Eine Bildungsreise war zu allen Zeiten etwas ganz Besonderes. So schreibt uns ein UniWehrsEL-Leser, er sei gerade auf eben einer solchen im schönen Bad Kissingen. Angeregt durch den spannenden Ballettabend des ungarischen Balletts Györ im Theater Bad Kissingen, möchte er seine Eindrücke zu dem ersten Teil „Der Tod und das Mädchen“ teilen. Der zweite Teil drehte sich um Vivaldis Vier Jahreszeiten. Diese sind nicht Gegenstand seiner Überlegungen.
Liebe Leser und Leserinnen des UniWehrsEL,
„Der Tod und das Mädchen“ beschäftigt sich intensiv mit den Themen Vergänglichkeit und Erneuerung und diese laden zur Reflexion über das menschliche Dasein ein. In Anknüpfung an die Thematik des Seminars „Krise und Hoffnung – Lebenskunst in bewegten Zeiten“ zeigt das Motiv „Der Tod und das Mädchen“, wie Kunst in bewegten Zeiten neue Perspektiven bieten kann.

Zu „Krise und Hoffnung“ gibt es bereits viele Beiträge, obwohl das Seminar an der U3L erst nach den Osterferien 2026 startet. Gerade ist auch im Rahmen der Psychologie der Beitrag zu „Pandoras Büchse“ und ambivalente Hoffnung im Alltagsleben hier im UniWehrsEL erschienen.
Das Motiv „Der Tod und das Mädchen“ gehört zu den spannendsten Erzählungen der europäischen Kulturgeschichte. Es zeigt weit mehr als eine bloße Darstellung des Sterbens. In diesem Motiv steckt auch viel Hoffnung. Thematisch geht es um zwei Gegensätze: eine junge Frau, die das Leben verkörpert, noch unschuldig und fruchtbar, wird vom Tod heimgesucht. Es handelt sich um eine außergewöhnliche Begegnung.
Die Faszination, die dieses Motiv auf den Betrachter ausübt, liegt nicht nur in der Lebenskraft des Mädchens. Oft wird sie in der Kunst mit warmen Hauttönen dargestellt, während der Tod in kalten, knöchernen Farben erscheint. Diese Kontraste sorgen für Schrecken und wecken die existenzielle Angst des Betrachters. Zugleich gibt es eine dunkle Seite, die eine erotische Spannung ausdrückt. Der gebrechliche Tod und das junge, wunderschöne Mädchen ergeben zusammen ein eindrucksvolles Paar.
In der Kunstgeschichte tritt der Tod nicht nur als Sensenmann auf, sondern auch in der Gestalt eines zärtlichen Liebhabers. Darf der Tod nicht auch als unerbittlicher Bräutigam betrachtet werden? Hier zeigt sich eine Verbindung zwischen Eros und Thanatos. Darüber schrieben wir auch in unserem Beitrag zu Nachdenken über Liebe und Tod.
Die Ursprünge des Motives sind situativ in den verheerenden Pestepidemien des späten Mittelalters verankert. Der „Totentanz“, ein neuer Bildtypus, vereinte alle Menschen – vom Papst bis zum Bettler – und stellte den Tod als Gleichmacher aller Stände dar. Den Totentanz erwähnten wir auch in unserem Beitrag zum Konzept zu Tod und Teufel und der Abjektion.
Mit dem Ausbruch der Renaissance wandelte sich der kollektive Schrecken vor dem Tod hin zur individuellen Tragik. Der Tod wird zum Gedanken der Vanitas, was im Lateinischen für Eitelkeit steht. Vanitas wurde von uns im Beitrag zu Todessehnsucht in der Literatur ausführlicher beschrieben. Die Literaturepoche des Barocks (1600 bis 1750) ist geprägt von starken Gegensätzen: Überschwängliche Lebensfreude tritt inbrünstiger Todessehnsucht gegenüber.

Die Lyrik des Barocks ist im Wesentlichen von drei Leitmotiven geprägt: Vanitas, Memento mori und carpe diem (vgl. unicum.de). Sie beschreiben das Lebensgefühl der Menschen und setzen sich mit der Angst und der Bedrohung vor und durch den Krieg auseinander (vgl. auch unsere Gedanken zur Bildwelt des Barocks im Beitrag zu Philipp Aries).(Beitrag und Foto von Heiner Schwens)
Das Bild des Todes dient als Mahnung: Schönheit ist vergänglich. Dieses Motiv der Vergänglichkeit wird auch im Film „The Substance“ aufgegriffen. Im Beitrag zum Film The Substance berichteten wir über Ekstase, Schönheit und Selbstoptimierung. Der Film „The Substance“ greift die Idee von „Das Bildnis des Dorian Gray“ auf und hat die Story an die heutige Gesellschaft angepasst.
Der Maler Hans Baldung gen.Grien (1484-1544) griff das Thema in seinem Werk „Der Tod und das Mädchen“ oder „Die drei Lebensalter und der Tod“ auf. Grien nutzt die Motive, um die damals provokante Darstellung nackter Haut unter dem Deckmantel der Belehrung dem Betrachter zu präsentieren. Den Lesern ist der Maler Hans Baldung Grien vielleicht durch einen Besuch des Städels bekannt. Bei der Führung mit Pfarrer Schnell erfuhren wir: „Wer dem herausfordernden Blick der Frauen nicht widersteht, läuft Gefahr, sich mit der Seuche anzustecken. Erschrocken blickt der kleine Amor auf das Unheil, für das er sich mitschuldig fühlt,“ wäre eine Erklärung zu „Zwei Hexen“ von Hans Baldung gen.Grien (Schwäbisch Gmünd 1484/85 – Straßburg 1545. Das Gemälde entstand 1523. Die nackten Frauen scheinen mit dem „Teufel im Bunde“ zu sein.
In Grins Gemälde „Der Tod und das Mädchen“ im Kunstmuseum Basel ist der Tod kein stiller Beobachter, sondern selbst ein Akteur. Er reißt das Mädchen an den Haaren und grinst sie hämisch an. Der Tod umklammert das wehrlose Mädchen mit der hellen Haut, das im Kontrast zum dunklen Hintergrund ist. Das Mädchen kann als Darstellung der Wollust gelten, die im Tod ihr Ende findet. Mit dieser Darstellung legt Grien den Grundstein für eine jahrhundertelange Obsession der Kunst mit Schönheit und Tod.
Im 18. und 19. Jahrhundert wurde „Der Tod und das Mädchen“ neu gedeutet. Die Angst vor der physischen Verwesung wich einer tiefen Sehnsucht. In der Romantik wurde der Tod zu einem Erlöser umgedeutet. In einem Erlöser liegt auch eine große Hoffnung: Das junge Mädchen wird von den Leiden und Zwängen der Welt befreit.
Auf diese Art der Erlösung bezieht sich auch ein kurzes Gedicht von Matthias Claudius aus 1774, das die Grundlage für Franz Schuberts „Tod und das Mädchen“ bildet. Schubert stellt das Flehen des Mädchens dar und auf der anderen Seite den Tod als Ruhe und Geborgenheit, als eine scheinbare Hoffnung aus einer ausweglosen Situation.
Mit Franz Schubert beschäftigte sich auch unser Beitrag zu „Schuberts Winterreise in der Orangerie Darmstadt“. Die 24 Lieder, die Schubert auf Texte von Wilhelm Müller komponierte, erzählen die Geschichte eines jungen Mannes, der aus unerwiderter Liebe verzweifelt durch eine Winterlandschaft irrt. Nach einem positiven Auftakt („Das Mädchen sprach von Liebe, die Mutter gar von Eh‘“) wird ein Bruch zwischen den beiden deutlich. Der junge Mann verlässt das „Liebchen“ bei Nacht und Nebel; je weiter er sich von seiner Geliebten entfernt, desto mehr entfernt er sich auch von seinem eigenen Leben.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Motiv „Tod und das Mädchen“ (dazu auch der gleichnamige Film von 2016) ein Spiegel der modernen Seele. 1915 befasste sich der Künstler Egon Schiele wieder mit diesem Motiv. Auf seinem Bild sind zwei hinfällige Körper in einer tödlichen Umarmung zu sehen. Es gibt bei dieser radikalen Darstellung keine Sieger mehr. Der Tod triumphiert nicht über das Mädchen; vielmehr scheinen beide gebrechlich. Der Tod ist bei Schiele kein böses Monster, sondern ein Teil des menschlichen Lebens selbst. Er symbolisiert die Einsamkeit und die Vergänglichkeit jeder Beziehung.
Oskar Kokoschkas obsessives Verhältnis zu Alma Mahler prägte seine Schaffen nach der Trennung. Für Kokoschka war Alma Mahler das schönste Mädchen Wiens. Er fertigte die Konstruktion einer lebensgroßen Ersatzpuppe an.
Ein passendes Gegenstück zu Egon Schieles „Tod und das Mädchen“ von 1915 ist Oscar Kokoschkas „Die Windsbraut“ von 1913. Ebenfalls im Kunstmuseum Basel zu sehen. Es ist ein allegorisches Bild mit einem Selbstportrait des Künstlers und seiner Geliebten Alma Mahler. Im Weltenmeer treibt ein Boot. Die liebenden werden vom Rand des Bootes umrahmt. Der Künstler und seine Geliebte liegen eng aneinandergeschmiegt in diesem Boot, da es sich in einer stürmischen Fahrt befindet. Sind die beiden in einem glückseligen Zustand? Wird in dem Bild ein fast barockes Lebensgefühl dargestellt? Möglicherweise hat Kokoschka Bilder von Tintoretto gesehen und hat sich von der Wirkung der Farben anregen lassen. Das Bild zieht die Menschen magisch an. Daher wurde das Bild unter dem Titel „Die Windsbraut“ in 2001 auch verfilmt von Bruce Beresford. Der Film zeigt das bewegte Leben von Alma Mahler-Werfel. Spiegelt nicht Oscar Kokoschkas Liebe zu Alma Mahler in „Die Windbraut“ die Hoffnung wider, dass solche Leidenschaften in der Kunst unsterblich bleiben?
Kokoschka war auch im Beitrag zu den Puppenmacherinnen präsent.
In der zeitgenössischen Gedankenwelt wird das Thema „Der Tod und das Mädchen“ politisiert und psychologisiert. Im Theaterstück von Ariel Dorfman werden die Grausamkeiten einer Diktatur behandelt. Der Tod wird zur Konfrontation mit einem ehemaligen Folterer.
Auch die Popmusik hat den Tod und das Mädchen für sich entdeckt, etwa in düsteren Balladen der Band „Die Toten Hosen“ oder in der Mode des Multitalents Alexander McQueen. Hier wird „Der Tod und das Mädchen“ zum Symbol für die Auflehnung gegen die Vergänglichkeit.
Elfriede Jelinek fragt in „Der Tod und das Mädchen“ nach den Mythen der Märchen und der Medienwelt und thematisiert die Ambivalenz von Todesfurcht und Todessehnsucht in einer modernen Fassung. Bei Jelinek heißt es: Warum wird fast immer das Mädchen als passives Opfer des Todes dargestellt?
Abschließend lässt sich sagen, dass das Motiv von „Der Tod und das Mädchen“ vielfältig und tiefgründig bleibt. Es zeigt nicht nur die Schrecken des Lebens und des Todes, sondern offenbart auch eine Hoffnung auf Erlösung und Schönheit. Die Darstellung des Mädchens als Symbol für das Leben und die des Todes als Teil dieser Erfahrung bietet einen Raum, in dem der Betrachter sich mit der eigenen Vergänglichkeit und den Möglichkeiten des Lebens auseinanderersetzen kann. Der Dialog zwischen Leben und Tod bleibt ein zentrales Thema in der europäischen Kultur, welches den Betrachter hoffentlich stets zum Nachdenken anregt und die Gesellschaft mit einer komplexen, aber hoffnungsvollen Perspektive konfrontiert.

Kunst, die ja zum Leben sagt, aber auch den unvermeidlichen Tod akzeptiert, gerät in bewegten Zeiten zu einem bedeutenden Ausdrucksmittel in Literatur, bildender Kunst, Popmusik, Malerei und auch in der Fotografie. Ebenfalls auf einer Bildungsreise in Funchal auf Madeira 2026 findet Heiner Schwens den gemalten Eros in Form eines sinnlichen roten Mundes auf einer geschlossenen Tür. Was mag sich wohl dahinter verbergen?





