Du betrachtest gerade Filmtipp „Silent Friend“ (Stiller Freund) – ein alter Ginkgobaum als Symbol für Hoffnung

Wenn Sie an einen stillen Freund denken, dann suchen Sie sicher kein Standardmodell, sondern einen Typus, in der Regel einen Menschen, dessen Wert erst auf den zweiten Blick deutlich wird. Dieser Freund vermittelt die Präsenz der Ruhe, denn er muss den Raum nicht mit Worten füllen. Seine Anwesenheit wirkt nicht bedrückend, sondern erdend. In einer „lauten“ Wel bietet er einen sicheren Hafen, indem man einfach sein darf, ohne performen zu müssen. Und was wäre, wenn dieser „Silent Friend“ ein uralter Ginkgobaum wäre? Einer, der im Herzen einer mittelalterlichen Universitätsstadt seit über hundert Jahren als stiller Beobachter die Veränderungen im Leben dreier Menschen bezeugen kann?

Er hört nicht zu, um zu antworten, sondern um zu verstehen. Er lauscht auf Zwischentöne in der Stimme des Menschen, nimmt das Zögern wahr oder den Blick, der nach unten wandert. Der stille Freund besticht durch seine Beständigkeit und Loyalität. Freundschaft ist ihm das gemeinsame Schweigen und aufeinander Achten. Öffnet man ihm sein Herz, dann findet man eine ganze Welt voller Tiefe und Verlässlichkeit.

In dem Film Silent Friend der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi ist der titelgebende „Stille Freund“ ein majestätischer, fast 200 Jahre alter Ginkgobaum. Um ihn herum entfalten sich Handlungseben über drei Zeitdekaden, in denen der Baum als stiller Freund, als Bindeglied dreier menschlicher Schicksale fungiert.

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Über den Ginkgo kann man nachlesen: „Der Ginkgo-Baum (Ginkgo biloba) gehört zu den ältesten lebenden Baumarten der Erde und ist ein faszinierendes Symbol für Hoffnung, Widerstandskraft und Frieden. Ursprünglich in China beheimatet, wird er heute auf der ganzen Welt angepflanzt. Eine besondere Bedeutung erlangte der Ginkgo nach dem verheerenden Atombombenabwurf auf Hiroshima in Japan im Jahre 1945 während des Zweiten Weltkriegs. Trotz der enormen Zerstörung überlebten mehrere Ginkgo-Bäume die Explosion. Diese bemerkenswerte Widerstandskraft machte den Baum zu einem globalen Symbol für Frieden und Hoffnung. Die Bäume, die bis zu 2500 Jahre alt werden können, erinnern uns an die Stärke der Natur und daran, dass aus Zerstörung neues Leben erwachsen kann. Zum Jahrtausendwechsel 2024 erklärte das deutsche „Kuratorium Baum des Jahres“ den Ginkgo biloba zum „Baum des Jahrtausends“ – ein lebendes Mahnmal für Umweltschutz und Frieden.“

Die Handlung: 1908 Die Pionierin

Die junge Studentin Grete (Luna Wedler) kämpft gegen die frauenfeindliche Hierarchie der Universität. Sie sucht Zuflucht vor einer Umgebung voller Misstrauen und Unterstellungen an eine junge Frau, in einer von ‚alten weisen Männern‘ dominierten Universitätsumgebung. Grete muss sich einer Universitätskommission alter Professoren stellen, die nichts von Frauen an der Universität halten. In einer der eindrücklichsten – und unter anderem mit Rainer Bock als zynischem Universitätsprofessor herausragend besetzten – Szene setzt sie sich mit Geschick und Klugheit dennoch durch. Aus ihrer kleinbürgerlichen Wohnunterkunft vertrieben, findet sie Raum bei einem großherzigen Fotografen (wunderbar Martin Wuttke). Von dem lernt sie nicht nur das fotografische Handwerk wie – welche Kamera, welches Objektiv, brauche ich, um eine Begegnung im Bild festzuhalten – sondern auch einen erweiterten Blick. Diese neue Verbindung bedeutet über ihr berufliches botanisches Interesse hinaus, die Natur und besonders den alten Ginkgobaum kreativ zu erfassen.

Luna Wedler spielt ihre Rolle so überzeugend, dass sie bei den 82. Internationalen Filmfestspielen in Venedig für ihre Rolle in „Silent Friend“ den Marcello-Mastroianni-Preis für die beste Jungdarstellerin erhielt.

1972 Die flüchtige Begegnung

Inmitten von Studentenprotesten an der Universität Marburg findet sich ein, vom Land kommender junger Mann (Enzo Brumm), der eigentlich, nach eigenem Bekunden, weder den Tieren noch den Pflanzen weiter dienlich sein möchte. Seine Begegnung mit einer jungen angehenden Biologin (Marlene Burow) unter dem Ginkgobaum ändert sein künftiges Leben.

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Kümmert er sich doch in deren Abwesenheit um das Versuchsobjekt einer Geranie, improvisierend auf der Fensterbank gestartet. Mit Elektroden versehen, stellt Hannes bald fest, dass man messen kann, wie Pflanzen auf Menschen reagieren. Die Beschützerinstinkte erwachen, als die gelangweilten und betrunkenen männlichen Studierenden die Geranie lieblos behandeln, sie in einer Szene mit Bier beschütten und Zigarettenstummel in ihrer Erde ausdrücken .Die Geranie zeigt daraufhin starke Ausschläge nach unten auf dem Seismographen.

2020 – Die wissenschaftliche Annäherung

Während des Corona-Lockdowns versucht der Neurowissenschaftler Wong aus Hongkong (Tony Leung Chiu-wai) mithilfe moderner Sensoren die Gedankengänge und Reaktionen des alten Ginkgobaums messbar zu machen. Im Lockdown bleibt Tony alleine auf dem Universitätsgelände zurück, misstrauisch beäugt vom Universitäts-Hausmeister Anton (Sylvester Groth). Online befreundet sich Wong mit der französischen Botanikerin Alice (Léa Seydoux) an. Am uralten Ginkgobaum gelingt das Experiment, Energieströme in Pflanzen zu messen.  Unterstützt durch den eigenen Konsum der einen oder anderen Pflanze erlebt der Wissenschaftler gemeinsam mit dem alten Baum einen kommunikativen Farbenrausch ohnegleichen.

Resumee

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In diesem wunderbaren, sinnlichen und zugleich lehrreichen Film, der schon jetzt als „Film des Jahres“ gehandelt wird, gerät der Gingkobaum nicht zur Kulisse, vielmehr wird er als lebendiges Wesen mit eigener Wahrnehmung inszeniert. Enyedi nutzt dabei unterschiedliche Formate – von Schwarz-Weiß-Bildern über analoge Aufnahmen bis hin zu digitalen Visualisierungen von Gehirnströmen.

Das prägt diesen Film von einer „andächtigen Aura“, der Entschleunigung und der Thematik der gelingenden oder misslingenden Kommunikation zwischen Mensch und Umwelt.

Warum Marburg?

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Die Stadt Marburg selbst wird zu einer zentralen Akteurin. Die Regisseurin Ildikó Enyedi wählte diesen Ort auch aus persönlichen Gründen, weil ihr Ehemann in den 1970er Jahren an der Phillipps-Universität Marburg Germanistik studiert hat.

So tauchen in dem 2024 gedrehten Film zahlreiche markante Orte der Universitätsstadt Marburg auf. Das Herzstück des Films ist der Alte Botanische Garten, in dem der alte Ginkgobaum als „stiller Freund“ die drei Zeitebenen verbindet.

Das Foyer der Universitätsbibliothek diente als Kulisse für moderne Szenen, unter anderem mit dem Hauptdarsteller Tony Leung Chiu-wai.

Der Schäferbau, ein historisches Institutsgebäude, bot für die Episode aus dem Jahr 1908 eine authentische Atmosphäre. Der Fachbereich Chemie repräsentiert die wissenschaftliche Seite der Handlung, besonders die Forschung auf dem Gebiet der Neurowissenschaften. Die Marburger Oberstadt mit ihren mittelalterlichen Gassen unterstreicht den zeitlosen Charakter der Erzählung.

Zur Regisseurin Ildikò Enyedi

Sie gilt als eine der bedeutendsten europäischen Filmemacherinnen der Gegenwart. Sie erkundet oft die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit sowie die subtile Kommunikation zwischen Lebewesen. Bekannt wurde sie international vor allem durch den Berlinale-Gewinner „Körper und Seele“ (2017).

In „Silent Friend“ nutzt sie einen essayistischen Erzählstil, der wissenschaftliche Fakten mit poetisch anmutenden Bildern, Formen und Farben verwebt. Die Zeitebenen übertragen sich wie die Jahresringe eines alten Baumes.

Enyedi beschreibt sich selbst als jemanden, der eine „große Neugier auf die Welt“ besitzt und Pflanzen als Wesen mit eigener Wahrnehmung betrachtet.