You are currently viewing „Durch diese hohle Gasse muss er kommen“ – Gedankenspiele zu Wilhelm Tell

Wilhelm Tell spricht den berühmten Satz aus und erschießt den Landvogt Gessler. Ein Mord aus niederen Motiven oder steckt etwa Rache dahinter? Heiligt der Zweck die Mittel, wenn es um den Kampf um Freiheit geht? Oder stecken da auch viele persönliche Emotionen dahinter? Zum Nachlesen die Gedanken eines UniWehrsEL-Lesers.

Als Nationalheld wird Wilhelm Tell von den Schweizern am 01. August verehrt. In dem Schweizer Ort Altdorf finden immer wieder die Tell Festspiele statt. Dieses Jahr 2024 ist es wieder so weit. Nach acht Jahren Pause haben sich die Laiendarsteller aufgerafft, einmal wieder im Juni 2024 die Story von Wilhelm Tell nach Friedrich Schiller auf die Bühne zu bringen. Dies ist nun Anlass genug die Story von Wilhelm Tell genauer zu betrachten.

Ebenso hatte die Staatsoper Wien Wilhelm Tell zurück auf den Spielplan im März 2024 gebracht. Wilhelm Tell ist die letzte Oper von Rossini bevor er sich ganz seiner Leidenschaft dem Kochen widmete und ein berühmtes Kochbuch mit Rezepten herausbrachte.

Neben der Staatsoper Wien brachte auch das Staatstheater Darmstadt Wilhelm Tell in dieser Spielzeit nach rund 40 Jahren Abwesenheit zurück auf die Darmstädter Bühne.

Wer ist nun also dieser Tell? Von Schiller wird er als unpolitischer Mensch dargestellt. Eigentlich will er sich auf sein Privatleben konzentrieren. Doch dann geschieht ihm ein Unglück. Er vergisst den Hut zu grüßen. Der Hut war eine neue Regel der österreichischen Besatzer. Den Hut zu grüßen war eine Geste des Respektes gegenüber dem Kaiser. Tell hat diesen Gruß vergessen und wird dafür vom Stadthalter des Kaisers Gessler nach dessen Gutdünken bestraft.

Durch einen Schuss auf seinen Sohn. Dieser hat den Vater begleitet. Nun bekommt Tell die Aufgabe einen Apfel vom Kopf des Sohns zu schießen. Er besteht die Aufgabe.

Doch nun sinnt er auf Rache gegen den Stadthalter. In einer hohlen Gasse lauert er dem Stadthalter auf und erschießt ihn. Seine Begründung ist, weil er seinen Sohn bedroht hat. Familie ist Tell heilig. Das ist der Kern der Wilhelm Tell Erzählung. Rache ist gerecht, wenn einem ein Unrecht widerfährt und man es seinem Gegner heimzahlen kann.

Rache macht den Tell also in der Erzählung zum Kämpfer für die Schweizer. Nicht etwa seine innere Überzeugung. Ist Tell überhaupt ein Held? Darüber haben wir schon einmal im UniWehrsEL nachgedacht.

Er nimmt Rache, kämpft aber nicht für seine Leute, sondern hält sich lieber aus der Politik raus. Nur durch eine persönliche Kränkung wird er aktiv und schreitet zu einem Rachefeldzug. Über die Macht der Kränkung und die daraus resultierenden Rachegedanken und Rachehandlungen hat sich auch der bekannte Psychologe Reinhard Haller Gedanken gemacht. Da spiele ich schon auf unser laufendes Seminar “Die Psychologie der Rache” an.

Was wäre gewesen, wenn sich der Stadthalter gegenüber seinem ‚nicht grüßen‘ kulanter verhalten hätte? Nur durch das Hineinziehen des Sohnes in einen privaten Konflikt von zwei dickköpfigen Männern entsteht dieses Rachegebilde. Tell ist ganz auf Gessler fixiert. Weder der Sohn noch die Frau interessieren Tell.

Nur noch Rache hat er im Kopf. Dabei hätte er den Sohn gar nicht in Gefahr gebracht, wenn er auf seine Frau gehört hätte und den Sohn zuhause gelassen hätte. Er wollte den Sohn als Helfer für das Treiben der Kühe. Dabei ist der Sohn viel zu klein für die Arbeit mit den Kühen. Aber Tell ist trotzig und nimmt den Sohn mit. Trotz ist eine Eigenschaft des Tell. Ohne den Trotz hätte Gessler die Aufgabe nicht von Tell verlangt. Es war sein Unvermögen sich zu entschuldigen.

So trägt Tell eine Mitschuld an der Eskalation der Situation. Einem Figaro wäre eine schlaue Ausrede für seine Tat des ‚Nichtgrüßens‘ eingefallen. Einmal aus dem eigenen Schatten heraustreten und sich von außen mit einem gewissen Weitblick zu betrachten. Tell ist wortkarg, unverbindlich, roh. Die Wiedergutmachung der Situation ist für Tell nur durch Rache möglich. Er findet keine Entscheidung, die sich an Sohn oder Frau festmacht, es ist wohl mehr eine Frage der Ehre.

Nur seine ungestillte Rache treibt ihn an. Tell dient also nicht als Vorbild für eine Person, die bereit ist Kompromisse zu machen. Kompromisse sind aber nötig um in einer Gesellschaft einen Ausgleich zu erzielen. Tell ist ein Extremist. Er läuft sich nur von Gefühlen leiten. Er mag eine interessante Person für ein Drama sein, aber zur Lösung von Konflikten dient die Story von Tell nicht.

Er betont die Unbeugsamkeit der Schweizer Nation gegenüber fremden Invasoren. Seine Geschichte ist sinnstiftend für alle Schweizer, aber nicht für die Österreicher. Diese sind die Bösen. Es ist also eine Geschichte über Sieger und Besiegte. Keine Geschichte über den Frieden, sondern des Zorns des Einzelnen, der später in Volkszorn umschlägt.

Nur mit diesem Volkszorn kann der Besatzer in der Story besiegt werden. Das Unrecht, das Tell geschieht, soll das Volk aufstacheln, gegen die Besetzer vorzugehen. Aus einer Racheerzählung wird eine Story über Volkszorn und das Aufbegehren des Volkes gegen ein anderes Volk. Daher ist der Stoff Tell sehr gefährlich, wenn er von den falschen Leuten erzählt wird. Aus Rachegedanken wird schnell ein Konflikt zwischen Ländern, Völkern. Eine Story für einen Krieg.

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