Du betrachtest gerade Tom Gaebel trifft auf Frank Sinatra – warum Tribute-Kunst mehr als nur Kopieren ist und eine Ära unsterblich macht

Die Darmstädter Residenzfestspiele feiern 2026 25-jähriges Jubiläum. Dazu gibt es Musikveranstaltungen an historisch bedeutsamen Orten Darmstadts. Passend zum Motto „In eine bessere Welt“ versorgt „Dr. Swing“ das Publikum mit der Extra-Portion Gute Laune: Gaebel und seine Band präsentieren sowohl neue Songs als auch die großen Klassiker von Sinatra & Co. Mit seinem Tribut an Frank Sinatra leiste Tom Gaebel eine hochprofessionelle, musikalische und atmosphärische Wiederbelebung der goldenen Swing-Ära. Er liefert dabei keine Kopie, sondern bringt die Qualität und das Lebensgefühll der 1950-er Jahre auf die Bühne. Der Kulturotschafter des UniWehrsEL wagt eine Interpretation zum Thema Doppelgänger, Parodist, Double und Kopie.

Liebe Leserschaft des UniWehrsEL,

ich gehe heute auf ein Konzert von Tom Gaebel bei den Residenzfestspielen Darmstadt. In Festbeleuchtung auf der Darmstädter Mathildenhöhe werde ich zum Swing tanzen. In einem Lied von Tom Gaebel heiß es „Where do I start?“ für mich übersetzt, wie fange ich diesen Text richtig an?

Tom Gaebel wird wohl Balu den Bären aus Disney Dschungelbuch mit seinem Song „Probiers mal mit Gemütlichkeit“ heute Abend zum Leben erwecken, und damit die unbändige Lebenslust des Bären in mir entfachen. Die Mathildenhöhe wird festlich beleuchtet werden, um eine besondere Atmosphäre zu schaffen.

Doch wozu das ganze ‚Primborium‘? Tom Gaebel – wer ist das? Ein Sänger, stylisch im Anzug, kurz geschnittene Haare, ordentlich, sauber. So blickt der Sänger mir vom Cover seiner CD Tom Gaebel entgegen, welche den Titel Introducing: Myself trägt – oder auf Deutsch: „Darf ich mich Ihnen kurz vorstellen?“ – und lächelt dabei verschmitzt.

Robin Williams und der neue Retro-Trend

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Retro ist In. Das zeigten wir schon im Beitrag zu Pop-Geplauder um Ariana Grande. Schon Anfang der 2000er Jahre war Frank Sinatra zurück und aktuell ist er wieder in aller Munde. Danach waren es die Nachwehen von Robin Williams, der 2001 das sensationelle Album Swing „When You’re Winning“ herausbrachte. Auf diesem singt Robin Williams von Frank Sinatra „It was a very good year“ es war ein sehr gutes Jahr. Mit diesem Album löste der englischsprachige Sänger eine Retrowelle aus. Robin Williams erfüllt sich einen Traum. Er singt die Songs der von ihm geliebten Swing-Ära. Es ist eine Hommage an sein großes Vorbild Frank Sinatra. Zu dieser Zeit muss auch die Plattenfirma Edel Records auf die Idee gekommen sein, ein Album im Spirit von Frank Sinatra aufzunehmen. Die Idee scheint gelungen und die Nostalgie des Publikums zu erfüllen, sonst würde Tom Gaebel heute 2026 nicht auf der großen Bühne vor der malerischen Kulisse der Mathildenhöhe Darmstadt auftreten.

So startet Gaebels CD mit der Aufforderung „Let the Good Times Roll“ – frei übersetzt: „Lass uns die guten Zeiten begehen.“ Sobald sich der Vorhang im Kopf hebt, denkt der Zuschauer bei der Kleidung, dem Style, dem Gestus auf den Fotos und dem „sexy“ Gesang an einen anderen großen Sänger: Frank Sinatra.

Er ist dabei kein „Doppelgänger: Identität im Duplikat“ (unser Seminar im WS 26/27). Wenn ein Musiker wie Tom Gaebel den Stil, die Stimme und die Show von Frank Sinatra teilweise übernimmt, ist er weniger Doppelgänger als Tribut-Künstler. Als Double schlüpft er bewusst in die Rolle Sinatras, singt dessen Lieder und trägt Anzug (im Gegensatz zu Roger Cicero, einem anderen großen Sinatra Fan, ohne Hut). Er bleibt ein eigenständiger Künstler, der die Musik seines Vorbildes ehrt, dabei aber eine eigene Karriere und Identität behält.

James Bond und sein Doppelgänger

Er erinnert mit seiner Songauswahl an die wilden 1960er Jahre. Im Internet findet sich ein Clip, der an die Bond-Filme mit Sean Connery erinnert. Unter dem Motto „Hauptsache, der Anzug sitzt“ lief dieser Geheimagent cool und lässig durch die Gegend und entführte den Zuschauer an exotische Orte. Dabei ging es auch um Männlichkeit. Roger Moore spielte die Rolle des agilen – immer auf der Suche nach dem Schurken – Geheimagenten, der die Welt retten muss und sich dabei selbst verliert, gespielt mit einer großen Selbstironie. James Bond ist ein fiktiver Agent der sich längst in das popkulturelle Gedächtnis der Zuschauer eingeschrieben hat. Immerhin gibt es inoffiziell bereits 27 Bond-Filme und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Zeiten mögen sich ändern, James Bond der Geheimagent bleibt dem Kinogänger erhalten. Das Gute muss beschützt werden und keiner kann es besser als James Bond.

Soviel Popularität zieht natürlich Parodisten magisch an. 1997 trat Austin Powers verkörpert von Mike Meyers erstmalig auf der Kinoleinwand auf und war das genaue Gegenteil von dem muskelbepackten Helden mit Style. Powers war eine Persiflage, eine spöttische Nachahmung, die das Original durch Übertreibung ins Lächerliche zieht. Der Agent Powers war zu laut, zu schräg, zu klein und trotzdem hatte er ein spektakuläres Intro als Auftakt zum Film. Als Anti-Figur mit teilweise Brachialhumor brachte es der ’schlechteste Nachahmer aller Zeiten‘ auf mindestens drei Filme. Die Filme fanden ihr Publikum und das zeigt die Stärke des Parodisten.

Dieter Bohlen produzierte in 2003 ein Duplikat der Austin-Powers-Filmreihe mit der Single „You Drive Me Crazy“ von dem Sänger Daniel Kübelböck. Der Titel erreichte Platz 1 der deutschen Single-Charts, fiel in den darauffolgenden Wochen jedoch rasch ab. Das zeigt was ein spöttische Nachahmung schaffen kann. Auch wenn in diesem Beispiel der Erfolg nur von kurzer Dauer ist.

Roger Moore und die Investmentbanker mit Patagonia-Weste

In seinem Video knüpft Tom Gaebel gekonnt an Lässigkeit des Roger Moores an. Männlichkeit mit Selbstironie mimt Gefährlichkeit, ohne dabei zur tatsächlichen Bedrohung zu werden. Das ist eine Formel, die Männer und Frauen gleichermaßen anzieht. Deshalb leiht sich, so scheint mir, Tom Gaebel aus diesen beiden James-Bond-Darstellern seine Anregungen für das Video. Für eine bewusste und perfekte Hommage an diese Retro-Zeit spricht auch, dass im Jahr 2026 wenige Künstler im stets perfekt sitzenden Anzug auftreten – außer denen, die an eine vergangene Zeit anknüpfen möchten. Bekanntlich haben selbst die Frankfurter Investment-Banker mittlerweile das Sakko gegen die Patagonia-Weste getauscht. Steht diese doch für ein Lebensgefühl: „Ich bewege mich Outdoor, auch wenn ich im Backoffice rumsitze!“ Zudem ist scheint es den Klimaanlagen geschuldet.

Nachrichtensprecher zeigen sich im Studio noch im Sakko, zumindest in den Öffentlich-rechtlichen. Denn sie setzen voraus, die Zuschauer sind konservative Menschen und diese erwarten, dass Nachrichtensprecher in Anzügen auftreten. In diesem Sinne verstehe ich diese Nachrichtensprecher, genau wie Tom Gaebel, als perfekte Repräsentanten einer Zeit, in der Personen des öffentlichen Lebens, stets korrekt im Anzug wirken mussten.

In der Sitcom How I Met Your Mother gibt es noch den Investment-Banker Barney Stinson, der in einer Musicalnummer den Anzug als einzig tragbares Kleidungsstück mit Selbstironie besang: „Da ist sie wieder!“ Natürlich konnte diese Rolle nur jemand wie Neil Patrick Harris besingen – der einfach für einen Musicalauftritt geschaffen ist. Auch er verkörpert als ein Duplikat, im Sinne eines verkörperten Stellvertreters, den erfolgreichen Investmentbanker und eingebildeten Schönling.

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Wunderbar performt Neil Patrick Harris Michael Jackson in “Smooth Criminal”. Der Anzug prägte da eine geforderte Identität: Ohne Anzug kein Barney – und damit auch kein Bezug zu Michael Jackson, den er immitiert. (unser Beitrag zum Film Michael –Jaafar Jackson, Sohn von Jermaine Jackson, und der echte Neffe von Michael Jackson, wird für sein Schauspieldebüt enthusiastisch gelobt. Seine tänzerische Leistung, die Mimik und die Gestik seien vom Original kaum zu unterscheiden und erwecken den King of Pop auf der Leinwand zum Leben.)

Die Kleidung lässt Rückschlüsse auf die Identität einer Person zu oder „Kleider machen Leute„. Das war schon Gottfried Keller klar, als er 1874 im zweiten Band der Novellensammlung „Die Leute von Seldwyla“ die Verwandlung des Schneidergesellen Wenzel Strapinki zum Grafen beschrieb. Wie heißt es schließlich in der Modewelt: „Du bist, was du trägst.“ Das wusste ebenso Miranda Priestly aus Der Teufel trägt Prada (2006). Auch dieser Film erfährt 2016 einen Relaunch. In der Komödie „Der Teufel trägt Prada“ ergattert die ehrgeizige Journalistin Andrea Sachs den Job der „zweiten“ Assistentin der Chefredakteurin Miranda Priestly und landet in einem ‚Vipernnest‘. Der Film ist genau 20 Jahre alt, jetzt stellt die Fortsetzung die Frage, wie es im Leben mit ihr und ihren Kolleginnen weitergeht. Das hat zudem Bezüge zur Dolce-Gabbana-Show im Herbst 2025.

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Es findet also eine Transformation von Andrea Sachs statt. Diese Wandlung beschränkt sich nicht nur auf Äußeres, sondern verändert ihre Persönlichkeit, ihre Werte und ihre Karriere. Das ist auch ganz im Sinne des Musicals My Fair Lady, in dem Professor Dr. Henry Higgins Elisa Doolittle von einem Blumenmädchen mit schlechten Manieren in eine feine Lady verwandelt. Ohne seinen Grundlagenunterricht könnte Elisa Doolittle nicht auf einem Ball die Menschen begeistern. Was übrigens auffällig an das Märchen „Aschenputtel“ erinnert (unser Beitrag „La Cenerentola“, Aschenputtel und „Cinderella-Komplex“).

My Way und das Frank-Sinatra-Gefühl

Frank Sinatra löste die erste Massen-Ekstase der Popgeschichte aus, begeisterte Generationen als Crooner. Crooning ist eine Variante des leisen Singens, bei der Sänger*innen ihre Lieder flüsternd und hauchend interpretierten. Dadurch stellte sich der Eindruck von Intimität und Wärme ein. Eine Auswahl der Sinatra Songs präsentierte schon der, leider früh verstorbene, Jazzsänger Roger Cicero mit dem Album „Cicero sings Sinatra“. Er selbst sagt dazu, mit dem Projekt sei es ihm nicht darum gegangen zu versuchen, Sinatra wie ein Schauspieler nachzuempfinden, sondern einen eigenen Zugang zu dessen Songs zu entwickeln.

Wenn der „deutsche Frank Sinatra“, wie die Presse ihn betitelt Tom Gaebel später im Konzert bei den Residenzfestspielen Darmstadt My Way singt, werden die Zuschauer unweigerlich an das große Vorbild Sinatra, vielleicht auch an Roger Cicero, zurückdenken. Das Konzert wirbt mit „Sinatra Summer Swing“ und ist als Hommage an einen gro0en Künstler zu veerstehen.

Klar wird Tom Gaebel auch eigene Nummern singen. Er bringt die eigene Kreativität und das Können mit, auch wenn hinter seiner Bühnenfigur das Tribut an Frank Sinatra unverkennbar bleibt. Gaebel  arbeitet seit 2004 erfolgreich als Sänger und Entertainer und kombiniert leidenschaftlich knackige Big Band Sounds mit der mitreißenden Leichtigkeit des Easy Listening. Charmant und stilvoll begeistert der mehrfache Jazz-Award-Gewinner sein Publikum deutschlandweit und international.

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Gute alte Zeiten und ein positives Grundgefühl, das erhoffen sich die Zuschauer vom Tribute-Künstler. Wenn die Gegenwart nicht so rosig ist – Kriege, Inflation, Benzinschock, wird die Vergangenheit umso goldener. Gaebel inszeniert sich als professioneller Tribute-Künstler, weit entfernt von einem reinen Imitator, der mit Musik, Auftreten und Augenzwinkern ganz selbstverständlich an die Swing-Ära um Frank Sinatra anknüpft. Der Anzug wirkt dabei nicht wie ein Kostüm, sondern wie eine Verheißung auf das kommende Programm: Der Anzug steht für eine Haltung, die Glamour und Selbstironie verbindet. Gerade weil er die Vorlage erkennbar mitliefert, aber nie nur wie ein Duplikat kopiert, entsteht der besondere Reiz – man fühlt sich zurückversetzt, ohne dass die Gegenwart dabei verschwindet. So bleibt nach dem Konzert hoffentlich vor allem eines: gute Laune, ein Swing-Gefühl oder wie es auf dem Album heißt „Make Someone happy“ – mache dein Gegenüber glücklich und das Glück lacht dich an.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL