You are currently viewing KulturKosmos

News vom ‚Kulturbotschafter‘ – Leserbriefe Bücher, Bilder, Bildung – Kulturevents kommentiert

Thema: Romane und Theaterstücke als psychologische Quellen

1. Sich der Angst stellen, am Beispiel Stephen King „Es“ 

Liebes UniWehrsEl,

in den letzten zwei Wochen habe ich die Neuverfilmung von Stephen Kings Roman “Es” angesehen. Die Neuverfilmung wird zur Zeit bei dem Streamingdienst Netflix zum Abruf zur Verfügung gestellt. Ein beeindruckendes Buch mit über 1.000 Seiten Lesestoff. Zugegeben ich habe dieses Buch das letzte Mal vor rund 10 Jahren in der Hand.

 Die Seiten sind mittlerweile vergilbt und aus heutiger Sicht ist das Buch sehr klein geschrieben. Es gab schon einmal eine Verfilmung des Buchs Anfang der 1990er Jahre. Diese galt als misslungen, weil sie zu sehr auf das Erschrecken des Zuschauers setzte, als auf die psychologische Wirkung von Stephen Kings Büchern. Trotzdem die Neuverfilmung mein Interesse, weil der erste Teil dieser Reihe starke Einfluss auf die Theaterbühnen hatte.

Denn durch die guten Rezensionen des ersten Teils haben viele Regisseure den Horror-Clown zurück auf die Bühne gebracht wie z.B. die Oper Frankfurt und das Staatstheater Wiesbaden in Verdis Rigoletto. Auch die Begeisterung für Superheldenfilme durch das Publikum seit der Marvel’s The Avengers Filmreihe sorgt dafür, dass sich Superhelden in Operninszenierungen tummeln. Daher erscheint es mir lohnenswert, sich gezielt mit der Stephen King Es-Reihe auseinander zusetzen um Rückschlüsse auf künftige Operninszenierungen ziehen zu können.

In dem Buch “ES” geht es um Ängste. Die Angst alleine zu sein. Die Angst von einer Gruppe ausgeschlossen zu werden. Die Angst für eine Spinner gehalten zu werden. Die Angst, dass der eigene Vater sexuelles Interesse an einen hat. Die Angst vor Krankheiten und deshalb die selbstgewählte Isolation. Die Ermahnung sich richtig zu verhalten, weil man sonst krank wird. Die Schuldgefühle seinen Bruder allein spielen gelassen zu haben und dabei ist ihm ein tödlicher Unfall passiert. Diese ganzen Ängste tragen die Hauptfiguren mit sich herum.

Die Hauptfiguren wollen sich diesen Ängsten nicht stellen. Deshalb braucht es einen Auslöser, der die Figuren dazu bringt, sich mit den eigenen Ängsten auseinander zusetzen. Diese Auslöser ist der Clown Pennywise. Er ist eine rätselhafte Figur, die immer dann auftaucht, wenn die Figuren sich ihren inneren Ängsten stellen.

Er versucht sie symbolisch zu fressen. Also die Angst verschlingt den Verstand des Menschen und macht ihn unvernünftig. Die Angst lähmt die Gedankenwelt. Um eben die Ängste deutlich hervorzuheben werden nun filmische Elemente eingesetzt, die weniger Ängste beim Zuschauer auslösen als ihn erschrecken.

Es sind dunkle Räume, die Kanalisation und ein marodes Haus. In den Filmen geht es um das persönlichen Überwinden einer individuellen Angstsituation. Die Hauptfiguren müssen sowohl als Team sich dem Clown ihrer Manifestation der persönlichen Angst stellen, als auch im Einzelnen sich den eigenen Ängsten stellen. Die Figuren tun dies zweimal als Kinder und als Erwachsene. Daher zwei verschiedene Filme. Der Zeitabstand zwischen dem sich stellen der Ängste sind 27 Jahre.

Wobei meine persönliche Idee war, dass wenn sich die Figuren nach 27 Jahren wiedersehen, sie mit anderen Ängsten konfrontiert sind als ein Kind. Zum Beispiel könnte ein Erwachsener Angst vor dem Arbeitsplatzverlust oder dem Lebenspartner haben. Diesen Weg schlägt Stephen King in seinem Roman jedoch nicht ein.

Die Erwachsenen müssen nach 27 Jahren wieder zusammenkommen, um sich an ihre gemeinsame Kindheit zurückzuerinnern. Die alten Ängste aus der Kindheit müssen also ein zweites Mal analysiert und anschließend bekämpft werden. Neue Ängste von Erwachsenen spielen da keine Rolle.

 Auch wird der Berufsweg der Gruppenmitglieder nur angedeutet. Alle sind und das ist ungewöhnlich erfolgreich gewesen. Die Kinderängste haben sich nicht auf die Erwachsenen negativ ausgewirkt. Denn die Angst wurde einfach vergessen bzw. verdrängt. Das scheint mir aus psychologischer Sicht nicht so glaubhaft.

Eine der Figuren hat so große Angst davor sich nochmal an den Ort der Kindheit zurückzubegeben, dass sie den Freitod wählt. Sich wie sie selbst in einem Abschiedsbrief schreibt, aus dem Spiel mit den eigenen Ängsten nimmt.

Während die Hauptfiguren als Kinder im ersten Teil nicht wissen, wie sie den Angstclown besiegt haben und das Erlebnis bis auf eine Person erfolgreich verdrängen, durchleben die Erwachsenen ihre Kinderängste bewusst und werden sich selbst dabei bewusst, wie klein diese Ängste in der Erwachsenenbetrachtung gewesen sind.

Daher schrumpft der Angstclown am Ende von einem riesigen Drachen zu einer kleinen Maus zusammen. Die Botschaft der Filmreihe ist, gehe deine persönlichen Ängste aktiv an und analysiere sie.

Zurückliegende Ängste werden in der Rückschau ihren Schrecken verlieren und zu kleinen Ängsten, die beherrschbar sind. Erinnere dich an die guten Zeiten deiner Kindheit zurück und teile die Erinnerung mit deinen Freunden.

Das Thema Angst ist dem Opernbesucher durchaus vertraut, so muss z.B. Siegfried herausfinden, was Angst überhaupt ist oder Orpheus muss in die Unterwelt hinabsteigen um Eurydike zurückzuholen, Lucia di Lammermoor muss sich der Angst stellen ein Treuegelübte zu brechen, weil ihr Bruder sie mit einem anderen Mann verheiraten will. Hänsel und Gretel müssen sich der Dunkelheit im Wald stellen.

So zeigen diese kurzen Beispiele, dass die Angst auch bei Opernstoffen ein großes Thema ist und daher eine Verfilmungsreihe wie Es von Stephen King durchaus Einfluss auf zukünftige Operninszenierungen haben kann, weil Regisseure nach einer modernen Bildsprache suchen, um Themen wie die Angst aktuell aufzubereiten. Der Opernzuschauer sollte sich also durchaus darauf einstellen Anleihen aus modernen Filmen wie Stephen Kings Es demnächst auf der Opernbühne wiederzufinden.

2. Umgang mit Verlust in einer Beziehung am Beispiel des Schauspiels ‚Gift‘

Guten Morgen,

gestern habe ich mir im Streaming des Staatstheater DA das Schauspiel ‚Gift‘ angesehen. Es wurde im Zuge des Inklusionsfestival als kostenloser Stream angeboten.

Meine Erwartungen an das Stück waren scharfzüngige Dialoge wie bei dem Stück “Wer hat Angst vor Virginia Woolf?” des US-amerikanischen Dramatikers Edward Albee. Damit ist die Stoßrichtung des Stücks vorgegeben. Aufeinander treffen ein altes Ehepaar. Die Figuren haben keine Namen, sondern werden als Er und Sie bezeichnet. Der Mann hat eine Nachricht von der Frau erhalten. Sie treffen sich auf einem Friedhof nach zehn Jahren wieder.

 Im Laufe der Handlung erfährt der Zuschauer, warum das Stück Gift heißt. Der Mann und die Frau haben ihren gemeinsamen Sohn verloren. Dieser Verlust hat sich wie Gift in die Beziehung der beiden eingeschlichen und sie ganz langsam zerstört.

Da beide Figuren unfähig waren miteinander über den Verlust des Sohnes zu sprechen entstand eine große, unüberbrückbare Kluft zwischen ihnen. Der Mann beschloss schließlich die gemeinsame Beziehung zu verlassen bevor er aus Wut seine Frau geschlagen hätte. Da trat er lieber die Flucht nach vorne an.

Am Staatstheater Darmstadt kommt das Stück ohne Requisiten und ohne Bühnenbild aus. Es ist ein gegenseitiger Dialog. Eine der Personen sitzt im Zuschauerraum des kleinen Hauses, während die andere Person auf der Bühne steht.

Die Personen wechseln sich in der Bewegung ab und tauschen die Plätze. Dadurch wirkt der Dialog manchmal etwas hektisch gefilmt. Insgesamt ist es ein ruhiger Abend, ohne große Effekte, so dass sich der Zuschauer ganz auf die Sprache der Zuschauer einlassen kann.

Die Figuren tragen Alltagskleidung. Die Schauspieler Gabriele Drechsel und Jörg Zirnstein verleihen dem sich streitenden Ehepaar, dass sich nach Jahren des Auseinanderlebens erstmals wiedertrifft, große Glaubwürdigkeit. Der Zuschauer spürt die Traurigkeit der Figuren ihre Verzweiflung und die Art damit umzugehen.

Die Frau hat sich zurückgezogen und hatte über einen Zeitungsartikel, wie der Zuschauer erfährt, sich die Story überlegt, dass das gemeinsame Grab des verstorbenen Sohns von der Friedhofsverwaltung wegen Gift auf dem Gelände an eine neue Stelle verlegt werden muss. In Wahrheit ist diese ausgedachte Geschichte nur ein Vorwand, ihren Ex-Mann noch einmal wiederzusehen.

Doch der Mann geht mit seiner Trauerbewältigung anders um als seine Ex-Frau. Er hat sich eine neue jüngere Frau gesucht und mit dieser ein ungeborenes Kind gezeugt, welches ihm eine neue Perspektive eröffnet. Quasi ein Happyend für den Mann, die Einsamkeit als Lösung für die Frau, wie die Frau in dem Dialog mit dem Mann selbst äußert.

 Daher kann es auch zu keiner neuen Beziehung zwischen dem Mann und der Frau kommen, wie sich die Frau dies vielleicht insgeheim selbst ausgemalt hat. In einer Szene scheint es so, als träte der Mann nachdem er der Frau mitgeteilt hat, dass er eine neue Beziehung seit drei Jahren führt, von der Bühne einfach ab und würde den Dialog abrupt beenden. Er kehrt jedoch noch einmal zurück um einen versöhnlicheren Ton anzuschlagen.

 So endet das Stück nicht so unversöhnlich, sondern mit dem Lippenbekenntnis, bald mal wieder voneinander zu hören. Doch ein Treffen sei es zufällig oder geplant scheint ausgeschlossen. Die Beziehung ist beendet und die Erinnerungen daran bleiben.

So ist das Stück Gift von der niederländischen Autorin Lot Vekemans aus 2010 ein kurzes Aufeinandertreffen zweier verwundeter Seelen an einem Nachmittag. Die nächste Online-Vorstellung findet am 21.05. im Streaming des Staatstheater DA kostenlos statt.

3. Staatstheater Darmstadt Tipps

Hallo UniWehrsEl,

 unter dem Titel Startbahn2021 zeigt das Staatstheater Darmstadt fünf Minuten Clips zum Thema Tanzen vom Hessischen Staatsballett Wiesbaden. Zusätzlich wird ein Kammerkonzert des Staatsorchesters Darmstadt mit Mozart Musik z.B. die Don Giovanni Ouvertüre und die Haffner Sinfonie, sowie das Schauspiel Gift kostenlos im Rahmen des Festival Inclusive zum Streamen 24 Stunden lang angeboten.

https://www.staatstheater-darmstadt.de/veranstaltungen/gift-eine-ehegeschichte.770/#event-4179

https://www.staatstheater-darmstadt.de/veranstaltungen/startbahn-2021.920/#event-4195

https://www.staatstheater-darmstadt.de/veranstaltungen/sinfoniekonzert-mozart.913/#event-4188

  • Beitrags-Kategorie:Alltagskultur / Blog
  • Beitrag zuletzt geändert am:22. Mai 2021
  • Lesedauer:9 min Lesezeit