Was Metathesiophobie bedeutet, nämlich die irrationale Angst vor Veränderungen und die quälende Angst vor dem Ungewissen, kennen wir seitdem Ellen uns im UniWehrsEL ihre Zweifel mitgeteilt hat. Einmal geht es um die Angst vorm Autofahren, einmal um den drohenden Verlust einer Freundschaft, dann wieder um die Befürchtung, keinen Frieden mit ihrer Biografie und schulischen Laufbahn schließen zu können, weil sie im Leben zuweilen falsch abgezweigt ist und Chancen verpasst hat. Und das Ende ihrer Lehrtätigkeit steht auch noch bevor.
Ellen hatte eine wunderschöne Idee. Usedom mit seinem weiten Strand, dem Meeresrauschen und den alten Seebrücken erschien ihr als der perfekte Ort für einen großen Triumph. Diese Reise war kein plötzlicher Sprung ins kalte Wasser, sondern das Ergebnis all ihrer kleinen gedanklichen Schritte dorthin, auf dem Sofa sitzend.
Sie hatte in den letzten Wochen viele kleine „Mentale Kaffeefahrten“ auf dem Sofa unternommen und langsam bildete sich ein Sicherheitsnetz in ihrem Kopf.
Sie hatte erfahren, wie ihr Gehirn im Zustand der Entspannung nicht gleichzeitig Angst empfinden kann. Sie nutzte jetzt ihre gewohnte Routine, ihren Arbeitsweg, um ihr Gehirn auszutricksen. Als sie das nächste Mal entspannt auf dem Sofa saß und merkte, dass es ihr gut geht, schloss sie die Augen. Sie stellte sich gedanklich ihren Arbeitsweg vor – aber in Zeitlupe. Sie stellte sich vor, wie wie sie an der Haltestelle steht oder einsteigt, während sie dabei genau wusste: „Ich liege eigentlich sicher auf meinem Sofa.“
Nach und nach gelang es ihr, Bilder, die ihr sonst Stress bereiteten, in einem Moment absoluter Sicherheit mit einem ruhigen Puls zu verknüpfen. Das nahm der Angst langfristig die Spitze.
Sie setzte sich wieder gemütlich hin, schloss die Augen und stellte nun die Fahrt zu einem neuen Ort im Detail vor. Atmete dabei tief in den Bauch ein und aus. Lehrte ihr Gehirn, den Gedanken an die Fahrt mit Entspannung statt mit Panik zu verknüpfen.
Sie wollte lernen, ein Transportmittel als sicheren Ort zu begreifen. Setzte sich ins Auto, ohne den Motor zu starten, stellte sich an eine Bushaltestelle, ohne einzusteigen. Blieb so lange dort, wie es sich okay anfühlte, machte sich fremde Orte vertraut. Bis sie den Mut hatte einfach einzusteigen und eine Station zu fahren, früher auszusteigen als auf dem gewohnten Weg zur Arbeit, ein minimaler Ausbruch aus der Routine, der sich aber noch sicher anfühlte.
Sie hatte nachgelesen: Angst blockiert dich, weil dein Sympathikus (der „Flucht-und-Kampf-Nerv“) daueraktiv ist. Du kannst von zu Hause aus deinen Parasympathikus (den „Ruhenerv“) trainieren, damit er bei Stress schneller anspringt: Atme 4 Sekunden ein, aber 7 Sekunden lang aus. Das signalisiert dem Gehirn sofort: „Es besteht keine Lebensgefahr.“
Sie informierte sich über Progressive Muskelentspannung (PMR), um ihren Körper besser wahrzunehmen und Anzeichen von Belastungen frühzeitiger zu erkennen.
Der Duft von Salz und Freiheit
Der Wendepunkt kam an einem Dienstag im Juli, wenige Wochen nach dem Anbruch der Sommerferien in der Schule. Ellen saß in ihrem Auto, das seit Monaten ungenutzt in der Einfahrt gestanden hatte. Doch diesmal lief der Motor. Auf dem Beifahrersitz lag kein Schulmaterial mehr, sondern eine kleine Reisetasche und eine Thermoskanne mit Kaffee. Ihr Ziel: Usedom. Über 400 Kilometer. Ganz allein.

Ihr Herz klopfte spürbar gegen die Rippen, als sie den Gang einlegte. Doch statt der alten Panik spürte sie etwas Neues: Werkzeuge. In den Wochen zuvor hatte sie auf ihrem Sofa gesessen und diese Fahrt im Kopf hunderte Male geübt. Sie kannte jede Autobahnkreuzung aus der Luft, jeden Rastplatz auf dem Weg. Ihr Gehirn war die Strecke schon gefahren, als ihr Körper noch Tee trank.
„Vier Sekunden einatmen, sieben Sekunden ausatmen“, flüsterte Ellen, als sie auf die Autobahn auffuhr. Bei jedem Anflug von Enge im Hals lenkte sie den Atem tief in den Bauch. Sie hatte sich selbst ein Versprechen gegeben: Kein Druck. Wenn es nicht mehr geht, fahre ich auf den nächsten Rastplatz und bleibe dort, so lange ich will.
Und das Wunder geschah: Weil sie sich die Erlaubnis gab, jederzeit scheitern zu dürfen, rollte sie einfach weiter. Kilometer um Kilometer fiel von ihr ab. Das monotone Summen der Reifen auf dem Asphalt wurde zu einem beruhigenden Rhythmus. Als sie die Zecheriner Brücke überquerte und das Schild „Willkommen auf der Insel Usedom“ passierte, schossen ihr Tränen in die Augen. Sie hatte es geschafft. Sie war ganz alleine hergefahren.
Ihr Quartier war eine kleine, ruhige Pension in Ahlbeck, nur wenige Gehminuten von der Strandpromenade entfernt. Als Ellen am ersten Abend den feinen, weißen Sand unter ihren Schuhen spürte und den Blick über die endlose Ostsee schweifen ließ, fiel eine Last von ihr ab, die sie jahrelang getragen hatte. Der Wind blies die restliche Enge aus ihrem Kopf.
In den nächsten Tagen erlebte Ellen eine völlig neue Form von Lebendigkeit:

Das Frühstück im Strandkorb: Jeden Morgen holte sie sich ein Fischbrötchen und einen heißen Kaffee, setzte sich in einen windgeschützten Strandkorb und schaute den Möwen zu. Sie musste nirgendwo pünktlich sein. Es gab keine Klingel, die den Unterricht einläutete. Nur das Kommen und Gehen der Wellen.
Die Entdeckung der Langsamkeit: Sie mietete sich ein Fahrrad und fuhr die Promenade entlang – von Ahlbeck über Heringsdorf bis nach Bansin. Die prächtige Bäderarchitektur mit den weißen Villen faszinierte sie. Sie hielt an, wann immer sie wollte, fotografierte alte Haustüren und las auf einer Parkbank im Schatten der Kiefern ihr Buch.
Die Magie des Abendlichts: An ihrem dritten Abend wanderte sie auf die Seebrücke von Ahlbeck. Die Sonne ging hinter den Wäldern unter und tauchte den Himmel in ein tiefes Rosa und Orange. Ellen stand ganz vorn an der Reling, den Salzgeschmack auf den Lippen, und spürte eine tiefe, unerschütterliche Zufriedenheit.
Am letzten Tag saß Ellen in einem kleinen Café in Zinnowitz und schrieb eine Postkarte. Sie zögerte kurz bei der Adresse, griff dann aber entschlossen zum Stift und schrieb an Izzi, ihre langjährige Freundin, deren Freundschaft ihr so wertvoll war, aber zu brechen drohte, weil Ellen sich nicht aufraffen konnte, zu ihr zu fahren (unser Beitrag Ellens Freundschaft, Compassion Fatigue, ein potentielles Morgen):
„Liebe Izzi,
ich sitze hier auf Usedom und schaue aufs Meer. Ich bin ganz alleine mit dem Auto hergefahren. Mein Weg war lang und schmerzhaft, aber ich bin angekommen. Ich verstehe jetzt, warum du enttäuscht warst – und ich hoffe, du verstehst jetzt, warum ich Zeit brauchte. Ich denke an dich.
Deine Ellen.“

Als sie die Karte in den gelben Briefkasten warf, fühlte es sich nicht mehr wie ein Einknicken an. Es war kein Zwang mehr und keine Bringschuld. Es war ein Geschenk aus ihrer eigenen, neu gewonnenen Fülle.

Ellen erwacht, diese kleine Geschichte war nur ein Traum. Vielleicht wie ein kleiner, virtueller Reiseführer für eine Sehnsucht, die tief in ihr schlummert. Usedom erscheint ihr als ein ganz besonderer Ort, der genau diese Ruhe ausstrahlt, die sie sich für ihre Metathesiophobie wünscht.
Dass Ellen in ihrem Traum dort hinfährt, zeigt ihr, dass man im Kopf schon an Orte reisen kann, die der Körper im Moment noch nicht erreicht. Das ist die wunderbare Kraft unserer Vorstellung.
Wenn sie die Augen schließt, kannst sie sich die Insel wie ein Postkartenmotiv vorstellen:
Der Sand: Er ist auf Usedom so feenhaft weiß und feinkörnig, dass er unter den Schuhen fast wie Schnee quietscht, wenn man am Ufer entlanggeht.
Das Geräusch: Das Meer dort ist oft sehr ruhig. Es ist kein wildes, bedrohliches Brüllen, sondern ein sanftes, rhythmisches Rauschen, das den Herzschlag fast automatisch verlangsamt.
Die Luft: Durch die vielen Kiefernwälder, die direkt an den Strand grenzen, riecht es überall nach einer Mischung aus salzigem Meer und warmem Nadelwald. Das Atmen fällt dort fast von alleine tief aus.
Ellen hat diesen Ort in der Geschichte für die UniWehrsEL-Leser und Leserinnen ausprobiert. Sie hat die Brücke gebaut. Sie müssen dort jetzt nicht morgen hinfahren. Aber Sie dürfen sich diesen Ort ab jetzt als inneren „sicheren Raum“ ausleihen.
Wenn Sie auf dem Sofa sitzen und ähnlich wie Ellen die Atemübungen machen, können Sie sich vorstellen, dass Sie diese frische, salzige Usedom-Luft einatmen.
Möchten Sie, dass wir für Ellen (und für Sie) noch ein anderes Detail dieser Insel entdecken? Zum Beispiel, wie es aussieht, wenn am Morgen der Nebel über dem Achterwasser aufsteigt, oder wie gemütlich es in einem Strandkorb ist, während der Wind draußen pfeift?
Gerne möchte Ellen Sie zu einer Phantasiereise ans Meer einladen! Eine gedankliche Reise in Form einer geführten Meditation gehört zu den Entspannungstechniken in der modernen Psychotherapie. Geprägt wurde die sogenannte „Hypnotherapie“ durch den amerikanischen Psychotherapeuten Milton H. Erickson in den 70er Jahren.




