Du betrachtest gerade Ellen: VALIE EXPORTs „Die Doppelgängerin“ – Gedanken über „weibliche Sphären“ und die Kunst des Älterwerdens

Als ältere erfahrene Lehrerin reflektiert Ellen (zuletzt Reflektionen über Theodor Storm und Max Ernst „Aquis Submersus“) in diesem Blogbeitrag auf UniWehrsEL über das Werk der Künstlerin VALIE EXPORT und ihr Werk „Die Doppelgängerin“ (2010). Sie zieht Parallelen zwischen gesellschaftlicher Rebellion und dem Älterwerden. Dabei verbindet Ellen EXPORTs radikale Performance-Kunst wie das „Tapp- und Tastkino“ mit den literarischen Themen ihres eigenen Unterrichts und deutet das Nachlassen des gesellschaftlichen Blicks im Alter als einen Akt der Befreiung.

Ellen hat ein Bild von Antje geschenkt bekommen. Betitelt mit „Die Doppelgängerin“ zeigt es eine über vier Meter hohe Monumentalskulptur aus zwei ineinander verschränkten Scheren. Sie recherchiert, es stamme von der berühmten Medien- und Performancekünstlerin VALIE EXPORT. Zu sehen ist es am Binger Kulturufer im Rahmen der Skulpturen-Triennale. Darüber liest sie, das Kunstwerk verbinde traditionell weibliche Rollenbilder mit feministischer Kritik und filmischer Ästhetik.

Ellens weitere Recherchen gelten der Bedeutung der Skulptur. Die reichen von „Weiblichen Sphären“ – die Schere stehe traditionell für Tätigkeiten wie Nähen, Schneidern und Mode, die historisch oft dem Haushalt und dem „Femininen“ zugeordnet wurden – bis hin zur „Doppelgängerin“. Die zwei Figuren würden durch Spiegelung das Verhältnis von Identität, inneren Zuständen und äußerer sozialer Realität thematisieren. Weiter liest Ellen über Schnitt und Montage, als ehemalige Filmeditorin und Medienkünstlerin nutzte VALIE EXPORT den Schnitt als künstlerisches Werkzeug. Die Schere symbolisiere den Eingriff, das Zerschneiden von gewohnten Sehgewohnheiten und die Neumontage von Bildern oder gesellschaftlichen Strukturen. Dabei wirke sie gleichzeitig grazil und bedrohlich, denn die ineinander verschlungenen Scheren erinnern an ein tanzendes Paar oder ein Scherenballett. Sie wirken durch ihre Klingen aber auch spitz, angriffslustig und gefährlich. Das wecke Assosziationen über Machtverhältnisse und Angst. Das Objekt breche mit Tabus und spiele mit Bedeutungen wie Kastrationsangst (aus patriarchaler Sicht) oder einer symbolischen, weiblichen Wehrhaftigkeit und Gewalt gegen Unterdrückung.

Dazu schreibt Ellen:

Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,

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Manchmal reist man nicht um anzukommen, sagt Goethe (sie erinnern sich vielleicht an unser Seminar gleichen Inhalts 2021), dessen Vorbild wohl Odysseus war, inzwischen mehrfach im UniWehrsEL besprochen.

Auch reist man nicht unbedingt um Neues zu sehen, sondern um das Alte mit schärferen Augen zu betrachten. Ich stand (gedanklich) diese Woche am Binger Kulturufer. Der Rhein floss träge vorbei, wie er es seit Jahrtausenden tut, ungerührt von unseren menschlichen Epochen. Doch direkt am Ufer ragte etwas auf, das diesen Flusslauf, ja den gesamten Horizont, auf eine fast unverschämte Weise attackierte: „Die Doppelgängerin“ von VALIE EXPORT.

Image A. B.

Vier Meter Stahl. Zwei gigantische Scheren, die ineinander verschlungen sind. Sie wirken wie ein siamesisches Zwillingspaar im ewigen Duell, grazil wie Primaballerinen und gleichzeitig bedrohlich wie die Waffen einer Titanin.

Als geschulte Lehrerin habe ich Jahrzehnte damit verbracht, Texte zu analysieren. Ich habe meinen Schülern beigebracht, zwischen den Zeilen zu lesen. Doch vor diesem Monstrum aus Metall wurde mir klar: Hier geht es nicht um Text. Hier geht es um das nackte, unbarmherzige Werkzeug der Veränderung.

Mich erinnerte dies spontan an das Erbe der Schneiderinnen. Die Schere ist ein zutiefst weiblich konnotiertes Werkzeug. Wie oft saßen Generationen von Frauen – auch meine eigene Mutter und Großmutter – im fahlen Licht der Wohnstuben, um Stoffe zu trennen, Säume zu kürzen und das Leben passend zu machen? Die Schere war das Instrument der Anpassung. Sie sorgte dafür, dass die Decke nicht zu kurz war und das Kleid der Norm entsprach.

VALIE EXPORT nimmt dieses häusliche, fast brave Werkzeug und bläht es ins Monumentale auf. Sie befreit die Schere aus der stickigen Nähstube und stellt sie in den Wind des Rheintals. Diese Schere schneidet keine Tischdecken mehr. Sie schneidet den Raum auf. Sie schneidet die Erwartungen auf. Es ist die Verwandlung von erduldeter Hausarbeit in radikale, wehrhafte Kunst.

Image K. W.

Schon der Titel „Die Doppelgängerin“ verbindet sich mit dem Seminar im kommenden Wintersemester 26/27. „Doppelgänger: Identität im Duplikat – von der literarischen Romantik zur digitalen Spiegelwelt“.

Diese Doppelschere hat mich zur Frage angeregt: Wer spiegelt wen eigentlich im Alter?

Der Titel hat mich lange beschäftigt. Die Doppelgängerin. Wer ein gewisses Alter erreicht hat – nennen wir es schlicht „weise“, um dem biologischen Verfall einen poetischen Mantel umzuhängen –, der kennt das Phänomen der Verdopplung.

Wenn ich heute in den Spiegel blicke, sehe ich zwei Frauen. Die eine ist Ellen, die Lehrerin, die Pflichtbewusste, die Frau, die gelernt hat, im System zu funktionieren. Die andere ist die ungezähmte Ellen, die all die ungelebten Leben in sich trägt, die radikalen Gedanken, die man im Dienstzimmer der Schule lieber verschwieg. Diese Doppelung habe ich gerade mit meiner Freundin Marianne besprochen, als wir aus dem Film „Im Spiegel meiner Mutter“ kamen. Auch da geht es um eine Protagonistin, die bemerkt, dass sie alt wird. Ihr alter Ego taucht nach dem Tod der Mutter auf – ist jung, lebendig und genau so, wie sie sich einst wünschte zu sein.

Die beiden Scheren in Bingen tanzen miteinander. Sie stützen sich gegenseitig, aber sie bedrohen sich auch. Jede Klinge ist für die andere eine Gefahr. Ist das nicht das Wesen der Identität? Wir sind nie nur eins. Wir sind immer auch unser eigener Doppelgänger, der uns kritisch beobachtet, der uns korrigiert, der uns manchmal schmerzhaft beschneidet.

Diesen Schnitt betrachte ich heute als Befreiung oder auch als Privileg des Alters. VALIE EXPORT wurde berühmt durch den radikalen Schnitt. Als Filmeditorin wusste sie, dass die Wahrheit nicht im Fluss der Bilder liegt, sondern im Moment, in dem die Schere das Band trennt. Erst durch das Zerschneiden und Neu-Zusammensetzen entsteht eine neue Erzählung.

Für mich als alternde Frau hat dieser „Schnitt“ eine ganz neue, fast tröstliche Bedeutung bekommen. Das Alter schenkt uns die Erlaubnis, die Schere anzusetzen.Wenn die Jugend ein ununterbrochener, oft chaotischer Film ist, dann ist das Alter die Montage. Wir wählen aus, welche Szenen bleiben dürfen. Wir schneiden das Unwichtige weg.

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  • Wir schneiden alte Zöpfe ab.
  • Wir trennen uns von der Sucht, gefallen zu wollen.
  • Wir kappen die Bänder der gesellschaftlichen Erwartungen, die uns viel zu lange eingeschnürt haben.
  • Wir denken an das ‚Maßband des Lebens‘ und die Zeit, die wir bereits gelebt haben. Wie lange bleibt uns noch, in Zentimetern gemessen, um Dinge zu verändern, die uns belasten?

Und was ist nun mein Fazit vom Kulturufer? Da standen sie nun bildlich vor mir, diese eisernen Riesinnen vor der Kulisse des Niederwalddenkmals auf der anderen Rheinseite – jenem steinernen Symbol für das alte, patriarchale Bild von Germania. Was für ein grandioser Kontrast! Auf der einen Seite die starre, nationalistische Tradition; auf der anderen die bewegliche, gefährliche Schere der Emanzipation.

EXPORTs Schere hat mir gezeigt: Man ist nie zu alt, um wehrhaft zu sein. Man ist nie zu alt, um den eigenen Horizont neu zu schneiden. Wie können gemeinsam nach Bingen fahren und diese Scheren ansehen. Lassen Sie uns darüber nachdenken: Welches Band in Ihrem Leben wartet schon viel zu lange auf den erlösenden Schnitt?

Es wäre wunderbar, wenn Sie oder Ihr mir schreiben würdet!

Ihre/Euere Ellen