Das kommende Seminar Unter Spiegeln – Kultur, Geschichte, Metaphorik des Spiegelns regt eine Leserin zu folgenden Überlegungen an: Assoziationen zu Schneewittchen und dem Spiegelwahn der bösen Königin aus den Märchen der Gebrüder Grimm; dem Teufel der bekanntlich Prada trägt und zu dem gnadenlosen Konkurrenzkampf der Modebranche führt. Unter der Fragestellung: „Wie spiegelt sich der Raubtierkapitalismus im Märchen und im Film?“ lässt uns diese UniWehrsEL Leserin an ihren Gedankenspielen teilnehmen.
Liebes UniWehrsEL,
Dem Spiegel kommt in dem Märchen „Schneewittchen“ eine tragende Rolle zu. Er bestimmt den Status der Königin und ist somit der Auslöser für die gesamte Handlungskette des Märchens.
Für die böse Königin war der Spiegel ein Ausdruck ihrer eigenen Schönheit. Da sie ihr Schloss, ihre gewohnte Umgebung, nur sehr selten verlässt, stellt der Spiegel die einzige Außenverbindung zur Welt dar. Diese Isolation erinnert an moderne Influencer:innen auf Plattformen wie YouTube, die zwar Stars in der digitalen Welt, jedoch oft von der realen Gesellschaft entfremdet sind. Die Art der Befragung des Spiegels kommt eine bedeutende Rolle zu, ebenso wie die Antwort. Die Königin ist die treibende Kraft, welche die Handlung aufgrund der Prognose des Spiegels vorantreibt.
Der Spiegel setzt die Königin unter Zugzwang und verdeutlicht ihre Angst, irrelevant zu werden. Ihr verzweifeltes Streben nach Ruhm spiegelt den Kampf der Influencer:innen wider, die um ihre Bedeutung in einer schnelllebigen, digitalisierten Welt kämpfen. Wenn der Spiegel ihr nicht mehr bestätigende Rückmeldungen gibt, wird sie von der Angst vor Bedeutungsverlust geplagt – eine Realität, die viele Influencer:innen ebenfalls erleben, wenn ihre Zuschauerzahlen sinken und sie nach Ruhm streben.
Als Schneewittchen jedoch schöner wurde und zur Konkurrenz heranwachsen konnte, beschloss die Königin, das Mädchen zu töten. Nur dem Mitleid des Jägers verdankt es sich, dass Schneewittchen der bösen Königin entkommen ist.
Im Hinblick auf den Spiegel könnte man auch bezweifeln, ob dieser der Königin stets die Wahrheit über ihre Situation über Schneewittchen offenbart. Was ist eigentlich Wahrheit und wer weiß schon genau, ob ein Zauberspiegel nicht auch lügen kann, um sich einzuschmeicheln? Denn schon Demokrit hatte die Erkenntnis: „In Wirklichkeit erkennen wir nichts, denn die Wahrheit liegt in der Tiefe.“
Vermutlich verkörpert der Spiegel jedoch psychologisch die innere Unsicherheit der Königin sowie ihre Angst vor der Vergänglichkeit der Schönheit. Der Verlust von Schönheit bedeutet letztlich auch den Verlust von Macht und Ansehen.
In Disneys Trickfilm Schneewittchen wählt die böse Königin den Weg, sich in eine alte Frau zu verwandeln, um Schneewittchen zu täuschen. Diese Verwandlung spiegelt die innere Hässlichkeit der Königin nach außen. Während sie in der Gestalt der alten Frau auftritt, wird die Diskrepanz zwischen ihrem bösartigen Verhalten und ihrer äußeren Erscheinung aufgehoben. Ihr Plan erscheint umso perfider, da sie weiterhin die Schönste sein will. Mit dem roten Apfel in der Hand ist die Königin in ihrer alten Gestalt ein nahezu perfekter Kontrast zu dem unschuldigen Mädchen mit der zarten, weißen Haut. Sie schleicht sich heimlich an und versucht, das schöne Kind zu ermorden. Ihre Tat wird noch verwerflicher, da das Attentat fast gelingt. Was treibt die böse Königin zu solch grausamen Taten? Ist es die Furcht vor dem eigenen Tod, die Angst vor der Vergänglichkeit oder der pure Neid?
Im digitalen Zeitalter der Selfies könnte eine bösartige Königin ganz anders reagieren. Ein Blick auf den Film Der Teufel trägt Prada aus 2006 verdeutlicht die Parallelen. Hier haben wir die schüchterne Andrea, die gerade das College abgeschlossen hat und einen Job in einem der begehrtesten Modemagazine als Assistentin der Chefin Miranda Priestley ergattert. Diese Chefin erfüllt die Rolle der bösen Königin. Sie hat sich ihr eigenes Reich geschaffen und duldet keinen Widerspruch, fordert absoluten Gehorsam.
Andreas Kampf, in der Modewelt Fuß zu fassen, wird geprägt durch die bösartigen Sprüche ihrer Chefin. Während sie in der Modewelt überlebt, muss das Mauerblümchen die Eigenschaften der Chefin annehmen, um sich selbst zum Spiegelbild von Miranda Priestley, dargestellt von Meryl Streep, zu machen. Andrea, ähnlich wie Schneewittchen, wird von Anne Hathaway verkörpert – sie ist schwarzhaarig, mit heller Haut und roten Lippen, ein modernes Schneewittchen.
Im April 2026 bringt Der Teufel trägt Prada 2 die Thematik erneut ins Kino. Da Anne Hathaway in 2026 kein unschuldiges Mädchen von 20 Jahren mehr ist, sondern eine taffe Geschäftsfrau, wird sie ihrer Mentorin Miranda wohl sowohl charakterlich als auch kleidungstechnisch sehr ähneln. Laut Trailer könnte sie ein genaues Abbild von Miranda werden, was den Kreislauf der Macht und des Einflusses verdeutlicht.
Andreas harter Kampf um einen Berufseinstieg in New York wird als Satire auf die Modewelt präsentiert, wobei sie unter der Tyrannei ihrer Chefin zu leiden hat und auch keine Unterstützung von ihrer Arbeitskollegin Emily erhält, die ebenfalls eine Konkurrenz darstellt. Eine Figur wie der Jäger taucht auch hier auf: Nigel (Stanley Tucci), die rechte Hand der Chefin, hat Mitleid mit Andrea und hilft ihr, sich im Modewald nicht zu verlieren, ähnlich wie der Jäger, der das unschuldige Mädchen zu den Zwergen führt.
Der Teufel trägt Prada basiert auf einem Buch von Mary Schmich. Der Journalist Christoph Hartung schreibt über sie: „1997 hat eine US-Autorin ein irgendwie schicken Essay zum Thema Leben in den USA geschrieben. Darin stand: „Lebe in New York City – aber hau ab, bevor es dich abhärtet. Lebe in Nordkalifornien – aber hau ab, bevor es dich verweichlicht.“ Mary Schmich heißt die Autorin und sie beschreibt da recht präzise die Unterschiede zwischen Ost und West, wie sie schon der Western, wie sie schon Don Siegels Filme in den frühen 70ern erzählten. David Frankels Film feiert den zynischen Way of Life der Ostküste. Raubtierkapitalismus ist hier wörtlich zu verstehen. Das Raubtier heißt Miranda und Du tust, was sie will, wann sie es will, egal, ob es mit etwas in Deiner Jobbeschreibung zu tun hat; die es überdies gar nicht erst gibt.“
Die Botschaft des Films ähnelt der Show von Heidi Klum in der Aussage: „Sie ist der Boss, und egal was sie will, du hast es zu tun, ohne dich zu beschweren.“ Vielleicht hat Schneewittchen es leichter, gegen die böse Königin zu kämpfen als Andrea.
In dieser Hinsicht könnte die Modewelt als verkappte Kapitalismuskritik betrachtet werden.
Kritik am Kapitalismus betrachteten wir auch im Kontext der Filmbesprechung „No other choice“. Basierend auf dem Kriminalroman The Ax von Donald E. Westlake dreht sich die Story um den Familienvater Man-soo (gespielt von Lee Byung-hun), der nach 25 Jahren ehrenvoller Arbeit in einer Papierfabrik seinen Job verliert. Es ist aber nicht nur irgendein Job, sondern einer, der für ihn identitätsbildend war. Mit der Krisensituation entdeckt Man-soo für sich das alles rechtfertigende Mantra „Keine andere Wahl“.
Die Chefin Miranda Priestley aus Der Teufel trägt Prada präsentiert sich wie ein böses Raubtier, das die naiven Träume der jungen Frauen um sich herum ausnutzt. Sie herrscht mit eiserner Faust über ihr Modereich, eine Parallele zur manipulativen Machenschaft der bösen Königin, die im Schatten ihres Spiegels agiert. Beide Figuren sind geprägt von einem gnadenlosen Streben nach Macht und Schönheit und bedürfen der Schwäche anderer, um ihre eigene Position zu sichern.
Schneewittchen ist nicht das leibliche Kind der Königin, sondern die tatsächliche Mutter stirbt bei der Geburt.
Die böse Stiefmutter ist eine häufige Figur im Märchen, wie auch beispielsweise in Cinderella oder „Aschenputtel“ in unserem Beitrag „Cinderella, getanzte Ilusionen„. In ihren stillen Momenten stellt sich Cindy vor, wie sie auf der Bühne des Theaters des Westens tanzt, gekleidet in ein wunderschönes Kleid und den strahlend roten Schuhen. Ihre Wünsche und Träume werden noch intensiver, als ihre verstorbene Mutter wie eine gute Fee auftaucht und ihr die roten Schuhe herbeizaubert. Doch die Realität holt Cindy schnell ein, als ihre arrogante Westverwandtschaft plant, die echte „Cinderella“-Vorstellung im Theater des Westens zu besuchen. Cindy ist verzweifelt, denn sie weiß, dass sie niemals die Erlaubnis ihrer Stiefmutter erhalten wird, an diesem Ausflug teilzunehmen.
Die böse Ersatzmutter leitet ihren Status von der Frage ab, wer die Schönste im ganzen Land ist. So ähnlich agiert auch Miranda, wenn sie mit ihrer Modezeitung den Status über Modetrends selbst setzt – sie bestimmt letztlich was als „schön“ gilt. Als Chefin hat sie natürlich auch indirekt immer Angst davor nicht mehr am Puls der Mode zu sein und von einer jüngeren Ausgabe ihre Selbst verdrängt zu werden.
Der Spiegel antwortet: „Frau Königin, ihr seid die Schönste im Land.“ Da war die Königin zufrieden, denn sie wusste, der Spiegel sagt die Wahrheit. Das Märchen erzählt dem Leser nichts über die Motive des Königs – hat er wirklich seine zweite Frau nur wegen deren Schönheit geheiratet? Ist Schönheit eine eigene Währung für die Königin? Ganz offensichtlich ist dies zu bejahen.

Schönheit ist immer wieder ein Thema im UniWehrsEL. So auch bei den Überlegungen Was ist Schönheit?, wo es um die Thematiken des Schönheitswahns und der Selbstoptimierung geht. Auch in unserer Schreibwerkstatt „Tatort Frankfurt. Welche Rolle spielt die Magie der Musik“, ging es in Teil XXII, um die Reflektionen i. Burns zu Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“, der äußerlich ewig jung bleibt, innerlich aber alt und hässlich wird. Im Städel Museum gilt Tizians „Bildnis eines jungen Mannes als der Prototyp für Schönheit.
Während der Spiegel die äußere Schönheit der Königin reflektiert, bleibt Dorian Grays Bildnis das bewahrte Zeugnis seiner inneren Verderbtheit. Beide Geschichten thematisieren die Dualität von äußerem Schein und innerer Wahrheit, wobei Dorian Gray letztlich in seinem Streben nach ewiger Jugend und Schönheit den Preis der Moral und Menschlichkeit zahlt. Auch die böse Stiefmutter in Schneewittchen leidet am Ende entsetzlich.
Die Darstellung von Macht und Schönheit in Schneewittchen und Der Teufel trägt Prada verdeutlicht, wie Eitelkeit und Neid Menschen zu schrecklichen Taten treiben können. Dass aber zumindest im Märchen das Böse bestraft wird, denn „Schönheit hat ihren Preis“ (da geht es allerdings um Mode und ihren Preis für die Umwelt).
Während Schneewittchen die Hilfe von außen erhält, sieht Andrea sich in einer Welt wieder, in der Unterstützung rar ist und Konkurrenz zum Alltag gehört. Diese modernen Märchen beleuchten aktuelle Themen wie Selbstbild, Wettbewerb, die Schattenseiten des Erfolgs, Oberflächlichkeit und Raubtierkapitalismus.
Liebe Grüße
Shelly Neshville





