Die deutsche Nationalmannschaft hat sich bei der WM 2026 durch einen späten 2:1-Last-Minute-Sieg gegen die Elfenbeinküste vorzeitig für die K.o.-Runde qualifiziert. Ein kollektives Aufatmen die Luft: tausende Stimmen, Trommeln, Fangesänge und das sichtbare Beben von Körpern, die sich in einem gemeinsamen Rhythmus verlieren. Dasselbe Grundprinzip hatte der Kulturbotschafter des UniWehrsEL am 06. Juni 2026 beim Konzert „Der verzauberte Wald“ mit dem Ensemble Concert de la Longe erlebt – zwar in einem anderen Register, doch mit überraschend vielen Berührungspunkten.
Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,
Das Seminar „Unter Spiegeln“ mit Bezug zur Spiegelmetaphorik liefert eine passende Linse: Spiegel reflektieren und vervielfältigen, sie erzeugen Innen-Aussen-Verdopplungen – so auch Musik und Sport. Händels Naturbilder spiegeln menschliche Affekte; das Publikum sieht sich im musikalischen Spiegel wieder und erkennt eigene Regungen. Auf dem Fußballfeld reflektiert die Menge das Handeln einzelner Spieler, und die spielerische Aktion wird durch Zuschauerreaktionen gespiegelt, verstärkt und gedeutet. Barocke Gärten inszenieren Natur als Spiegel politischer Ordnung; Stadien inszenieren Körper als Spiegel kollektiver Identität. Beide Räume schaffen Illusionen, die unser Verhältnis zur Natur und zueinander formen.

Oper und Fußball dienen als emotionale Katalysatoren. Beide Ereignisse wirken durch starke Emotionen. Im Stadion wird Euphorie, Angst, Hoffnung und kollektive Identität unmittelbar und körperlich erfahren; in der Oper werden dieselben Affekte – Liebe, Verzweiflung, Triumph – durch Stimme, Harmonie und dramatische Gestaltung präzise ausgelöst. Händel, wie im Programm Der verzauberte Wald zu hören, ist darin ein Meister: Er nutzt Natursymbolik und Affektenlehre nicht als bloße Illustration, sondern als psychologischen Ausgangspunkt.
Händels Arien (auch unser Beitrag Verlockungen im Zauberreich) wecken Bilder von Morgenröte, Gewitter, Fluss und Wald, die beim Hörer nicht nur malerische Eindrücke hinterlassen, sondern innere Konflikte, Sehnsucht und Erlösung fühlbar machen – etwa wenn zarte Flöten Vogelgesang andeuten oder dramatische Koloraturen das Flattern einer Falterseele darstellen. So verweist Händel in einigen Arien lediglich durch Instrumentation (etwa Flöten) auf eine Naturbeschreibung, während die Musik primär Angelicas dramatische Lage betont. Gleichzeitig greift er – wo der Text es nahelegt – zu lautmalerischen Mitteln: unruhige Violinfiguren und Koloraturen können einen Falter darstellen („Qual farfalletta“), oder spektakuläre Bravournummern steigern affektgeladene Begriffe wie Sorge, Blitz oder Bewegung („Sorge nell’anima mia“). In Händels englischen Oratorien erreicht die Natursymbolik oft eine allegorische Tiefe: die Morgenröte als Erlösungsversprechen in „As with rosy steps the morn„.
Der Wald, der Körper, das Spiel
Der im Konzert beschworene „Zauberwald“ ist ambivalent: idyllisch und bedrohlich zugleich, natürlichen Ursprungs und zugleich kulturell geformt – wie die,
die Natur zähmen, um Macht und Ordnung zu demonstrieren. Ähnlich ist Fußball eine Kulturform, in der naturhafte Impulse (Lauf, Stoß, Atem, Schweiß) in ein normiertes Regelwerk eingebunden werden. Das Spielfeld wird zum gesetzten Raum, in dem Körper in choreografierten Bewegungen Gemeinschaft stiften und gleichzeitig Konkurrenz austragen. So entsteht eine enge Beziehung zwischen Natur, Wald, Körper und Spiel: der Wald als Bild für Urkraft und Gefahr; der Körper als Instrument kollektiver Erregung; der Fußball als Medium, das beides kanalisiert.
Händels Affekte als Brücke zwischen Kunst und Sport
Händels Musik demonstriert, wie kultivierte Komposition rohe Naturerfahrungen in differenzierte Affekte übersetzt – von idyllischer Morgenfreude bis zur bedrohlichen „dunklen Wolke“. Diese Technik der Affektenlenkung (Mood-Technik) wurde in der Barockzeit (ca 1600 – 1750) genutzt, um einen einzigen, klar deffinierten Grundaffekt wie beispielsweise Freude, zu betonen. Händel nutzte dafür präzise, musikalische Schablonen, genau wie es Hollywood-Komponisten heute tun. Händels Musik wird auch heute noch genutzt, um Atmosphäre zu erzeugen. Bekanntes Beispiel ist Barry Lyndon von Stanley Kubrick. Die Sarabande wird als Leitmotiv genutzt. Händel hat im 18. Jahrhundert das Fundament gegossen, das Alfred Newman im Kino perfektiniert hat.
Wie Händels „Mood-Technik“ (Affektenlehre) auf ein Fußballspiel angewendet werden kann
Händel bestimmt für ein Musikstück einen festen Gemütszustand und zieht diesen konsequent durch. Im Fußball entspricht das der grundlegenden Spielatmosphäre oder Taktik wie beispielsweise: Die „Trauer-Arie„, die angestimmt wird, wenn Deutschland 1:0 im Rückstand liegt; die „Wut/Zorn-Arie“ bei einer aufgeladenen, agressiven Atmosphäre mit hohem ‚Pressing‘; oder die Freude/Triumph-Arie beim lockeren Schaulaufen nach der sicheren Meisterschaft (die wir hoffentlich noch erleben dürfen!). Es geht also weniger um die Kommentare zu einzelnen Torschüssen, sondern komprimiert um den Vibe des gesamten Spiels.
Zudem begegnet man auch im Stadion Lichtwechseln, Trommeln, Chorälen der Fans. Der dramaturgische Aufbau einer Partie steuert Gefühle, erzeugt Spannungskurven und formt eine gemeinschaftliche Erzählung. Wo Händel mit gezielten musikalischen Figuren die innere Lage einer Figur offenlegt, schafft das Spielmomente, in denen individuelle Befindlichkeiten in kollektive Geschichten verwandelt werden – Triumph, Tragödie, Erlösung. Der Wald bleibt metaphorisch Bild und Bühne: wild, geordnet, verführerisch und gefährlich – und jederzeit bereit, uns mit all unseren Gefühlen zu spiegeln, das nutzt auch das Naturcoaching, das die Symbolik con C. G. Jung aufgreift.
Die Eröffnung der WM und das barocke Konzert sind unterschiedliche Formen derselben menschlichen Sehnsucht: das Bedürfnis, durch Klang, Bewegung und kollektive Erfahrung Bedeutungen zu stiften. Ob Händels Flöten „rosy steps the morn“ beschreiben

oder ein Fangesang das Stadion beben lässt – am Ende stehen dieselben Affekte, dieselbe Verwurzelung im Körperlichen und dieselbe Suche nach Gemeinschaft. (Dass eine „Massenhafte Population eint“, wie es Mitscherlich ausdrücken würde, haben wir auch schon bei Konzerten bei Adele ausgeführt, in umserem Beitrag zu Konsumrausch und Freiheit.)
Doch am Ende sind es immer die Emotionen, die den Menschen bewegen – ob auf dem Spielfeld oder auf der Bühne. Jubel, Angst, Mitgefühl, Triumph oder Trauer verbinden Individuen jenseits von Sprache und Status; sie machen aus einzelnen Körpern eine fühlende Gemeinschaft. Fußball inszeniert diese Gefühle körperlich und unmittelbar, Händels Musik formt sie kunstvoll und gezielt – beide Wege führen zur selben Erfahrung: die Zuschauer sehen, hören und fühlen die Emotion auf der Bühne oder dem Stadion, finden Identität und Sinn in geteilten Affekten. In dieser gemeinsamen Sprache von Herz und Körper offenbaren sich die wahre Macht von Stadion und Opernhaus: nicht Herrschaft, Kunstfertigkeit oder Spielregeln, sondern die unüberwindbare Sehnsucht nach Gemeinschaft durch Emotion.
Eine gute Zeit bei der Fussball-WM wünscht der Blog und das Team UniWehrsEL



