Weltberühmt sind die Filme Blue Velvet und Twin Peaks des Regisseurs David Lynch. Surreale Bilder spielen auf das Unbewusste an, Albträume enthalten Metamorphosen und Gewalt. 1997 kam der Film Lost Highway in die Kinos. Die skurrile Story dreht sich um den Saxophonspieler Pete, einem Mörder. Vielleicht war es auch sein Alter Ego oder doch alles nur ein wahnsinniger Albtraum? Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth, schuf daraus eine Oper mit eigenem Klanguniversum und elektronischer Verfremdung.
Lieber Leser,

Im September 2018 besuchte ich im Bockenheimer Depot die Oper Lost Highway von Olga Neuwirth. Sie basiert auf dem gleichnamigen Film von David Lynch aus dem Jahr 1997. Bereits der Film stellt die Frage, wie sicher unsere Vorstellung von Identität eigentlich ist. Wer sind wir, wenn unsere Wahrnehmung, unsere Erinnerungen und sogar unser eigenes Bild von uns selbst unsicher werden? Diese Frage gewinnt heute, im Zeitalter digitaler Profile und virtueller Identitäten, noch einmal eine besondere Aktualität.
Die Zuschauer begleiten zunächst den Jazzmusiker Fred auf einer Reise, die wie ein Kriminalfall beginnt und sich zunehmend in eine surreale Welt verwandelt. In Freds Haus tauchen geheimnisvolle Videokassetten auf. Sie zeigen Räume und Situationen, die eigentlich niemand gefilmt haben kann – zumindest nicht auf eine Weise, die Fred erklären könnte. Ist tatsächlich jemand in sein Haus eingebrochen? Wird er beobachtet? Oder bildet er sich die Bedrohung nur ein? Auch seine Beziehung zu seiner Frau Renee bleibt rätselhaft. Hat sie eine Affäre mit dem Nachbarn? Hat Fred sie aus Eifersucht ermordet? Oder lebt sie vielleicht in einer anderen Gestalt weiter?
Kein gewöhnlicher Rollenwechsel

Etwa in der Mitte der Oper verändert sich die Hauptfigur grundlegend: Aus Fred wird Pete, ein junger Mechaniker mit Verbindungen zur kriminellen Unterwelt. Dieser Wechsel ist kein gewöhnlicher Rollenwechsel, sondern eine radikale Verdopplung und zugleich Spaltung der Hauptfigur. Fred und Pete werden von unterschiedlichen Darstellern verkörpert, erscheinen aber dennoch wie zwei Seiten derselben Person. Der Zuschauer muss sich fragen, ob Pete eine neue Identität, eine Flucht aus Freds Wirklichkeit oder vielleicht dessen verdrängtes digitales beziehungsweise psychisches Ich ist.

Damit berührt die Oper unmittelbar die Themen des Seminars „Doppelgänger: Identität im Duplikat“. Der Doppelgänger ist dabei nicht einfach eine Kopie des Originals. Er kann eine verborgene Seite des eigenen Selbst verkörpern, eine Möglichkeit, die man selbst nicht leben kann oder nicht leben will, nach C. G. Jung ein Schatten (unser Beitrag „Der Sandmann …“). Pete wirkt jünger, freier und körperlich selbstbewusster als Fred. Gleichzeitig ist er in die gleiche Gewalt und Abhängigkeit verstrickt. Er ist also nicht das Gegenteil von Fred, sondern dessen Fortsetzung unter anderen Bedingungen.
Sind Identitäten eindeutig?
Der Doppelgänger macht sichtbar, dass Identität niemals vollständig geschlossen oder eindeutig ist. Jeder Mensch besitzt unterschiedliche Rollen und Selbstbilder: Menschen verhalten sich anders im privaten Umfeld als in der Öffentlichkeit, anders gegenüber Freunden als gegenüber Fremden. In der digitalen Welt können Menschen diese verschiedenen Identitäten sogar bewusst gestalten. Deshalb wählen sie Bilder aus, bearbeiten Informationen und erschaffen Profile, die nur bestimmte Seiten ihrer Persönlichkeit zeigen. Das digitale Ich ist damit eine Art Duplikat – es gehört zur Person, ist aber nicht mit der tatsächlichen Person identisch (zu Doppelgänger und Schattenwesen Bild der Wissenschaft).
In Lost Highway wird diese Unsicherheit durch die Videokassetten besonders eindringlich dargestellt. Das Bild scheint eine objektive Wahrheit zu liefern: Was aufgenommen wurde, muss doch geschehen sein. Gleichzeitig beweisen die Aufnahmen nicht eindeutig, wer hinter der Kamera steht und wie das Gezeigte zu verstehen ist. Die Technik macht die Wirklichkeit also nicht sicherer, sondern erzeugt neue Zweifel. Fred wird mit einem Bild seiner selbst konfrontiert, welches er nicht kontrollieren kann. Er sieht sich von außen und verliert dadurch die Sicherheit über sein eigenes Inneres.
Der Blick anderer Menschen
Auch die Beziehung zu Renee und Alice verstärkt das Motiv der Verdopplung. Beide Frauen werden von derselben Sängerin dargestellt und wirken wie unterschiedliche Erscheinungen derselben Figur. Renee ist geheimnisvoll und distanziert, Alice dagegen verführerisch und offensiv. Sind sie zwei verschiedene Personen oder zwei Projektionen von Freds Begehren und Angst? Alice erscheint als ideale, erotische Gegenfigur zu Renee, doch zugleich ist sie mit ihr verbunden. Dadurch wird auch die weibliche Identität nicht als feststehend gezeigt, sondern als etwas Wandelbares und von den Blicken anderer Menschen Abhängiges.
Pete lässt sich von Alice verführen und wagt es, gegen die Regeln des Unterweltbosses Mr. Eddy zu verstoßen. Die Szene in der Werkstatt, in der ein unerlaubt rauchender Nichtraucher brutal bestraft wird, zeigt die Macht dieses Milieus. Pete versucht, seine eigene Entscheidung zu treffen, bleibt aber in einem System aus Gewalt, Abhängigkeit und Kontrolle gefangen. Auch darin ähnelt er Fred: Beide suchen nach Freiheit, können sich aber nicht vollständig aus den Strukturen lösen, die sie bestimmen.
3 D-Kino- der 1990er Jahre
Die Inszenierung im Bockenheimer Depot verstärkte den Eindruck eines überdimensionierten 3D-Kinofilms der 1990er Jahre. Trash-Elemente, Ironie und surreale Bilder trafen auf eine Handlung, die ständig falsche Spuren legte. Das Publikum, das sich größtenteils aus begeisterten Kinogängern zusammensetzte, reagierte entsprechend aufmerksam und begeistert. Die ausverkaufte Vorstellung hatte bereits Kultstatus erreicht.
Besonders ungewöhnlich war die Verbindung von Schauspiel und Operngesang. Schauspieler und Opernsänger waren ungefähr zu gleichen Teilen beteiligt. Dadurch blieb auch die Grenze zwischen gesprochener und gesungener Sprache unsicher. Die Oper begann beinahe wie ein gesprochenes Schauspiel und wurde im Verlauf immer musikalischer und opernhafter. Am Ende näherte sie sich sogar der Barockmusik an. Ein mysteriöser Mann wurde von einem Countertenor dargestellt, der nicht nur hoch singen, sondern auch sehr tief sprechen konnte. Auch die menschliche Stimme erschien dadurch als etwas Verwandlungsfähiges und nicht eindeutig Festgelegtes.
Libretto von Elfride Jelinek als Mischung aus Groteske, Gewalt?
Die Musik von Olga Neuwirth, live gespielt vom Ensemble Modern, erinnerte an die Klangwelt von Hollywood-Thrillern. Sie erzeugte Spannung, ohne die Handlung eindeutig zu erklären. Wie im Film wurden die Gefühle und Situationen nicht einfach abgebildet, sondern klanglich verfremdet.
Zudem zitierte Neuwirth musikalisch Brechts Dreigroschenoper. Das kriminelle Milieu der Oper erhielt dadurch eine zusätzliche gesellschaftskritische Ebene.

Für die deutsche Übersetzung des englischen Librettos war Elfriede Jelinek (zu ihr auch unser Beitrag Sonne/Luft) prägend. Ihre Sprache unterstützt die Mischung aus Groteske, Gewalt, Ironie und Verfremdung.
Am Ende bleibt die Frage offen, was tatsächlich geschehen ist. Gerade diese Offenheit ist jedoch kein Mangel, sondern das zentrale Prinzip des Werkes. Lost Highway verweigert eine eindeutige Auflösung und zwingt das Publikum dazu, die eigene Vorstellung von Wahrheit zu hinterfragen. Fred und Pete lassen sich nicht klar als zwei Personen, Traumfiguren oder psychische Zustände voneinander trennen. Sie sind miteinander verbunden wie Original und Kopie, wobei nicht mehr entschieden werden kann, welches von beiden das Original ist.
Identität unveränderlich?
Die Oper macht damit deutlich, dass Identität nicht unbedingt etwas Einheitliches und Unveränderliches ist. Sie entsteht aus Erinnerungen, Fremdzuschreibungen, Wünschen, Ängsten und Bildern. Der Mensch erkennt sich selbst nicht nur aus dem eigenen Inneren heraus, sondern auch über Spiegelungen und Duplikate. Der Doppelgänger bedroht das Ich, weil er zeigt, dass dieses Ich auch anders sein könnte.
In einer zunehmend digitalen Welt wird diese Frage immer dringlicher. Unsere digitalen Abbilder können länger existieren als die tatsächlichen Personen selbst, von anderen verändert – oder gegen die eigene Person verwendet werden. Sie zeigen vielleicht eine gewünschte Version unserer Person, während andere Menschen die Person anhand dieses Bildes beurteilen. Zugleich können digitale Identitäten anonym, mehrfach oder frei erfunden sein. Die Grenzen zwischen wirklicher Person und künstlichem Abbild werden dadurch immer fließender.
Olga Neuwirths Lost Highway zeigt diese Verunsicherung nicht nur inhaltlich, sondern auch formal: durch Rollenwechsel, Doppelbesetzungen, wechselnde Stimmen, filmische Bilder und den Übergang vom gesprochenen zum gesungenen Theater. Der Zuschauer verliert gemeinsam mit den Figuren den festen Boden unter den Füßen. Am Ende weiß man nicht mehr genau, was Wahrheit und was Fiktion ist. Vielleicht liegt gerade darin die wichtigste Erkenntnis: Identität ist kein fertiges Original, sondern ein Prozess ständiger Verdopplung, Veränderung und Neuinterpretation.
Mit freundlichen Grüßen
I. Burn

