Ellen lädt zum Vortrag an der U3L: Der entfremdete Spiegel – Vom literarischen Doppelgänger zum digitalen Burnout
Ellen, die uns bekannte Lehrerin, ist in Fachkreisen sehr beliebt, weist sie doch nicht nur solide literarische Kenntnisse auf. Vielmehr kennt sie sich auch gut in der Psychoanalyse aus und liest sich zudem in die Soziologie ein. Dies hat dazu geführt, Sie zu einem Vortrag an die U3L einzuladen. Ellen ist heute Morgen früh aufgestanden und schwankt zwischen nervöser Anspannung und heiterer Gelassenheit. Sie trägt eine weit geschnittene blaue Jeans und darüber eine lose fallende lange Bluse. Es ist ihr erster Vortrag an der Universität des 3. Lebensalters und für sie ein Sprung in eine stundenweise Berufstätigkeit nach ihrer bevorstehenden Pensionierung als Lehrerin.
Da Ellen selbst das Gefühl des Burnouts gut kennt (unser Beitrag zu „Ellen unter den Spiegeln der Erschöpfung„), nach allen diesen Jahren der beruflichen Herausforderung, hat sie sich in diese Thematik eingearbeitet. Ihr kommt es aber weniger auf das klassische medizinische Bild an, als das Verstehen der jungen Menschen im Zeitalter von Social Media und Self-Tracking. Denn sie beobachtet zunehmend bei ihren Schülern, dass diese sich optimierte Daten-Doppelgänger erschaffen. Aus den Fallstudien von Vera King (Lost in Perfection) hat sie erkennen können, welche Folgen das extreme Self-Tracking nach sich ziehen kann. Es geht um das permanente Vermessen von Schritten, Schlaf und Kalorien, das als „psychisches Abwehrkorsett“ dient. Das unberechenbare, angstbesetzte Innenleben wird in starre, kontrollierbare Zahlen ausgelagert.
(unser Beitrag zu Jenny Erpenbeck und den Ausführungen „zeitlos daheim„) versteht sie warum sich das Individuum zu permanenter Beschleunigung und Optimierung zwingt. Digitale Werkzeuge suggerieren eine totale Kontrolle über das Leben. Das führt jedoch zu einer tiefen Entfremdung. Anstatt mit der Welt und dem eigenen Körper in eine lebendige Beziehung – in Resonanz – zu treten, erstarrt das Subjekt.
Alle diese Erkenntnisse im Hinterkopf behaltend, beginnt Ellen nun vor ihren älteren Studierenden ihren Vortrag:
Meine Damen und Herren,
haben Sie sich heute Morgen schon im Spiegel betrachtet? Vermutlich ja. Aber ich frage Sie: In welchem Spiegel? Im analogen Glas Ihres Badezimmers – oder im digitalen Spiegel Ihres Smartphones?
Wir leben in einer Zeit, in der wir ununterbrochen digitale Doppelgänger von uns erschaffen. Wir bauen Avatare in virtuellen Welten, wir pflegen makellose Profile in sozialen Medien, und wir gießen unseren Körper in die exakten Zahlenkolonnen von Fitness-Trackern. Diese Verdopplung verspricht uns Kontrolle und Perfektion. Doch heute möchte ich Ihnen zeigen, dass diese digitalen Doppelgänger eine psychische Sprengkraft besitzen. Sie führen uns in eine tiefe Selbstentfremdung – und im schlimmsten Fall direkt in den Burnout.
Um zu verstehen, wie das geschehen konnte, müssen wir gut ein Jahrhundert zurückreisen: in das Wien der Jahrhundertwende.
Um nun Freud und Schnitzler als ihren Ausgangspunkt einzuleiten, drosselt Ellen ihr Sprachtempo und verfällt in einen erzählerischen Ton:
Gehen wir zurück ins Jahr 1922. Damals lebten zwei Männer in derselben Stadt, die wie kaum andere das menschliche Seelenleben sezierten: der Psychoanalytiker Sigmund Freud und der Dichter Arthur Schnitzler. Beide waren Nervenärzte. Beide erforschten das Unbewusste. Doch obwohl sie sich intellektuell so nah waren, trafen sie sich kaum. Warum?
Freud selbst lieferte die Antwort an seinem 60. Geburtstag in einem berühmten Brief an Schnitzler. Er schrieb ihm (Ellen liest vom Blatt ab):
„Ich habe mich gefragt, warum ich in all diesen Jahren nie den Versuch gemacht habe, Ihre Nähe zu suchen […] Ich meine, ich habe Sie gemieden aus einer Art von Doppelgängerscheu.“
Ellen blickt vom Blatt auf und in die gespannten Gesichter dieser interessierrten älteren Studierenden: Freud spürte, dass Schnitzler durch seine literarische Intuition all das bereits wusste und darstellte, was er selbst mühsam in wissenschaftliche Theorien gießen musste. Schnitzlers Figuren sind die historischen Vorläufer des modernen Burnout-Patienten. Denken wir an Leutnant Gustl: Er identifiziert sich so radikal mit seiner gesellschaftlichen Rolle – seinem soldatischen „Avatar“ –, dass sein echtes Ich darunter erstickt. Als dieser Code Risse bekommt, kollabiert er psychisch.
Sie sieht das leichte Nicken der Zuhörenden vor ihr und fährt fort: Oder denken wir an Fräulein Else
(unser Beitrag zu Fräulein Else und weiteren Grenzüberschreitungen) : Gefangen in unerträglichen Erwartungen, flieht ihr Ich am Ende in die Bewusstlosigkeit. Ihr Zusammenbruch ist die psychosomatische Notbremse eines Körpers, der die Spaltung nicht mehr aushält
Ellen seufzt leicht, als sie fortfährt: Kommen wir zur Psychologie des Unheimlichen und der Figur des Doppelgängers bei Freud.
Ellens Tonfall wird nun erklärender, analytischer: Doch was genau fasziniert und erschreckt uns so sehr am Doppelgänger? Freud ging dieser Frage 1919 in seinem Aufsatz Das Unheimliche nach. Er stellte fest, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen einem Kind und einem Erwachsenen gibt.
Für ein Kind ist ein imaginärer, herbeigesehnter Gefährte etwas völlig Natürliches. Das Kind nutzt diese Abspaltung als Schutz.
Wieder liest Ellen erklärend vom Blatt ab: Freud schrieb, der Doppelgänger war ursprünglich: „eine Versicherung gegen den Untergang des Ichs, eine ‚energische Dementierung der Macht des Todes‘. Das Kind lagert Ängste oder verbotene Wünsche auf diesen unsichtbaren Freund aus, um das eigene Ich zu entlasten.
Beim gesunden Erwachsenen jedoch ist dieses magische Denken längst überwunden und verdrängt. Begegnet der Erwachsene nun einem Doppelgänger – sei es im Wahn, in der Literatur oder heute eben im Digitalen –, dann bricht diese mühsam errichtete Grenze ein.
Sie blickt kurz auf und fährt fort: Das Unheimliche entsteht laut Freud genau dann, wenn dieses alte, kindliche Denken plötzlich wieder an die Oberfläche drängt. Er definiert das Unheimliche als: „etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozeß der Verdrängung entfremdet worden ist“. Aus dem schützenden Gefährten des Kindes wird beim Erwachsenen ein unheimlicher Verfolger. Ein tyrannischer Beobachter, der uns unsere eigene Unvollkommenheit und Sterblichkeit vor Augen führt.
Ellen stockt kurz, hofft, ihre Ausführungen werden verstanden, lässt nun ihren Ton dringlicher werden, denn wie will den Bezug zur Gegenwart herstellen. Nun kommt ihr Wissen über die Erkenntnisse von Vera King und Hartmut Rosa zum Tragen.
Meine Damen und Herren, widmen wir uns nun der Thematik der digitalen Transformation zu. Wir schlagen die Brücke in das Jahr 2026. Was damals literarische Fiktion oder psychologischer Ausnahmezustand war, ist heute Massenphänomen. Die Sozialpsychologin Prof. Vera King und der Soziologe Hartmut Rosa untersuchen diese Dynamik in der modernen, digitalisierten Gesellschaft.
Vera King betont, dass die Digitalisierung für uns (und wieder blickt Ellen auf ihre Notizen): „überfrachtet mit Verheißungen und Wünschen, aber auch mit Ängsten und Zweifeln“ ist. In Studien wie „Das vermessene Leben“ zeigt das Team um Vera King wie wir heute Abwehrkorsette aus Daten bauen. Wer jede Minute seines Schlafes trackt, jeden Schritt zählt und jede Kalorie misst, versucht unbewusst, die Angst vor dem unberechenbaren, chaotischen Leben abzuwehren. Das Subjekt vertraut nicht mehr dem eigenen Körpergefühl, sondern nur noch der Anzeige der App.
Ellen atmet kurz durch: Hier setzt Hartmut Rosas Soziologie an. Unsere Gesellschaft verlangt permanente Beschleunigung. Um da mitzuhalten, optimieren wir uns selbst und erschaffen diesen digitalen, perfekt funktionierenden Daten-Doppelgänger. Doch anstatt dadurch glücklicher zu werden, verharren wir in tiefer Entfremdung. Rosa fordert, dass der Mensch mit der Welt in Resonanz treten muss – in einen Zustand, in dem sich (Blick auf das Blatt):
„die Entitäten der Beziehung in einem schwingungsfähigen Medium […] wechselseitig so berühren, dass sie als aufeinander antwortend […] begriffen werden können.“
Ellen blickt wieder auf: Der digitale Doppelgänger aber bringt diese Schwingung zum Erliegen. Wer nur noch mit seinem optimalen Profil, seinen Klicks oder einem KI-Chatbot kommuniziert, tritt nicht mehr in Resonanz mit der Welt. Er spiegelt sich nur noch narzisstisch selbst in einem kalten, stummen Medium.
Ellen blickt auf und betont ernst und sehr langsam sprechend den Höhepunkt ihres Vortrages; Kommen wir nun zur Entstehung des Burnouts: Der Burnout ist nichts anderes als das finale, krachende Scheitern des realen Ichs an der Tyrannei seines digitalen Doppelgängers. Ihr digitaler Avatar schläft nicht. Er altert nicht. Er hat keine schlechten Tage und liefert konstante Performance. Er wird zum externalisierten, sadistischen Über-Ich, das unerbittliche Perfektion einfordert.
Sie blickt zu den Studierenden: Und das, meine Damen und Herren, ist die Geburtsstunde des modernen Burnouts! Das reale, fleischliche Ich brennt in dem verzweifelten Versuch aus, diese digitale Fiktion einzuholen. Weil die vitale Verbindung zum eigenen Körper abreißt und das Individuum aufgrund des gesellschaftlichen Drucks nicht mehr in der Lage ist, rational „Nein“ zu sagen, übernimmt das Unbewusste die Kontrolle. Der Burnout ist im freudianischen Sinne die Wiederkehr des Verdrängten. Er ist die gewaltsame, psychosomatische Notbremse des lebendigen Körpers, der flach liegt und damit schreit: Ich bin keine Maschine. Ich mache bei dieser digitalen Perfektion nicht mehr mit!
Ellen beugt sich nach vorne, ihr Tonfall wird empathischer, erzählender: Schauen wir auf
Fallbeispiele. Wie sieht das konkret in der Praxis aus? Vera Kings Forschung liefert uns eindrückliche Beispiele. Denken wir an die Jugendliche „Sina“. Sie verbringt Stunden damit, ihren Social-Media-Doppelgänger zu inszenieren. Er dient ihr als Schutzschild gegen die Welt. Doch die Diskrepanz zwischen der makellosen Online-Figur und ihrem realen, verletzlichen Selbst erzeugt am Ende so massive Scham- und Versagensängste, dass sie sich kaum noch in den echten Alltag traut.
Die Zuhörer nicken und Ellen fährt fort: Oder denken wir an den klinischen Fall von „Lukas“, einem 22-jährigen Studenten. Aus Angst vor realer Ablehnung flüchtete er sich komplett in die Beziehung zu einer KI-Gefährtin, die er selbst programmiert hatte – sein perfekter, niemals widersprechender Doppelgänger. Er endete in tiefer Isolation und schwerer Erschöpfung. Erst in der psychotherapeutischen Behandlung, in der er mit einem echten, unperfekten und manchmal auch frustrierenden Gegenüber – dem Therapeuten – konfrontiert wurde, lernte er wieder, reale Reibung und echte Resonanz auszuhalten. Er löschte die App und fand den Weg zurück ins Leben.
Ellen kommt zum Fazit und dem Ausweg, der in der digitalen Balance liegt. Ihr Ton ist nun lösungsorientierter, motivierend: Was können wir also mitnehmen aus dieser Reise von Sigmund Freud bis zur künstlichen Intelligenz? Sie schaut in die Runde.
Der Ausweg aus der digitalen Entfremdung liegt nicht darin, die Technologie zu verteufeln. Er liegt darin, die Herrschaft über unser Ich zurückzugewinnen. Wir müssen lernen, den digitalen Spiegel hin und wieder bewusst beiseitezulegen.
Sie skizziert an der Tafel:
Stärken wir unser Körpergefühl: Fragen wir uns selbst, wie wir uns fühlen, bevor wir auf das Display unserer Smartwatch schauen. Erlauben wir dem organischen Impuls, Vorrang vor dem Algorithmus zu haben.
Wagen wir das Unverfügbare: Suchen wir Räume und Momente, die nicht optimiert, nicht getrackt und nicht für Social Media inszeniert sind. Lassen wir das Leben wieder unvollkommen und überraschend sein.
Suchen wir echte Resonanz: Nutzen wir Avatare als Werkzeuge, aber pflegen wir unsere Beziehungen im analogen Raum. Denn echte menschliche Nähe lebt von der Reibung, vom unvorhersehbaren Dialog und von der Akzeptanz unserer eigenen Fehlerhaftigkeit.
Eindringlich klingt Ellens Appell an die Studierenden der U3L: Lassen wir nicht zu, dass der Doppelgänger im Spiegel lebendiger wird als wir selbst!
Ellen verbeugt sich leicht, zufrieden, aber erschöpft: Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Haben Sie Lust bekommen, Ellen zu antworten? Dann freuen wir uns auf Ihre Kommentare!
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