Du betrachtest gerade Schauspiel Frankfurt „Deutschlandherz“; Warten auf andere Zeiten oder „German Angst“, die Lust am Untergang

Beim Schauspiel Frankfurt in „Das Deutschlandherz“ zieht es drei Personen in die Ferne, weg aus Deutschland. Sie treffen sich am Bahnhof, können aber weder Tickets herunterladen, noch wissen sie wo und wann der Zug abfahren soll. Das Chaos ist perfekt, als auch der hilfsbereite Schaffner keine Lösung verspricht. Autor und Regisseur Bonn Park, dessen erste Arbeit am Schauspiel Frankfurt, »They Them Okocha«, für den Mülheimer Dramatikpreis nominiert war, arbeitet in seinem neuen Werk mit Warten und Untergangsstimmung.

Liebe Freunde des UniWehrsEL,

Gibs auf Image Ben Kerckx from Pixabay

Das „Koma der Hilflosigkeit“ (Ankündigung Schauspiel Frankfurt zu Das Deutschlandherz, Bonn Park) und das Warten auf eine andere, vielleicht bessere Zeit erinnert mich spontan an Franz Kafkas „Gibs auf! Kafka zitierten wir bereits im Kontext zu: „Willkommen um zu bleiben“ – ein Film-Mysterium von Lynch und Kafka inspiriert.

Franz Kafka: Gibs auf!: Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, daß es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: „Von mir willst du den Weg erfahren?“ „Ja“, sagte ich, „da ich ihn selbst nicht finden kann.“ „Gibs auf, gibs auf“, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.

Tatort Frankfurt und Magie der Musik – Image Leonhard_Niederwimmer from Pixabay

Schon der Titel Das Deutschlandherz (von uns in Folge 46 „Tatort Frankfurt und die Magie der Musik“ angekündigt) verbindet ein Bild von Lebendigkeit und Nähe, das der Hoffnung inhärent ist, mit einer düsteren Bedrohung: Ein Herz steht für das Innere eines Landes, für sein gemeinsames Leben und Zusammengehörigkeitsgefühl. Bei Bonn Park ist dieses Herz jedoch krank und blutet – nicht nur im übertragenen Sinn. Parks Horror-Komödie stellt eine unbequeme Frage: Wartet die Gesellschaft auf eine bessere Zukunft, oder nutzt die Gesellschaft den gegenwärtigen Moment, um sie gemeinsam zu gestalten?

Beim Stichwort ‚Warten‘ kommt dem theateraffinen Leser sofort Samuel Becketts „Warten auf Godot“ in den Sinn. In diesem Stück wird das Warten selbst zum zentralen Motiv, thematisiert es doch die Absurdität des Lebens und die Ungewissheit über den eigenen Todeszeitpunkt. Wladimir und Estragon warten vergeblich auf Godot, der nie erscheint. (unser Beitrag Nachdenkliches zur „Odyssee“ – Penelope als Hoffnung auf die treue Frau; Gedanken zur Funktion des Wartens)

„Desert lake“ Image by CDD20 from Pixabay In seiner Analyse über Marcel Prousts Monumentalwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit argumentiert Benjamin, dass wahre Erinnerung (mémoire involontaire) nicht einfach das chronologische Festhalten von Erlebtem ist.

Das Warten ist ein wichtiger Teil der Welt. Warten lädt zum Reflektieren ein und erfährt eine Bedeutungsverschiebung. Das lässt sich mit Walter Benjamin verdeutlichen. Walther Benjamin hat sich explizit auf Penelope, die Ehefrau des Odysseus, bezogen. In seinem berühmten Essay: Zum Bilde Prousts“ (1929) nutzt er den Penelope-Mythos als zentrale philosophische Metapher, um das Wesen von Gedächtnis, Erinnerung und Vergessen zu beschreiben. Er prägte den Begriff des „Penelopewerks des Vergssens“ (Walter Benjamin, Zum Bilde Prousts, 1972).

Wer Proust kennt, der denkt an seine wunderbaren Erinnerungen an die unvergleichlichen Madeleines in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“und das unvergessliche Wohlbefinden des Protagonisten bei deren Verzehr. Beim Zuschauen von Das Deutschlandherz fragte ich mich, ob ein solches Wohlbefinden nur noch in der Erinnerung, statt in dieser düsteren Welt überhaupt noch möglich ist. Ich fühlte mich, als würde ich selbst in dem trostlosen Bahnhof auf den letzten Zug warten: Die Anzeigetafeln bleiben dunkel, der Schimmel breitet sich aus, und niemand weiß, ob die erhoffte Rettung noch kommt. Vielleicht beginnt Wohlbefinden nicht mit dem rettenden Zug, sondern damit, einander im Wartesaal wirklich wahrzunehmen.

Image E. W.

Im Seminar Chronos, Kairos und Kultur – Wohlbefinden im Spiegel der Zeit lässt sich das Stück als Frage danach lesen, wie Zeit unser Wohlbefinden prägt. Chronos, die messbare, gleichmäßig verrinnende Zeit, scheint am Bahnhof aus den Fugen zu geraten. Niemand kennt Abfahrtszeit oder Gleis; später läuft die Uhr sogar rückwärts. Die Figuren verlieren damit nicht nur Orientierung, sondern auch die Möglichkeit, ihre Zukunft zu planen. Sie sind gefangen in einer Gegenwart aus Angst, Verfall und Aufschub.

Warum reizt uns die Apokalypse auf der Bühne? Vielleicht, weil sie diffuse Ängste sichtbar macht und das Publikum sie gemeinsam erleben lässt. Das groteske Geschehen kann zum Lachen bringen und zugleich reale gesellschaftliche Spannungen erkennen lassen, wie im bereits genannten Seminarzum Wohlbefinden im Spiegel der Zeit wird der Bahnhof zum Ort des Wartens auf einen entscheidenden Augenblick. Doch der rettende Zug bleibt ungewiss. Vielleicht beginnt Wohlbefinden nicht mit der Flucht, sondern damit, die Angst wahrzunehmen und einander nicht als Bedrohung, sondern als Mitmenschen zu begegnen?

Sina Mantheys Bühnenbild macht den verfallenen Bahnhof eindrücklich sichtbar: Schließfächer, eine letzte Reihe Plastikstühle und eine Baustelle hinter Plastikplane und Absperrband schaffen ein marode-unheimliches Ambiente. Der Bahnhof wirkt zugleich vertraut und fremd – ein Alltagsschauplatz, der sich in eine Horrorlandschaft verwandelt. So wird die Baustelle zum Bild einer Zukunft, die ständig im Umbau ist, ohne je fertig zu werden. Das passt zu den Schließfächern, der letzten Reihe Plastikstühle und dem verfallenen Wartesaal: Der Ort vermittelt nicht Sicherheit, sondern Stillstand und Verfall. Auch die Bahnhofsuhr, die zunächst pünktlich wirkt und später rückwärtsläuft, verstärkt den Eindruck, dass die Zeit und damit jede Orientierung aus dem Takt geraten sind.

Roki Müller als Naömi, Mitja Over als Waltor und Steffen Link als Richord spielen die Angst ihrer Figuren körperlich: Ihre Bewegungen wirken steif und angespannt, ihre Gesichter wie eingefroren. Die verblasste Kleidung verstärkt den Eindruck, dass sie in einer trostlosen Welt feststecken. Wenn Richord Wald nur mit Flammen und Wasser nur mit Durst verbindet, wird deutlich, wie sehr seine Gedanken bereits von Katastrophen beherrscht werden. Andreas Vögler gestaltet den Schaffner als unberechenbare Figur, die zwischen Wutausbrüchen und beruhigenden Worten wechselt. Dass er mit engelsgleicher Stimme Helene Fischer singt und zugleich versichert, alles sei in Ordnung, macht die Szene zugleich komisch und unheimlich. Ben Roesslers grollende Musik und Valentin Wittigs Licht verstärken die Horroratmosphäre.

Der Schrecken hat dabei einen gesellschaftlichen Kern. Parks „German Angst“ vermischt unterschiedliche Ängste und Spannungen – von der Stadtbild-Debatte über die Selbstsucht des Einzelnen, Identitätspolitik bis zum kleinbürgerlichen Geiz. Der Schimmelpilz macht diese Angst sichtbar: Er infiziert Waltor und Richord und lässt ihnen Naömi als bedrohlich erscheinen. Zugleich verspricht der Schaffner eine schmerzhafte, aber scheinbar sichere Gemeinschaft, in der alle dasselbe verstehen, mögen und schlecht finden. Diese Ordnung verlangt Anpassung und Ausgrenzung – und bietet deshalb kein echtes Wohlbefinden für Naömi, Waltor und Richord.

Spiegelbilder der Angst Bild von kalhh auf Pixabay

Zu ‚German Angst‘ passt unser Beitrag Leserbrief: ‚Angst sells‘. Wenn Kunst eine individuelle Angst und kollektive Furcht spiegelt. Die Philosophin Bärbel Frischmann schreibt in der Debatte: Ängste spiegeln die Lebenssituation darüber, dass Ängste uns helfen vorsichtig zu sein und das eigene Verhalten den Lebensrisiken anzupassen. „Ängste sind der Spiegel unserer Lebenssituation. Sie zeigen uns nicht nur unsere Befürchtungen, sondern auch Wünsche und Hoffnungen. Sie spiegeln das, worum wir uns sorgen, was wir schätzen und nicht verlieren wollen. In der Beschäftigung mit den eigenen Ängsten lernen wir uns selbst besser kennen.“

Horror und Wohlbefinden stehen in diesem Stück zunächst klar im Gegensatz: Der Schimmelpilz, die Angst und die Ausgrenzung machen die Welt der Figuren immer bedrohlicher. Die „German Angst“ zeigt sich im Wunsch nach Sicherheit und Ordnung, aber auch darin, dass eine Gemeinschaft entsteht, indem alle dasselbe mögen und ablehnen sollen. Naömi wird dabei zur vermeintlichen Gefahr erklärt. Diese erzwungene Gleichförmigkeit mag den Schmerz angeblich beseitigen, ermöglicht aber kein Happyend.

Doch vielleicht wartet das Stück auch auf einen Kairos: den entscheidenden Augenblick, in dem sich etwas ändern könnte. Der ersehnte Zug verspricht Erlösung, aber die Figuren können ihr Wohlbefinden nicht einfach an eine Rettung von außen delegieren. Zugleich zeigt der Schimmelpilz, wie eine scheinbare Lösung – Gleichförmigkeit und Anpassung – Gemeinschaft verspricht, aber Ausgrenzung erzeugt. Wenn alle dasselbe mögen und ablehnen sollen, verschwindet nicht der Schmerz, sondern auch die Vielfalt, die ein gutes Zusammenleben möglich macht.

Am Ende wird Naömi zu einer folgenschweren Entscheidung gedrängt: Eine Königin sagt ihr, sie müsse Waltor und Richord töten, um ihr Wohlbefinden wiederherzustellen und den rettenden Zug erreichen zu können. Doch die versprochene Rettung erweist sich als unmöglich. Nachdem Naömi die beiden ermordet hat, ist auch sie vom Schimmel befallen. Das erhoffte Happy End bleibt aus – nicht zuletzt, weil niemand mehr daran glaubt. Gerade darin liegt für mich die bitterste Aussage des Stücks: Wohlbefinden lässt sich nicht durch Gewalt und Auslöschung anderer herstellen, und eine Zukunft, an die niemand mehr glaubt, wird zur Sackgasse.

Die Lust am Untergang, die das Stück beim Publikum wecken kann, ist dabei widersprüchlich. Wir erschrecken vor dem Schimmel, der zerfallenden Welt und Naömis grausamer Entscheidung – und genießen zugleich die Spannung, den schwarzen Humor und die Übertreibung des Horrors. Die Apokalypse macht Angst, aber sie macht auch sichtbar, was im Alltag oft nur als diffuse Sorge spürbar ist. Im Theater können die Zuschauer diesen Schrecken gemeinsam erleben und für einen Moment so tun, als könnten die Zuschauer den Untergang betrachten, ohne selbst von ihm verschlungen zu werden. Doch Parks Stück lässt diese Lust nicht zur bequemen Unterhaltung werden: Nach den Morden gibt es keine Erlösung, und auch Naömi entkommt dem Schimmel nicht. Das Happy End bleibt aus, weil der Glaube an eine Rettung offenbar längst in der German Angst verloren gegangen ist.

Damit bekommt die Apokalypse eine besondere Bedeutung für das Seminar zum Wohlbefinden im Spiegel der Zeit. Der Wunsch nach dem rettenden Zug richtet sich auf einen zukünftigen Augenblick, auf den erlösenden Kairos, der alles wieder in Ordnung bringen soll. Doch die Figuren warten in einer Gegenwart, die sich wie ein endloser Chronos aus Angst, Verfall und Aufschub anfühlt. Die Faszination für den Untergang kann helfen, diese Angst wahrzunehmen; sie allein stellt Wohlbefinden jedoch nicht wieder her.

Das Stück fragt letztlich, ob die deutsche Gesellschaft auf den Zusammenbruch starrt und ihn womöglich sogar herbeisehnt – oder ob unsere Gesellschaft noch die Möglichkeit erkennt, gemeinsam eine andere Zukunft zu gestalten. Wohlbefinden beginnt vielleicht dort, wo die Lust am Untergang nicht das letzte Wort behält und die Deutschen trotz allem wieder an positive Veränderung glauben.

Da fällt uns doch spontan Erich Kästner (1932) und sein Eisenbahngleichnis ein: „Wir sitzen alle im gleichen Zug. In Reimform entsteht die Metapher einer Zugreise als Lebensreise des Menschen verstanden. Halt an Stationen gleicht Lebensabschnitten, die Fahrt in der 3. Klasse zeigt Klassenunterschiede, so mancher sitzt eben lebenslang im „falschen Coupe“.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Kulturbotschafter des UniWehrsEL