Veranstaltungstipp: Die emotionale Wucht und die packende Inszenierung der Oper „Cardillac“ von Paul Hindemith regen zu einem einem Ausflug ans Staatstheater Meiningen an. Hinterlassen sie doch einen bleibenden Eindruck und entführen die Zuschauer in eine Welt voller Tragik und Hoffnung. Diese Inszenierung, unter der kreativen Leitung von Giulia Giammona, löst beim Publikum große Gefühle aus. Es ist selten, dass eine Aufführung so tief ins Herz trifft und die Kluft zwischen Genie und Verderben der Titelfigur so eindrücklich veranschaulicht.
Liebe Lesende des UniWehrsEL,
Das Werk ist ein packender Krimi und ein tiefgründiges Psycho- sowie Gesellschaftsdrama, das sich rasant entfaltet. Es ist weit entfernt von den heutigen Publikumsmagneten wie etwa
Madama Butterfly von Puccini, die zur Zeit an der Oper Frankfurt läuft und für ein ausverkauftes Haus sorgt; vielmehr verkörpert es einen Trend zur schnörkellosen Sachlichkeit, die als Bauhausbarock bezeichnet werden kann. Hindemith kombiniert barocke Elemente mit durchdringenden Rhythmen und einer polyrhythmischen Intensität, die einen tiefen Eindruck hinterlässt. Das klein besetzte Orchester, in dem Bläser wie Saxophon und Oboe glänzen, treibt die Handlung unaufhörlich voran und stellt eine Herausforderung für das Publikum dar.
Die komplexe Musik erschließt sich nicht beim ersten Hören; man müsste „Cardillac“ eigentlich mehrfach besuchen, um alle Facetten der Musik zu begreifen. Dieses Gefühl von Spannung und Aufregung lässt jedem Zuschauer atemlos auf dem Sessel sitzen, weil man nichts verpassen möchte. Die erfrischende Einführung des Dirigenten bereitete das interessierte Publikum gut vor, doch die Fülle der musikalischen Eindrücke ist einfach überwältigend.
Hindemiths Komposition basiert auf E. T. A. Hoffmanns Novelle „Das Fräulein von Scuderi“,
in der der Goldschmied die Käufer seiner Schmuckstücke ermordet, weil er sich nicht von ihnen trennen kann. Im Paris der 1920er Jahre geschehen rätselhafte Morde an jenen, die von Cardillac Schmuck erworben haben. Eine Dame, auf Nervenkitzel bedacht, überredet ihren Kavalier, ihr ein Stück zu kaufen, doch während ihrer Liebesnacht wird er von einem Maskierten getötet. Welche Hoffnung treibt den Kavalier an? Der Kavalier ist nicht nur ein Käufer; er ist ein Kompass für den Wunsch nach Anerkennung durch die Dame und die Hoffnung auf Befriedigung seiner Leidenschaft.
Seine Hoffnung liegt in der Erfüllung seiner sexuellen Wünsche durch die Dame und dem Nervenkitzel, was eine Nacht mit der Dame in ihm auslöst. Indem er sich entschließt, ihr ein Schmuckstück von Cardillac zu kaufen, glaubt er, ihr Herz zu gewinnen und die Grenzen seiner eigenen sexuellen Wünsche zu überwinden. Der Schmuck steht für mehr als materielle Werte – das Geschmeide repräsentiert eine Art von Liebe und Hingabe, die er bereit ist, zu erlangen.
In der Vorstellung, durch den Erwerb eines kostbaren Stückes seine Zuneigung zu zeigen, projiziert der Kavalier seine Hoffnungen in eine gemeinsame Zukunft voller Leidenschaft. Doch tragischerweise endet diese Hoffnung in einem Albtraum. Es ist nicht nur ein physischer Mord, sondern auch ein symbolischer: Die Hoffnung des Kavaliers wird brutal ausgelöscht. Diese tragischen und ironischen Wendungen sind Teil der tiefen menschlichen Abgründe, die die deutsch-italienische Regisseurin Giammona meisterhaft inszeniert.
Die Geschichte des Goldschmieds Cardillac, dessen Kunst ihm letztlich zum Verhängnis wird, offenbart die dunklen Seiten der Menschheit: Gier, Besitzansprüche und der unbändige, menschlichen Drang, Wert durch materielle Dinge (Schmuck!) zu definieren. Cardillac, bewundert von der feinen Pariser Gesellschaft für seine außergewöhnlichen Schmuckstücke, gerät in einen Strudel aus Besessenheit und inneren Dämonen. Doch tief in seinem Herzen existiert eine zarte Hoffnung, die in seiner Beziehung zu seiner Tochter zum Ausdruck kommt. Sie ist für ihn der einzige Lichtblick in einer Welt, die ihn zu einem Mörder gemacht hat.

Der Offizier, der Geliebte der Tochter des Goldschmieds, verkörpert ein Wesen, das dem eines Spielers ähnelt (dazu passt auch unser Beitrag Society, Sucht und Sehnen). Er ist voller Pläne und Ambitionen, doch seine Hoffnung ist dualistisch und selbstsüchtig. Einerseits hegt er den Wunsch, die Tochter Cardillacs zu gewinnen; andererseits sieht er in Cardillac eine Gelegenheit, seine eigene Position zu stärken.
Seine Haltung ist von strategischem Kalkül geprägt: Er erkennt, dass er die Möglichkeit hat Cardillac loszuwerden, indem er ihn im Unklaren über seine wahre Absicht hinsichtlich des Schmucks hält. Für den Offizier ist die Tochter der kostbarste Besitz von Cardillac, nicht seine Schmucksammlung. Diese Machenschaften entblößen eine weitere Facette der Hoffnung, die hier im Spiel ist – die Hoffnung, die eigenen Interessen zu verfolgen, auch auf Kosten anderer.
Cardillac selbst verhält sich gegenüber seiner Tochter gleichgültig. Seine Besessenheit für seine Schmiedekunst hat ihn in einen emotionalen Tiefpunkt geführt, dass er sogar bereit ist seine Tochter an den Offizier weiterzureichen, aber niemals von seiner Sammlung abzulassen.
Diese Gleichgültigkeit und seine Obsession zeigen, wie sehr er in einem Tunnelblick gefangen ist, dem das menschliche Miteinander und das Wohl seiner Tochter fremd erscheinen.
Durch seinen strategischen Umgang mit Cardillac sieht der Offizier die Chance, seine eigenen Hoffnungen auf eine Zukunft mit der Tochter zu verwirklichen. Diese verzweifelte Abhängigkeit von einem Menschen, der zu seiner Selbstsucht geworden ist, verleiht der Erzählung eine tragische Tiefe. In der Begegnung von Cardillac, dem Offizier und der Tochter entsteht ein verwobenes Netz aus Hoffnung, Gier und Entbehrung.
Die Sammelleidenschaft Cardillacs ist ein weiterer zentraler Aspekt seiner Persönlichkeit, der ihn sowohl als Künstler als auch als Mensch definiert. Seine Obsession für exquisite Schmuckstücke und seine ständige Jagd nach Perfektion erinnern an die Figur des Riesen Fafner aus Wagners Ring des Nibelungen (ab März 2026 ist das Rheingold in Meiningen zu bewundern), der den Nibelungenschatz hütet und unermüdlich danach strebt, ihn für sich allein zu behalten. Wie Fafner wird auch Cardillac von seiner Gier getrieben, die ihn in eine isolierte Existenz führt. Seine Liebe zu den Materialien wird zum Fluch, während er sich selbst und seine Beziehungen opfert, um seinen Besitz zu mehren.
Hoffnung: Was bedeutet dieser Begriff in der Seele von Cardillac? Für ihn ist Hoffnung der flüchtige Moment, in dem die Liebe zu seinem Handwerk und die Wärme seiner Familie sich vereinen. Sie ist die Sehnsucht nach echtem Verständnis, nach Wertschätzung jenseits des Materiellen. Sein verzweifelter Kampf zwischen Liebe und Gier wird durch die eindrucksvolle Darstellung mit den lebensgroßen Elstern symbolisiert, die ständig seine tiefsten Wünsche und Ängste reflektieren.
Der Komponist Hindemith selbst ist ein faszinierendes Beispiel für Hoffnung und Überwindung. Zuerst ein gefeierter Künstler, wurde er durch das NS-Regime als Vertreter „entarteter Kunst“ verfolgt. Seine Flucht führte ihn aus einer bedrohten Heimat in die Schweiz und schließlich in die USA, wo er erneut erfolgreich Fuß fasste. Es ist beschämend, dass viele von uns, gerade in der Oberstufe, nicht die Chance hatten, sich mit seinem Werk auseinanderzusetzen – oft mangels aufgeschlossener Lehrer oder Theateraufführungen.

Die Entscheidung, „Cardillac“ 100 Jahre nach seiner Uraufführung in Meiningen zu zeigen, ist dem Dirigenten GMD Killian Farrell zu verdanken, der Hindemiths Musik leidenschaftlich schätzt.
Die Regisseurin Giulia Giammona bringt frischen Wind in die Inszenierung. Sie bewahrt den historischen Kontext der 1920er Jahre und hebt gekonnt die Bedeutung künstlerischen Schaffens sowie die Beziehung zwischen dem Künstler und dessen Tochter hervor.
Giammona schafft es, die Zerbrechlichkeit und die Abgründe von Cardillac mit einer bewundernswerten Symbolik zu illustrieren. Das gewählte Material Glas ist ein treffendes Spiegelbild seiner Existenz – fragil und doch potenziell zerstörerisch. In jedem Funken des Glases schwingt die Hoffnung auf, dass Kunst die Menschen verbinden kann, auch wenn es im ersten Moment nicht so scheint.
Die musikalische Untermalung von Paul Hindemith verbindet verschiedene Stile und schafft eine emotionale Tiefe, die den Zuschauer mitreißt.
Das Saxophon, als Symbol für die „abgründige und schmutzige“ Seele Cardillacs, verleiht der Musik eine ungewohnte, aber kraftvolle Färbung, die das Publikum fesselt und in eine andere Welt entführt.
Besonders dramatisch ist die Schlussszene der Oper: Cardillac wird von seinen eigenen Bewunderern getötet, die als Richter und Henker gleichzeitig auftreten, als sie sein wahres, mörderisches Wesen erkennen. Der Chor, der ihn einst für seine Kunstfertigkeit bewunderte, kann die Wahrheit nicht ertragen und wird zum Ankläger. Hier kulminiert die Tragik und zeigt, wie schmal der Grat zwischen Bewunderung und Abscheu ist.
Diese Lynchmob artige Aufruhr erinnert auch an unseren Beitrag „Wohin Mit meiner Wut“ (zum Film „Fury“; Blinde Wut von Fritz Lang).
Ungezügelte Wut führt in „Cardillac“ zum Unausweichlichen. Der Chor wird zu einem furchterregenden Ankläger, der den ehemaligen Helden nicht länger verehren kann. In diesem Chaos spiegelt sich die Hoffnungslosigkeit der Tochter und des Offiziers wider, die verzweifelt nach einer Rettung suchen für den bedrohten Vater in einer Welt, die von Niedertracht übersät ist.
Der Vergleich zu Benjamin Brittens „Peter Grimes“ an der Oper Frankfurt und auch in unserem Beitrag „Das Meer und das Hören“ lässt sich nicht vermeiden: Auch dort übt die wütende Dorfgemeinschaft am Ende Selbstjustiz an Peter Grimes. Sie verbannen ihn auf ein Ruderboot, sonst würden sie ihn erschlagen. Diese parallelen Elemente des gesellschaftlichen Unmuts und der Gewalt zeigen, dass der Mensch oft zu folgenschweren Entscheidungen getrieben wird. Im Gegensatz dazu steht Jean-Baptiste Grenouille aus Patrick Süskinds „Das Parfüm„, dessen betörender Duft ihn nicht rettet, sondern letztlich zu seiner Selbstzerstörung führt, als die Menge ihn aus Liebe zerdrückt.

Dank an das gesamte Ensemble und die Regie für diese unvergessliche Darbietung. Sie haben eine Oper lebendig gemacht, die nicht nur einen brutalen Mörder zeigt, sondern auch die Hoffnung, die in selbst den dunkelsten Herzen keimen kann. Ich bin dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, dieses psychologische Meisterwerk zu erleben.
Liebe Grüße
I. Burn






