwissenschaftlerin Claudia Elfriede um Hilfe. Sie erkennt die literarische oder psychologische Dimension des Rückwärtslesens: Es symbolisiert das „Zurückdrehen der Zeit“ oder das unaufhaltsame Versinken in die eigene Vergangenheit – passend zu „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. (dazu auch unser Beitrag zum Schauspiel Frankfurt).

Ritter vereinbart ein geheimes Treffen mit Claudia Elfriede in den unteren Stockwerken der Deutsche Nationalbibliothek an der Adickesallee (dazu auch unser Beitrag zur Führung durch die DNB). Eigentlich ist dieser Bereich für die Öffentlichkeit abends geschlossen, doch Claudia Elfriede hat dank ihrer Forschung exklusiven Nachtzugang. Zwischen meterhohen Regalen voller historischer Bände riecht es nach altem Papier und Bohnerwachs. Es ist inzwischen 05:30 morgens.
Claudia Elfriede schiebt ihre Brille auf die Nasenspitze und betrachtet den Beweisbeutel unter einer schwanenhalsförmigen Schreibtischlampe. Ritter und Burn stehen im Schatten hinter ihr.
Claudia Elfriede murmelt, während sie mit dem Finger den Satz auf dem Plastik nachzieht: „Leben sie? Nein, es nein, eisnebel… Faszinierend. Sie haben recht, es ist ein perfektes Palindrom (Erläuterungen dazu von der FH Münster). Aber es ist viel mehr als nur ein visuelles Wortspiel, meine Herren. Es ist eine psychologische Falle.“
Ritter: „Lassen Sie die literarische Begeisterung weg, Claudia. Was bedeutet es im Kontext eines Mordes?“
Claudia Elfriede sieht auf, ihr Blick bleibt ernst an Burn hängen: „In der Barockliteratur nutzte man Palindrome oft, um das Teuflische oder die Unausweichlichkeit des Schicksals darzustellen. Es ist eine Schleife. Man kann ihr nicht entkommen. Aber sehen Sie sich den Inhalt an: ‚Leben sie? Nein.‘ Es verneint das Leben. Und dann das Wort ‚Eisnebel‘. Das ist kein zufälliges Bild.“
Burn (schließt die Augen): „Der Nebel bei O’Neill…“
Claudia Elfriede: „Exakt, Burn! Bei Eugene O’Neill symbolisiert der Nebel das Vergessen, das Verharren in der Lüge und die Unfähigkeit, der eigenen Vergangenheit zu entkommen. Wer auch immer Sie Burn oder einen anderen dazu gebracht hat, diesen Satz zu schreiben – oder wer auch immer ihn jetzt platziert hat –, kennt Ihre Achillesferse. Das Palindrom spiegelt Ihren Zustand wider: Er bewegt sich vorwärts im Leben, wird aber durch die Musik unweigerlich an denselben dunklen Punkt zurückgeworfen.“
Ritter: „Und der konkrete Hinweis für uns?“
Claudia Elfriede dreht den Beutel um und zeigt auf die Notenlinien auf der Rückseite: „Das Papier ist der Schlüssel. Das ist kein gewöhnliches Notenblatt. Sehen Sie das Wasserzeichen? Das ist das historische Papier der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst hier in Frankfurt.
Anmerkung der Redaktion: Das erinnert uns doch, liebe Schreibende in unserer Werkstatt an Teil III Schreibwerkstatt UniWehrsEL „Tatort Frankfurt, die Magie der Musik“ Präsidium, Opernhaus, Hochschule für Gestaltung“. Da saß ein Mann alleine im Zuschauerraum des Probensaals und beobachtete und lauschte seiner Carmen. Er bewunderte sie und dachte, sie sänge nur für ihn – Doch was war das? Er wusste, Carmen konnte es nicht sein, denn die war eines seiner Opfer (Teil I Die Eröffnungsszene spielt in der Neuen Altstadt Frankfurts). Dann sah er sie plötzlich in ein Tosca-Kostüm gekleidet, er hörte ihr „Vissi dàrte, vìssi d’amore …“. Er spürte es, sie singt es nur für ihn, diese Worte: „Ich lebte nur für die Kunst, ich lebte für die Liebe …“ Sie fühlt, dass er da ist, er fühlt, dass sie ihn braucht, jetzt und für immer … .
Obsession, das war es wohl, was den Täter oder die Täterin antrieb und dies sei ein durchaus denkbares Motiv hatten Burn und Ritter in „Teil IV Schreibwerkstatt Auftakt Café Hauptwache“ festgestellt. Bei einer kurzen Kaffeepause im „Café Hauptwache“ brachte Kommissar Ritter seinen „Freund“ Ivo Burn auf den laufenden Stand: „Die bekannte Opernsängerin Maria Bellini, die für eine gefeierte Inszenierung von Tosca in der Hauptrolle vorgesehen ist, erhält anonyme Drohbriefe mit Zitaten aus der gleichnamigen Oper.“ Ihre Ausgangsüberlegungen waren, es müsse sich um einen verrückten Fan handeln. Aber dann schwirrte die Angst mit, da plane tatsächlich wieder der „Carmen-Mörder“ auch die Tosca eins zu eins im echten Leben nachzustellen, wieder mit tödlichem Ausgang. Burn erklärte damals, „ich kenne da einen verhinderten Künstler, der glaubt, dass Kunst ‚wahr‘ werden muss. Es ist diesem Menschen durchaus zuzutrauen, eine Oper wie die Tosca als ‚lebendiges Gesamtkunstwerk‘ aufzuführen, sich dabei selbst als Regisseur verstehend, sozusagen ein ‚reales Todesdrama‘ zu inszenieren.“
Claudia Elfriede unterbricht die Gedankengänge der Anwesenden und fährt fort: „Und die Tinte… es ist Eisengallustinte. Die benutzt heute kaum noch jemand, außer Restauratoren oder… bestimmte Sammler im Westend. Erst kürzlich habe ich gelesen, übrigens bei Junges Museum Frankfurt, die schwarze Eisengallustinte wurde auch schon zur Zeit von Karl dem Großen benutzt und mit Eisensulfat hergestellt. Diese giftige Chemikalie macht Tinte „dokumentenecht“; damit bleibt sie für lange Zeit gut lesbar. Was für uns durchaus wichtig sein könnte! Übrigens habe ich diese Tinte aus Holunderbeeren einmal selbst hergestellt. Dazu nimmt man ein paar Dolden Holunder, presst den Saft der Früchte mit der Gabel durch ein stabiles Sieb in eine Schüssel. Die „Tinte“ wird in ein Gläschen gefüllt und dann …“
Ritter hebt wütend die Hand, um Elfriede zu unterbrechen. Er stoppt, schaut Burn an, das Misstrauen weicht einer grimmigen Entschlossenheit: „Das Westend – was hat das für Dich für eine Bedeutung, Ivo?“
Burn leise, mit festem Blick: „Der Kreis schließt sich. Ritter, meine Vergangenheit holt mich ein.“ Er denkt an die Nacht im Uni Campus Westend (Folge XXXI). Kommissar Ritter und er trafen sich am Wasserbecken. Genau erinnert er sich daran, ein zerfleddertes Programmheft der Turandot in der Hand gehalten zu haben.

Und er erinnert sich, dass es um eine Nachricht ging, die in einer der Paternoster-Kabinen des IG-Farben-Hauses gefunden worden war. Keine Leiche, nur ein seidener Fächer, auf dem in blutroter Tinte das Wort „Lou-Ling“ steht – der Name der Ahnfrau, deren Schicksal Turandots Hass begründete.
Burn wusste sofort, der Täter wollte mit ihm spielen und ihn mit der Vergangenheit konfrontieren. Und er erinnert sich auch, dass es auch in diesem Fall um ein Rätsel ging: „Ich habe kein Gesicht, doch spiegle ich deines. Ich habe keine Stimme, doch wiederhole ich deinen Schrei. Ich bin die Wiege der Hoffnung am Morgen und das Grab der Tränen am Abend. Wer bin ich?“
Und damals wie heute ist ihm die Bedeutung klar: Die Antwort ist „Das Echo im Wasser„. Dieser Täter kennt Burns Welt, denn in seiner Welt symbolisiert dies die Selbstreflexion. Er seufzt tief: „Dann sollten wir die Reise antreten, bevor der Nebel zu dicht wird.“

Wie soll es in der Schreibwerkstatt weitergehen? Wir schlagen als Nächstes eine kulinarische Atempause im Operncafé wie in XXI vor – bevor es … vielleicht … zum Showdown übergeht?


