Du betrachtest gerade Teil XXXIX Schreibwerkstatt „Tatort Frankfurt. Welche Rolle spielt die Magie der Musik?“ Psychogramm des Täters

In der fiktiven Online-Schreibwerkstatt „Tatort Frankfurt – Welche Rolle spielt die Magie der Musik?“ (dazu die Abstracts bis Episode 38 zu einem interaktiven Krimi-Projekt des UniWehrsEl) erlangt in der neuen Folge das Motiv des Spiegels eine tiefere psychologische und künstlerische Bedeutung, die eng mit der krankhaften Perfektion des Täters verknüpft ist. Es geht der Schreibenden um das Zusammenspiel zwischen dem, für den entlassenen Haustechniker Jakob unerträglichen „falschen Atmen der Operndarsteller und Opernsänger“ und den daraus abgeleiteten Spiegelungen in den Ermittlungen des Kommissars Ritter und des Opernkenners I. Burn.

Zur Erinnerung ein Auszug aus XXXVIII: Er (Jakob) hatte sie vor Monaten abgewertet, nicht laut, aber unmissverständlich. In seinem System war sie nicht eine Sängerin, sondern ein Störfall. Und als seine Welt nach dem Betriebsunfall und dem Zerfall seiner Rolle ins Rutschen geriet, hatte er begonnen, die Unberechenbarkeit und Unzulänglichkeiten anderer als persönlichen Diebstahl an Perfektion zu empfinden. Ihre Art zu atmen – diese Abweichung, die sonst niemandem wütend machte – wurde bei ihm zur Ursache, dass sein eigener „Anfang“ und „Einsatz“ nicht mehr perfekt verliefen. Er konnte sie nicht umformen, konnte ihre Unkorrektheit nicht auslöschen. Er hatte versucht, ihre Technik zu ändern, übergriffig, pedantisch, bis sie nicht mehr mitspielte.

Neuer Einfall I. N.: Das Zusammenspiel zwischen dem unerträglichen „falschen Atmen“ und den Spiegeln lässt sich für den Opernkenner I. Burn durch folgende Kernpunkte erklären, die er geduldig Kommissar Ritter vorträgt.

Also mein lieber Ritter. Da haben wir zunächst Das Prinzip der optischen und akustischen Symmetrie, wir nennen es Perfektion als Spiegelbild: Für den übertrieben perfektionistischen Mörder muss Kunst absolut fehlerfrei sein. Ein Spiegel wirft ein exaktes, makelloses Abbild der Realität zurück. Das bewirkt eine Störung der Harmonie: Wenn eine Künstlerin falsch atmet, bricht sie die mathematische und ästhetische Präzision der Musik. Für den Täter ist dieses unsaubere Atmen wie ein tiefer Riss in einem perfekten Spiegel – eine Asymmetrie, die seine innere Ordnung zerstört und die er physisch nicht ertragen kann.“

Ritter seufzt genervt. Burn fährt ungerührt fort: Kommen wir Punkt 2 und kennzeichnen ihn zum Unterpunkt der Projektion und Selbstreflexion oder auch der, eines Täters im Zwielicht. Wir blicken auf die Maske des Regisseurs: Figuren im Umfeld des Falls (wie der exzentrische Tenor und „Möchtegern-Regisseur“ Strahlemann oder der Techniker Jakob) nutzen Technik, Bildsprache und Projektionen, um eine künstliche Realität zu erschaffen. Allerdings scheidet Strahlemann als Täter aus, wie Du Dich wohl an den Mord an ihm im Gutleutviertel erinnern wirst.“

Auszug Gutleutvierteil: „Wenn Du Dir die Partitur ansiehst,“ doziert Burn, „dann verlangt die Postillion-Arie ein hohes D. Das ist der Mount Everest für Tenöre…“, gib mir bitte mal Dein Opernglas, „jetzt ist genau das eingetreten, was wir eigentlich verhindern wollten. Das Opfer, so scheint mir oder – halt, ich sehe es jetzt ganz deutlich, ist der unglückliche Möchtegern Tenor oder auch Regisseur Strahlemann, auf jeden Fall hat der dieses hohe D heute Abend nicht gesungen … höchstens gegurgelt.“

Klar, ich erinnerne mich bestens“, knurrt Ritter, hört aber weiter Burns Ausführungen zu. Betrachten wir die moralische Krise wie in einem Spiegel. Unser Täter spiegelt seine eigenen Komplexe und sein verlorenes Menschsein in den Künstlern wider. Er erträgt es nicht, wenn sein Gegenüber menschliche Schwächen (wie eben Atemnot oder unsaubere Phrasierung) zeigt, weil es ihn an seine eigene Unvollkommenheit erinnert. Folglich kommt es – und das ist mein Punkt 3 zu seiner Inszenierung und Täuschung. Die Die Oper wird zum Zerrspiegel. Unser Mörder inszeniert die realen Toten wie Figuren aus berühmten Opern (Carmen, Tosca, Aida). Er nutzt die Bühne und die Musik als einen verzerrten Spiegel der Wirklichkeit, in dem er die Kontrolle behält. Ein Atemfehler bricht die Illusion der von ihm kontrollierten „Spiegelwelt“ des Theaters, weshalb er die Künstlerinnen davor „bewahren“ (oder dafür bestrafen) will, indem er sie in einer ewig perfekten, unbeweglichen Pose drapiert.

Wie Hauptkommissar Ritter und der Opernexperte Burn diesem psychologischen Muster des Täters auf die Spur kommen

Einfall U. W.:

Ritter und Burn rufen den Polizeipsychologen im Präsidium zu Hilfe. Der verfasst einen kurzen schriftlichen Bericht aufgrund der Angaben von Ritter und Burn, aber auch der Aussagen der Zeugin Alice, die am Theater Darmstadt mit ihm zusammengearbeitet hat.

Episode XXXVI: Alice wurde zur Schlüsselzeugin. Sie hatte nicht nur gesehen, sie hatte gerochen, berührt, erinnert. Ihre Unschlüssigkeit in temporellen Details wurde zur Schwäche in den Augen der Polizei, aber Ritter und Burn – wenn auch aufeinanderfolgend – nutzten ihre Beobachtungen, um die technische, aber auch psychologische Rekonstruktion zu ermöglichen. Burn, der zuerst patzig gewesen war, musste lernen, zuzuhören, seine sichere Rolle als Deuter abzugeben. Ritter führte aus, welche Lieder in welchen Momenten gespielt worden waren, wie ein bestimmter Bowie-Track die Bühne in einen bestimmten emotionalen Zustand versetzt hatte – eine Information, die half, das Timing der Manipulationen zu verstehen.

Sie erkennen, dass die Problematik des Täters einer tiefen seelischen Spaltung entspringt. Sie stoßen sie auf ein klassisches, kriminologisches Psychogramm, bei dem die Kombination aus Musik, Atem und Spiegeln die obsessive Kernstruktur eine gespaltenen Persönlichkeit offenbart. Ritter und Burn entwickeln die psychologische Sezierung dieses Täters und seiner Verbindung zum Spiegelmotiv:

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1. Der pathologische Narzissmus und das „Spiegel-Selbst“

In der Psychologie spricht man bei solchen Tätern von einer schweren narzisstischen Störung des Selbstwerts.

  • Der andere als Spiegel: Für den Mörder existieren die Künstlerinnen nicht als eigenständige Menschen, sondern als bloße Funktionsobjekte – als psychologische Spiegel seiner eigenen Genialität.
  • Die narzisstische Kränkung: Singt oder spielt die Künstlerin perfekt, spiegelt sie das Idealbild wider, das der Täter von sich selbst und seiner Welt hat. Das „falsche Atmen“ ist für ihn eine extreme narzisstische Kränkung. Es bricht die makellose Spiegeloberfläche auf und konfrontiert ihn schlagartig mit der unvollkommenen, unkontrollierbaren Realität.

2. Das Atmen als Einbruch des „Kreatürlichen“

Der Täter versucht, die Kunst zu entmenschlichen, um sie absolut kontrollierbar zu machen.

  • Das Symbol des Lebens: Atmen ist der biologischste, menschlichste Akt überhaupt. Es steht für Vergänglichkeit, Anstrengung und Fleischlichkeit.
  • Menschsein als Schmutz: Der psychotische Perfektionist verabscheut das Kreatürliche. Falsches Atmen erinnert ihn daran, dass unter der göttlichen Musik ein sterblicher, fehlerhafter Körper steckt. Er tötet die Künstlerinnen, um das fehlerhafte, lebendige Atmen zu stoppen und sie in leblose, aber dafür „ewig perfekte“ Kunstobjekte zu verwandeln.


3. Das Phänomen der „Spiegel-Symmetrie“ (Zwangsstörung)

Hinter der obsessiven Fixierung steckt oft eine komorbide Anankastische (zwanghafte) Persönlichkeitsstörung mit einem extremen Drang nach Symmetrie (Symmetry Obsession).

  • Das Gehirn im Kontrollwahn: Für das pathologische Gehirn des Täters löst eine akustische Asymmetrie (wie ein unsauberer Atemzug im falschen Takt) echten psychischen Schmerz und Angst aus.
  • Der Spiegel als Kontrollwerkzeug: Er nutzt das Konzept des Spiegels als Zwangshandlung. Alles muss exakt gespiegelt, ausbalanciert und berechenbar sein. Seine Morde sind der geisteskranke Versuch, die durch das falsche Atmen entstandene „Unordnung“ im Universum der Oper gewaltsam wieder geradezurücken.

Vielen herzlichen Dank, an die Schreibwerkstättler und natürlich an Pixabay! Liebe Mitlesende und Mitschreibende, wie können nun Ritter und Burn den Täter überführen? Haben Sie dazu eine zündende Idee? Dann schreiben Sie uns bitte unter kontakt.