Du betrachtest gerade Leserbrief: ‚Angst sells‘. Wenn Kunst eine individuelle Angst und kollektive Furcht spiegelt

Die Philosophin Bärbel Frischmann schreibt in der Debatte: Ängste spiegeln die Lebenssituation darüber, dass Ängste uns helfen vorsichtig zu sein und das eigene Verhalten den Lebensrisiken anzupassen. „Ängste sind der Spiegel unserer Lebenssituation. Sie zeigen uns nicht nur unsere Befürchtungen, sondern auch Wünsche und Hoffnungen. Sie spiegeln das, worum wir uns sorgen, was wir schätzen und nicht verlieren wollen. In der Beschäftigung mit den eigenen Ängsten lernen wir uns selbst besser kennen.“ Eine Leserin des UniWehrsEL hat sich über Ängste ihre eigenen Gedanken gemacht.

Sehr geehrte Redaktion,

Als regelmäßige Leserin, die morgens zuerst den Deutschlandfunk hört und dann die Feeds im Netz überfliegt, spüre ich die Unsicherheit inzwischen ganz körperlich: Kriege an den Grenzen, steigende Preise, unsichere Arbeitsplätze und die sichtbaren Folgen des Klimawandels legen sich wie ein bleierner Schleier über den Tag. Beim Kaffee stoße ich auf alarmierende Schlagzeilen, in den sozialen Medien scrollen Anzeigen für Sicherheitslösungen, Beruhigungsmedikamente und Resilienz‑Programme vorbei – ein konstantes Echo, das mir tagtäglich sagt: Angst verkauft sich gut. Für mich klingt das nicht als punktuelle Reaktion, sondern als permanentes Grundrauschen, ein leises, stetiges Dröhnen unter Scham, Wut oder Traurigkeit; meistens sind es die Furcht vor Verlust, die Angst, nicht dazuzugehören, oder das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, die all diese Gefühle antreiben und schärfen.

Es war, als habe das Netz meine Unruhe gelesen und eigens dafür Angebote arrangiert: Trost zum Klicken, Sicherheit zum Abonnieren. Nach meiner Trennung erinnere ich mich, wie sich die Angst nicht nur im Herzen, sondern im Blick nach außen formte: Es ging plötzlich weniger um den Menschen, der gegangen war, als um das Leere‑Bild, das von mir zurückblieb. In einem impulsiven Versuch, diese Leerstelle zu stopfen, kaufte ich ein teures Möbelstück – nicht aus Liebe zum Design, sondern weil seine Präsenz wie eine gepolsterte Mauer wirkte, die den Fall abfangen sollte. Rückblickend erscheint mir dieser Kauf wie das Aufhäufen von Kieselsteinen gegen eine Flut: kleine Sicherheiten, die das Innere nicht füllen konnten. Es war zugleich Lektion und Warnung wie bereitwillig Angst zur Ware wird und wie sehr uns die Erwartung, wir müssten uns selbst reparieren, in die Hände jener treibt, die mit dieser Angst Handel treiben.

Foto H. S.

Im Seminar „Unter Spiegeln“ lässt sich diese Dynamik gut spiegeltheoretisch fassen: Angst wirkt oft durch Spiegelungen. Sie entsteht in und durch Bilder, Projektionen und soziale Reflexe. Die Protagonistin spiegelt sich in gesellschaftlichen Erwartungen; sie sieht in der Wahrnehmung anderer ihr eigenes soziales Sein bedroht.

Bild von Prawny auf Pixabay

Auf diese Weise funktionieren Bildtraditionen in der Kunstgeschichte: Manche Werke erzeugen Angst als Atmosphäre, andere machen das Gefühl selbst sichtbar. Ein besonders beklemmendes Beispiel ist Edvard Munchs „Der Schrei“, dessen zitternde Linien und aufgerissene Mündung ein zutiefst körperliches, fast unmittelbar zu hörendes Aufschreien visualisieren; die Landschaft scheint mitzuvibrieren, als würde die Welt selbst stöhnen. In dieser modernen Ikone verschmilzt Inneres und Äußeres, das Rauschen der Angst durchzieht den gesamten Bildraum. Edvard Munch’s Der Schrei gehört neben Pablo Picasso’s Guernica zu den berühmtesten Werken der modernen Kunst und wirkt auch heute noch als Ausdruck der Angst (Artsper Magazine 2022). Der Schrei regte zu zahllosen Varianten an, so auch zum Film „Scream – Schrei!“ von Wes Craven. Der Schriftsteller Stephen King bezeichnete den Film als „verständnissicheren, komisch/schrecklichen Spross des Slasher-Genres“, mit „einem Irren, der eine dem Edvard-Munch-Gemälde „Der Schrei“ nachempfundene Maske trägt (unser Beitrag zu „Urban Legends„).

Die Maske von Ghostface aus Scream, ihre überdehnte, weiße Fratze ist für mich eine leere Projektion, zugleich anonym und expressiv; das Geräusch eines Schreis hinter der Maske, das atemlose Flüstern am Telefon, verwandeln persönliche Panik in ein medial vermitteltes Spektakel. Ghostface ist das Pop-Äquivalent eines Schreis: reduziert aufs Symbol, leicht vervielfältigbar, sofort erkennbar und damit ideal zur Kommerzialisierung. Die Figur spiegelt unsere Faszination an Angst: Wir suchen den Kick, das sichere Erschrecken, in distanzierten Bildern, während die wahre Verletzlichkeit hinter Masken und Anzeigen verborgen bleibt.

Ein früheres, dunkleres Pendant finden wir bereits bei Hieronymus Bosch: Seine Höllenszenen sind voller übermalter Schreie; nicht immer als offene Münder, sondern als gestische, groteske Formen, die das Unaussprechliche andeuten. Bei Bosch ist der Schrei kein Einzelakt, sondern ein Chor aus deformierten Körpern und mechanischen Qualen; er wirkt wie ein Echo, das sich durch die Reihen der Bestraften frisst und die Betrachterin in den Bann einer moralischen Warnung zieht. Beide Darstellungen – Munchs klares, persönliches Aufschreien und Boschs vielstimmiges, apokalyptisches Schreien – spiegeln auf unterschiedliche Weise, wie Angst in Bildern körperlich wird.

Johann Heinrich Füssli (1741–1825), Der Nachtmahr, 1790/91, © Frankfurter Goethe-Haus – Freies Deutsches Hochstift

Ich erinnere mich noch genau, wie mich Füsslis „Nachtmahr“ das erste Mal im Goetheaus in Frankfurt ansah: Die Schlafende liegt so verletzlich da, ihr Gesicht halb entspannt, halb von einem Alptraum verzerrt, und die dunkle, gedrungene Gestalt auf ihrer Brust wirkt wie eine physische Last, die den Atem raubt. Beim Betrachten spürte ich plötzlich selbst das Engegefühl im Hals, das würgende Pochen, als würde die Angst nicht nur dargestellt, sondern in meinen Körper gepresst. Zu Johann Heinrich Füsslis Der Nachtmahr von 1802, sind auch die Städel Stories sehr interessant. (wir beschrieben den Nachtmahr im Kontext von Tim Burtons „Nightmare before Christmas„)

Was empfindet die Frau bei dem Wesen? Verborgene Lust oder leidet sie still? Im Hintergrund zu sehen ist ein Pferdekopf. Mit schrecklich geweiteten Augen. Das Pferd verschafft dem Bild eine geisterhafte Note. Das Bild des Schweizers Füssli ist kein Historienbild, sondern es entsteht durch die Phantasie des Malers. Füsslis Bild kann als Zwischenwelt angesehen werden. Es zeigt dem Betrachter keinen reinen Alptraum oder eine reale Schlafzimmerszene. Das Bild zeigt die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit. 

Spiegelungen der Angst lösen bei mir Francis Bacons Bilder aus: Seine verzerrten Gesichter scheinen zu schreien, ohne dass ein Ton fällt; die Körper sind in einen Raum gedrängt, dessen Perspektive sich verzieht, sodass die Gewalt des Gefühls in die Leinwand hineindrängt und mich zwingt, meine eigene Verwundbarkeit zu sehen. Beide Künstler schaffen es, das Unsagbare zu verkörpern: Angst wird nicht erklärt, sie wird unmittelbar spürbar.

Hans Bellmers Figuren (Das SCHIRN MAG stellte ihn bei der Ausstellung „Surreale Dinge“ vor) treffen mich bis heute wie ein Schlag: Zerlegte Puppenkörper, Gliedmaßen, die sich in unmöglichen Winkeln begegnen, Köpfe, die zu groß oder zu klein sind — alles montiert zu einer Intimität, die zugleich entfremdet. Beim Anblick dieser Konstruktionen fühlt sich das Normale plötzlich brüchig an; die vertraute Gestalt des Körpers zerfällt in Fragmente, die sich weigern, harmonisch zu sein. Es ist, als lege Bellmer die Verletzlichkeit frei, die wir sonst hinter Kleidung, Gesten und Rollen verbergen: Die Puppen sind zugleich infantil und sexualisiert, willenlos und widerspenstig, sie zeigen ein inneres Chaos, das sich nicht mehr zähmen lässt. “ Der Deutschlandfunk beschreibt die künstler Louise Bourgoise und Hans Bellmer unter „Double Sexus„): „Hans Bellmers künstlerisches Interesse für alles Sexuelle und seine figürlichen Experimente damit standen fraglos unter dem Einfluss der Surrealisten. Mit seinen Puppenskulpturen betreibt die Erforschung des Unergründlichen und Abseitigen, aber zugleich versteht er seine künstlerische Arbeit auch als Widerstand gegen die Nationalsozialisten.“

Emotional erzeugen die deformierten Körper von Hans Bellmer eine Mischung aus Abscheu und Mitleid, Faszination und Abwehr. Man möchte wegsehen und kann doch nicht — weil die Bilder etwas in Gang setzen: eine Erinnerung an gebrochene Intimität, an Nähe, die schmerzt, an Kontrolle, die verloren geht. Bellmer macht Körper zur Sprache des Unheimlichen; in ihren Brüchen spiegelt sich die Angst vor Entfremdung.

©Foto: Ch. L.

Wir besprachen Hans Bellmer in unserem Beitrag zu Louise Bourgeois und fanden auch Gemeinsamkeiten zur Künstlerin Niki de Saint Phalle und den ‚Nanaspinnen‘. Louise Bourgeois und Niki de Saint Phalle vereint nicht nur, dass sie sich in ihrem Werk der Darstellung der Weiblichkeit widmeten, sondern auch der schmerzhafte Weg zum künstlerischen Ausdruck. Beide erfuhren in ihrer Kindheit Gewalt durch den eigenen Vater, die sie so sehr belastete, dass allein die Kunst ihnen einen Ausweg aus ihrer psychischen Bedrängnis bot. So begannen beide ihren künstlerischen Weg mit der Aufarbeitung des Schmerzes um schließlich in der Darstellung der Weiblichkeit ihren Frieden zu finden.

Gustave Courbets „L’Homme fou avec peur“ packt mich durch seine rohe Direktheit: Der Mann steht in meiner Interpretation am Rand eines Abgrunds, die Augen aufgerissen, die Pupillen wie schwarze Löcher, nicht wegen einer äußeren Bestie, sondern weil etwas Unsichtbares ihn von innen zerreißt. Sein Körper wirkt verkrampft, die Hände suchen einen imaginären Halt; das Gesicht ist eine Landkarte plötzlicher Panik, jeder Muskel spricht von einer Atmung, die stockt.

Emotionell zeigt Courbets Bild einen außergewöhnlichen psychologischen Zustand, der wie ein Spiegel meines eigenen Erschreckens wirkt: Ich spüre die Hitze der Panik, das Brennen hinter den Augen, das Vakuum, das sich im Magen auftut. Courbet macht die innere Katastrophe körperlich greifbar; die Angst wird nicht dargestellt als Schwermut, sondern als unmittelbarer, fast körperlicher Überfall, eine gewaltige Woge rollt auf mich zu.

Ein literarisches Beispiel für gespiegelte Angst bietet Puccinis Oper Turandot (unser Beitrag zu Turandot und der Psychologie im Opernstoff): Die Prinzessin, die Männerprüfungen und Rätsel als Hürde gegen Bewerber stellt, verweigert die offene Begegnung und Ehe aus tiefer Furcht. Ihre Rätsel sind Spiegelungen eigener Abwehr; sie projiziert Angst vor Verletzung, Kontrollverlust und Auslieferung auf die Welt der Bewerber. Turandots Verweigerung wird so zur performativen Spiegelung ihrer inneren Zerbrechlichkeit; die Rätsel erzeugen Distanz und sichern Macht, gleichzeitig offenbaren sie, dass es sich bei der vermeintlichen Härte um eine Schutzstrategie gegen existentielle Verwundbarkeit handelt. Im Zusammenhang mit dem Seminar wird deutlich: Spiegeln kann abschotten, stabilisieren oder offenlegen – und oft tut es alles gleichzeitig.

Spiegelbilder der Angst Bild von kalhh auf Pixabay

In all diesen Fällen ist Spiegeln weniger ein passives Zurückwerfen von Erscheinungen als ein aktiver Prozess des Bedeutungsbildens; Bilder, Erwartungen und soziale Reflexionen konstituieren das, was gesellschaftlich als „Angst“ bezeichnet wird. Diese Überlegungen führen zu einem zentralen Punkt: Wenn Angst in modernen Gesellschaften sowohl diffuses Grundgefühl als auch ökonomischer Motor ist, müssen wir die Spiegelprozesse benennen, durch die sie sichtbar, handelbar und marktfähig wird. Kunst und Kultur sind dabei doppelt bedeutsam. Sie sind Spiegel, die Angst nach außen tragen, zugleich aber auch Orte, an denen die Mechanismen der Projektion befragt werden können. Ein kritischer Umgang mit diesen Spiegelungen, in Kunst, Politik und Alltag, kann dazu beitragen, Angst nicht nur als individuelles Defizit zu behandeln, sondern als soziales Phänomen, das kollektive Antworten verlangt.

Mit freundlichen Grüßen

Elisabeth

  • Beitrags-Kategorie:Alltagskultur / Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:27. Juni 2026
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