Tanzen verknüpft Motive aus Literatur (Anne Carson), Psychologie (Carl Rogers) und Embodiment, nicht nur die Psyche beeinflusst den Körper, sondern auch umgekehrt. Ellen hat inzwischen erlebt und im Nachgang wissenschaftlich erforscht, wie gut das Tango-Tanzen tut. Ihr Kopf hat die Erlaubnis erteilt, ihr Körper spürte die Wirkung. Sie hat inzwischen ein nächstes Mal des Tanzens erlebt und zudem etwas herausgefunden: Die Thematiken „Doppelgänger – Identität im Duplikat“ und „Tango tanzen“ teilen ein zentrales Thema: das Spiel mit dem Spiegelbild, der eigenen Identität und der Dualität; im Sinne von zwei sich ergänzenden, gegenüberstehenden oder wechselseitig abhängigen Partnern.

In „Die Schönheit des Ehemanns“ (The Beauty of the Husband) ist ein Tango kein Tanz im physischen Sinne, sondern das formale und strukturelle Gestaltungsprinzip des Textes. Carson unterteilt das Buch in 29 durchnummerierte Abschnitte, die sie jeweils als „Tango“ bezeichnet. Sie nutzt die Dynamik des Tangos als Metapher für die beschriebene Beziehung. Für das Werk gewann sie als erste Frau überhaupt den renommierten T.S. Eliot Prize. Die Welt beschreibt, der Tango bekäme bei ihr eine neue Begrifflichkeit.
Da ist zunächst das Prinzip von Nähe und Distanz. Der Tango lebt vom ständigen Wechselspiel aus Anziehung und Abstoßung, Stolz und Hingabe. Genau das spiegelt die Dynamik der scheiternden Ehe im Buch wider – ein schmerzhafter, aber faszinierender Paartanz der Gefühle. Tango ist wie ein ritueller Kampf. Für Carson ist der Tango ein Tanz, bei dem sich die Partner gegenseitig fordern und verletzen, ohne einander ganz loszulassen. Jeder „Tango“ im Buch beleuchtet eine neue Facette dieses emotionalen Machtkampfs. Und last but not least spielt die musikalische Struktur eine Rolle. Die einzelnen Gedichte Carsons folgen einem rhythmischen, oft dramatischen Spannungsbogen, der an die wechselnden Tempi und die Melancholie der Tangomusik erinnert.
Der Psychoanalytiker Freud analysiert das Konzept des Doppelgängers als etwas, das uns eigentlich vertraut ist (das eigene Ich), aber durch Verdrängung fremd und bedrohlich („unheimliche“) wird. Diese psychologische Struktur lässt sich auf den Tango übertragen: Im Tanz begegnet man dem Partner als physischem Spiegelbild und verliert in der Improvisation ein Stück der eigenen Ich-Kontrolle an den „Anderen“. Freud beschreibt den Doppelgänger als Abspaltung des Ichs (das „ideale Ich“ oder der innere Kritiker), der uns wie ein Schatten verfolgt. Beim Tango verschmelzen zwei Körper in einer engen Umarmung (Abrazo). Man gibt die visuelle Kontrolle auf (Augen sind oft geschlossen) und muss blind dem Impuls des Anderen folgen. Der Partner wird zum „unheimlichen“ Doppelgänger: Er bewegt meine Beine, spiegelt meine Achse und agiert als mein erweitertes Ich.
Carl Rogers (1902-1987) ist Psychologe und Psychotherapeut, Erfinder des klientenzentrierten Ansatzes. Die von ihm entwickelte klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie gehört neben der Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie zu den wirksamsten Therapieformen überhaupt. „Es ist im Leben sehr selten, dass uns jemand zuhört und wirklich versteht, ohne gleich zu urteilen. Dies ist eine sehr eindringliche Erfahrung.“ (Carl Rogers)
Der Therapeut Oliver Masch schätzt Rogers sehr und fragt danach: „Was hat Carl Rogers mit Tango zu tun? Ihm geht es nicht um die Frage, ob Rogers tatsächlich Tango getanzt hat, sondern darum, wie wir unserem eigenen Erleben vertrauen und folgen können. Oliver Masch möchte seinen Klienten Wertschätzung nach Rogers entgegenbringen und anhand eines Spielfilms zeigen, was geschehen kann, wenn wir uns in Richtung Aktualisierung, also Selbstentfaltung, hinbewegen. Dazu nutzt er die französische Tragikomödie „Man muss mich nicht lieben“ (Originaltitel: Je ne suis pas là pour être aimé, von Stéphane Brizé, 2005 – Video). Darin entdeckt der geschiedene Gerichtsvollzieher Jean-Claude Delsart mit einem Mal seine Leidenschaft fürs Tanzen. Es ist eine Leidenschaft, die er offenbar bei sich selbst noch nie zuvor so wahrgenommen hat.
Das Embodiment-Konzept wiederum belegt, wie Körperlichkeit (auch „Leiblichkeit“) Einstellungen, Emotionen und Handlungen des Individuums auf implizite Weise beeinflusst. Grundlegend gilt, dass psychische Prozesse immer in den Körper eingebettet sind (z. B. Kribbeln im Bauch). Embodiment als psychologisches Konzept meint das Widerspiegeln psychischer Empfindungen im Körper.
Und was schreibt uns Ellen über ihr Tango-Erlebnis?
Hallo zusammen!
Meine zweite Tanzstunde mit Tango war wunderbar. Besonders spannend fand ich, frei nach Carson, die Keats-Zitate als Taktgeber. Jedem Tango stellt Carson Zeilen des romantischen Dichters John Keats voran. Dieses Zitat gibt das emotionale Thema und das Tempo für den darauffolgenden Text-Tanz vor – wie das Anspielen der Bandoneon-Musik auf einer Milonga. Für mich weitergedacht geht es um das Motiv des Schattens und des Spiegelbilds. Ich konnte nachfühlen wie beim Tango sich zwei Körper bewegen, so synchron und eng miteinander, als wären sie ein einziges Wesen. Für einen Moment lang empfand ich meinen Tanzpartner alsmein physisches Spiegelbild. Er las jede meiner minimalen Gewichtsverlagerungen und reagierte sofort. Wie ein Doppelgänger folgte er mir im Tango auf Schritt Tritt.
Wie wunderbar war dieses Führen und Folgen. Es war mir als hätte sich mein Ich für einen Moment lang gespalten. Ich lernte, im klassischen Tango gibt es eine klare Aufteilung in Führende (Líder) und Folgende (Seguidor). Für mich ähnelte das psychologisch betrachtet dem Doppelgänger-Motiv: Ein Teil bestimmt die Richtung, der andere reflektiert und vollendet die Bewegung. Es entsteht eine Symbiose, bei der die Grenze zwischen dem eigenen Ich und dem Gegenüber verschwimmt.
Ich dachte in diesem Moment an Melancholie. Mir fiel Joke Hermsen ein und spürte so etwas wie das Traurigkeit und gleichzeitig Wohlbefinden. Was ich damit meine? Das Konzept des Doppelgängers ist oft düster und melancholisch (oft verbunden mit der Frage: Wer bin ich wirklich?). Der traditionelle Tango Argentino lebt von genau derselben emotionalen Tiefe. Er gilt als „ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann“, sagte Enrique Santos Discépolo, der berühmteste aller Tangodichter aus Argentinien. Von diesem Gefühl erzählt auch die Geschichte von Katrin Dorn: Milonga. Auch in Dorns Roman ist Tango mehr als ein Tanz, er ist „wie ich es im DLF gehört habe „eine Metapher, für das Mit- und Gegeneinander von Mann und Frau, für die Leidenschaft als Kalkül und für das Spiel, das im Suchen, Sich-Finden, Verlieren, und im neuerlichen Suchen besteht“. Es beschreibt die verborgenen, leidenschaftlichen oder melancholischen Seiten der menschlichen Seele.
Ellen entwirft einen Ablaufplan für eine potentielle Tango-Stunde und schreibt in ihr Tagebuch:
Der Einstieg wäre Anne Carson und Gedanken aus: „The Beauty of the Husband“ (insb. das Konzept des Tango-Essays darin) oder „Decreation“. Carson nutzt den Tango als Metapher für eine zerstörerische, aber unwiderstehliche Paardynamik. Der Tango wird als Duell und Dialog vrstanden. Carson zeigt, dass im Tango – wie in der Liebe – das Ich im Anderen aufgeht und sich gleichzeitig dagegen wehrt. Das Begehren erschafft ein „Zweites Ich“.
Und weiter denkt Ellen an Doppelgänger und Tango in der Weltliteratur. Sie überlegt sich diese Kombination von klassischen Doppelgänger-Texten (z. B. E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ oder Dostojewskis „Der Doppelgänger“) mit Texten des Magischen Realismus (z. B. Jorge Luis Borges, der viel über den Tango und die Verdopplung des Ichs geschrieben hat).
Die Gemeinsamkeiten könnte man mithilfe von Freuds Essay zum Unheimlichen erschließen. Wie wird das Spiegelbild im Tanz lebendig. Wird Tanz in der Literatur nicht oft als Moment der Identitätskrise oder der Geisterbegegnung (Schattenwesen) genutzt? Oder über „Tango tanzen mit Rogers“ – die Aktualisierungstendenz.
Wie wunderbar wäre es, einen „Versuch eines Tanzes“ mit Anleitung zu wagen? Könnte man einen Lehrer finden, der einfach Freude vermittelt? Es geht nicht um fehlerfreie Tanzschritte, sondern um das Erfahrungswissen – das Gefühl, wenn die Theorie des Embodiments in der Praxis fühlbar wird.

Warum ncht einfach W. W. fragen? (Abstracts der Teilobjekte Stadtforschung in Frankfurt … Tango in Frankfurt?)
Was macht für den Außenstehenden den Reiz, die Faszination des Tangos aus? Ist es die Atmosphäre, das Exotische, die Nähe oder die Berührung, die berührt? Oder die etwas anderen Rituale und Regeln aus einer anderen Kultur?



