Du betrachtest gerade Ernst Cassirer Kulturphilosophie: Goethes Faust und Thomas Manns Zauberberg veranschaulicht

Ernst Cassirers These vom Menschen als symbolbildendem Wesen findet in der Kunst und Literatur ihre tiefste Bestätigung. Anhand von Meisterwerken wie Goethes Faust und Thomas Manns Zauberberg veranschaulicht Cassirer die existenzielle Befreiung des Menschen aus der reinen Vergänglichkeit: Durch die Kraft der Formgebung wandelt sich das Vergehen der Zeit (Chronos) über die schöpferische Tat (Kairos) in das bleibende Erbe der Kultur (Aion). Darüber hat sich ein UniWehrsEL Leser Gedanken gemacht – herzlichen Dank dafür!

Liebe UniWehrsEL Interessierte!

Gerade las ich wie Cassirer den Übergang vom mythischen Denken zum wissenschaftlichen Bewusstsein beschreibt. Zudem interessiert mich im Zusammenhang mit unserem Seminar besonders die Thematik der Zeitdimensionen. Ich empfehle dazu Prof. Dr. Birgit Recki über Ernst Cassirer – Nomos Verlag.

Ich begann meine Lektüre mit der Fragestellung: Wer war Ernst Cassirer? Was sind seine Thesen? Und wie passt er zu Chronos, Kairos, Aion, die wir ja gerade in unserem laufenden Seminar diskutieren?

Ernst Cassirer (1874–1945 – Uni Wuppertal) war ein deutsch-schwedischer Philosoph des Neukantianismus und einer der bedeutendsten Kulturphilosophen des 20. Jahrhunderts. Er lehrte unter anderem als erster jüdischer Rektor an der Universität Hamburg, floh 1933 vor den Nationalsozialisten über England und Schweden in die USA und lehrte dort unter anderem an der Yale University. 

Interessant sind seine zentralen Thesen. Cassirer definiert den Menschen nicht über reine Vernunft (Animal rationale) oder Biologie, sondern als ein Wesen, das die Welt nicht unmittelbar, sondern durch Symbole hindurch erfährt und gestaltet. Unser Zugang zur Wirklichkeit ist vermittelt durch eigenständige, gleichwertige kulturelle Ausdrucksformen wie Sprache, Mythos, Religion, Kunst, Wissenschaft, Geschichte und Technik. Durch die Schaffung von Symbolen gewinnt der Mensch geistige Distanz zur reinen Außenwelt und erlangt dadurch Freiheit. Der Mensch hat kein festes, überzeitliches „Wesen“, sondern verwirklicht sich erst dynamisch in seinen kulturellen Werken. 

Image E. W.

Meine Überlegungen betreffen wie gesagt die Thesen Cassirers im Zusammenhang mit Chronos, Kairos und Aion. Die Begriffe Chronos (die messbare, lineare, quantitative Zeit der Uhr), Kairos (der qualitative, entscheidende Augenblick) und Aion (die ewige, zeitlose Seinsfülle oder das Spiel des Werdens) stammen aus der griechischen Mythologie und Philosophie, stehen aber in direktem Einklang mit Cassirers Kulturtheorie.

Die messbare, fortlaufende Zeit (Chronos) entspricht bei Cassirer der mathematisch-naturwissenschaftlichen Objektivierung der Welt. Die Wissenschaft braucht Chronos, um Abläufe exakt zu messen, zu quantifizieren und in Gesetze zu fassen. Kairos ist der „rechte Augenblick“, der das starre Ticken des Chronos aufbricht und einen qualitativen Sinn stiftet. Bei Cassirer geschieht genau das in der Kultur: Jede symbolische Form (sei es ein Geistesblitz in der Sprache, ein Kunstwerk oder eine sittliche Entscheidung) ist ein kairotischer Durchbruch. Der Mensch unterbricht die bloße Natur- oder Ablaufzeit durch eine bedeutungsvolle Tat oder Formgebung. 

Aion meint die Ewigkeit oder den unendlichen Strom des Lebens. Bei Cassirer manifestiert sich Aion nicht als jenseitige Unendlichkeit, sondern als das symbolische Gedächtnis der Menschheit. In den Werken der Kultur (Schrift, Kunst, Mythos, Überlieferung) überdauert der Mensch den bloßen biologischen Verfall und das verrinnende Chronos. Die Kultur bildet jenen symbolischen Raum, in dem das Flüchtige dauerhaft sinnhaft aufbewahrt wird. 

Da mir in unserem Seminar besonders die Beispiele aus Literatur und Kunst gefallen, stellte ich die Frage nach entsprechenden Beispielen und fand heraus, Cassirer nutzt intensiv literarische und künstlerische Beispiele, um seine Philosophie der symbolischen Formen zu veranschaulichen. Für ihn ist die Kunst (zu der er auch die Literatur zählt) eine der mächtigsten Weisen, wie der Mensch Welt gestaltet und erfährt. Besonders in seinem Spätwerk „An Essay on Man“ (Versuch über den Menschen) und in seinen Schriften zur Goethe-Zeit widmet er der Kunst und Literatur eigene Kapitel.

Johann Wolfgang von Goethe ist für Cassirer der wichtigste literarische Bezugspunkt überhaupt. Cassirer war ein profunder Goethe-Kenner und hat dessen Naturauffassung und Dichtung intensiv analysiert. Goethes Konzept der „Urform“ (z. B. der Urpflanze) nutzt Cassirer, um zu zeigen, wie Kunst und Wissenschaft Hand in Hand gehen. Goethe sieht im Einzelnen immer das Ganze.

Goethe prägte das Konzept des „Dauer im Wechsel“. Da heißt es zum Schluss

Laß den Anfang mit dem Ende
Sich in eins zusammenzieh’n!
Schneller als die Gegenstände
Selber dich vorüberflieh’n.
Danke, daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt:
Den Gehalt in deinem Busen
Und die Form in deinem Geist.

Cassirer sieht in Goethes Gedichten genau das verwirklicht: Der flüchtige Augenblick (Kairos) wird durch das Gedicht ergriffen und in eine bleibende Form (Aion) überführt, ohne das lebendige Fließen (Chronos) zu zerstören.

Cassirer nutzt William Shakespeare, um zu erklären, was Kunst mit unseren Emotionen macht. Ein echter Künstler bildet Emotionen nicht einfach nur ab (er schreit nicht nur seine Wut heraus), sondern er gibt ihnen eine Form. In Shakespeares Dramen (wie Hamlet oder Macbeth) werden rohe, destruktive menschliche Leidenschaften in eine ästhetische Ordnung gebracht. Dadurch, dass wir das Drama sehen, durchleben wir diese Gefühle im Schutzraum der Kunst. Das ist für Cassirer der Weg zur geistigen Freiheit und Distanz gegenüber den eigenen Trieben.

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(Zu Hamlet auch unser Beitrag Ellen: „Sein oder Nicht-Sein im Grüneburgpark“: Wie „Die Dramatische Bühne“ Shakespeares Hamlet entstaubt)

Cassirer wendet sich scharf gegen die Idee, Kunst sei nur eine Nachahmung der Natur (Mimesis). Er zieht Beispiele aus der Malerei heran: Ein Maler wie Rembrandt malt nicht einfach ein Gesicht ab. Er malt das Licht und den Raum neu. Er zwingt uns, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Oder nehmen wir Leonardo da Vinci. Da zeigt sich, Kunst ahmt die Wirklichkeit nicht nach, sie deckt sie überhaupt erst auf. Ohne Maler oder Bildhauer würden wir bestimmte Nuancen von Form, Licht und Farbe in unserer Umwelt gar nicht wahrnehmen. Die bildende Kunst erzeugt eine eigene, visuelle Sprache

Ungleich spannender wird es noch, wenn man das mythische Denken in der Literatur hinzunimmt. In seinen Analysen zum Mythos zeigt Cassirer, wie sehr moderne Literatur noch aus den Quellen des mythischen Denkens schöpft. Cassirer stand in engem Austausch mit Thomas Mann (der Cassirer sogar als Vorbild für die Figur des Chaim Breisacher im Doktor Faustus oder Bezüge im Zauberberg nutzte). Cassirer schätzte an Manns Werken (wie den Joseph-Romanen), wie moderne Literatur den alten Mythos aufgreift, ihn intellektuell durchleuchtet und so für die Gegenwart lebendig hält.

Danke für das Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Zu Thomas Mann unser Beitrag: Thomas Mann „Der Zauberberg“: Sehnsucht nach Leben und Liebe in Zeiten der Krankheit

Insgesamt lässt sich sagen: Für Cassirer ist Kunst kein Luxus oder bloße Dekoration, sondern ein radikaler Akt der Formgebung. Während die Wissenschaft die Welt in abstrakte Formeln zerlegt (reines Chronos), hält die Kunst die Welt in ihrer sinnlichen, lebendigen Vielfalt fest. Sie ist der Moment, in dem der Mensch aus dem reinen Erleiden der Natur heraustritt und zum Schöpfer seiner eigenen Wirklichkeit wird.

Mich interessierte, wie Ernst Cassirer ein bestimmtes Werk (wie Goethes Faust) analysiert.

(Imageeines Archivs by Pexels from Pixabay)

(Zu Goethes Faust auch unser Beitrag Schauspiel Frankfurt „Cold Case: Gretchen brennt“; Spurensuche nach Susanna Margareta Brandt) Dieser Abend im Schauspiel Frankfurt glich einer Reise in das Archiv der Stadt Frankfurt und eine gesellschaftliche Anklage zugleich: Er zwingt dazu, die wahre Geschichte hinter der literarischen Figur Gretchen zu sehen und Susanna Brandt nicht länger stumm zu lassen.

Für Ernst Cassirer ist Goethes Faust das Paradebeispiel dafür, wie Literatur die existenzielle Dynamik des Menschen und das Zusammenspiel der Zeitdimensionen ausdrücken kann. Cassirer widmete Goethes Meisterwerk tiefgehende Analysen (insbesondere in Goethe und die geschichtliche Welt). In Cassirers Lesart ist Faust das absolute Sinnbild des Animal symbolicum, das sich weigert, in der bloßen, messbaren Zeit zu verharren.

Ein Beispiel wäre der Faust-Pakt als Weigerung, im Chronos zu erstarren. Der berühmte Pakt zwischen Faust und Mephisto dreht sich im Kern um die Zeit. Faust wettet, dass Mephisto es niemals schaffen wird, ihn so weit zu bringen, dass er träge verweilt und zum Augenblick sagt: „Verweile doch, du bist so schön!“ Mephisto will Faust mit Genüssen, Magie und Ablenkungen füttern. Er will Fausts Leben in eine endlose, aber letztlich leere Abfolge von Erlebnissen verwandeln – ein rein quantitatives Vergehen von Zeit (Chronos), das am Ende im Tod und der Bedeutungslosigkeit mündet. Faust hingegen sucht nicht die passive Trägheit, sondern die unendliche Aktivität. Für Cassirer verkörpert Faust den Drang des menschlichen Geistes, sich durch ständige Tat und Formgebung (symbolische Praxis) weiterzuentwickeln.

Kasirers Interpretation von Faust lässt sich perfekt mit den drei Begriffen verknüpfen.

1. Kairos als der errettende Augenblick. Für Faust ist der „schöne Augenblick“ kein Moment des Stillstands, sondern ein Moment der höchsten, schöpferischen Intensität – ein echter Kairos. Als Faust am Ende von Faust II im Sterben liegt und den Moment visionär vorausahnt, in dem er mit einem freien Volk auf freiem Grund steht, sagt er den berühmten Satz. Cassirer betont: Faust genießt hier nicht den Moment wie ein Schlemmer, sondern er erfährt die höchste Stufe menschlicher Freiheit im Entwurf einer gemeinsamen Kultur. Es ist der schöpferische Durchbruch (Kairos), der dem Pakt die Macht nimmt, weil Fausts Geist aktiv bleibt.

2. Aion und das Beispiel der Mütter in Bezug auf das überzeitliche Reich. Ein faszinierendes Beispiel für Ernst Cassirer ist Fausts Gang zu den „Müttern“ in Faust II, um die antike Gestalt der Helena heraufzubeschwören. Die Mütter thronen in einem Reich außerhalb von Raum und Zeit. Sie bewahren die Urformen aller Dinge. Dies sehe ich als die literarische Entsprechung zu Aion – dem überzeitlichen Kontinuum des Sinns. Cassirer sieht hierin das symbolische Gedächtnis der Menschheit: Die Kunst (Fausts Sehnsucht nach Helena, der antiken Schönheit) muss in die ewigen Tiefen des Geistes hinabsteigen (Aion), um dem flüchtigen Augenblick (Kairos) eine bleibende, geschichtliche Gestalt zu geben.

3. Chronos und die Überwindung der Vergänglichkeit: Mephisto zieht am Ende von Faust II Bilanz und klagt über das Vergehen der Zeit: „Da ist’s vorbei! Was ist daran zu lesen? Es ist so gut, als wär’ es nicht gewesen […] Ich liebte mir dafür das Ewig-Leere.“ Das ist die Perspektive des reinen, gnadenlosen Chronos. Alles Vergehende tickt herunter und wird im Tod ausgelöscht. Cassirers Philosophie hält dagegen (und er sieht sich durch Goethes Rettung von Fausts Seele bestätigt): Die Taten und die geistigen Schöpfungen Fausts sind eben nicht vorbei. Dadurch, dass sie eine symbolische Form (ein bleibendes Werk, eine veränderte Welt) angenommen haben, sind sie dem reinen Chronos entrissen und in das kulturelle Erbe der Menschheit eingegangen.

Lassen Sie uns im Sinne Ernst Cassirers ein Fazit ziehen. In Faust zeigt Goethe laut Cassirer, dass der Mensch seine Erlösung und Freiheit nicht in der Flucht aus der Welt findet, sondern in der rastlosen Gestaltung der Welt. Faust rettet sich vor dem zerstörerischen Chronos, indem er sein Leben durch kairotische Taten in den bleibenden Raum des Aion (die Kultur und das geistige Erbe) einschreibt.

Als letztes möchte ich noch Ernst Cassirer und seine Meinung zu Manns Zauberberg aus meiner Erkenntnis heraus erläutern. Thomas Manns Epochenroman Der Zauberberg (1924) besetzt in Ernst Cassirers Denken eine absolut faszinierende Sonderrolle. Hier verschmelzen Literaturgeschichte und reale Philosophiegeschichte auf eine Weise, wie es sie im 20. Jahrhundert kaum ein zweites Mal gab. 

So besagt die Biblioteka Nauki über Cassirers Sichtweise auf den Roman und dessen Parallelen zu seiner Philosophie – insbesondere zum Thema Zeit – ließen sich drei Dimensionen entschlüsseln:

1. Das reale Ereignis: Die „Davoser Disputation“ (1929)

Die schärfste Verbindung zwischen Cassirer und dem Zauberberg ist geografischer und intellektueller Natur. 1929 – fünf Jahre nach Erscheinen des Romans – reiste Cassirer selbst nach Davos in der Schweiz, um dort an den Internationalen Hochschulwochen teilzunehmen. 

Dort kam es zur legendären Davoser Disputation mit Martin Heidegger. Zeitzeugen und die literarische Welt erkannten sofort eine Parallele: Genau wie im Sanatorium des Romans der aufgeklärte, liberale Humanist Settembrini mit dem irrationalen, todesverfallenen Jesuiten Naphta streitet, so stritten in Davos der bürgerliche Kulturphilosoph Cassirer (Aufklärung, Vernunft, Freiheit) und der radikale Existenzphilosoph Heidegger (Angst, Endlichkeit, Tod). Cassirer war sich dieser Analogie bewusst. Für ihn spiegelte der Zauberberg perfekt die tiefe Identitätskrise der europäischen Kultur wider, die er in Davos philosophisch zu lösen versuchte.

2. Die Zauberberg-Zeit: Die Entwertung des Chronos

Der Zauberberg ist im Kern ein „Zeitroman“. Im Sanatorium verliert die Hauptfigur Hans Castorp völlig das Gefühl für die normale, messbare Uhrenzeit. Tage fühlen sich wie Minuten an, Jahre verfliegen ereignislos. Aus Cassirers Sicht zeigt Thomas Mann hier eine Pathologie des Zeitbewusstseins: Auf dem Berg herrscht die Aufhebung des Chronos. Weil die Patienten krank sind und keine gesellschaftliche Aufgabe (keine „symbolische Praxis“) ausüben, erstarrt die Zeit zu einem ewigen Einerlei. Wenn die messbare Zeit (Chronos) keine Struktur mehr bietet und nicht mehr für schöpferische Taten genutzt wird, verliert der Mensch seine Freiheit. Castorp verfällt einer passiven, trägen Lebensweise.

3. Der Schneesturm: Der rettende Kairos

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Die berühmteste Szene des Romans – das Kapitel „Schnee“ – lässt sich perfekt mit Cassirers Philosophie und der Zeitstruktur des Kairos erklären. Hans Castorp gerät in den Bergen in einen lebensgefährlichen Schneesturm und verfällt im Tiefschnee in einen visionären Traum (Schneetraum).  Darin begreift Castorp, dass die Kultur und die Liebe stärker sein müssen als der Tod. Er formuliert das berühmte Credo: „Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken.“

Das verstehe ich als einen kairotischen Moment. Dieser Augenblick im Schnee ist ein reiner Kairos. Es ist der entscheidende, qualitative Moment, in dem Castorp aus der zeitlosen Trägheit des Sanatoriums erwacht. Er fasst einen ethischen Entschluss. Für Cassirer ist das der Moment, in dem Kunst und Literatur zeigen, wie der menschliche Geist sich selbst durch ein moralisches Symbol (die Entscheidung für das Leben) aus der tödlichen Erstarrung rettet.

Übrigens, Thomas Mann und Ernst Cassirer schätzten sich gegenseitig zutiefst. Thomas Mann sah in Cassirer den Prototypen des humanistischen Gelehrten, der die Kultur gegen die Barbarei verteidigte. Cassirer wiederum sah im Zauberberg die Bestätigung seiner These, dass die moderne Literatur ein unverzichtbares „Symbol“ ist, um die Zerrissenheit und die Krankheiten der modernen Epoche überhaupt erst sichtbar und dadurch heilbar zu machen. 

Einige von mir hinzugezogene Quellen: