In unserem Beitrag zur Lesung zu Elise Müller „Die Kostgängerin im Nonnenkloster“ – Überlebenskunst einer Frau wurde verdeutlicht, welche Rolle die Kunst des Überlebens gerade in Krisenzeiten spielt und welche Rolle die Hoffnung dabei spielt. Dies wiederum hat eine andere Leserin dazu angeregt, über den Zusammenhang zu unserem zweiten Sommersemester-Seminar (2026) nachzudenken. Im Fokus stand unter anderem die Frage: Wie eng ist das Thema Spiegel in besagtem Werk mit der Identitätssuche der Frau und der Kritik an der Eitelkeits- sowie Unterdrückungskultur im 18. Jahrhundert verknüpft.
Liebe Shelley Nashville und liebes UniWehrsEL,
Danke für den interessanten Beitrag zur Kostgängerin im Nonnenkloster, den ich nochmals nachrecherchiert habe und eigene Überlegungen hinzufügen möchte:

(Bild: ArtSpark from Pixabay) Die Kostgängerin im Nonnenkloster ist ein Schauspiel in vier Aufzügen von Elise Müller, das ursprünglich im Jahr 1797 in Gotha veröffentlicht wurde. Wenn man Genre & Form berücksichtigt, handelt es sich um ein Drama (Schauspiel), das in der Zeit der Aufklärung entstand. Seine Wiederentdeckung haben Sie ausführlich beschrieben: Lange Zeit war das Stück weitgehend vergessen und wurde nicht mehr gedruckt. Erst im Jahr 2003 brachte der Wehrhahn Verlag eine Neuausgabe heraus, herausgegeben von Johannes Birgfeld. Besonders interessant war für mich, dass es im Jahr 2026 in Darmstadt eine Lesung dazu gab.
Ob Elise Müller zu ihrer Zeit als Autorin eine bekannte Persönlichkeit war, entzieht sich meiner Kenntnis. Wie sie uns beschrieben gehörte Elise Müller zu den eher unbekannten Dramatikerinnen des späten 18. Jahrhunderts, deren Werk durch die moderne Forschung (insbesondere zur Frauenliteratur) wieder zugänglich gemacht wurde. Die Verfügbarkeit ist seit 20 Jahren gesichert. Ist doch heute das Werk sowohl als wissenschaftliche Neuausgabe als auch vereinzelt in antiquarischen Beständen zu finden.
In der Literaturkritik.de kann man nachlesen, das Stück von 1797 sei ein typisches Beispiel für das Aufklärungsdrama (literarische Zeit der Aufklärung 1720-1800), das sich kritisch mit gesellschaftlichen Zwängen und dem Klosterleben auseinandersetzt.
Hier ist eine Zusammenfassung der zentralen Handlungselemente:
- Der Schauplatz: Die Handlung spielt in einem Nonnenkloster, in dem eine junge Frau – die titelgebende Kostgängerin – lebt. Kostgängerinnen waren damals Frauen, die gegen Bezahlung im Kloster wohnten, ohne jedoch Nonnen zu sein oder ein ewiges Gelübde abgelegt zu haben.
- Der Konflikt: Im Zentrum steht der Wunsch nach individueller Freiheit und Selbstbestimmung. Die Protagonistin gerät in einen moralischen und emotionalen Konflikt zwischen den strengen Regeln der Klosterwelt und ihren eigenen Sehnsüchten sowie gesellschaftlichen Erwartungen außerhalb der Mauern.
- Themen:
- Kritik an der erzwungenen Abgeschiedenheit von Frauen.
- Das Spannungsfeld zwischen religiöser Pflicht und persönlichem Glück.
- Die Rolle der Frau in der Gesellschaft des späten 18. Jahrhunderts.
Das Werk wurde nach über 200 Jahren Vergessenheit durch den Wehrhahn Verlag wiederentdeckt, da es als wertvolles Dokument der weiblichen Literaturgeschichte gilt. Ein Beispiel dafür ist die Autorin von „Dido“ Annette von Stein.
Vorgestellt hatten wir ihnen in einem Beitrag hier im UniWehrsEL die Autorin Charlotte von Stein. Sie ist vielen Frankfurtern durch ihre platonische Beziehung zu Goethe ein Begriff; häufig wird sie jedoch nur als Randfigur der Literaturgeschichte und als bloße Freundin Goethes abgetan. Im Rahmen der Lesung „Unerhört! Begegnungen mit Autorinnen“ erwähnten wir das Schauspiel „Dido“ von Charlotte von Stein – das einzige Drama der Autorin, entstanden im Winter 1795/96. Charlotte von Stein lässt die Hauptfigur nach dem Prinzip der schönen Seele handeln. Das Prinzip der schönen Seele knüpft an die europäische Antike und Platon an; in der Weimarer Klassik fand es großen Anklang, etwa in Friedrich Schillers Schrift „Über Anmut und Würde“ (1793). Charlotte von Stein (1742 -1827) war Autorin, Zeichnerin, Hofdame am Weimarer Hof und eine zentrale Figur der deutschen Klassik, die untrennbar mit der literarischen Epoche der Aufklärung verbunden ist. (Bild Goethe by Pixabay)
Das Schauspiel der Kostgängerin im Nonnenkloster und die Metaphorik des Spiegel(n)s

Meine Idee war nun, in der literaturwissenschaftlichen Analyse von Elise Müllers Schauspiel „Die Kostgängerin im Nonnenkloster“ (1797) daraufhin zu hinterfagen: Welche Rolle spielt das Motiv des Spiegels im realen oder metaphorischen Sinn? (Foto: Heiner Schwens)
Da in unserem Sommersemester-Seminar rund um die Thematik des Spiegels auch das Buch zur Ausstellung „Spiegel. Der Mensch im Widerschein„, herausgegeben von Albert Lutz, sich dieser Theamtik im Anschluss an eine Ausstellung im Museum Rietberg widmet, habe ich nach zentralen Punkten gesucht, wie das Thema Spiegel im Kontext des Stücks und der Zeit verstanden werden könnte:
- Der „Nonnenspiegel“ als historische Realität: In der Klosterkultur gab es sogenannte Nonnenspiegel. Da Eitelkeit und das Betrachten des eigenen Äußeren im Kloster als Sünde galten, waren echte Spiegel oft verboten oder wurden durch religiöse Bilder (oft auf der Rückseite kleiner Handspiegel) ersetzt, um die Nonnen zur inneren Einkehr statt zur äußeren Schau zu bewegen.
- Identität und Selbstreflexion: Für die Kostgängerin, die sich zwischen der weltlichen Freiheit und der klösterlichen Enge befindet, fungiert das Kloster selbst als eine Art „Zerrspiegel“ der Gesellschaft. Sie muss sich fragen: Wer bin ich ohne die äußeren Attribute (Kleidung, Schmuck, gesellschaftlicher Status)?
- Literarische Gattung „Spiegel“: Im 18. Jahrhundert war die Bezeichnung „Spiegel“ (wie etwa im Sachsenspiegel) auch ein gängiger Begriff für didaktische Schriften, die dem Leser ein Vorbild oder eine Warnung vor Augen führen sollten. Müllers Stück kann als ein solcher „gesellschaftlicher Spiegel“ gelesen werden, der die Missstände bei der Erziehung und Unterbringung junger Frauen aufzeigt.
- Innere Schau vs. Äußere Welt: Der Konflikt der Protagonistin spiegelt das aufklärerische Ideal wider, den „Blick nach innen“ zu richten, um zur Vernunft zu gelangen, während die Klostermauern diesen Blick oft durch religiöse Dogmen verstellen.
Meine Erkenntnis daraus lautet: Das Thema Spiegel ist in diesem Werk eng mit der Identitätssuche der Frau und der Kritik an der Eitelkeits- sowie Unterdrückungskultur im 18. Jahrhundert verknüpft. Primär wird der Spiegel als Symbol für die Eitelkeit und die Abkehr von der Welt eingesetzt, was sich in bezeichnenden Szenen verdeutlichen lässt (Bild von GDJ auf Pixabay.)
- Der verbotene Gegenstand: Im strengen Klosterregime galt ein Spiegel als sündhaftes Objekt der Selbstbeschau. Für die junge Kostgängerin kann er jedoch ein Stück Identität und eine Verbindung zur Außenwelt bedeuten.
- Die Konfrontation: Es gibt Momente, in denen die Eitelkeit (oft personifiziert durch das Betrachten im Spiegel oder das Sehnen nach Schmuck und schöner Kleidung) direkt mit der klösterlichen Demut kollidiert. Das Kloster wird hier als ein Ort dargestellt, der versucht, das „Ich“ (die Spiegelung) auszulöschen.
- Literarische Funktion: Der Spiegel dient Elise Müller dazu, die Unterdrückung der Weiblichkeit zu kritisieren. Wenn die Kostgängerin in den Spiegel blickt, ist das ein Akt der Selbstvergewisserung – sie sieht sich als Individuum und nicht nur als Teil einer anonymen Glaubensgemeinschaft.
In der Literatur der Aufklärung ist der Spiegel für Frauen ein zutiefst widersprüchliches Symbol, das zwischen
Eitelkeitskritik und Identitätssuche schwankt:
- Erziehung zur Tugend: Pädagogische Schriften der Zeit (oft „Frauenspiegel“ genannt) nutzten das Bild des Spiegels, um Frauen moralisches Fehlverhalten vor Augen zu führen. Ein Zuviel an Eitelkeit vor dem echten Spiegel galt als Laster, das von der vernunftgeleiteten Haushaltsführung ablenkte.
- Selbsterkenntnis: Im Sinne der Aufklärung wurde der Spiegel auch positiv umgedeutet. Er stand für den „Blick in die Seele“. Frauenfiguren nutzen ihn in der Literatur, um sich ihrer selbst als Individuum bewusst zu werden – unabhängig von ihrer Rolle als Ehefrau oder Nonne.
- Die „Schöne Seele“: Das Ideal der Zeit war die Übereinstimmung von innerer und äußerer Schönheit. Der Spiegel diente dazu, diese Harmonie zu prüfen. War das Äußere schön, das Innere aber leer, galt dies als moralisches Scheitern.
- Gesellschaftliche Kontrolle: Der Spiegel fungierte oft als „Auge der Gesellschaft“. Die Frau kontrollierte im Glas, ob sie den strengen Decorum-Regeln (Anstand und Sitte) entsprach.
Zusammengefasst: Während Männer den Spiegel zur philosophischen Erkenntnis nutzten, war er für Frauen oft ein Instrument der Disziplinierung, aber auch ein seltenes Werkzeug zur Emanzipation durch Selbstbetrachtung.
Dies lässt sich anhand von Beiträgen aus „Spiegel. Der Mensch im Widerschein“ verdeutlichen.
https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/frau-vor-dem-spiegel
Der Katalog zur Ausstellung „Spiegel. Der Mensch im Widerschein“ des Museums Rietberg beleuchtet das Spiegelmotiv als existentielles Werkzeug zur Selbstvergewisserung in der Aufklärung. Im Kontext von „Die Kostgängerin im Nonnenkloster“ fungiert der Spiegel als Medium gegen die klösterliche Identitätslöschung, indem er die Insassin als Individuum konstruiert, wie Beiträge von Elisabeth Bronfen „Weibliche Schönheit vor dem Spiegel“ (ebd., 284 – 290) und Peter von Matt „Die Frau vor dem Spiegel in der Weltliteratur (ebd., S. 77 – 82) verdeutlichen. Elisabeth Bronfen und Peter von Matt untersuchen im Ausstellungskatalog „Spiegel. Der Mensch im Widerschein“ das Spiegelmotiv aus kulturwissenschaftlicher und literarischer Perspektive. Während Bronfen die Konstruktion weiblicher Identität und Schönheit als kulturelle Maskerade betont, analysiert von Matt den Spiegel als existenzielle, oft schmerzhafte Erfahrung von Selbsterkenntnis.
Elisabeth Bronfen findet auch im literarischen Beitrag „Schön bin ich, wenn ich nackt bin“ Erwähnung. Es geht um das Spiel des Verhüllens und Entkleidens bei Arthur Schnitzler. Es zeigt sich am Beispiel von Fräulein Else (dazu auch unser Beitrag „Fräulein Else – Reiz des Verbotenen Bild Pixabay).

Der Literat Andre Schwarz führt aus: „Elses Selbstbeschreibungen zeigen ihren Körper als etwas statuenhaftes und marmorartiges. Dieser „leuchtet“ vor dem Spiegel wie eine Statue, ihre Blässe in Verbindung mit den rötlichen Haaren macht sie zu einer beinahe unwirklichen Erscheinung, entrückt von der eigentlichen Welt. Marmor ist das Material, aus dem Statuen geschaffen werden, die wiederum zumeist (weibliche) Idealbilder darstellen, man denke hier etwa an die zahlreichen Venusdarstellungen in der Kunst. Elses wiederkehrende Vorstellung, nackt auf dem Marmor zu liegen, lassen sie gleichsam mit dem Material verschmelzen, das Bild ihrer Nacktheit ist mit dem Bild des Marmors verbunden. Ihr idealer, weißer (sprich marmorner) Körper „leuchtet“ weiß im Dunkeln vor dem Spiegel. Ihren Körper sieht sie als eine Art Standbild, als Ideal – dies aber nur, wenn sie nackt ist oder sich zumindest als nackt imaginiert.“

https://sammlung.staedelmuseum.de/de/werk/russisches-maedchen-mit-puderdoseDie Frau vor dem Spiegel findet sich auch in Motiven im Städel in der Digitalen Sammlung. Lotte Laserstein
Im Bild Russisches Mädchen mit Puderdose, 1928 zeigt sie eine moderne Frau der 1920er-Jahre: Bubikopf, Kleidung und der Griff zu Schminke verweisen auf diesen neuen Typus der emanzipierten Frau.



