Im Cinemafoyer des Staatstheater Darmstadt Georg-Büchner-Platz 1, Darmstadt, laufen zuweilen ausgewählte alte und ältere Kinofilme und natürlich Kultfilme. „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ erzählt über Trauer, Verlust, und prekäre Lebenssituationen.
Liebe Lesende des UniWehrsEL,
Gerade habe ich „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ (Video) gesehen – die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Gernot Gricksch von 2010 – und kann den Film persönlich nur empfehlen. Noch lange nach dem Abspann musste ich an Markus denken: an sein verdutztes Lächeln, seine Verzweiflung und die Tränen, die er nicht immer verbergen kann. Verlust, Krankheit, Verdrängung und Tod – das Leben verteilt nicht nur Blumensträuße. Manchmal folgt ein Schicksalsschlag auf den anderen, und trotzdem muss der Alltag weitergehen. Der Film hat mich berührt und noch lange nach dem Abspann beschäftigt.
Das Leben scheint manchmal tatsächlich keine Gnade zu kennen. Markus Färber, gespielt von Wotan Wilke Möhring, muss gleich mehrere Schicksalsschläge verkraften: Seine Frau stirbt bei einem absurden Unfall, seine Mutter Gerlinde, gespielt von Christine Schorn, erkrankt an Krebs, und seine Tochter Kim, dargestellt von Helene Woigk, läuft von zu Hause weg. Wie viel kann ein Mensch aushalten? Und muss man in solchen Momenten wirklich stark sein?
„Das Leben ist nichts für Feiglinge“ zeigt, wie wenig sich das Leben an unseren Zeitplan hält. Markus verliert seine Frau, seine Mutter erkrankt schwer, und seine Tochter Kim verschwindet. Ein Schicksalsschlag folgt auf den nächsten – und plötzlich scheint die gewohnte Ordnung aus Terminen, Plänen und Alltag zerbrochen.

Gerade darin wird das Seminarthema „Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit“ unmittelbar erfahrbar. Chronos ist die Zeit, die weiterläuft: Tage vergehen, Aufgaben warten, Entscheidungen müssen getroffen werden. Doch Trauer hält sich nicht an den Kalender. Für Markus scheint die Welt nach dem Tod seiner Frau stillzustehen, während draußen alles seinen gewohnten Gang nimmt. Diese Spannung kennt wohl jeder, der schon einmal funktionieren musste, obwohl innerlich nichts mehr selbstverständlich war.
Die junge, unkonventionelle Paula kommt als Pflegerin in die Familie und begleitet sie später sogar auf der Reise. Während Kim mit ihrem chaotischen Freund Alex durchbrennt, machen sich die Erwachsenen auf die Suche nach ihr. Auf dieser Reise geht es nicht allein darum, Kim wiederzufinden. Es geht auch darum, ob die Familie einander wirklich zuhören und sich trotz ihrer unterschiedlichen Ängste wieder näherkommen kann.
Markus ist kein unerschütterlicher Held. Wotan Wilke Möhring spielt ihn als sensiblen Mann, der sich verkriecht und den großen Fragen ausweicht, aber trotzdem versucht, sein Bestes zu geben. In seinem Gesicht wechseln sich Überforderung, Hilflosigkeit und zarte Hoffnung ab. Markus verkriecht sich zwar vor der großen Frage Was ist ein lohnenswertes Leben, doch er gibt nicht auf: Er sorgt für Kim, macht sich auf die Suche nach ihr und versucht, trotz seiner eigenen Trauer für seine Familie da zu sein. Seine Stärke besteht nicht darin, unerschütterlich zu sein, sondern darin, immer wieder weiterzumachen.
Kim ist eine 15-Jährige, die sich mit ihrem Gothic-Stil und ihrer Auflehnung von der Familie abgrenzt, aber unter der rebellischen Oberfläche bleibt ihre Herzlichkeit spürbar. Frederick Lau spielt Alex als chaotischen, hochemotionalen jungen Mann, der Kim aus ihrem Alltag herausreißt. Er steht im Konflikt mit seinen Eltern. Er ist ein sanfter Rebell. Seine ungestüme Art macht verständlich, warum die beiden gemeinsam davonlaufen – und wie verlockend ein Neuanfang wirken kann, wenn zu Hause unausgesprochene Sorgen und Trauer warten.
Auch Gerlinde verheimlicht ihre Krankheit, während Kim sich dem Gespräch entzieht und davonläuft. Christine Schorn und Helene Woigk verleihen diesen Figuren eine eigene Kraft: Die tapfere Großmutter, das rotzige Gothic Girl und der aus der Bahn geworfene Vater stehen für drei Generationen, die auf ganz unterschiedliche Weise mit Schmerz umgehen. Jede und jeder scheint vor dem Schmerz davonzulaufen – und doch bleibt die Sehnsucht nach Nähe spürbar.
Kairos, der besondere und bedeutsame Augenblick, zeigt sich in den Momenten, in denen die Figuren trotz allem miteinander in Verbindung treten könnten. Die Suche nach Kim wird zu einer Reise, die von grotesken Situationen und komischen Begegnungen begleitet wird. Doch darunter liegt eine ernste Frage: Finden Vater und Tochter wieder zueinander – und gelingt es ihnen, einander wirklich zu begegnen? Der Film deutet an, dass Nähe nicht unbedingt aus großen Gesten entsteht. Manchmal beginnt sie damit, gemeinsam unterwegs zu sein oder endlich hinzuhören.
Auch die Kultur prägt, wie wir mit Krisen umgehen. Von Markus wird offenbar erwartet, dass er als Vater funktioniert und stark bleibt. Gerlinde verschweigt ihre Krankheit, vielleicht um die anderen zu schützen; Kim flüchtet, statt zu sagen, was in ihr vorgeht. Der Film bringt mich deshalb dazu, über unsere Vorstellungen von Stärke nachzudenken: Warum fällt es so schwer, Schwäche zu zeigen oder um Hilfe zu bitten? Und was würde unser Wohlbefinden verändern, wenn wir offen über Trauer sprechen dürften, statt sie zu verstecken?
Nicht alle Konflikte werden so tief ausgelotet, wie ich es mir gewünscht hätte. Über Markus’ verstorbene Frau erfahren wir wenig, und auch das Verhältnis zwischen Vater und Tochter bleibt teilweise rätselhaft. Manchmal nehmen die skurrilen Einfälle den ernsten Gefühlen etwas von ihrer Kraft. Der Film erzählt den Lebensalltag von Menschen nicht nur mit Worten, sondern auch durch seinen ganz eigenen Ton. Die Komik bleibt selbst dann erhalten, wenn die Figuren von Trauer und Angst überwältigt werden. Als Markus mit seinem Cateringservice eine ganze Busladung Rentner mit feinstem Proviant versorgt, nur um nicht allein zu Hause sitzen zu müssen, ist die Situation gleichzeitig komisch und traurig. Hinter der absurden Geschäftigkeit spürt man seine Einsamkeit. Dieser Augenblick zeigt, wie Menschen manchmal Umwege gehen, um dem Schmerz nicht allein gegenüberzustehen.
Trotzdem hat mich die Mischung aus Tragik und Leichtigkeit bewegt. Sie erinnert daran, dass selbst in schweren Zeiten ein Lachen möglich sein kann – ohne dass dadurch der Schmerz verschwindet.
Mich erinnert das an Walter Dahn The Attack of the Bats in Max Ernst’s Birthplace, 1984 – 1985. Die Attacke der Fledermäuse verweist auf das für den Surrealisten typische Eindringen des Unheimlichen, Phantastischen und Albtraumhaften in die Realität – eine Motivwelt, die Max Ernst (unser Beitrag Ellen über deformierte Zeit … Max Ernst „Aquis Submersus“) in seinen Werken
(oft mit Vögeln wie seinem Alter Ego Loplop oder unheimlichen Kreaturen – Städel Digitale Sammlung Max Ernst) zeitlebens prägte.
Für unser Seminar nehme ich aus dem Film mit, dass Wohlbefinden nicht bedeutet, frei von Trauer und Krisen zu sein. Chronos erinnert den Menschen daran, dass die Zeit weitergeht – auch dann, wenn wir selbst am liebsten stehen bleiben würden. Kairos zeigt uns, dass inmitten dieses Weitergehens bedeutsame Augenblicke entstehen können: wenn wir zuhören, ehrlich über unsere Gefühle sprechen und Hilfe annehmen. Als Zuschauer können wir lernen, dass jeder Mensch anders mit Verlust und Angst umgeht und dass vermeintliche Stärke nicht darin besteht, alles allein auszuhalten. Manchmal beginnt sie damit, sich anderen anzuvertrauen und füreinander da zu sein.
Mit nachdenklichen Grüßen
Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL


