Kurt Weill und Bertolt Brecht schufen 1930 einen neuen Operntypus mit Unterhaltungswert und viel Kritik. Neu waren der Witz des epischen Theaters; verbunden mit musikalischem Esprit von Schrammelmusik und Klängen der Avantgarde. „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ erzählt von einer an den eigenen Utopien zugrunde gehenden Paradiesstadt, in der es nur noch eine Todsünde gibt – die Zahlungsunfähigkeit. Für das Staattheater Wiesbaden erschafft Regisseur Wolfgang Nägele eine künstliche Konsumhölle für aufregende Kicks und schnelles Geld, ein System, in dem das Recht dem meistbietenden Käufer gehört.
Sehr geehrte Redaktion,

Die angekündigte Neuinszenierung von Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny am Staatstheater Wiesbaden hat mich dazu angeregt, über die Oper und unser Verständnis von Wohlbefinden nachzudenken. Der zentrale Satz „Zu deinem eigenen Wohlbefinden: darfst du!“ klingt zunächst nach Befreiung. Doch was bedeutet Wohlbefinden, wenn alles erlaubt ist und keine Verantwortung mehr existiert? Diese Frage stellt einen direkten Bezug zu unserem Seminarthema „Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit“ her: Wie gehen Menschen mit ihrer Lebenszeit um, und kann ein erfülltes Leben allein aus der Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse entstehen?
Für den Regisseur Wolfgang Nägele ist Mahagonny eine künstliche Konsumhölle, in der Menschen in schnellen Kicks ihr Glück suchen. Diese Beschreibung trifft den Kern der Oper sehr genau. Sie lässt den Zuschauer fragen, ob unsere eigene Zeit wirklich so weit von Mahagonny entfernt ist. Denn wohin führt ein System, in dem sogar das Recht dem meistbietenden Käufer gehört? Und was geschieht mit einem Menschen, der sich sein Wohlbefinden nicht mehr leisten kann?
Am 9. März 1930 wurde die Weil-Brecht-Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny am Neuen Theater Leipzig uraufgeführt, wenig später auch in Frankfurt. Die Premiere löste ein geteiltes Echo aus. Während die Freunde des Werkes seine gesellschaftskritische Wirkung hervorhoben, lehnten die Gegner vermutlich gerade jene schonungslose Darstellung menschlicher Abgründe ab.
Mahagonny eine symbolische Karikatur von Freiheit
Mahagonny steht für eine symbolische Karikatur von Freiheit. Die Stadt ist ein mythischer Ort, an dem jeder so leben kann, wie er will. Gleichzeitig weist sie amerikanische Züge auf. Sie ist aus der Fantasie eines Europäers entstanden, der sich Nordamerika zur Zeit des Goldrausches als einen Ort grenzenloser Möglichkeiten vorstellt. In dieser Stadt sammeln sich Abenteurer, aber auch menschliche Wracks, Kriminelle, Zuhälter und Prostituierte.

Brechts Mahagonny beruht auf einer recht plumpen Vorstellung von kapitalistischer Freiheit aus sozialistischer Sicht. Die Regeln von Angebot und Nachfrage bestimmen, wo die Grenzen der Freiheit verlaufen. Die Stadt wird in einer gottlosen Gegend gegründet. Ihre Gründungsmitglieder sind Willy, der Prokurist, Dreieinigkeitsmoses und Leokadja Begbick. Sie befinden sich auf der Flucht vor der Polizei und bleiben mit ihrem Lastwagen an diesem Ort stehen. Begbick gibt der Stadt ihren Namen: Mahagonny, die Stadt der Netze.
Die Bewohner versprechen sich von dieser Stadt Freiheit von Leid und Schmerz, völlige Freizügigkeit in allem Tun und ein Leben ohne die Last einer Sieben-Tage-Arbeitswoche. In der Mitte der Stadt befindet sich eine Schenke, das „Hotel zum reichen Mann“. Dorthin kommen auch vier Männer, die sieben Jahre lang als Holzfäller in Alaska gearbeitet haben: Paul, Jakob, Heinrich und Joseph. Ihnen werden sieben Mädchen vorgestellt, und Paul entscheidet sich für Jenny.
Schon in der Beziehung zwischen Paul und Jenny werden die Regeln Mahagonnys sichtbar. Ihre Verbindung schwankt zwischen Erotik, lyrisch ausgedrückter Liebe und geschäftlicher Abmachung. In der Logik dieser Oper wird Liebe zur Ware und damit verhandelbar. Der Preis bestimmt die Qualität der Liebe. Selbst Gefühle werden also den Gesetzen des Marktes unterworfen.
Kapitalistische Logik führt zur Krise?
Auf einen wirtschaftlichen Boom folgt die Krise der Stadt. Begbick muss die Preise herabsetzen. Paul entdeckt, dass Warnschilder aufgestellt werden, und empfindet dies als Einschränkung seines Wunsches nach absoluter Freiheit. Zur wirtschaftlichen Krise kommt eine Naturkatastrophe hinzu: Ein Hurrikan bedroht die Stadt und stellt die Warnschilder vollständig infrage. Die Bewohner reagieren entsetzt.
Paul wird zum Wortführer und führt während dieser Nacht die „Gesetze der Glückseligkeit“ ein. Dabei handelt es sich in Wirklichkeit um Regeln der Gesetzlosigkeit und Amoralität.
Im zweiten Akt wird diese neue Regel praktisch angewandt. Jakob nutzt sein Wohlbefinden, indem er sich zu Tode frisst. Jenny widmet sich dem „Lieben für das eigene Wohlbefinden“. Für die Männer wird das Kämpfen zum dritten Hobby.
Beim Preisboxen wird Joseph von Dreieinigkeitsmoses getötet. Paul hat sein gesamtes Geld auf Joseph gesetzt. Auch beim Saufen soll das persönliche Wohlbefinden erreicht werden. Dabei stellt sich jedoch heraus, dass Paul gegen die einzige Regel verstoßen hat, die in Mahagonny noch gilt: Er kann nicht bezahlen.
Plötzlich lassen seine Freunde ihn im Stich. Paul wird selbst zum Opfer jener Regeln, die er zuvor gefordert hat. Seine Freiheit endet dort, wo sein Geld endet. Damit zeigt die Oper, dass in Mahagonny nicht wirklich der Mensch frei ist, sondern nur derjenige, der über genügend Geld verfügt.
Gedanken zum Wohlbefinden in Mahagonny
Mahagonny erscheint zunächst als ein Ort grenzenloser Freiheit. Jeder soll dort so leben können, wie er möchte: frei von Arbeit, Schmerz und Einschränkungen. Doch sehr schnell zeigt sich, dass diese Freiheit nur eine Illusion ist. Die Stadt wird von den Gesetzen von Angebot und Nachfrage (Act 2: Meine Herren …) bestimmt. Alles erhält einen Preis – sogar Liebe, Glück und menschliche Beziehungen. Wohlbefinden wird nicht als innerer Zustand verstanden, sondern als etwas, das man kaufen, konsumieren und möglichst sofort genießen muss.
Gerade darin liegt die erschreckende Aktualität der Oper. Die Bewohner Mahagonnys leben nicht wirklich in Freiheit. Sie sind abhängig von ihren Wünschen und von der Möglichkeit, diese Wünsche zu bezahlen. Essen, Trinken, Sex, Gewalt und Geld werden zu Ersatzhandlungen, die kurzfristige Befriedigung versprechen. Jakob isst sich zu Tode, die Männer kämpfen um ihr Vergnügen, Jenny macht Liebe zu einer geschäftlichen Vereinbarung. Der berühmte Satz „Zu deinem eigenen Wohlbefinden: Du darfst es!“ klingt zunächst befreiend. Tatsächlich wird er jedoch zu einer gefährlichen Aufforderung, jede Grenze zu überschreiten.
Die Oper zeigt, dass Wohlbefinden immer von der jeweiligen Zeit und ihren gesellschaftlichen Vorstellungen geprägt ist. In Mahagonny wird die Zeit vor allem als Chronos erlebt: Sie vergeht, während die Menschen arbeiten, Geld verdienen und ihre Bedürfnisse konsumieren. Der Kairos, also der erfüllte und sinnvolle Augenblick, wird dagegen mit schnellen Vergnügungen verwechselt. Die Bewohner suchen ihr Glück im Essen, Trinken, in der Liebe und im Kämpfen, finden dadurch aber keine wirkliche Erfüllung. Ihr Wohlbefinden bleibt oberflächlich und abhängig von Geld und Besitz.

(dazu auch unser Beitrag „Konsumrausch und Freiheit durch Verzicht„)
Obwohl die Oper bereits 1930 uraufgeführt wurde, besitzt sie einen erschreckend aktuellen Bezug zur Gegenwart. Auch heute wird Glück häufig mit Konsum, Erfolg, Unterhaltung und ständiger Verfügbarkeit verbunden. Werbung und soziale Medien versprechen dem Konsumenten schnelle Befriedigung und vermitteln den Eindruck, jederzeit alle Wünsche erfüllen zu können. Gleichzeitig zeigt sich, dass nicht alle Menschen gleichermaßen an diesem Wohlstand teilhaben können. Wer nicht bezahlen kann, wird – wie Paul in Mahagonny – leicht ausgeschlossen.
Der Blick auf Mahagonny fordert dazu auf, das eigene Verständnis von Wohlbefinden zu hinterfragen. Ein erfülltes Leben kann nicht darin bestehen, alles zu dürfen und jeden Wunsch sofort zu erfüllen. Es braucht auch Verantwortung, Rücksichtnahme, echte Beziehungen und Zeit für sinnvolle Erfahrungen. Gerade heute sollte der Konsument deshalb darauf achten, nicht nur Zeit zu verbrauchen und schnelle Reize zu suchen, sondern den Kairos bewusst zu erleben: Augenblicke, die dem Leben Bedeutung geben. In diesem Sinne bleibt Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny eine eindringliche Warnung vor einer Gesellschaft, in der Wohlbefinden zur Ware wird.
Mit freundlichen Grüßen
Izzi Neven

