Du betrachtest gerade Lesung: Autorin Elise Müller „Die Kostgängerin im Nonnenkloster“ – Überlebenskunst einer Frau

Zwischen Krise und Hoffnung gibt es im Leben einen Bereich, der sich durch die Fähigkeit zur (Über-) Lebenskunst auszeichnet. Es geht darum, Resilienz, moralische Entscheidungskraft und die Pflege von Hoffnung in persönlichen und politischen Krisen praktisch und emotional zu üben. Ein gelungenes Beispiel dafür lieferte eine Lesung am Weltfrauentag 2026. Im Rahmen der Reihe „Unerhört: Begegnungen mit Autorinnen“ am Staatstheater Darmstadt wurde die vergessene Autorin Elise Müller eindrücklich verhandelt. Elise‘ Überlebenskunst — innere Selbstbehauptung, Gedankenfreiheit und der Blick in die Zukunft trotz äußerer Enge — bietet konkrete Fallbeispiele für das Seminar im Sommersemster 2026: wie Hoffnung kultiviert und Selbstbestimmung in kollektive Veränderung übersetzt werden kann.

Liebe Lesende des UniWehrsEL,

Seit der Erstausgabe 1797 verschwand Elise Müllers Stück „Die Kostgängerin im Nonnenkloster“ lange Zeit von den Bühnen und aus den Regalen. Erst 2003 machten der Wehrhahn Verlag und der Herausgeber Johannes Birgfeld den mutigen Schritt, diese unbekannte Dramatikerin wieder einem breiteren Publikum vorzustellen.

Wer Elise Müller genau war, bleibt ein Rätsel: Geburts‑ und Sterbedaten, Herkunft und Lebensumstände liegen im Dunkeln, und es ist gut möglich, dass sie unter einem Pseudonym schrieb. Birgfeld Image bybeschreibt sie im Nachwort als eine „äußerst aufmerksame und zumindest politisch hochgebildete Zeitgenossin“ — und das merkt man dem Text an. Ihre Handhabung von Stoff und dramatischen Mitteln wirkt so sicher, dass man kaum annehmen kann, sie sei eine Laienautorin gewesen. Bild: ArtSpark from Pixabay)

Auf den ersten Blick scheint das Stück ein rührendes Liebesdrama: Elise liebt einen Mann, den ihre Mutter nicht akzeptiert; aus Sorge wird die Tochter als Kostgängerin in ein Kloster gegeben, wo die Nonne Margaretha sie schikaniert. Doch unter dieser Oberfläche steckt mehr: Müller zeichnet die Idylle des bürgerlichen Alltags als enges Gefängnis. Immer wieder betont die Figur Elise die Bedeutung von Freiheit — „Wir haben freien Willen, uns da und dort hin zu bewegen; nur meine Maschine hat diese Freiheit nicht.“ — und besteht auf der Unbeugsamkeit der Gedanken, die sich nicht einsperren lassen.

Das ist kein bloßes Rührstück, sondern ein Revolutionsstück: Müller macht ihre Heldin zur Trägerin eines emanzipatorischen Denkens und entlarvt gesellschaftliche Zwänge als politisches Problem. Die Titelfigur bleibt dabei lebendig und vielschichtig — keine hölzerne Symbolfigur, sondern eine Frau mit Eigensinn, was vermuten lässt, dass die Autorin Anteile ihrer eigenen Stimme in Elise gelegt hat.

Ihre Betonung der Freiheit des Denkens und der „Feder“ wirkt heute noch frisch und mutig; im Kontrast zu Autorinnen, die sich hinter konventionellen Formen versteckten, überrascht Müllers Direktheit angenehm. Auch wenn ihr Name vielen heutigen Dramatikerinnen unbekannt sein mag, finden sich ihre Spuren deutlich in späteren Stücken von Frauen. (Bild von OpenClipart-Vectors auf Pixabay)

Die Inszenierung von Olivia Müller-Elmau machte deutlich, wie aktuell dieses Revolutionsstück bleibt. Das Bühnenbild reduzierte die Handlung auf eine lange, schmale Tafel, die wie ein langer Tisch/Flur den Raum dominierte: ein essenzielles Bild für Zusammenkunft und zugleich für Gefangenschaft — Frauen, aneinandergereiht, isoliert und doch miteinander verbunden. Die Nonnengewänder wirkten bewusst als Anspielung auf die Verfilmung von Margaret Atwoods „Die Geschichte der Dienerin“ (Report der Magd): die strenge, theokratische Ästhetik verweist auf dystopische Strukturen, in denen Frauenkörper und -denken kontrolliert werden. Die Inszenierung machte die Verbindung zu Atwoods Dystopie kurz und deutlich: beide Werke zeigen theokratische Kontrolle, Entzug von Selbstbestimmung und ritualisierte Kategorisierung von Frauen (sichtbar in Kleidung und Ritualen), und beide führen Fluchtversuche und bürokratische Vertuschung als Mechanismen vor Augen — so wird Müllers historisches Revolutionsstück als frühes Echo moderner Warnungen gegen autoritäre Kontrolle lesbar. In dieser Deutung gewinnt Elise Müllers Text an beklemmender Aktualität; die Bühne verbindet historische Quelle und gegenwärtige Warnung.

Gespielt wurden die Rollen von Aleksandra Kienitz und Charlotta Huys — letztere fungierte neben ihrer Darstellerinnenrolle auch als Dramaturgin des Abends. Ihre Lesung war präzise und emotional, sorgte für spürbare Nähe zur Titelfigur und ließ die Ambivalenz von Liebe, Unterdrückung und Widerstandsgeist lebendig werden. Musikalisch wurde Madonna’s „Like a Prayer“ als Freiheitsmetapher eingesetzt: Das Lied wirkte wie ein surreales Auflehnen gegen das Regime der Enge und passte überraschend kraftvoll zu der historischen Vorlage — ein musikalischer Hoffnungsschimmer. (Bild:Image by geralt from Pixabay)

Elise Müller sorgt schließlich im 4. und letzten Akt dafür, dass ihre Protagonistin sich zunächst selbst (!) aus dem Kloster befreit. Bedauerlich, dass Franz 90 Minuten zu spät kommt und Frau sich folglich selbst retten muss. Gut, am Ende gehen die beiden trotzdem gemeinsam Richtung Happy End. Wie reagiert die Familie? Sie sitzt seelenruhig und unverändert beim Kartenspiel. Die späte Wut der Mutter über ihre Tochter verhallt unerhört. Die Flucht von Elise wird auf Befehl der Oberin nie an die Öffentlichkeit herangetragen. Beides spricht Bände über institutionelle Repression und die Notwendigkeit feministischer Erinnerungspolitik.(Bild von n1k1t4 auf Pixabay)

Kurze Interpretation

Das Stück „Die Kostgängerin im Nonnenkloster“ ist eine Reaktion auf die Französische Revolution von 1789. Es kritisiert die in Deutschland existierende Staatsform des Absolutismus.

Feministische Dimension: Die Inszenierung rückt die Frage nach Selbstbestimmung klar in den Mittelpunkt — nicht nur als historisches Motiv, sondern als Gegenwartsfrage: Wer darf über den Körper, das Denken und das Leben der Frau entscheiden?

Wie eng sind die Lebensräume, in die Frauen gesteckt werden — symbolisiert durch die lange Tafel und die nonnenhaften Gewänder — und wie sichtbar sind die Mechanismen der Kontrolle?

In dieser Lesart ist Franz nicht der Held, sondern die Frau selbst: Elise handelt, überwindet, rettet sich; ihr eigenständiges Handeln macht sie zur Protagonistin einer Emanzipationsgeschichte.

Hoffnung, nicht nur am Weltfrauentag

Hoffnung: Genau dieses Wort bleibt als Nachklang des Abends. Am Weltfrauentag (dazu auch unser Beitrag im Jahr 2025 zu Elsa Asenijeff), einem Tag, der an Kämpfe und Errungenschaften erinnert, wurde deutlich, dass das Wiederentdecken vergessener Autorinnen selbst ein Akt der Hoffnung ist — die Hoffnung auf Veränderung, auf Sichtbarkeit, auf eine Theatergeschichte, die nicht ausschließlich männliche Stimmen erzählt. Die Aufführung machte deutlich, dass die Emanzipationsgedanken von einst heute weiter wirken können: Elise Müllers Revolutionsstück ist ein Appell an die Gegenwart. http://Image by PicElysium from Pixabay

Dieser Abend war mehr als eine historische Lesung — er war ein Plädoyer. Wer Vergessenes zu neuem Leben erweckt, öffnet Räume für Debatten über Freiheit, Identität und kollektive Verantwortung. Möge das Staatstheater Darmstadt mit dieser Reihe viele Besucherinnen und Besucher erreichen und die Aufmerksamkeit, die Elise Müller verdient, dauerhaft stärken.

Mit freundlichen Grüßen

 Shelly Neshville 

  • Beitrags-Kategorie:Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:30. März 2026
  • Lesedauer:6 Min. Lesezeit