Filmstarts lässt seine Leser und Leserinnen wissen: „Der 1952 erschienene Roman „Jenseits von Eden“ ist nicht nur eines der großen Werke von Literatur-Nobelpreisträger John Steinbeck, sondern schlug auch dank der drei Jahre später erfolgten Verfilmung mit der viel zu früh verstorbenen Hollywood-Ikone James Dean in seiner ersten großen Rolle hohe Wellen. Damals hatte sich Regisseur Elia Kazan jedoch auf den vierten und letzten Teil der umfangreichen Familien-Saga konzentriert. Die am 1. Oktober 2026 erschienene Neu-Adaption von Netflix in Serienform bietet jetzt mehr Raum für eine umfassendere Übertragung der Geschichte – und stößt damit auf der Plattform auf ordentliches Interesse.“ Dazu ein Leserbrief an das UniWehrsEL.
Liebe Redaktion
ich hatte Jenseits von Eden (Trailer 2026) noch nie gesehen. James Dean kannte ich vor allem als Namen – als den rebellischen Sohn, der verzweifelt um die Liebe seines Vaters kämpft. Erst durch die Netflix-Neuverfilmung bin ich dem Filmklassiker und Steinbecks Geschichte nähergekommen. Dabei begegnete mir überall dieselbe Frage: Was macht einen Menschen zu Kain oder Abel – und kann man sich von einer solchen Rolle lösen?

Diese Frage verbindet den Roman mit unserem Seminar „Doppelgänger: Identität im Duplikat – von der literarischen Romantik zur digitalen Spiegelwelt“ und auch mit der Oper Kain und Abel – Aus der Tiefe, die am Staatstheater Darmstadt wiederentdeckt wurde (unser Beitrag dazu Oper und Psalm: „Kain und Abel – Aus der Tiefe“ „Du fond de l’abîme“: Psalm von Lili Boulanger).
Die verschiedenen Bearbeitungen haben mich berührt, weil sie den vertrauten Mythos immer wieder neu spiegeln und fragen lassen, ob unsere Identität von Herkunft und Zuschreibungen bestimmt wird – oder ob wir unseren eigenen Weg wählen können.
Kaum ein Psychologe, der sich nicht mit dieser Frage beschäftigt hat, so auch die Psychotherapieprofessorin Eva Jaeggy in ihrem Buch: Wer bin ich? Frag doch die anderen!: Wie Identität entsteht und wie sie sich verändert (2015).
Und 2026 stellt sich zudem die Frage nach der Digitalen Identität: Alles, was du 2026 wissen musst (recharche.com größter Onlineshop für Bezahlkarten). Nach dem digitalen Ich fragen Vera King und Naomi Klein in unserem Beitrag „Identität im Duplikat“ – über das optimierte Daten-Ich bei Vera King und die politische Spiegelwelt bei Naomi Klein.
Eine weitere Frage wäre, warum es eigentlich soviele Neuverfilmungen alter Stoffe gibt. Will Hollywood mit den neu erzählten Klassikern ein möglichst breites Publikum erreichen? Kann das gelingen, wenn man alte Geschichten etwa aus einem spannenden Perspektivwechsel erzählt und nicht eins zu eins reproduziert? Der Frage gingen wir bereits in „Sissi Reloaded“ nach.
Jenseits von Eden – im englischen Original East of Eden – ist eine Familiensaga des US-amerikanischen Schriftstellers und Literatur-Nobelpreisträgers John Steinbeck (Klett Verlag). Der Roman erschien 1952 beim New Yorker Verlag Viking Press und wurde zum Bestseller. Steinbeck soll ihn als sein „Opus magnum“ (großes Werk) betrachtet haben. Weltberühmt wurde auch Elia Kazans Verfilmung von 1955 mit James Dean (amerikanisches Video) in der Hauptrolle. Sie behandelt allerdings nur das letzte Viertel des Romans und konzentriert sich vor allem auf die Brüder Cal und Aron und ihren Konflikt mit dem Vater.
Steinbecks Roman erzählt die Geschichte zweier Familien über drei Generationen hinweg, vor dem Hintergrund der US-amerikanischen Geschichte vom Beginn des Bürgerkriegs bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Die Hamiltons stehen dabei für Erfahrungen, die mit Einwanderung und dem Streben nach einem neuen Leben verbunden sind. Die Trasks hingegen sind von der biblischen Kain-und-Abel-Erzählung geprägt: vom Gegensatz zwischen Gut und Böse und vom Hass des Sohnes, der sich vom Vater weniger geliebt fühlt, auf seinen Bruder. Diese großen Themen machen die Familiensaga für mich zu mehr als einer privaten Familiengeschichte.
Schon der Titel verweist auf die Bibel. Nachdem Kain seinen Bruder Abel getötet hat, geht er „hinweg von dem Angesicht des Herrn“ und wohnt im Land Nod, „jenseits von Eden“ (Uni Zürich Göttinger Predigten im Internet). Bei Steinbeck kehrt diese Geschichte in zwei Generationen wieder: Zunächst trachtet Charles seinem Bruder Adam nach dem Leben; später steht Cal im Schatten seines bevorzugten Bruders Aron. Die Namen Charles und Caleb sowie Adam und Aron unterstreichen die Parallele zu Kain und Abel. Doch Steinbeck erzählt diese Wiederholung nicht als unausweichliches Schicksal. Die Figuren ähneln ihren biblischen Gegenbildern, sind aber keine bloßen Kopien.
Gerade darin liegt für mich eine wichtige Frage nach Identität: Werden Menschen zu dem, was unsere Familie, unsere Herkunft oder andere Menschen in Ihnen sehen? Cal erlebt sich als den weniger geliebten Sohn und vergleicht sich ständig mit Aron, der für den Vater das Gute und Unschuldige zu verkörpern scheint. So wird Cal beinahe in die Rolle des Kains gedrängt. Aber die Ähnlichkeit zur biblischen Geschichte muss nicht bedeuten, dass er sie zwangsläufig wiederholen muss. Lees Auslegung des Wortes „timschal“ – „Du kannst über die Sünde herrschen“ – eröffnet eine andere Möglichkeit: Menschen sind von ihrer Vergangenheit geprägt, aber nicht vollständig durch sie bestimmt. Identität entsteht auch durch Entscheidungen (näheres dazu im Grin Verlag).
Besonders spannend finde ich, dass Zoe Kazans siebenteilige Adaption an den Anfang der Familiengeschichte zurückgeht. Während Elia Kazans Film vor allem Cal und seinen verzweifelten Kampf um die Anerkennung seines Vaters zeigt, richtet die Serie den Blick stärker auf Adam, Charles und Cathy. Cathy wird nicht nur als „böse“ Frau eingeführt, sondern erhält eine eigene Perspektive. Dadurch wird verständlicher, wie Erwartungen an Ehe, Mutterschaft und Familie ihre Entscheidungen prägen, ohne dass ihre zerstörerischen Taten dadurch entschuldigt werden.
In der älteren Verfilmung mit James Dean erscheint Cathy vor allem als zerstörerische, beinahe personifizierte Verkörperung des Bösen. Vieles wird dabei nur angedeutet, aber nicht ausgesprochen. So der Zorn des Vaters auf den rebellischen Sohn. Die Wut von Cathy auf den früheren Ehemann, weil er ihr ein Leben aufzwingen wollte, dass ihr nicht gefiel. Die Serie lässt sie dagegen selbst erzählen und interessiert sich stärker für ihre Beweggründe. Dadurch wird Cathy nicht automatisch sympathisch oder unschuldig: Sie bleibt hart und manipulativ. Doch sie wird mehr zu einer Figur, die nur durch die Reaktionen der Männer definiert ist. Die Zuschauer erfahren, wie sie sich den Erwartungen an Ehe, Mutterschaft und ein häusliches Leben widersetzt.
Darin sehe ich einen emanzipatorischen Zug der Neuverfilmung. Cathy verweigert die Rolle der hingebungsvollen Ehefrau und Mutter, die Adam für sie vorgesehen hat. Ihre Verweigerung ist jedoch keine einfache Befreiungsgeschichte: Sie gewinnt zwar Handlungsmacht, setzt sie aber auf eine Weise ein, die anderen schadet. Gerade diese Spannung macht die Figur interessant. Die Serie fragt nicht nur, ob Cathy „gut“ oder „böse“ ist, sondern auch, wer das Recht hat, sie so zu beurteilen – und was sichtbar wird, wenn eine Frau ihre eigene Geschichte erzählen darf.
Diese Fragen erinnern mich an unser Seminar „Doppelgänger: Identität im Duplikat – von der literarischen Romantik zur digitalen Spiegelwelt“. Cal und Aron sind zwar Zwillinge, doch sie werden zu Gegensätzen gemacht: Aron gilt als der gute, bevorzugte Sohn, Cal als der schwierige Außenseiter. In den Augen des Vaters scheint jeder der beiden eine festgelegte Rolle zu bekommen. Cal kämpft nicht nur um Adams Liebe, sondern auch darum, nicht länger das negative Spiegelbild seines Bruders zu sein. Die Brüder wirken wie zwei verschiedene Antworten auf dieselbe familiäre Herkunft – und zugleich wie Spiegel, in denen die Erwartungen des Vaters sichtbar werden.
Auch die Wiederentdeckung der Oper Kain und Abel von Felix Weingartner am Staatstheater Darmstadt passt für mich zu diesen Fragen. Die Oper wurde am 28. März 2026 zusammen mit Lili Boulangers Psalmvertonung Aus der Tiefe unter dem Titel Kain und Abel – Aus der Tiefe aufgeführt. Weingartners Werk greift frei Motive aus Lord Byrons Drama Cain auf und weicht von der gewohnten biblischen Erzählung ab. In einer dunklen Familiengeschichte um Adam, Eva, Kain, Abel und Ada werden die Figuren in einen metaphorischen Wartesaal versetzt. Auch hier wird der vertraute Mythos neu gespiegelt und anders befragt.
Auch die Neuverfilmung selbst lässt sich als eine Art Spiegel des Klassikers verstehen. Sie wiederholt den Film von 1955 nicht einfach, sondern zeigt denselben Stoff aus einem anderen Blickwinkel. Figuren, die im älteren Film kaum Raum hatten, wie Lee und Cathy, treten stärker hervor. So wird deutlich, dass Identität auch davon abhängt, wer erzählen darf und wessen Blick die Geschichte bestimmt. Das passt für mich besonders gut zum Gedanken der „digitalen Spiegelwelt“: Ein Duplikat ist nie bloß eine identische Kopie. Es kann etwas hervorheben, anderes ausblenden und dadurch unser Bild des Originals verändern.
Die Serie wirkt deshalb nicht wie eine bloße Aktualisierung eines Klassikers, sondern wie ein Gespräch mit ihm. Sie lässt mich auch den alten Film neu betrachten: Vielleicht ist Cal nicht einfach der rebellische Sohn, sondern jemand, der sich gegen eine Identität wehrt, die ihm von anderen zugeschrieben wird. Gerade darin liegt für mich die bleibende Aktualität von Jenseits von Eden.
Am Ende bleibt für mich nicht das Bild eines festgelegten Kains und eines unschuldigen Abels, sondern das eines Menschen, der trotz seiner Verletzungen noch eine Wahl hat. Vielleicht berührt mich Steinbecks Geschichte gerade deshalb: Wir können nicht immer verhindern, dass andere uns mit einem Bruder, einem Elternteil oder einem alten Mythos vergleichen. Aber wir müssen nicht für immer in diesem Spiegel leben. Die Deutung der Worte durch den Chinesen Lee (Haushälter der Familie Trask) – „Du kannst über die Sünde herrschen“ – klingt für mich wie ein leiser, hoffnungsvoller Zuspruch: Unsere Herkunft erklärt manches, doch sie entscheidet nicht endgültig, wer wir werden.
Zu dem von mir gewählten Titel dieses Beitrags empfehle ich „Im Blick der Anderen: Die Kunst, sich gesehen zu fühlen: Wie die Sehnsucht nach Anerkennung unser Selbst formt“ von Ellen Kuhn.
Mit freundlichen Grüßen
Izzi Neven



